Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 228 (6.9.1919)
- Date
- 1919-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979305--02028-2987497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 KrLrr ■Int M» Mtfsat d» H«»r StoS^i! »fc «1»:!:: ISS MrPMsrsandr Womattlch. . . .« YJM> SÄ; A- * 88»— AHMrÜd»«» , N»datrtt»» •»t® renrr (Sinttteaxmpijn'? Lrrls S© HM,- NrLtt»n»«!rMsXK* pttifc M»«aLttch . .''£sf8J0 * J!in*t«lf5JrrtB . '•., 85.— üirellijäljriij . ... M sy.~ *firm;«» . „ V6.-71 i'.iC; .iJäwri ».Adn»!«':^a-< v: Non: -v Ti, ■ Vttksrü^rg« PoAspvivIr a '-rrv.LL0.LJS ■ Rr. 228 SSieit, SamsLag, deü 6. Gtzpteacher IsM' .. %>. Aahrgang Die Vorgiinge in Prag. Kundgebungen der Legionäre gegen die Regierung. — Machar beschWichtigt. Die Frauendeputatton bei Masaryk. — Prinz Lobkowitz LLrheber der Denronstrationen. ' Die im Laufe des gestrigen Abends eingelangten Meldungen aus Prag besagen, daß es dort zu den befürchteten Ausschreitungen nicht gekommen i st. Die Bewegung, die einen ausgesprochen regierungsfeindlichen Charakter besitzt und deren Träger nach den übereinstimmenden Mitteilungen reaktionäre Elemente sind, wird von den Legionären dazu benützt, gegen mißliebige Personen aufzutreten. Eine feststehende Tatsache hat Her gestrige Tag gebracht: das nationalsöziale Organ bringt die aufsehenerregende Mitteilung, die auch durch die Prager Polizeidirektton bestätigt wird, daß die Wühlarbeit und Quertreibereien der letzten Tage ausschließlich auf das Konto einzelner Mitglieder des ehemaligen historischen Adels z u buchen sind. Prinz Lobkowitz soll den klerikalen Drahtziehern der Prager Bewegung größere Summen zur Verfügung gestellt haben. Die ungarischen Borgange scheinen auf den böhmischen Adel eine so große Suggestion ausgeübt zu haben, daß sie den Versuch wagen wollen, in Prag ähnliche Ereignisse heroyrzumfen. Sie wollten Pogrome arrangieren, uni bei hem entstandenen Wirbel im Trüben fischen zu können. Die Methode der Herren ist bekannt, in Präg scheint sie aber versagt zu. haben. Die Meetings rmf dem AltftädLer Ring und am Wenzelsplatz. "•« . PraI» 5. September. (ZU, der „Wiener Morgc-n-?'«K!hg".) Dregeftr^e F tu g bla t tprö paga n.ü er hat . deuts promptg«wir ft. - In der Früh ssaÄttnelten sich aus dem Wenzelsplatt und dem. 'Altstädter Ring Tausende zu Meeting. Am mtstLdter Wng sprachen auch. Legionäre Und Dffiziere. ^ier wie auf dem Wenzelsplatz säst man nnder dM Zuhörern viel« französische Legionäre. In der inneren Stadt'sind viele Geschäftsläden geschlossen, jene die jüdischen ffansi«uts«:."Mören, .durchwegs. Das von den, hussitischen Frauen angeTlindigie.Meeting fftuT» am ^lltslädier Ring statt Und war von zirka. 10.000 Personen, vorwiegend Soldaten und Legionären besucht. Französische Legionäre waren mit M usik nüd in voller Äusrustung erschienen. Ein italienischer Legionär ergriff das Wort «nd' erklärte, die Legionäre feien zwar der'Einladung gefolgt, lassen sich aber zu deinen Partei- .zwecken mißbrauchen und warnte insbesondere vor Plünderung iind Ausschreitungen. Dann sprach namens der hussitischen Frauen-eine gewisse Frau S-laby, die die gegenwäriigen Derhältiiissr als unhaltbar bezeichnete und erklärte, man werde den Präsidenten ,Äasarv? mkt. g?5.';erer' 'MaihLvoMoumeni-ekt ausstatteni Ein Nationälsozialer erklärte, in den Ministerien uiilsse. eine Reinigung durchMührt werden. Ein russischer Legionär verlas eine vorbereitete Resolution, in der verlangt wird, daß alle führenden StMen in der Republik mit Invaliden und Legionären besetzt werben müssen. Aus den Äemtern müssen die feindlichen Elk mente ycfcitfgt werden und cs müsse Protektion und Despotismus aufhören. Präsident- Masaryk müsse: alle. Rechte wie der Präsidsnt von Frankreich und Nord-Amerika