Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 226 (4.9.1919)
- Date
- 1919-09-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 226 Wien, Donnersrag Wiener Morgenzeitung 4. September 1V19 Sette 6 --- ■ ................. .... "> ...----S, tschecho-slowakischen Staates betrachtet. Es handelt sich tun ein Land von ' etwa 1000 Cmabratfitometet, auf dem (-nach alten Statistiken) rund 150.000 Polen wohnen and das die Pölen nuN'aus Grund des. sogenannten „Selbstbestimmungsrechtes der Völker", das sie gerade bei dieser Gelegenheit ganz mechanisch zur strengsten Anwendungbringen wollen, für sich beanspruchen. Die unzweifelhafte Tatsache der polnischen Majorität in einigen Bezirken, bei starken tschechischen und deutschen Minoritäten,, wird auch von den tschechischen Politikern zügegeben. Trotzdem betrachtet die tschecho-slowakische Republik die geplante Üosreißung Teschens als eine Bedrohung ihrer wesentlichsten Interessen. Abgesehen von den historischen Gründen ist. auch das ethnographische Moment, das die Tschechen hier nicht als entscheidend anerkennen können, nicht so ganz geklärt; iw Deschen wird ein Dialekt gesprochen, der ebensogut als tschechisch wie als polnisch igelten könnte. Die wichtigsten Gründe aber, um derentwillen die Tschechen sich ihrer Ansprüche auf Polen nicht begeben können, sind wirtschaftlicher Natur. Die Tschecho-Slowakei, ein Industries!... dessen Zuxunft auf seinem Export berubt, ist arm au Steinkohlen. Die Abtrennung des Karwiner Kohlenbeckens würde für sie einen un>, pichen Verlust, für die Polen einen verhältnismäßig recht geringen Gewinn bedeuten. Tesche« liegt in der nächsten Nachbarschaft des großen Ostrauer Jridustrierevlers, das ohne die Karwiner Kohle gänzlich „in der Luft hängen" würde, und dessen große Metallindustrie der Gefahr des Unterganges ausgesetzt wäre. Aber , noch ein wichtiger Grund macht die Lostrennung Teschens geradezu zu einer Lebensfrage der tschechoslowakischen Republik. Ueber das abzutrenneude' ©ebiet führt die einzige direkte Bahnverbindung mit der Ostslowakei. Neben der eingleisigen Strecke Über den Vlarapaß überhaupt die einzige Eisenbahnverbindung mit der Slowakei. Ueber die Beskiden läßt sich eine zweite Bahn nicht mehr erbauen. Durch den Verlust Teschens würde die Einheit des tschecho-slowakischen Staates und seine einheitliche Verwaltung auf das schwerste geschädigt werden. Nicht zn reden von den Folgen einer derartigen Zweispaltung der Republik für ihre strategische Lage. Dies« beiden Umstände haben in erster Linie die gegenwärtige gewaltige Beunruhigung in der Tschecho- Swwakei hervorgerufen, und diese wird noch gesteigert durch die Sorge um das Schicksal der starken tschechischen Minorität, die von den Polen offen in ihrer nationalen Existenz bedroht werden, während die Tschechen den Deschener Polen volle Freiheit und Gleichberechtigung zusichern. Die Teschener Minorität ist das Schmerzenskind beL ganzen Volkes. Wer nicht . weiß, was den Tschechen die verzweiflungsvollen Dichtungen Peter Bezrnis bedeuten, wick schwer, die leidenschaftlichen und trotzigen Kundgebungen begreifen können, die in ganz Böhmen und Mähren in den letztem Tagen stattgefunden haben und in denen das ganze Volk und alle politischen Parteien gegen die angekündigte Pariser Entscheidung protestiert haben. Es sei noch bemerkt, daß die Teschener Deutschen sich mit den Tschechen solidarisch erklärt haben und daß die großen Streiks im Teschener Gebiet, den Erklärungen der Arbeiterschaft zufolge, keinerlei soziale Forderungen, sondern bloß den eindringlichen Widerspruch gegen di« Zuteilung an Polen zur Ursache haben. Was hat die entscheidenden Faktoren in Paris den Polen so günstig gestimmt? Die Tschechen berufen .sich darauf, daß sie die Entente zu einer Zeit werktätig