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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-01 · Heft 223 (1.9.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 223 (1.9.1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Montag Wiener Morgenzeitung 1. September 191S Nr. 228 Der Parteitag der deutschen Sozialdemokraten in der Tschecho-Slowakei. Seliger über die Stellung zum Staate. Detzlitz, 31. August. (Tel.-Komp.) Gestern abends wurde der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in der Tschecho-Slowakei eröffnet. Die Eröffnungsrede hielt Seliger, an dessen Ausführungen sich Dr. Fritz Adler anschloß. Die meritorischen Beratungen beginnen herUe. Aus der Tagesordnung steht ünter anderem auch die Neukonstituierüng der Partei und des Organisationsftaturs, zu dem 18 Abanderungsanträge vorliegen. Unter anderem wird beantragt, die Partei möge erklären, daß an Stelle der imperialistisch-demokratischen Regierungsform das Rätesystem und die Diktatur des Proletariats zu treten haben. Ein anderer Antrag beschäftigt sich mit der Organisation der Kleinbauem und Häusler. In feiner Begrüßungsansprache führte Seliger aus: Der Weltkrieg ist zu Ende, aber was ihm folgt, ist kein Friede. Das, was der Pariser Friede schasst, ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Verschiebung der MachtverhalLnisie. Das, wgs die Vertreter der imperialistischen Klassen in Paris, in Versailles und in Saint-Germain zusammenyebraut haben, ist nichts anderes als die Wiederaufnchtung eines neuen Systems der Gewalt in Europa. Zu einer ganz besonderen Bedeutung gelangt aber aus diesern Parteitage die Frage unserer Stellung in Der ifchecho-slowakischen Republik. Ich möchte nicht zerne dem Parteitage vorgreisen, aber eines möchte ich schon jetzt sagen: Wir werden in der tschechoslowakischen Republik keinen' anderen Kampsboden beziehen, als den der Sozialdemokratie. Innerhalb des Staates und aus seinem Boden werden wir für das Selbstbestimnmngsrecht aller Nationen kämpfen, die in diesen Staat hineingezwungen worden sind. Wir wollen, daß alle Nationen, die in diesem Staate zu leben gezwungen sind, ihre eigenen nationalen Angelegenheiten selbst verwalten. Das Ist der Boden ans dem -vir stehen. Lasten Sie mich noch ein Wort zu der Einladung sagen, die uns jetzt'so häufig von tschechischer Seite jufcommt: Sie sagen, wenn wir, die Deutschen, diesen Ltaat anerkennen, dann werden die Tschechen ihr Verhältnis zu uns anders einrichten. Das ist doch im Grunde ein kindisches Verlangen. Was wollen Sie venu von uns? Eine papierene Anerkennung der Republik, ein papierenes Bekenntnis zum tschechoslowakischen Staate. Mein Gott, es gibt' vielleicht keine Nation, die so viele papierene Bekenntnisse zum Staate gemacht hat, wie gerade die tschechische Nation zum alten Oesterreich. (Lebhafte Zustimmung.) Und was waren diese alle wert? Solche Bekenntnisse sind für uns wertlos, wir geben ihnen keines. (Stürmische Zustimmung.) Zum Schluß appellierte der Redner noch an die tschechischen Sozialdemokraten. Auch diese werden von der^Mperialistischen Gewalt beherrscht. Wir haben das Vaterland, sie aber die Freiheit verloren. Wir laden die tschechische sozialdemokratische Arbeiterschaft, oas tschechische Volk ein, auch auf ihrem Boden den Kampf um diese Freiheit aufzunehtnen, auf ihren Boden, der zu keinem anderen Zwecke geschaffen wurde, als zu dem, ein Bollwerk der Reaktion gegen den Sozialismus, eine Bastion des Imperialismus gegen die Demokratie zu sein. Mimsterkrise in Rumänien. Bukarest, 31. August. (Tel.