Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 228 (6.9.1919)
- Date
- 1919-09-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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LiRüVM igsiisaa. Men, Samstag Volkes untergräbt, ist selbpverstündüch. Aber es fragt Ilch sehr, ob solche Erscheinungen nicht auch die nichtüdische Welt bedrohen. Ist einmal das Prinzip »er Rechtlosigkeit eines Elementes in einem Staate anerkannt, dann ist die Theorie vom Staate überhaupt dmchlöchert und ausaehöhlt. Die politische Verwilderung macht dann nicht halt und reißt auch Schranken weg, die andere Gesellschastsklasien schützen. Das hat Rußland gelehrt. Und wenn Heloten einmal gelernt haben, daß sie sich an Juden straflos vergehen dürfen, dann schwinden sehr oald auch alle anderen Hemmungen. Gewiß: Der Antisemitismus besteht, er wächst und vertieft sich. Gr ergreift Besitz von Regierung und Herrschaft. Dem gegenüber Kann das Judentum nichts gnderes tun als seine Kräfte zu einer einheitlichen Verteidigungsftont urfammen-rrschließeir. Die jüdische Frage ist edr Problem der Weltpolmk und kann nur im jüdischen Sinne gelöst werden, dessen Ziel zunächst die Austichtung der jüdischen Unabhängigkeit in Palästina sein muß. Hat das jüdische Volk festen Boden unter den Füßen, dann wird es den Kampf um sein nationales Leben und um die Existenz seiner Glieder in der Diaspora in ganz anderer, sichererer Position ausnehmen und durchführen können. Die nationale Unabhängigkeit wird die Schaffung eines jüdischen Gemeinwillens ermöglichen, den man uns bisher angedichtet hat, den wir aber nicht erreichen konnten. Wenn das Judentum zu einer einheitlichen Auffassung seiner Situation gelangt, dann wird es flch auch in der Diaspora eine Organisation schaffen können, die ihm die Kraft gibt, fehle Rechte als Staatsbürger und Menschen erfolgreich zu schützen. Das Judentum muß feine Kräfte jammern, Noch nie war dieses Gebot so äend wie gerade heute. Und noch nie ward es cher, daß das Auswerfen von Klassengegensätzen eine Sünde am ganzen jüdischen Volke bedeutet, bas so schwer leidet. In dem Kampf gegen das Judentum anerkennen unsere Feinde keinen Unterschied. Wir sind alle in gleicher Weise Zielpunkt eines abgrundtiefen Haffes. Dieses Geftihl der Gleichheit muß auch in uns allen mit der gleichen Stärke lebendig werden. Nm dann wird das jüdische Volk die Krise überwinden können, wird es aufhören, Freiwild für jedermann zu fein. Potttische^Rundschau. Die Fiumaner Vorfälle. Das hiesige Blatt „Sfcbutta d'Jküia" veröffentlicht das Ergebnis der mit der Untersuchung der Fiumaner Vorfälle betrauten Kommission. Darnach wird devConsrglio Nazion-aki aufgelöst und ist unverzüglich durch eine unter Kontrolle einer interalliierten Kommission zu bildende Bürgervertretung zu ersetzen. Die Fiumaner Freiwilligenlegion ist sofort aufzulösen. Der Stand der italienischen Truppen ist auf eine Jnfauteriebrigade undeineSchwadron Kavallerie herabzusetzen, wovon nur ein Bataillon in der Zone Fimne-Suschak ständig garnisoniert sein darf. Die Mannschaften der französischen Schiffe sind abzulösen und der Stützpunkt der Flotte mit Rücksicht auf die unfreundlichen Gefühle der Mannschaft gegenüber der Fiumaner Bevölkerung so bald als niöglich endgültig aufzulassen. Der Charakter der Autonomie der Stadt ist aufrecht zu erhalten, die Sorge für die öffentliche Ordnung wird der englischen oder amerikanischen Polizei anpertraut. Gegen den Befehlshaber der CaraLiniert sowie gegen den Flottenkommandanten, der den Auftrag zum Angriff auf die Verpflegsmagazine deS englischen Stützpunktes gegeben har und gegen jene Offiziere, di« den eigenmächtigen Befehl zu verschiedenen Verhaftungen erteilt haben, wird eine militärgerichtliche Untersuchung eingeleitet, ebenso eine Untersuchung, um den Urheber der Ermordung eines ■ rröfircfien Soldaten sicherzustvllen. ■ * oix;ie, 4. September. (Laibacher Korr.