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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-04 · Heft 226 (4.9.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 226 (4.9.1919)
Date
1919-09-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitung 4. September 1919 Nr. 226 Das Abc. a. W i en, 4. September. An dem Tage, da sich jedermann in unserem Lande über den Wortlaut des Friedensvertrages den Kopf zerbricht, ist es ganz besonders nötig, die großen allgemeinen Prinzipien zu erörtern. Denn nicht was .Paris diktiert hat, wird der neuen Welt die Physiognomie geben, sondern Europa kann nur genesen, wenn es keine Unterdrücker und keine Unterdrückten geben wird. Immer größere Kreise, sogar schon Teile jener Parteien, welche im engherzigsten Chauvinismus befangen waren, beginnet: einzusehen, welches der gröbste Fehler in den Konklusionen war, die man aus der Genesis des Weltkrieges, aus den aufgepeitschten Leidenschaften der gegeneinander gehetzten Völker und aus den ersten großen Erfolgen der deutschen und russischen Soldateska hüben und drüben gezogen hat und als neues Ideal, als der Weisheit letzten Schluß der Menschheit aufzuoktroyieren suchte: Die Idee des Nationalstaates im ethnogrwzhischen Sinne, Alle Angehörigen einer bestimmten Nation mußten zu einem Staatswefen geeinigt werden und die Umformung Europas in lauter Nationalstaaten sei die größten Blutopfer wert. Wenn Aan zunickdenkt, daß dieser Gedanke in bestimmten Stadien des Krieges fast Gemeingut aller geworden war. daß man den Begriff „Selbstbestimmung" nur in diesem Sinne auslegte, wird man es verstehen, daß die nationalen Chauvinisten aller Völker Oberwasser bekommen mußten, sogar an den sozialistisch Gesinnten Kombattanten fanden und daß sich beispielsweise der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg in den ersten Stydien des Weltkrieges dazu verleiten ließ, im deutschen Reichstag begeistert auszumfen, dieser Krieg, an dem doch auf deutscher Seite so zahlreiche slawische Formattonen teilnahmen, sei ein Kamps der Germanen gegen die Slawen. Erst in einem sehr späten Stadium, wo das ungeheme Leid Europas endlich zum Erzieher der zerquälten Menschheit geworden war, brach sich wieder der Gedanke des Nattonalitätenstaates Bahn, dem schon vor dem Kriege viele Helle und berufene Köpfe Fürsprecher geworden waren. Die Utopie der Vereinigung aller Angehörigen einer bestimmten Natton in einem Staatswesen, der gesährliche und verderbliche Wahn, daß „Natton" und „Staat" gleichbedeutend sein müssen, ein wahres Unglück. Sie verführt dazu, kleinere Nationsteile im frerndnationalen Gebiete preiszugeben rmd die Fremdnarionalen im eigenen Gebiete rücksichtslos politisch zu unterdrücken. Der Gedanke des' Nationalstaares im ethnographischen Sinne schafft tatsächlich Staatsbürger zweiter und dritter Klaffe, züchtet den Irredentismus und sorgt dafür, daß der Kamps aller gegen alle fortgesetzt und von Tag zu Tag verschärft wird. Es war das große Verdienst jenes Wilson, der aus Amerika die vierzehn Punkte in die ganze Welt kabeln ließ und der sicher von dem anderen Wilson, dem in Paris seine Ententesreunde eine so schmähliche Niederlage bereiteten, so scharf unterscheidet, wie der Tag von der Nacht, daß er die Ethnographie als das absolute staatenbildende Prinzw verwais. Tatsächlich hat ja der Wahn des Nationmstaatsgedankens, dem in den Fährlichkeiten der Nach Kriegsperiode in allen Lagern, das sozialdemokratische nicht ausgeschlossen, neue chauvinistische Herolde ent«?" standeir. dazu geführt, daß zum Beispiel aus dem Ge biete der ehemaligen Donaumonarchie — wie sich Friedrich Austerlitz