Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 221 (30.8.1919)
- Date
- 1919-08-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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30. August 1919 Seite 2 Wien. Samstag Politische Rundschau. Der Kampf um Teschen. Die Situation in Paris droht sich wieder einmal zuzuspitzen. Ganz ähnlich, wie es seinerzeit in 'der Fiumaner Frage der Fall gewesen ist, wird jetzt der Konflikt wegen des ostschlesischen Kohlenreviers zu einem onsus delli gemacht und die Tschechen erklären, sie würden die Friedenskonferenz verlassen, wenn Teschen den Polen zngesprochen wird. Ministerpräsident Tusar hat dem Auswärtigen Ausschuß in Prag berichtet, daß die Teschener Frage zwar noch nicht endgültig entschieden wurde, daß jedoch eine Lösung im polnischen Sinne wahrscheinlich sei. Darauf erklärtest die Vertreter-aller Parteien, daß sie eine solche Lösung a ls ein schweres Unrecht gegenüber, der tschechoslowakischen Nation ansehen und beschlossen einstimmig, der Regierung aufzutragen, daß sie in diesem Falle die Unterschrift des Friedensvertrages verweigern soll. Di« tschechische bürgerliche Presse hat in der letzten Zeit immer offener angedeutet, daß die Tschechen auch zu einem Krie g gegen. Polen, bereit sein müßten. Im i Ostrauer Kohlengebiet, das dem Teschener Revier unmittelbar benachbart ist, inszenieren die Bergarbeiter einen politischen Streik und eine Massenversammlung in Mährisch-Ostrau wandte sich in heftigen Kundgebungen gegen die polnischen Aspirationen. Die Belegschaft von 26 Gruben ist bereits in den Streik getreten und Sie anderen dürften sich anschließen. Die Beamten und Aufsichtsbehörden haben sich mit den Arbeitern solidarisch erklärt. In der Ostrauer Versammlung ergriff auch der PräsBent der Entente-Kohlenkommission, Oberst Goodyear, das Wort und forderte die Arbeiterschaft auf, in dieser kritischen Zeit, in der die Kohlenförderung von höchster Wichtigkeit für die ganze Welt und insbesondere für die tschecho-slvwakische Republik sei, die Arbeit wieder aufzunehmen.;$)ie Arbeiterschaft beschloß, die Regierung bei ihrem i Kampf um Äschen mit allen Mitteln zu unterstützen und sandte auch eine Deputation zu Masaryk, mn ihn zu energischer Stellungnahme aufzufordern. Teschen war einer jener Zündstoffe, um welche die ganze Zeit über die Pariser Verhandlungen vorsichtig herumgingen und die doch schließlich zu einer Entladung führen mußten. Nach dem Zusammenbruch «hat die Tschecho-Slowakei auf Grund der „historischen Grenzen" auch das überwiegend von Polen bewohnte .Ostschlesien in Anspruch genommen, während Polen sich auf die ethnographische Zugehörigkeit" herief. Der Zehnerrat hat keine Stellung genommen, und während nian wußte, daß die endgültige Entscheidung in sjfcitiS fallen wird, suchten doch beide Nationen ein fait aceompli zu schaffen und es kam wiederholt zu bewaffneten Zusammenstößen. Auch der Besuch PaderewskiS in Prag und die darauf folgenden Krakauer Verhandlungen blieben refultatlos. Nunmehr muß gelegentlich des Friedens mit Oesterreich diese Streitfrage bereinigt werden. Die tschechische Regierung hat sich in letzter Zeit sehr reserviert verhalten und wirck) deswegen von der nationalistischen Presse heftig angegriffen. Warum die Entente für Polen entschieden hat, gehört zu jenen amerforschlichen Ratschlüssen, bei denen Imponderabilien .aller Art mitspielen mögen und die wir einfach hinzu- ' nehmen haben. Wilson und Lloyd George haben Paris verlassen und Clemenoeau scheint Paderewski geneigter zu sein als Kramarsch. Daß die Entente gerade die polnischen Wünsche so entgegenkommend behandelt, wird verständlich, wenn man bedenkt, daß ihr einziger, militärisch noch aktiver Feind das bolschewikische Rußland ist und daß die Entente einen nervösen