-Bnr.) Der .'Kommandant der Alliiertenmission in Fiume, General Grazioli, hat vorgestern die BerwaltuugSagenden feinem Nachfolger übergeben. Für die nächsten Tage erwartet man die Fortsetzung des Abtransportes der italienischen Truppen. Auf die Nachricht, daß der Oberste Rat der Alliierten beschlossen hat, bas Fi nm an er Freürilligenbataillon „Sursum eorda" aufzu löfin, griff die Menge zwei englische SoLaten an. Diese konnten nur mit Mühe von einer nahegelegenen englischen Wache gerettet werden. Die Engländer alarmierten tfr n''ipv?i,, die Maschinengewehre aufstellten. Washington, 5. September. (Funkspruch des Korr.- Bur.) Präsident Wilson hat in seiner Rede in Ohio über die Fiumaner Frage erklärt, das; Italien mit seiner Forderung nach dem Besitz dieser Stadt der Konferenz einen Vorschlag gemacht habe, welcher mit den Voraussetzungen des Völkerbundes nichts gemein habe. Obwohl dort bloß verstreut italienische Siedlungen beständen, fordere Italien Fiume ganz für sich und dit» offenbar nur aus strategischen und militärischen Erwägungen, welche Italien im Hinblick auf den Völkerbund doch nicht so notwendig hätte. Wiener Morgenzeltuug 8. September 1919 Rr. 228 mmmmm» i i li i n — " ... wnii . . ... ' »»"> . >,»»»>-,»—,' .....— ... n. Die Wahrheit über Weftungarn. Rach den vielfachen Meldungen, die Über die Ereignisse in Westungar« durch die Presse gingen und die -um Teil übertriebe», zum Teil fälschlich ab leugnend waren, sind wir heut» in der Lage, eine völlig antentische Darstellung zu veröffentlichen. Dieselbe beruht auf Aussage«» welche rin aus Czellbömök angekommener Oberleutnant *"im Bureau des Jüdischen Rationalrates in Wien gemacht hat. Vas Protokoll hat fobM-mr Wortlaut: Am 84. August 1919 langte bei der Ententemisston in Budapest ein Telegramm aus Steinamanger ein, worin offiziell bestätigt wurde, daß Ruhe in Westungarn herrsche. Daß diese- Telegramm der Wirklichkeit nicht entsprach, beweisen folgende Tatsachen: In der Nacht vom 83. auf den 84. August zwischen Val und l/i«i Uhr fand in dem Städtchen Czellbömök ein regelrecht organisierter Judenpogrom statt, mit Todesopfern und Verwundeten. In Czellbömök leben auf 5609 Einwohner ungefähr 100 jüdische Familien, meist Intelligenz, ein wenig Orthodoxie. Die. Juden, von Czelldömök ckraren während der Sowietzeit nicht nur keine Kommunisten, sondern viele fütb sogar durchgegangen. Im dortigen kommunistischen Direktorium saß kein Jude, im Sowiet saß einer, nämlich Markus Nemeth, ein Großkaufmann, welcher dazu gezwungen wurde. Gleich nach dem Rücktritt der Sowietregierung begann die magyarische Presse in Steinamanger eiene unerhört« Hetze gegen die jüdische Bevölkerung und kündigte dem Judentmn Kampf bis aufs Messer an, bis zur völlige« AnSrottmrg oder Bertreivnng mrS Ungarn. Unter der magyarischen Bevölkerung machte. sich unter dem Einfluß dieser Hetze eine große Erregun g bemerkbar, welche in der Nacht vom 23. auf den 84. August in einen Pogrom in Czellbömök auSartete. Während die jüdische Bevölkerung ruhig schlief, rottete sich eine Band» von Leuten zusammen, klopfte an einzelne jüdische Wohnungen an und forderte Anlaß im Namen des Gesetzes. Als ihnen geöffnet wurde, drangen sie mtt Haike» und anderen Mordinstrumenten ein und schlugen auf die männlichen Anwohner so lange loS, bis eS Getötete oder vermeintlich Tote gab. Der Anführer der Horde war der gewesen« Leutnant F eiglx ttwtz der nächtlichen Dunkelheit wurden außer ihm noch folgende Personen unter den Pogrom« machern von Augenzeugen erkannt: Patyi, Lehrer, Fabian, Maschinist, Hnjber, Bankbeamter (Ungarische Bank- und Handels-A.