aus dem deutschböhmischen sozial demokratischen Partettage richttg ausdrückte — zehn neue Elsaß-Lothringen entstanden sind. Bevor in dm Völkern Europas, in dm sieg reichen nicht minder wie in den besiegten, dieser Wahn nicht endgültig überwundm ist, bevor man nicht eingesehm hat, daß wohl jede Natton einen Anspruch auf ein eigenes Siedlungsgebiet, ein besonderes Staatswefen hat, daß aber niemals die Landkarte derart neu gezeichnet werden Kanu, daß Staat und Nation identische Begriffe werden — insolange muß die Balkanisierung Europas fortschreiten und mit ihr die Verwilderung des nationalen Kampfes, die Versklavung ganzer großer Volksteile, der barbarische Krieg mtt Waffen. Repressalien und gegenseitigen Der- Hetzungen bis zur Vernichtung. Bezeichnend i[: die Ansprache, welche eine Deputation der Bevölkerung des Teschener Gebietes, an der Tschechm und Deutsche teilnahmen, an den Präsidenten Masaryk hielt und in der ausdrücklich namens der schlesischen Bmölkerung erklärt w irde, daß das echno. graphische Prinzip schädlich r undurchführbar sei, noch bezeichnender die Verlegenheit, welche Masaryk^ dem einstigen Führer der tschechischen Realisten, durch, diese Ansprache des tschechischen Abgeordneten Nemetschek bereitet wurde, der nicht minder für die Deutschen als für die tschechischm Bewohner Schlesiens sprach. Der gegenwärtige traurige Augenblick ist nicht ge eignet, alle Sünden anzukreiden, die in dieser Richtung in den letzten Monaten bei uns begangm wurden Aber festgehalten mutz werden, daß es ganz besonders dem Organe der deutschösterreichiscken Sozialdemokratie schlecht zu Gesicht steht, wenn es just jetzt die nationalistische Anschlußpolittk der Bauer und Hartmann, die in ihreminnerenWesen sich von den alldeutschenAsvirationen Die Entente für die ^Unabhängigkeit" Oesterreichs Der Wortlaut der Note an Deutschland. Berlin, 3. September. (Wolff.-Bureau.) Die französische Note, womit die Außerkraftsetzung des Absatzes 2 beS Artikels 61 der deutschen ReichSverassung verlangt wird, hat folgenden Wortlaut: Die alliierten und assoziierten Mächte haben von der deutschen Verfassung vom 11. August 1919 Kenntnis genommen. Sie stellen fM daß die Bestimmungen des Artikels 61, Absatz 2, eiiU formelle Verletzung des Artikels 80 des in Versailles am 28. Juni 1919 Unterzeichneten Friedensvertrages enthalten. Diese Verletzung ist doppelter Art: 1. Indem der Artikel 61 die Zulassung Oesterreichs zum Reichsrate ausspricht, stellt er diese Republik den das Deutsche Reich bildenden Ländern „gleich", eine Gleichstellung, die mit der Beachtung der österreichischen Unabhängigkeit unvereinbar ist. 2. Indem er die Teilnahme Oesterreichs am Reichsrate zuläßt und regelt, schafft der Artikel 61 ein politisches Band zwischen Deutschland und Oesterreich und eine gemeinsame politische Betätigung in vollkommenem Widerspruch mit der Unabhängigkeit Oesterreichs. Die alliierte» und assoziierten Mächte erinnern daher die deutsche Regierung an den Arttkel 178 der deutschen Verfassung, wonach die Bestimmungen des Vertrages von Versailles durch die Verfassung nicht berührt werden können, und fordern die deutsche Negierung* auf, die gehörigen Maßnahmen zu treffen, um diese Verletzung unverzüglich durch Kraftloserklärung des Artikels 61, Absatz 2, zu beseitigen. Unter Vorbehalt weiterer Maßnahmen für den Fall der Weigerung und auf Grund des Vertrages selbst erklären die alliierten und assoziierten Mächte, daß diese Verletzung ihrer Verpflichtungen in einem wesentlichen Punkte die Mächte zwingen wirb, unmittelbar die Ausdehnung ihrer Besetzung auf den: rechten Rheinufer zu befehlen, falls ihrer