Horror vor dem Gedanken eines in Zukunft möglichen deutsch-russischen Zusammenschlusses hat. Polen soll das mächtige Bollwerk zwischen Deutschland und Rußland werden. Demgegenüber sinkt auch die Bedeutung der Tschecho-Slowakei, die ihre historische Rolle der Entente gegenüber gewissermaßen schon erfüllt hat, beträchtlich. Dir Tschechen, die durch den maßlos imperialistischen Kurs der Kramarsch-Politik verblendet waren, sind enttäuscht, und es ist kein Zweifel, daß es in den nächsten Tagen zu lebhaften nationalen Kundgebungen kommen wird, ganz so, wie es in Italien wegen Fiume der Fall war. Es ist jedoch fraglich, ob es klug ist, die nationalistifche Stimmung in dieser Weise zu schüren. Denn es besteht kein Zweifel, daß die Tschechen sich der Entscheidung des Obersten RatrS werden fügen müssen, wie immer sie auch fällt. Ein tschechisch-polnischer Krieg nach Abschluß des Friedens wäre ein solcher Wahnwitz, daß man daran gar nicht zu denken vermag. Bedauerlich ist jedoch, wenn durch diese Entscheidung «euer Konfliktstoff in der Mitte Europas angehäuft wird. Die Entente will eine Volksabstimmung in Ostschlesien veranstalten und beide Teile nehmen an, daß diese zugunsten der Polen auSfalleu würde. In Ostschlesien, von Teschen bis Bielitz, bilden auch bieJuden eine nicht unbeträchtliche Minorität. Das jüdische Volk kann in einem solchen territorialen Streit nicht Partei ergreifen, schon infolge seiner tragischen Zerrissenheit Und Zerstreutheit unter alle Völker. Jedoch unbeschadet der notwendigen Neutralität können wir doch darauf Hinweisen, daß beide streitenden Völker der jüdischen Seite der Frage wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Die Juden fordern Anerkennung ihrer NationalüLt und wünschen, dem nationalen Hader fernbleiben zu könM. ist. auch, kaum zu bezweifeln,, haß an- Wiener Morgeirzrrturrg Är. 221. *»■ "VT-T* Vor Friedensschluss. Wien, 29. August. lieber den Tag, an welchem der deutschösterrnchischen Delegation der Friedens vertrag emgehänbtgt werden soll, ist noch immer keine Klarheit zu erlangen und immer wieder melden die Blätter von neuen Verschiebungen. Es kann kein Zweifel obwalten, daß sich die Beratungen in der finanziellen Frage recht schwierig gestalten und daß eS namentlich der Widerst and der Ratio nalst aalen ist, welcher die Verzögerungen hervorruft. Wie man aus Paris meldet, wird die Absicht Frankreichs, in den.Friedensvertrag mit Deutschösterrcich' bestimmte Klauseln aufzunehmen, die. den/ . Anschluß an Deutschland hindern sollen, namentlich/von Amerika heftig bekämpf t, weil solche Sonderbestimmungen den Satzungen des Vö l kerb und vertrag es zuwiderlaufen würden. Dies wird auch durch „Echo de Paris" bestätigt, welches zu wissen glaubt, daß der Vertrag morgen vollendet sein werde. ,Havas" meldet bloß, der Oberste Rat solle heute das Begleitschreiben zum Friedeusvertrag mit Deuischösterreick, abfassen. Eine nicht unbedeutende Milderung der Bestimmungen stellt die KohLnklaufel dar, welche die Nachbarstaaten verpflichten soll, durch eine Reihe von Jahren Deutsch österreich Kohle zu liefern und es heißt, daß die Festsetzung des Verteilungsschlüssels durch die internationale Kohlen ko m Mission erfolgen solle. Diese Bestimmungen nehmen Rücksicht auf die prekäre Lage Deutschösterreichs betreffs der Kohlerivoxsorgung, ebenso wie Frankreich an Deutschland das Zugeständnis gemacht hat, sich vorläufig mit 20 Millionen Tonnen deutscher Kohle an Stelle der festgesetzten 40 Millionen zu begnügen. In Ungarn klebt der Usurpator Friedrich, der übrigens bereits formel der christlichsozialen Partei beigetreten ist, unentwegt «m seinem Mandat aus eigenen Gnaden und empfängt weiter Deputationen. Die Rumänen sitzen weiter in Budapest und erfreu?n sich allem Anschein nach der unvermind?r^n