erhalten. Dalin hielt derselbe Legionär eine Brandrede gegen die Parteihetzer, gegen den.Wucher, . gegen-die deutschen Juden und gegen das Oefterreichertum in der Republik. Es sprachen noch mehrere Redner, darunter auch Invalide. Rach Schluß des Meetings zog ein Teil der Menge auf den Hrabschin, wo sie beim Präsidenten Masaryk rvrsprach. Dieser erklärte jedoch, nicht nach Prag gekommen zu. sein, um sich von der Gasse beherrschen zu lassen.. Die Sache sei eine arrangierte Hetze und er bitte die Deputation dem Polke Zu sagen, es möge sich nicht in dieser Meise hinreißeu lassen. Gleichzeitig veröfsenklicht „Pravo Libu" aufsehelrerregende Mitteilungen, aus denen hervorgeht, daß einer der H au p ty s tz e r e r n W i n k e l j 0 n r n a l i st sei, der nachgewiesener- :.,aßen von einen«. Lobkowitz bestochen sei. DaZ Blatt wendet süh gegen die arrangierte Hetz«;, unter der die Nation nur Schaben erleidet. Die Angriffe gegen die Regierung. Prag». 5. September. (Tel.-Komp.) Als die Situation am AltstÜdter Ring bedrohlich .wurde, bestieg ein Legionskapitän das Hus-Denkmal und. forderte die anwesenden Soldaten nud Legionäre, die sich müer die Volksmenge gemischt hatten, mergssch auf, sich sofort zu versammeln und den Platz zu verlassen. Als ein Hornist daZ Signal zur Bergatternng gab, bemächtigte sich der Menge große Erregung. Die bewaffneten Legionäre versammelten sich in der Niklasstraße und sperrten sofort alle Zugänge zum AlWdter Ring ab. Hierbei kam e^zn großen Tumulten, die jedoch durch besonnene Elemente btigclegt wurden. Die Legionäre sprachen sich gegen die. österreichischen Offiziere bus. nannten deren Warnen nud vnlinigten ihre sofortige Entlassung. Die Redner forderten die Regierung aus, dem Präsidenten Masaryk wirklrch' die Exekutive eiu-z'r'iinnm und ihn aus seiner Bcr- »imnttMi äu bsirneu- Unterdessen sammelten sich Legionäre, Soldaten und Invalide unter Führung von Olsizieren und marschierten, mehrere tausend Mann stark, in geschlossenem Zuge auf den Wenzelsvlatz, wo sie sich um die Sw lue gruppierten. Bom Sockel aus sprachen mehrere Legionsoffiziere zu den Bersammelten und kritisierten die Regierung in heftigsten Ausfällen, da sie nicht iw der Lage sei, die Zustände zu verbeffern. Aus den« Altstädter Ring kam es mdessen zu mehreren Streitereien. Außerhalb der BolkSversammlung bildeten sich immer wieder kleinere Gruppen, die sich gegenseitig politisch Lekämpfren. Soldaten schritten ein, die die Streitenden verhafteten und in Häuser einspertten. Mehrere Personen wurden von der Meng den Soldatm übergeben, da.sie angeblich Schmährufe gegen den; Präsidenten ausgebracht hätten. Während des größten Tumultes erschien Generaltrvpvenmspektor M a ch a r und Gemralisiimus P e l l 6 rmter der Volksmenge im Automobil, worauf sich die Versammelten zerstreuten. Der größte Teil der Geschäfte hatte während dieser Vorgänge geschloffen. Die FrsuendepuLaLion bei MasaryL. Prag» 4. September. (Tcl.^ der ,.Wr. Morgenztg.") Nach Schluß der Versammlung wurde die Parole ausgegeben, aus btc Burg zu Masaryk zu ziehen. 5000 Menschen gelang es. die Burg zu erreichen. Nach langen Verhandlungen empfing Masaryk e,ne Deputation von Frauen, die vor Masaryk niederknieten und wemten. Masaryk beruhigte die Frauen, forderte sie. auf, ihre Kundgebungen in würdiger Form durchznsnhren und svrnch sich in errtschiedener Weise gegen jedes Straßeuregirne aus. Er entließ die Deputation mit der Versicherung, daß die Lebensmittelzuwersung demnächst erhöht werde. MassryL verrrrteM Ä;e KMÄgMürrge». Pxag» 5. September. .M.'Komp.s ^ANf -die von dieser Deputation vorgebrachten-, mMex Hr-: schwerden, erwiderte der Präsident unter anderem: Ich"sche und' verstehe ihre Erbitterung, aber Erbitterung ist kein'Programrn, Ich erkenne, was