-G., Budapest), Frau Ho eben, die Brüder Ko ezor (Elektromonteur und Eisenbahner), Lafzlo. Eisenbahner, B^nghoffer, Zimmermann, K a r o l Y t, Rauchfangwhrer, R o S m a n, Kellner, Diese von Augenzeugen und Opfern zweifellos agnoszierten Täter spazieren noch heute ruhig herum, \ ohne daß auch nur die geringste Untersuchung gegen sie eingelettet wäre. Da ich Leim Infanterieregiment Nr. 83 bient«, dessen Kommandant der Oberst Lehar war, meldete ich wich bei ihm, legte seinem Adjutanten,, dem Hauptmann Lore nz, die Sache klar und erhielt folgendem Bescheid: TS hat sich mn keinen Pogrom, fvnvern nm »ine« Massenmord rHandelt, der durch dar unerhörte Benehmen er Juden der aufgeregten Menge gegenüber hervorgerufen wurde. Ich muß bemerken, daß zur kritischen Zeit in Czellbömök ungefähr 100 Militärpersomn zur Verfügung waren, welche unter dem Komnumdo eines Oberstleutnants standen; darunter waren 69 Soldaten, 30 Gendarmen und 19. bis 20 Polizisten. Folgende Tatsachen sind allgemein bekannt und könneu'Werzeit durch Einvernahme der betreffenden Personen erhärtet werden: ' Der Arzt Dr. Hetthessy verband den Verwundeten Koloman Weiß, welcher bei ihm in finsterer Nacht im Regligö in Begleitung feiner Frau erschienen war; die beiden Eheleute baten ihn, ihnen zu erlauben, den Rest der Nacht unter seinem Dach« oder zumindest in seinem Gärten zubringen zu können; er lehnte dies ab. , Der EierhLndler Schön tag, Vater von 'sieben Kindern, wurde von Frau H o e L e n (der Frau', eines Eisenbahners) niedergestochen, bann trennte die Band« de» Kopf Schöntags von seinem Rumps unter dem Jammergeschrei der Frau und der sieben Kinder. Im selben Hause wohnte der Stuhlri chter Somogyi, welcher am nächsten Morgen angab, er hätte nichts von den Vorfällen gehört. Dieser Stuhlrtchter, ein Schwiegersohn desOrtSnotärs Corand, war während' der ganzen Kommunistenherrschaft im Amte, trotzdem ist ihm nichts geschehen, er-' tauschte nur mit-' fttrtiitt Amtskollegen auf eigenes Verlangen (so war es amtlich verlautbart) seinen bisherigen Amtspostett Mt'Mm Amtsposten in Sarvar. eine kalbe Stunde von" CMdömök. i—v:“ WS man mit frühen Morgen die Btlchch des Pogroms zog, ergab sich folgendes: ' ' .'' •' , . ES wurden getötet: Der Großkanfinann Markus Remeth, ü4 Jahvalt, der Holzhändler Max Hoffman», 74 Jahre alt, der Hauptmann Marion Fleischer,- 39 JalWalt, der Eierhündfir S chöntag. Vater von sieben Kipdepn. Seinen Verletzungen ist später erlegen; Kolyman Heimler. ' < Schwer verwundet ist Franz Gevgely, Pro^- kurist aus Losoncz, der in Czellbömök zu Besuch lvailte, der Leutnant Stefan Weiß, der Grundbesitzer Avlomvn Weiß und Emst Heimler. Allgemein wurde vor- ,breitet, es dürfe kein Iude da Blei 6en, ‘sonst werden die Pogrome fortdauern- Alle Juden find tatsächlich geflüchtet und wurden noch M Bahuhosi mißhandelt Zwei Tage nach dem Pogrom erschien eine amtliche Aussonderung des Komitates Eisenbürg ay die Flü.cht.-? linge, zurückzukehven. Ich bin bereit, nötigenfalls alle Zeugen teils zn nennen, teils ausfindig zu machen. Daß keine weiteren Pogrome vürgekommen sind, was sich die Regierung so zum Verdienst anrechnet, ist lediglich eine Folge des Umstandes, daß die Judest aus den Dörfern und kleinen Stödten geflohen Pariser Gerüchte über eine GaLkrmNLVsluttmr. Paris, 5. September. (Tel.