G'mrfi Frankreichs. „New York Sun" erfährt aus Parts, daß die amerikanische Opposition gegen die schlappe Haltung der Friedenskonferenz bezüglich Rumäniens wieder eingestellt worden ist, da die Amerikaner sich klar darüber geworden sind, daß es keinen Zweck habe, einen Kämpf aus prinzipiellen Gründen zu führen, während die anderen Länder ihre Haltung durch materielle Erwägungen bestimmen lassen. Die Franzv sen haben es entschieden abgelehnt, ihre Politik Rumänien gegenüber zu ändern, da sie in Rumänien einen künftigen Bundesgenossen gegen Deutschland erblicken. In einer heute verlautbarten Kundmachung hat das rumänische Platzkommanbo von Budapest ungarischen Offizieren und Unteroffizieren das Tragen von Waffen verboten, Offizieren das Tragen von Uniformen nur mit besonderer Erlaubnis gestattet und ihnen v erboten, sich aus bet Stadt zu entfernen. Außerdem wird für sie der Mel hung s zwäng eiugeführt.'" Die Bolschewiken setzen den Kampf um iW Macht in Rußland unentwegt'fort.' Gegen Ko lis ch aE scheinen sie starke Erfolge errungen zu hohen. HiNgegM soll sich die Armee Denikins Kiew nähern. Nun versucht es tit bolschewikische Regierung, nachdem sie Vtit brr Verpflanzung ihrer Methoden im. Westert wenig Glück .gehabt hat, den fernen. Osten, aufzuwiegeln. Letztenwurde ein Appell an die. 'Chine sen' bekannt, und nun veröffentlicht die „Jzwestia" eiltet ' Aufruf an di« MohaNimÄimer in I n d i e n und Europa, die W'a h l f a h r t e.n - zu den heiligen Orten des Islam zu unterl assen, so lange diese unter englis chern Prote ktorat stehen? durch die Fremdherrschaft seien die Stätten entweiht: Das russische Nachrichtenamt bemerkt, dazu, daß dies nur der Anfang einer umfassenden, gegen Engländer, Franzosen und Italiener gerichteten Bewegung, sei. - Das Mißtrauen gegen Deutschland ist in der Welt noch keineswegs geschwunden. Gompersder nach New-York zurückgekehrt ist, erklärte, daß die Deutschen noch immer keine Reue zeigen. Ihr Hauptziel sei noch immer, andere zu beherrschen. Er habe die deutschen Vertreter zur" Amsterdamer Konferenz eingeladen, aber es habe sich heraus ge stellt, das; sie während des Kriege- »richtS gelernt hätten. Auch die Abfallbewegung tu den deutsch, n Westprovinzen, welche zweifellos von den französischen Behörden favorisiert ftritb, will nicht abflauen. Namentlich sind eS die von einem Dr. Dorten geleiteten und auf bewußt katholischer Seile auf Sympathien stoßenden Bestrebungen zur Bildung einer selbständigen pfälzischen Republik, welche der Regierung Deutschlands zu schassen machen. Mau hat in Deutschland bisher kein taugliches Mittel gefunden, um diese auf Zerreißung der deutschen Einheit ausgehend? Bewegung einzudämmen und die bloße Beschuldigung des Hochverrates erweist sich als wenig ausreichend. Nun liegen Nachrichten über einen . Putschversuch kn der Rheinpfalz vor. In Ludwigshafen kam es zu einem Kampf um das Hauptpostamt, wobei auch Handgranaten verwendet wurden, einige Personen ihr Leben e i nbützten, bis schließlich das Amt von französischen Soldaten besetzt wurde. In der Stadt sind Plakate angeschlagen, welche die „freie pfälzische Republik" proklamieren. Welcher Erfolg der Ä-fallbewegung heschieden sein wird, läßt sich gegenwärtig nicht beurteilen. morn gesichts der blutigen Greueltaten der Polen in den ersten Monaten nach dem Waffenstillstand die Juden damals nicht wünschen konnten, baß wieder eine jüdische Gruppe unter polnische Herrschaft kommt. Selbstverständlich bestreiten wir den Polen nicht ihr Recht auf nationale Selbstbestimmung und auf Kundgebung ihres nationalen Willens und sind uns bewußt, däß i« derartigen nationalen Fragen das jüdische Interesse nicht den Ausschlag geben kann. Trotzdem muß mit Bitternis festgestellt werden, daß auch dir tschecho-slowakifche