Forderung nicht innerhalb 14 Tagen, vom Datum der vorliegenden Note an gerechnet, Folge geleistet wird. Morgenthau in Lemberg. h Lemberg, S. September. (Bericht der ,Wiener Morgenzeitung.") Die eigentliche Aufgabe der Morgenthau-Kvmmission, die Untersuchung der Pogrome, tritt nach und nach in den Hintergrund^ gegenüber den gesellschaftlichen Veranstaltungen und politischen Konferenzen mit den verschiedenen Parteien und Behörden. Auch in Lemberg, das die schrecklichen November- Pogrome gesehen hat, denen diese Stadt auch den Besuch der amerikanischen Kommission verdankt, wurde fast> die ganze Zeit des Aufenthaltes mit solchen Konferenzen und Besuchen ausgrAM. Als erster wurde durch die Kommission der Chefredakteur der zionistischen Tageszeitung „Ehwila", Dr. Rosmarin, empfangen, der in einer breiviertelstündigen Aussprache die gegenwärttge Lage der Juden in Ostgalizien barlegte. Hierauf erschien eine sechsgliedrige Deputation der jüdischen Kausleute, in deren Namen Herr M. Frostig die trostlose Lage dieses Standes, unter besonderem Hinweis auf den wirtschaftlichen Boykott, der gegen die Juden geführt wird, schilderte und eine ganze Reihe von Vorschlägen, deren Realisierung Abhilfe schassen könnte, unterbreitete. Eine lebhafte Aussprache entwickelte sich' zwischen den Kommissionsmitgliedern und der hierauf erschienenen Abordnung des Jüdischen Rettungskomitees, die für die Geldunterftützungen aus Amerika dankte. Auf Wunsch des Professors Johnson und des Genera» Jadwtn schilderte die Abordnung die gegenwärtige Lage der Juden in Lemberg und in der Provinz mrd berührte dabei auch die Frage der durch die Polen entlassenen jüdischen Staatsbeamten und der Ausschlusses der Schuljugend aus den Schulen, besouderaus der Universität, Die SbommissionSmitglieder zeigten sich in vielen Beziehungen informiert und betonten, daß auch in Galizien myn sich die Begriffe der vollständigen Freiheit und Gleichheit für alle Menschen, für die Amerika in den Krieg getreten ist, zu eigen machen müsse. ES wurden weiters empfangen: eine Abordnung der Mischen KultuSgemeinde, Herr Feldstein als Vertreter der Assimilatoren, sowie Vertreter der jüdischen Presse. Nachmittags erschien unter Führung Dr. Gerso» Zippers eine mehrgliedrige Abordnung der zionistischen Partei. Der Sprecher dieser Abordnung rollte ein trauriges Bild de» Verhältnisse i» Lande in bezug auf die Juden auf mrd wies dabei auf den polnisch-ukrainischen Konflikt und die einzig mögliche neutrale Haltung her Juden hin. Diese zweistündige Konferenz schloß mit der Unberbreitung der jüdischen Postulats. Im Laufe des Nachmittags erschienen noch Deputationen der jüdischen Handwerker, des „Misrachi" und der jüdisch-akademischen Jugend. Vorabends besichtigte die Kommission das jüdische Stadtviertel, die während des Pogroms verbrannten Häuser und Bet- Häuser und begab sich dann in den Tempel, wo sie Herr Rabbiner Dr. Guttwann mit einer hebräischen Ansprache begrüßte. Am nächsten Vormittag wurde zunächst eine Abordnung der jüdischen Staatsbeamten empfangen, die aus die trostlose Lage der schuldlos entlassenen Beamten aufmerksam machte. Professor Johnson drückte über die Entlassung der jüdischen Staatsbeamten, die jahrelang ihren Dienst versehen haben, sein Bedauern aus. Gr hoffe bemerkte er —- daß die polnische Regierung den jüdischen Beamten den Schaden vergüten werde. Hierauf begann das Verhör der wichtigsten Pvg romzeug en, das anfänglich in Gegenwart von Morgenthau, später jedoch in seiner Abwesenheit durch! die Offiziere der Kommission geführt wurde. Im Laufe des Vormittags wurden auch die Vertreter der polnischen Presse durch Morgenthau