-Komp.) Die Agentur Dacia meldet: Die Ministerknse in Rumänien dauert fort. Wie in gut untenichteten politischen Kreisen verlautet. wird das Kabinett Bratianu demiffionieren, falls bei der Ueberreichung des Fried ensvertrages an Deutschösterreich die Klauseln über den SchM der Minderheiten und die anderen Rumänien betreffenden Artikel nicht geändert erscheinen. Wie verlautet, soll in dem sodann neu zu bildenden Kabinett Dr. Hmlku Flondor. der bekannte Bukowinaer Politiker, Minister- Präsident werden. Die Sü/ne für die Ermordung Mannheims. Berlin, 1. September. In Ausführung der von Frankreich für die Ermordung des Sergeanten M a n n h e i m geforderten Sühne hat Deutschland, wie der ..Lokalanzerger" berichtet, 160.00V Mark für die Familie des Ermordeten schon vor einiger Zeit bezahlt und nunmehr auch eine Million in Hold an die französische Regierung abgesührt. die nunmehr dem internationalen Roten Kreuz Überwiesen wird. Rückkehr der deutscheu Kriegegefaugenea aus Frankreich. Berlin, 1. September. Der .Lokalanzeiger* niclbet: Vorgestern hat der erste Transport von 1000 deutschen Kriegsgefangenen Frankreich verlassen. Etngeseudet. ftiiv Gesunde uttbKranke. Der ThalbtlINtr cf) l p (l H v u h n ist ein Werst schmackhafter Siiuerlmg, c nc» Ä'nvrndung sich besonders bet Katarrhen der Luttwege nnd i'! eignet. Er rrnpssM sich außerdem ruf sehr iv.t/uc',.!»! .chimcttnruß loffilrtöffet. (Medlünalrttt Dr. Jakob .'U'iiifl, XXI.) — $ 1) a 11) c i nie t © th l o 6 I) t Uli 11 iit in flü..u Klinten btt Firma Julius Meinl erniMlh. Die Lügen des Herrn Friedrich. Wettere Details über die Pogrome in Ungarn. Wien, 1. September. Die Dudapester Cliaue des Herrn Friedrich versucht mit einer Beharrlichkeit, die einer besseren Sache würdig wäre, durch Lügen dre ganze Welt zu täuschen pnd ihre bereits restlos verlorene Position mit Gewalt zu erhalten. Der selbsternannte Ministerpräsident Friedrich hat in.einem durch das Ungarische Korrespondenzbureau lm Auslande verbreiteten amtlichen Dementi den aussichtslosen Versuch unternommen, die blutige, von Budapest aus offiziell unterstützte Iudenhetze in Westugarn in Abrede zu stellen und zu behaupten, es wäre nichts geschehen. Wir haben bereits durch authentische Mitteilungen die Oeffentlichkeit unterrichtet, wie die Budapester Pogromisten seit etwa drei Wochen in Ungarn Hausen. Die heutigen Montagsblätter bringen neue weitere Details über die Schandtaten des von Budapest aus organisierten Gesindels. Die „Sonn- und Montagszeitung" meldet: Von einem gestern ans dem Eisenburger Komitat in Wien emgetroffwen Reisenden, an besten absoluter Berlätzlichleit und Wahrheitsliebe nicht zu zweifeln ist, erhalten wir eine Darstellung der blutigen Vbriälle in JanoShaza und Czelldömölk, welche die ersten Nachrichten über die Ausschreitungen in diesen beiden Städten bestätigt. Wenn daß Ungarische Telegraphen- Korreipondenz-Bureau in einem Dementi alle Schreckensnachrichten für erfunden erklärt, so ist dieoffenbar darauf zurückzusühren, dan die Lokalbehörden alle Gründe haben, die von ihnen stillschweigend geduldeten Ausschreitungen vor der Budapester Regierung zu verheimkichen. Unser Gewährsmann berichtet: „DaL Budapester Dementi wird die Toten von JanoShaza und Czelldömölk nicht mehr zu« Leben erwecken. Allerdings muß gesagt werden, daß die ganze jndenfeinbliche Bewegung, wenigstens in diesem Teste de- Eisenburger KomitatS, durchaus nicht auf Budapester Einflüsse zurückzuführen ist und überhaupt mit Politik keine Zusammenhänge besitzt. Eine Hauptrolle spielt hiebei ein gewisser Albin Lingau er, der in seinem Blatte „B a Svarmegye* täglich Hetzartikel veröffentlicht, worin zur Verfolgung der Juden aufgereizt wird, denen er die Schuld an der Emission des weißen Geldes und an der Anschlußbewegung in Westungarn zuschreibt, außerdem ziehen Agitatoren umher und fordern die Bauern auf, sich für das von den Kommunisten angerichtete Unheil dadurch schadlos su halten, daß man die Juden vertreibt und dann ihr Eigentum auftetlt. Die Ausschreitungen in