-Komp.) Gerüchtweise Verlautet, daß auf dem Balkan allerhand Revolutionen stattfindeu. Ganz Montenegro befindet sich in dem Zustande eines wilden Aufruhrs und es scheint sich auch «och ei« Krieg zwischen Serbien und Montenegro entwickeln zu wollen. In Serbien selbst steht es so, daß hier große revolutionäre Unruhen nur mittelst der allerschärfsten Machtmittel unterdrückt werden können. Wie Deutschland arbeitet. Der gewesene tschechische Justizminister, Doktor Soukup, ist von einer Studienreise durch Deutschland zurückgevrhrt. Einem Redakteur des „Verrkov" erzählte er über seine Eindrücke von dieser Reise: Ich war in Berlin, Hamburg, Dresden und anderen Großstädten des Nachbar-reiches und fand überall nur Not, Teuerung und andere düstere Folgen des verlorenen Krieges. Die Ernährung ist überall schlecht. Trotzdem wird aber überall emsig und fieberhaft gearbeitet. Die deutsche Zähigkeit und Methodik äußert sich in jedem Schritte und ich übertreib« nicht, wenn ich behaupte, baß sich die Deutschen baL aus den jetzigen schwierigen Verhältnissen herauSarbeiton und ein konsolidierter Staat werden. In Hamburg besuchte Dr. Soukup den „Ts chechischen Molo", wo die tschecho-skowakische Republik vorläufig ein Dampfboot hat. Auf diesem Boote fuhr er durch den einst reichen und belebten Hamburger Hafen. Jetzt ist dort alles leer und still. Dr. Soukup ist überzeugt, bajj es in Deutschland zu keinerlei ernstem Staatsumfturze kommen wird. Die Spartakisten werden vielleicht in Berlin noch irgendeinen Versuch, eine neue Regierung einzufitzen, machen, aber sicherlich ohne jeden Erfolg. In Deutschland herrscht das Bestreben vor, die Verhältnisse baldmöglichst zu konsolidieren und durch rastlose Arbeit aus der Katastrophe hervuszugelangen. Eine Delegation des Ukrainischeu NaLlormlkomitees in Washington. Kopenhagen» v. September. Der Ukrainische Pressedienst meldet: Am 89., 30. und 81. Julr d. I. weckte in Washlügton eine Delegation des Ukramischen Nationaltomckecs in Angelegen« ' deck deS ukunnischen Ostgalizien. Dle Delegation bestlMd aus Pater Peter Ponia<Yichtzn. Wolodymyr B. Lotoekyj. - Olexand'rr .Neprhzkyj-Äranowstyj, Kongreßmann James A. Haintü uü'a Wllltam G. Cerns, der jundrsche Berater des ukrainischen Natlonalkomitees. Dre Delegation wurde zuerst vom Minister de« AeUsiern deS StaatSseuktariateS Robert L a n l r n g m Audienz empfangen. Aus den Erklärungen im Staatsickretariat gebt daß alle Nachrichten darüber, daß die gallische Ukiame-anPrien kommen soll, unwahr sind. DaS Ende dev Landesregierungen der Sudetenländer. Wie m volitisckcn Kreisen verlautet, wild sofort nach Nnterlcichnung des FrledenSvertrageS an d,e Auslösung der Landeslegieruttgen von Deutschbobmrn, Mähren und SÄc -en sowie der anderen nach Men üb-rsttdeltcn Acmt.'r der aii.m* tretenden Gebiete geschritten werdr»'. BncitS anläßl'ch dir Aüwesenheit deS Staaisknn-lerS Dr. Nenner m Wien rverden d rie Landesregierungen durch denLandeddauptmann Dr.L-o da eag a.» mit dem StaatslackziSr Besprechungen pflegen, m« die ÄirstoMg raschestcriS durchMihren, da dreCteilnug dieser LandtSregirrungen durch die Entscheidung der Pariser FriedenSkoniercnjr unhalu ac geworden ist. Roch tm Laufe der nächsten Woche dürfte die Aust löjuntz iakllsch dmchgciührt werden. Wie^ cs heißt, werden bie Landesregierungen vorher einen Protest gegen die Vergewaltigung der Sudetcnländcr ver» ösfeMllcheu-