und Professor Johnson empfangen. Später besuchte Morgenthau den jüdischen Friedhof und besichtigte die Grabstätten der Pogromopfer. Am Nachmittag wurden Deputationen der Orthodoxen, des jüdisch-kaufmännischen Vereine- und der Assimilatoren empfangen. f SamStag um 6 Uhr nachmittags veranstaltete die zionistische Partei in der Wohnung d«S Dr. Alexander HauSmann einen feierlichen Empfang Morgenthau- und seiner Frau. Im Nanren der zionistischen Exekutive toastierte Dr. Zipper, worauf Botschafter Morgenthau mit einer Rede antwortete. Beim Verlassen des Hauses bereitete das vor dem Hause versammelte Publikum dem Gaste Ovationen. Sonntag früffreiste die Kommission nach Sta nisla« und kehrte nach eintägigem Aufenthalt dortselbst nach Lemberg zurück. Montag um 10 Uhr vormittags fand im großen Saale des Vereines „Jod Charuzim" eine von der zionistischen Parteileitung einberufene Mische Volksversammlung statt. Botschafter Morgenthau hielt eine Ansprache. in nichts unterschied und die aus dem Nattonalftaatswahn geboren war, neuerdings verteidigt und damit sogar die eigene sozialdemokratische Regierung, vor allem aber Renner selbst, der theoretisch immer für die Idee des Nationalitätenstaates gewirkt hat, scheinbar nicht ohne Absicht Verlegenheit bereitet. Auch unsere junge Republik ist nicht in dem Sinne ein Nationalstaat, daß jeder Nichtdeutsche bloß geduldet ist und es ist nur recht und billig, daß auch in dem neuen, für »Oesterreich" — wie unsere Repubük fortan heißen soll — so drückenden Friedenrvertrage die Klausel enthalten ist. daß die Bestimmung über die Betelligung sprachlicher oder religiöser Minderheiten an den Genüssen aus öffentlichen Mitteln unverändert bleibt, Die Stimmung, ist furchtbar gedrückt, die Sorge um die Lebensnotwendigkeiten des neuen Staates ins Unermeßliche gewachsen. Aber gerade in dieser Stunde muß gesagt sein, wo die Ursache aller Wirren liegt und gerade heute an die beiden großen Gegensätze zu erinnern und eindeutig zu ihnen Stellung zu nehmen, schien uns vornehmste publizistische Pflicht. tat all«, BrrMaaen. Nevaratnre» unter Daranti^ ssarbbLndcr H alle Sliflcmc, erslklaliine» Material. Vcp.\ Sa ,cr. Wien, fe, fSb..!; ..'■. v'c 23. Telebvon 8158?. usr Die weltpolitische Bedeutung des Teschner Konfliktes. Bo» »«fers« Prag« Korrespondenten. rb Prag, 1. September. Der begeisterten und hoffnungsvollen Stimmung, die in der tschecho-slowakischen Republik in der ersten Zeit nach dem Umsturz herrschte, ist eine stetig fortschreitende Desillusionierung gefolgt. In den wenigen Monaten seit der Entstehung dejungen Staates ist eL den Tschechen llar geworden, daß nicht alle Blütenträume reifen werden, die an die politische Selbständigkeit geknüpft wurden, und jene überschwängliche — beinahe naiv-treuherzige — Sympathie für die großen Verbündeten, für die das tschechische Volk wie im österreichische« Hinterlande so auf de» europäischen Fronten und in Sibirien Unschätzbares geleistet hat, und als dessen .Liebling" sich zu betrachten es sich für berechtigt hielt, hat der Anschauung weichen müssen, daß bei den Ententestaaten andere, wenn auch bloß vermeintliche Interessen, manchmal selbst nur persönlich« Beziehungen, mehr gelten, att die Gefühle der Dankbarkeit und Freundschaft. In der Letzten Woche haben die bisher offiziell noch nicht bestätigten Nachrichten über Teschen in der ganzen öffentlichen Meinung die größte Aufregung, eine bittere Enttäuschung und Ausbrüche wahrer Verzweiflung hervorgerufen. Teschen wurde auf Grund seiner historischen Zugehörigkeit stets, als untrennbarer Bestandteil tag

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