JanoShaza trugen sich am vorletzten Mittwoch zu, am St. StevharrStag. Nachmittags, als der Zug einlief, sammelten sich Bauern aus den steinen Dörfern der Umgebung bei der Station und zogen damit mit dem Strckßencküll in das ^Innere der Stadl. In dem Zuge befanden sich auch abgerüstete Rotgardisten und Frauen. Unter wüstem Geschrei fiel der Haufe zunächst über den Kaufmann Josef Fuchs und dessen Frau her, die beide von der Menge furchtbar zugerichtet wurden. Das nächste Opfer war der Lehrer Simon K e m e n y, dem mit einer Eisenstange der Schädtzl zertrümmert wurde. Der Apothekergehilse Sandor Salzberger wurde durch eine Kugel getötet. Er gab kaum einen Juden, der von dem Pöbel nicht blutig geschlagen wurde. Bei vielen sind die Verletzungen überaus schwere. Die Behörden verhielten sich vollständig passiv. AIS man nach Steinamanger zu Oberst Lehar um Hilfe sandte, ließ er antworten, daß seine Soldaten nicht genug verläßlich seien. Da am nächsten Tag ein neuer Pogrom drohte, beschlossen sämtliche jüdischen Einwohner, die Stadt unter Zurücklassung ihrer ganzen Habe zu verlassen. Auf dem Bahnhof wurden dm fluchLoereiten Juden aber von der Menge in den Wartesaal gcheieben und dort neuerlich mißhandelt. Inzwischen hatte der Zug bereits die Station verlassen, so daß die Inden, auch die Verletzten und Kranken, zu Fuß flüchten mußten. Kein Einziger getraute sich zurückzubleiben. zumal die wütende Menge jeden Hausbesitzer oder Wohnungsinhaber mit Lynchjustiz bedrodte, wenn man bei ihm verborgen gehaltene Juden ausfinden ^sollte. Noch ärger ging eS in der Nacht von.Freitag auf SamStag in Czelldömölk zu. Hier zog der Pöbel von Hans zu Haus, erzwang sich die Oeffnung der Tore, riß die jüdischen Familien aus ihren Wohnungen und verübte überall bestialische Ausschreitungen. ' Ermordet wurden in Czelldömölk: Der Großkaufmamr Markus NSmeth, 52 Jahre alt, der Kaufmann May H o f f m a n n, 73 Jahre alt, Privatier Ungar, Hauptmann Fleischer, Fähnrich Gergely, Leutnant Weisz, Eierhändler Schöntag, letzterer im Beisein seiger sechs unmündigen Kinder und Frau. Schwer verwundet wurden die Brüder H e i m l e r und Adolf Glück, an deren Aufkommen gezweifen wird. Leichtere Verletzungen trugen sämtliche Juden davon. Auch aus Czelldömölk ist die gesamte Judenschaft geflüchtet. Ihrem Beispiel folgten die meisten Beckohner von Garvar, Papa und Szombathely, da auch in diesen Orten Pogrome angekündigt waren. Die Krise in Ungarn. Wie», 1. September. Die Anzeichen, daß im Kabinett Friedrich bereitdie innere Zersetzung begonnen hat. mehren sich. NachdemMinister des AeußernLovaSzyscheint nunmehr auch der HartdeKmirnster Heinrich gegen daS zähe Festhalten Friedrichs au der Macht Stellung zu nehme«. Damit verstärken sich die Aussicht«» auf eine Lösung der Krise durch rin Kabiuett Heinrich oder LovaSzh mit Garyun als Handelsminister, Perdl als Minister für VolkSwohliahrt» Roland HegedüS als Finanzmiuister, Baro« Perenhi als Minister des Innern, dem „ecftten* Stefan Szabo als Ackerbauminister (der gegenwärtige Ackerbauminister Stefan Szabo hat mit dem bckannten Führer der kleinen Landwirte nur den Namen gemein) und den Vertretern der Christüchsoziale» HuSzar und Haller, die auch der Regierung Friedrich angehören. Die Meldung, daß die Sozialdemokraten auch de« Eintritt in eine Regierung Heinrich ablehnen, weil sich Heinrich bereitzu sehr im Kabiuett Friedrich exponiert habe, trifft nicht zu, wohl aber lehnen eS die Sozialdemokraten ( und die bürgerlich-demokratischen Parteien entschieden ab, den Zahn- -arzt Dr. Cilleri und den E> nährungsminister Ereky. hinter denen! niemand steht, und die nun al- Anhänger Josefs und persönliche Freunde Friedrichs in das Kabinett Friedrich gelangt sind, in dre neue Regierung zu Übernehmen; sie verlangen ferner auch sachliche