unterstützt haben, da die Polen noch Legionen gegen diese ausrüsteten, und sie weisen darauf hin, daHj die Polen bis zur endgültigen Niederlage der ZeNlralmächte auf deren Seite standen. Polen hat Deutschland große Gebiete geraubt und hat zweifellos Ukrainisches Land an sich gerissen, ohne sich irgendwie um bas „Selbstbestimmungsrecht der Völker zu bekümmern. Sein Expansionsdrang steht in einery merkwürdigen Kontrast zu seinen gänzlich unkousolidierten innereü Verhältnissen. Für Polen bedeut^ Deschen einen geringfügigen Gebietszuwachs, für die Tschechoslowakei ist es keine bloße Prestigeforderung, sondern Lebensinteresse. Pollen geriert sich aber in Paris als Bollwerk gegen den russischen Bolschewismus und sein Auftreten in dieser Richtung scheint die ftanzösische Diplomatie allen seinen Wünschen so gefügig zu machen. Die Unkenntnis der Verhältnisse im slawischen Europa, die schon öfters so kraß hervorgetreten ist, würbe wohl mit Deschen und einer schweren Kränkung und Schädigung der Tschecho-Slowakei die zweifelhaften polnischen Bundesgenossen zu teuer für ihre Dienstbereitschaft bezahlen. Die tschecho-slowakische Republik wird heute um Teschens willen keinen Krieg mit Polen führen. Aber es' steht außer Zweifel, daßwenn Teschen Polen zufallen sollte, die polnisch-tschechischen Beziehungen für sehr lange Zeit ernstlich getrübt wären. Die Tschechen werden * nie auf ihr „Elsaß", als das sie ein polnisches Teschen betrachten, verzichten. Die tschecho-slowakische auswärtige Politik war bisher von zwei Gesichtspunkten beherrscht: unbedingtes Festhalten an dem herzlichen Verhältnis zur Entente bei kühler Zurückhaltung gegen Deutschland einerseits und praktische Ausgestaltung der „slawischen Wechselseitigkeit" andererseits. Zweifellos würde auch im Fälle einer ungünstigen Entscheidung bezüglich Teschens künftig baS Verhältnis zur Entente erhalten bleiben. Selbst dieser harte Schlag könnte die Beziehungen zu Deutschland nicht ohneweiters. bessern. Die/ tlckecko^lowakilLeu FriedenHdeft- Die Reaktion in Ungarn. Die Gerichte arbeiten. Budapest, 3. September. Justizminister Bal og Hy «zu bereiten. Ihre Animosität geht soweit, daß sie vor einige« hat bezüglich der Frage der Bestrafung derjenigen, die für die während der bolschewikischen Schreckensherrschaft begangenen Taten verantwortlich sind, erklärt, baß die Schuldigen vor Gericht gestellt werden sollen. Es handle sich um eine so g r o ß e M e n g e v o n S t r a f f ä l l e n, daß eine rasche Erledigung schwer möglich sei. In Budapest seien bisher 2570 Personen verhaftet worden. Ermordung eines Budapester Rennstallbesitzers. Budapest» 8. September. (Ung. Trl.-Korr.-But^ Der bekannte Dudapcster Rennstcillbesiyer Emmerich F r e u n d yon Toszeg und sein Gutsverwalter G r a n e r wurden in Fonyod getötet. Alarmnachrichten stellen die Sache so dar. als ob bic W e i ß g a r d i st e n di e beiden zu Tobe gequält h (i t t e n. Dir Regierung hat zur Aufklärung deS Falles eine Untcrsuchungskommissron entsendet, in der auch die Familie Freunds durch ein Mitglied vertreten ist. Vereitelter Pogrom in Budapests Budapest» 8. September. (Tel.-Komp.) DaS Rumänische Preßbureau meldet: Ein Teil der ungarischen maßgebenden Kreise sucht dem rumänischen Kommando alle mögltche» Schwierigkeiten Tagen einen PogrominBudapest arrangieren wollten und nur dank dem Chef der rumänischen Ueberwachungsstelle, Dr. F a k o i u, der jur rechten Zeit davon in Kenntnis gesetzt wurde, gelang, mit A u s b i e t u n g militärischer K t4i f t e die Manifestanten zu zerstreuen. Es wurde erwiesen, daß man diese Fudenhctze nur deshalb ins Werl setzen wollte, um das rumänische Kommando als Urheber von Pogroms M Auslande htnzustellen. Die Misston Heinrich gescheitert? Budapest» 3. September. (Ung. Tel Korr.