Unrecht ist, aber die Verbefferrmg darf nicht: auf ungeeignetem Wege erfolgen. Aus dem w.as .ittzf vor sich geht könnte im Anslande die Meinma ausiommeN.. haß wir in Prag Revolution haben. Ich weide sorgfältig darauf achten, daß sowohl in den Aemtern als auch überall, wo cs notwendig ist, die er-. sorderlicheir Verbesserungen durchgefübrt werden, doch läßt .sichnirfit alles auf einmal machen. Den Legionären sagen Sie: Die erste Sache des Legionärs ist Ordnung. Es!sindia ganz brave Burschen. Md wenn jemand sie gerne:hat> ffo bin ich es. Aber das hätten sie nicht machen sollen, - sie hätten - nicht auf die Straße gehen, sondern zu Hause bleiben sollen. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, sollen ne zu mir kommen. Was die Legionäre getan haben, tut mit sehr web. lind auch Ihr selbst habt nicht richtig gehandelt. Ein icder möge für feine Taten mit'seinem Namen einstchen, wenn feine Handlungen richtig sind. Es wirrde aber eine Vallsvcrfammlnng abgebatten und die Earberufer haben nicht einmal ihre Namen angeführt. Ihr seid Euch noch nicht dessen beivnßt, was der Staat ist und daß der Staat Ordnung haben muß und Ruhe braucht. Ich bin nicht nach Böhmen gekommen, um den P r ä s i d e it 1 c 11 zu spielen, und um m i ch v 0.n d e.r S t r a ß e mt 0 m ni a n b t et c n z u lassen. Zu mir ist jedermann der frei, aber in einer Weise, die im Auslande keinen ungünstigen Eindruck hervorrust." Die Abordnung überbrachte hierauf der aus demHradschiner Platz harrenden Menge die Antrvort des - Präsidenten, worauf diese in Slava-Rufe auf den Präsidenten und btc Republik ausbrach. Sodann gingen die Denronstranten allmählich a«iseinander. Während dieser Vorgänge hatten sich hn ersten Burghofe zahlreiche Legionäre versammelt, an die der Minister für natronäle Verteidigung K l 0 f a c eine Ansprache hielt, in der er daran erinnette, daß' die Teilnahme von .Soldaten an solchen von anonymen Einberufern veranstalteten^ Kundgebungen das Interesse der Republik schädige. Die meisten tschechischen Abendblätter ver-. urteilen ffchärfstens die heutigen Straßendemonstrationen und bezeichnen sie als das Werk unverantwortlicher Elemente. Dev bShmische Adel — Urheber der Kundgebmrgen. Prag, S. September. (Tel. der „Wr. Morgenztg?) „Cestte Slovo" gab eine Extraausgabe heraus» die mitteilt: „Die ganze BewegAng mar vom Prinzen Lobkowitz» Grafen Gemein Roftitz» Siittmeistev Mieka und einer gewissen Flügel, Geliebten eines ehemaligen österreichischen Spitzels, arrangiert worden. Der Adel Zeder Richtung Habs das Geld hergegsben» die Flugschriften find in der klerikalen Druckerei hergestellt morden. Lobkowitz hat 20.000, Nostitz 10.000, Micka 10.000 Kronen hergegeben." Ein Eommuniqns der Polizeidirektton bestätigte diese Angaben als erwiesen. Nachmittags fand ein Al i n i st e r r a t statt, der stch mit dev Lage beschäftigte. Ruhe am Abend. Prag, 5. September. (Tel. der ,,Wr. Morgenztg/) Der. Abend rst verhyltniSmLßlg nlliia verlausen und es bleibt muuerhin . die Möglichkeit, daß sich die bnssitsschen Frauen und ihre dunklen Hintermänuer nicht vvchnu'ls der P-opaganda kee T-tt auschließen werden. . . Die jüdische Krise. —7- W i e n, 6. September. Die Gehimerweichimg, von der die europäischs Menschheit befallen worden ist, hat außer anderen Erscheinungsformen auch die emer extensiven und intensiven Verbreitung der antijüdischen Sümmungen gezeitigt. Der Seelenaufschwung des Krieges, von den^ Hinterlandshelden fabulierten, mündet allerorten in ein tobendes Geschrei gegen die Juden. Wenn man in der glücklichen Lage wäre, diese ttamige Massenseuche mit einiger Unbefangenheit zu betrachten, so könnte man ihr sogar ein Lächeln abgewinnen. ' So . grotesk müßte das Bild wirken, das Europa gegenwärtig bietet. Die Völker suchen nach den Schuldigen an dem Krieg und seinen Folgen.