Republik, in die die Juden anfangs volles Vertrauen gesetzt haben, den jüdischen Erwartungen nicht entsprochen hat. Das antisemitische Regime in der Slowakei und die Förderung des nationalen Boykotts sind eine traurige Erfahrung. Auch für den Wunsch der Juden, als jüdische Nation dem nationalen Konflikt der anderen Völker entrückt zu sein, wird die tschechische Praxiin keiner Weise gerecht, wie sich die) gelegentlich der Volkszählung in der Slowakei wieder zeigt. Im Teschener Gebiet offenbart es sich deutlich, welchen Vorteil die Tscheche« daraus ziehen könnte», wenn die Juden sich als jüdsiche Ratio» deklarierten. Aber leider sind alle Völker so kurzsichtig, baß sie durch die immer wirrer auftauchenden problematischen Fälle nicht belehrt werden und. wo sie die Macht haben, eine eigensinnige, engherzige und unvernünftige Machtpolitik treiben. Die Juden haben keinen Anlaß, sich' in der Teschener Frage zu engagieren. Aber wir hoffe» um des Friedens willen, daß doch noch ein Arrangement getroffen werden wird, daalle Teile befriedigt. Da es sich nicht um den Fetze» Lande-, sondern um die Kohle handelt, so wäre vielleicht der Wetz gangbar, daß die Tschechen, auch wenn baS Gebiet polnisch wird, an der Sohlenproduktion vertraglich beteiligt werden. Auf keinen Fall darf die Kohlenförderung leiden, die heute das wichtigste Interesse Europas ist. Um ihretwillen ist auch Wien außerordentlich an der Teschqner Frage interessiert. Wenn den Tschechen das Teschener Gebiet verloren geht, so besteht die Gefahr, daß auch Wien darunter leiden wird. Aber noch wichtiger als die Kohle ist die Ruhe Europas und der Friede. Der Chauvinismus ist -er Feind. Fast kein Dag vergeht, ohne daß der Telegraph von nationalistischen, beziehungsweise antisemitischen Exzessen tollgewordener nationaler Ehanvinisten berichtet. Die HundstagShitze kann höchstens ein Milderungsinoment, aber keine Erklärung dafür bilden, daß nach fünf Jahren des Weltkrieges, in welchem Hekatomben von Blutopfern auf den Schlachtfeldern dreier Weltteile dem Nimmersatten Moloch eines wahnwitzigen Chauvinismus zum Opfer gefallen sind, nationale Zeloten und Rassenfanatiker angesichts der täglich sich steigernden wirtschaftlichen Not noch immer den traurigen Mut besitzen, das eine Mal in Wien, das andere Mal in Brünn und das dritte Mal in Budapest die Nationalitäten, Konfessionen und Rassen gegeneinander zu verhetzen, anstatt endlich gemeinsam die seit Jahrzehnten immer von neckem versprochenen und niemals verwirklichten sozialen Re formenzurealisieren. Wenn man immer wieder stritten ün „Frieden" von den unschuldigen Opfern hört, denen abwechselnd einmal Deutsche, einmal Slawen, das dritte Mal Magyaren, jedesmal aber Juden zum Opfer fallen, da wäre man oft verleitet, dem wüsten, chauvinistischen Demagogentum jene Worte zuzurufen, welche im grauen Altertum eine Königin einst dem Psrserkönig zuschleiüerte: „Sättiget Euch am Blute, nach dem Ihr dürstet und von dem Ihr nie genug haben konntet!" Moderner, demokratischer Kulwrnationälismus, dem eS ernstlich zu tun wäre um positive nationale Arbeit für daeigene Volk, sei eS in kulturelLev, sei es iniwftv-i schaftlicher Hinsicht, müßte gerade jetzt Nach her Errichtung von sogenannten „Nationalstaaten" auf dan Trümmern des alten Oesterreich-Ungarn daran gßheu, die Fehler der früheren Regierungen und Parteien hies- und jenseits der Leitha zu vermeiden,, er müßte vielmehr einen deutsch-tschechischen, einen polnisch-ukrainischen, einen magyarisch-nichtmagyarischen, einen italie-, nisch-südslawischen Ausgleich und speziell auch durch Anerkennung der Juden als eine gleichberechtigte Nation eine Verständigung mit dein jüdischen Volke anstreben. Vor allem aber wäre dies t die Pflicht aller der sich demokratisch nennenden Re-