-Bnr.) Di« Bemühungen des Handelsministers Heinrich zur Kabinettsbildung sind bekanntlich infolge der Stellungnahme der Parteien auf einen t o t e n P u n k t g e l a n g t. Dir Heinrich den Bedingungen des Ministerpräsidenten Friedrich in keiner Wesie Genüge leisten konnte, betrachten die Budapester politischen Kreise den ganzen Versuch Heinrichs zur Bildung eines Kabinetts als e n d g ült i g g e s ch e i t ert. Strasgerichtliche Verfolgung Michael Karolyis. Budapest» 8. September. (Ung. Trl.-Korr.Bm.) Dis strafgerichtliche Untersuchung gegen M i ch a elK a r o l h i ist im Zuge. Eine amtliche französische Dokumentensammlung zur Zudenfrage. Die Ministerien des Auswärtigen und deS Krieges in Paris gaben soeben als Ergänzung zu den regelmäßig erscheinenden Bulletins der auswärtigen Presse eine Sammlung, von Dokumenten heraus, die der jüdischen Frag« vor' der Friedenskonferenz gewidmet ist. Dieses offizielle Dokument der ftanzöfifchen Regierung gibt.ein vollständiges Bild-davon, wie bie jüdische Frage und deren Lösung vom jüdischen Volk selbst aufgefaßt wird. Aus demselben ist ersichtlich, daß auch bei den Juden keine Einigkeit geherrscht hat, da in den von den einzelnen Komitees der Friedenskonferenz überreichten Vorschlägen verschiedene Standpunkte vertreten werben. Das Dokument zeigt ferner, daß diesmal, wie noch nie zuvor, die Judenfrage in ihrer Totalität vorgebracht wurde und daß die mit ihrer Lösung betrauten Staatsmänner diesmal .Gelegenheit hatten,, die verschiedensten Seiten des jüdischen Problems kennen zu lernen. Die Sammlung enthält folgende 'Dokumente: a) zur Emanzipationsfrage: 1. Memorandum des Joint Foreign Committee, ~ : 2. die Resolutionen deS Amerikanisch-jüdischen Kongresses,. . " - 3. die von der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Amsterdam am 28. April 1919 angenommene Resolution, 4. das Programm des deutschen Auswärtigen Amtes vom 30. März 1919 und den Kommentar von Hermann Struck in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" vom 3. April; V) in der Frage der nationalen Rechte: 1. Bericht über das Komitee der jüdischen Delegationen und das Memorandum des Komitees,. 8. den Bericht des Herrn Motzkin auf der Londoner Konferenz über die Stellungnahme der Zionisten zur Fragtz der nationalen Rechte und Resolutionender Konferenz, i 3. die Erklärungen Louis MarshallS über die BederrLnugf der Begriffe nationale Rechte und Vertretung der Mrchevt Herten, . 1 4. eine englische Meinungsäußerung (eine Rede Wtf Claude Montefiore), - i 6. eine deutsche Meinungsäußerung (Artikel von» PckuL Nathan üb« die Gründe sein« Opposition Arge« dieForde-« rrrngen national« Autonomie); > c) in der zi ouisttschen Frage: nach bei; eftfc* rnetnen Uebersicht, I 1. die Deklaration von Balfour und' die. ErwähuMgj d« anderen Regierungserklärungen, : ■ j 2. der Zionismus vor der Friedenskonferenz' (EmPfMgs von Sokolow und Weizmann durch den Zehnerrat am 27. Februar und Bericht WeizmannS in London über den Empfang), 8. der Zionismus in England (Allgemeine Uebersicht; Erwähnung der Petition an di« Friedenskonferenz, Unterzeichnet von 77.-000 Personen, darunter 200 Christen; die bekannte Darstellung der Liga der britischen Jude», sowie das Manifest und die Haltung des Conjoint Foreign mittee), 1 j 4. der Zionismus in de» Verewigten Staaten (Allgemeine Uebersicht, Resolutionen des American Jewish Cour? mittee und des jüdischen Kongresse- und davon Jastrow, Julius Kahn usw. an Wilson, gerichtet«, antizionistische MerMi randum). > r gierten haben den Auftrag erhalten, bie Unterschrift des -Friedensinstrumeutes zu verweigern, wenn Teschen dadurch verloren gehen sollte. Aber sie werden schließlich doch wohl, wenn auch unter Protest, unterzeichnen müssen. Die „slawische Wechselseitigst" wäre