- Die verzwicktesten und komplizieitesten Zusammenhänge der politischen, sozialen unb*. wirtschaftlichen Tendenzen, die miteinander solange im Hader lagen, , bis sich den ratlos gewordenen Staatslenkern der Krieg als eürziges Lösungsmittel darstellte, wären zu überprüfen, ehe man zu einem wenigstens halbwegs richtigen Urteil über die Gründe der Weltkataftrophe gelangen könnte. Den Völkern aber, die unkompliziert denken, die große Probleme nur gefühlsmäßig erfassen, wird von den ob ihrer Verantwortung erschrockenen Hetzern eine einfache Formel serviert: Alles haben die Juden verbrochen. Die Anwendung dieses Wortes führt zu den seltsamsten und merkwürdigsten Schlüssen. Man wirst den Wiener Juden vor, daß die englischen Juden Patrioten waren; man macht dem Judentum aller Länder, das unter den verschiedensten -Verhältnissen politischer, somatischer, klimatischer und' wirtschaftlicher Art leben muß, einen zentralen, - freilich geheim wirkenden Willen zum Vorwurf, der - sein Tun und Lassen regele Man beschuldigt Re Jüden in, GesaWM hiee^ diV-poMscheMMMM§> mM öor5' der pylMsilfen McksLäMgköit/ÄRd-MbM- - meisten Fällen erfolgt diese Agitation, diese bewußte Bet'gistung der Seelen von denselben Personen, die die gleiche Tinte Und die gleiche Feder zu den gleichen Lügen verwenden,, alles zu dem Zweck, die Schuld- -ftage zu verschleiern und einen allen deutlich erkennbaren Prügelknaben auf die offene Bühne zu stellen. Und so steigert sich die Krise, von der das jüdische Volk ergriffen worden ist, zu einem furchtbaren Drama. Der Haß in den Seelen der Völker, die durch mebt als vier Jahre die grauenhaften Leiden des Krieges sehen uno tragen mußten^ konzentriert sich durchdie systematische Arbeit einiger hundert Marktschreier in eurem einzigen Punkt, der Schrei der Millionen, deren Lebensglück, Existenz und Gesundheit vernichtet worden ist, verdichtet sich zu einem einzigen Verdammungsmteil gegen das Volk, das mit dem Krieg, seinem Verlauf und seinem Ende in keinem Zusammenhang steht, das den Krieg als politisches Mittel immer abgelehnt hat, von dem Krieg aber selbst auf das schwerste betroffen worden ist. Eines tritt klar zutage: Der Judenhaß gehört zur Persönlichkeit des Nichtjuden so wie etwa die Kraft« funküvn zur Materie. Der Nichtjude ist einfach antijüdisch. Eine jahrhundertelange Verhetzung hat zwischen Juden und Nichtjuden eine so tiefe Kluft geschaffendaß das Zusammenleben fast zur Unmöglichkeit wird. Der moderne Staat, der sich theoretisch auf der Rechtsgleichheit aller Bürger aufbaut, ihre politische und , wirtschaftliche Gleichberechtigung anerkennen und sichern muß, gerät durch die auf die Ausschaltung der Juden gerichteten Forderungen unaufhörlich in Widerspruch zu den Voraussetzungen seiner Existenz und Entwicklungsmöglichkeit. War Wunder, wenn er schließlich seinen Kotau vor dem Majoritätsprinzip macht und den Juden gegenüber jede Maske fallen läßt. Ist das Volk in seiner Mehrheit für die Ausschaltung der Juden, für ihre Rechtlosigkeit, nun dann sollen eben die Juden weichem Erklärt das Volk in feiner Mehrheit die Juden für Wucherer, Kriegsgewinner, Preistreiber, so zieren sich die Regierenden nicht lange und bekennet; sich gemeinsam init der heulenden Gaffe zu dem Sprüchlein des Leffingschen Patriarchen: Der Jude wird verbrannt! Cs ist lächerliche Sisyphusarbeit, die tausend Lügen und Verleumdungen zu widerlegetl, die geschäftige Müßiggeher alltäglich veröretten. Man muß die Dinge so nehmen, wie sie liegen: Pogrome tu Rußland, in Polen, irr der Ukraine, in Ungarn, Pogromvorberettungen in.der Tschecho-Slowakei, in Deutschland, in Deutschösterreich. Daß ein solcher Zuitaub die moralische und seelische Widerstandskraft des