Garantien dafür, daß die Wahlen von einer alle Parteien .vertretenden interministeriellen Kommission Md nicht vom Ministerium des Inner« durchgeführt werden, doch besteht darüber bereiteine weitgehende Neberemstirrmmng zwischen de« Parteien. Allerdings geht die allgemeine Auffaffuug dahin, daß Friedrich seinen Platz nicht räumen wirdbevor er nicht eine entschiedeue Zurückweisung an- Parierfahren hat. Doch ist damit zu rechnen, daß die AblrhnMg Friedrichs in kürzester Zeit in Budapest eintrrffen wird. Garami will morgen oder übermorgen nach der Schweiz reifen, um feine Familie zurückzuhslen; seine Abwesenheit von Budapest würde eine Entwirrung nicht cmshalten, da die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Regierung bis i« alle Einzelheiten festgesetzt, wurden. Allerdings verhehle» sich auch Garami Md DaSzony nicht, daß auch nach dem Rücktritte Friedrichs eme sehr schwierige Lage zurückbleibt, well die polttische Md wirtschaftliche Schwächung de- Landes in der Zeit deS Jvseffchen Md Fnedrichschen Regimeerschreckende Fortschritte gemacht hat. mm Dir Parteie« im polnische« Landtag. Die »Polnischen Stimmen" schreiben: In der Gruppierung der Paüeien des polnischen Landtagehaben sich in den sttzken Woche« gewisse Aendmmge« vollzog«, die «in durchaus neues Bild der MachtverhAtuiff« der Parteien ergeben. Eine festgefügte Majorität besteht indes zur Stunde «och immer nicht. Gegenwärtig stellt sich die Gruppierung der Parteien folgendermaßen dar.: Der nationale Volksverband (»Zwirzel ludowonarodowh"). 70 Mitglieder Dre Bechvigmrg (»ZjednoeMie") ....... 69 , Thugul-Grtlppe.57 » Die Piast-Grirppe (4Ä) 4* S Unabhängig« Volöpartei 81 » P.P.S. t.Polnische sozialdemokratische Partei") .85 0 Der christlich-nationale Arbetterklub AdamSkts. .SS Klub der konstitutionellen Arbeit. .. .17 Nationaler A'.briter-vL'.band („N. Z. A."). » . Stapinski^Gruppe. .? » » .12 « Bürgerliche Vereinigung (Rosset'Grty'pe). » . .12 0 Jüdtschnationale ............. .10 » Matakiewicz*Gruppe. ........... . 7 t» Deutsche . S 0 llllilde .15 a Zusammen . . LSü Abgeordnete * (Die Gtttppt der Jüdikchnakioriglm ist mit zehn angeführt) oMaii ist der tm Aerttttrr der Pbale Zion dazu geschart, der jedoch in viclen Flaacn eine andece, Haltung «uuumtit als i->e IlüoischtkatlvUiüeü. D. Red.) Tagesbericht. Eine interessante Entscheidung in einem Mieterprozetz. Der Oberste Gerichtshof hat kürzlich Über dm Protest einet Astermietertz gegm eine erfolgte KündigMg entschiedew Die Tabaftrafikantln Frau A. vom Kärntnerring 11 hatte dem Rechtsanwalt Dr. D. daß von ihm bewohnte Zimmer in ihrer Wohnung, Eanovagaffe 7, gekündigt. Dr.' P. erhob da-' gegen Elnwendmtgm. Dir Vermieterin berief sich darauf, d.:ß fh das beireffmde Zimmer, das einzige sonnige in de» Wohnnng, selbst für ihr lra« k eS Kind benötige und da? sie speziell deshalb auS ihm Sommerwohnung 1« die Stadt ziehev mußte, mn ihr Geschäft, dessen Hauptstütze, eine altbewährte Bep fchleißttin, ihr g e k Ü n d i g t habe, selbst überwachen und leitet zu können. Die erste GerichtSlnstan, bestätigte die RechtSwirlfamletl der Kündigung, während da- BemfungSgericht jedoch die KUndb Mg aufhob, indem es betonte, daß das Geschäft auch von eine» anderen Verschleißerin geführt werden könne und daß sehr iM Leute heutzutage ferne von ihrer Briuföstätte wohnen müssen. Der Oberste Gerichtshof hat nun die Kündi. guttg wieder als recht-wirksam anerkannt. Schon in Interesse dekranken Kindes in der Woh' itutig müßt dessen MuH« die Möglichkeit steter Ueberwachunt geboten werden. Gleichzeitig müsse aber auch die Notwelidigtet der VririLbsübetwüchung im nahen Gcschäite, namentlich in de, gegenwärtigen, fremdes E i g t n t u m u> c tt I f achtende« Zeit berücksichtigt werden.

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