aber bei ihrer ersten Probe, bei dem ersten Zusammentreffen widerstreitender Machtinteressen unterlegen und hätte sich als Phrase erwiesen, bie sie wohl auch ist. Von einem gemeinsamen weiteren Vorgehen der Tschecho-Slowakei mit Polen, um so weniger von einem engen Freundschaftsbündnis könnte wohl künftig nicht die Rede sein. Die Ideologie, welche Polen gemeinsam mit der Tschecho- Slowakei und Rumänien als einen Schutzwall gegen den deutschen „Drang nach Osten" darstellt, und die auch vom Präsidenten Masaryk vertreten wirb, ist in einer Welt der harten Tatsachen wenig aussichtsreich. Man darf nicht vergessen, baß der Hauptfaktor in der tschechischen auswärtigen Politik — und von einer solchen konnte in gewissem Sinne bereits zu Oesterreichs Zeiten gesprochen werden — bie Anlehnung an Rustland war. Die.Westmächte haben kein genügendes Verständnis und Interesse für die osteuropäischen Verhältnisse. Die künftige Entwicklung Rußlands stellt die ganze bisherige Friedensarbeit, bie die wenigsten befriedigt hat und nicht viel Autorität genießt, in Frage. Sobald Rußland wieder erstarkt sein wird, wird auch die tschechische Politik zu ihren alten Bahnen zurückkehren müssen. Die tschecho-slowakische Republik kann sich keine splencllä isolation erlauben. Die Prophezeiung Bismarcks über. ein neues Polen dürfte sich bei dessen gegenwärtiger Ausdehnung wohl in erhöhtem Maße erfüllen: ein neu erstarktes Rußland wird ebenso wie Deutschland Polen als einen Pfahl in seinem Fleische ansehen. Wenn Rußland einmal genesen, vielleicht gar sichNwer Polen hinweg mit dem Deutschen Reich verbinden wick, wird auch die tschechische Politik nicht mehr mit ihrer bisherigen Orientierung ihr Ausreichen finden und dann erst wird auch eine eventuell polenfreundliche Entscheidung über Teschen in ihrer ganzen Problematik erscheinen. Telegramme. Tirol gegen den Friedensvertrag. Innsbruck, 2. September. Der Tiroler Landes* rat hat nach Kenntnisnahme der' Friedensbedingungeni einen Beschluß gefaßt, in dem unter anderem gesagt wird: Laut der, der deutschösterreichischen Delegation zugekommenen Antwortnote der Friedenskonferenz ist über den Inhalt des FriedensvertrageS die endgültig« Entscheidung gefallen. Die Bestimmungen' des zweiten Mschnittes Über die Staatsgrenzen, wodurch Deutschs Südtirol Italien zugesprochen wird, wurdeuH trotz allen Einwänden und Protesten nicht geändert.! Tirol erkennt den Zustand, der durch den Frieden ge-' schaffen werden soll, nicht als RechtSzustaud! an und wendet sich schon jetzt an den Völkerbunds damit er dem betreffend Südtirol mtt Füssen getretenen Selbstbestimmungsrechte Anerkennung verschaffe und im Interest der Auftechterhaltung des Friedens und gerechter und ehrenhafter Beziehungen zwischen den Nationen das^ schwere .Unrecht beseitig:', das dem Lande Tirol widerfahren ist. Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in der Tschecho-Slowakei. Teplltz, 3. September. Zu Beginn d« heutigen Vormittagssitzung beschließt der Parteitag auf Antrag Se'ligers, j dem Präsidenten der deutschösterreichischen Nationalversamms lung, Karl S e i tz, anläßlich seines 7 0. Geburtstages! die herzlichsten Glückwünsche telegraphisch zu übermitteln^ GS folgen hierauf die zwei Referate zum Puntt 6 der Tagesordnung: Die Krise deS Kapitalismus und die Sozialisierung« Da- «ste der beiden Referate: Teuerung und Arbeits-; losigkeit erstattet Schäfer. Redner weist nach, baß' - alle Maßnahmen der bisherigen tschechischen Regierungen verfehlt und vom rein national-chauvinistischen oder kapitali»'! stischen Standpunkte aus unternommen wurden und schließlich! dazu führten, daß wir heute trotz ungleich günstigeren Vev Rohstoffe. Die Absatzgebiete Detttschösterreich, Polen un xUuäar» lind darcü Motte», düs von Meter IN Meter