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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-30 · Heft 221 (30.8.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 221 (30.8.1919)
Date
1919-08-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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. Mr. NI. Wien, Samstag tz^erungm der einzelnen Nationalstaaten: Ein enges wWMäfZlicht- Bündnis Miteinander zu schließen, das allein imstande wäre, den allmählichen tvittschaftlichen Zusammenbruch und die drohende Hungerkatastrophe zu verhindern. Der Ernst der Zeit wird aber scheinbar von keiner Veite erfaßt, sondern nach den alten Methoden wird weitergewurstelt und weitergehetzt. Eine Nationalität gegen die andere, eine Konfession gegen die andere und ein Stand gegen den anderen. Bon keiner Seite aber wird energisch Front gemacht gegen das System der Wlkerverhetzung, welches der beste Pionier der Reaktion ist und gegen welches mit aller Macht anzukämpfen ebensd ein Grundprinzip wahren Christentums wie echten Sozialismus sein müßte. Am Gegensatz zu dem jüdischen Assimilantentum, brsstn Politik neuerlich durch die letzten antisemitischen Exzesse im deutschen wie tschechischen, im polnischen wie magyarischen Lager ad absurdum geführt wurde, erklärt die nationaljüdische Demokratie: Der Chauvinismus ist der Feind, mag er mit der Kornblume -Mder mit der Samara, mit der Konfeberatka oder mit dem Kalpack sich schmücken. Ueberall und immer trifft die nationale Intoleranz, mag sie sich gegen die Deutschen oder Tschechen, gegen die Ukrainer oder Südslawen oder gegen irgendeine andere nationale oder soziale Minorität wenden, die Juden. Men, Brünn, Pest sind neue Beweise für die Richtigkeit der Worte des deutschen Dichters Grillparzer: ,Don Humanität durch Nationalität zur Bestialität." Der Chauvinismus ist die Geißel der Manschheit;..« ist die Brutstätte des Antisemitismus. Er muß daher von der nationaljüdischen Demokratie heute sowie immer und überall in jedem Lande und bei jedem Wolke in der schärfsten Tonart bekämpft werden. Inland. Dar Landtag für den 2. September «fit» berufen. Der rücherkstttreichische Landtag wurde für Dienstag den 2. September um 10 Uyr zu einer außerordentlichen dringenden Sitzung einderufen. Am der Tagesordnung der Sitzung befindet sich die Forderung der Beamten und Lehrer des Landes wegen Flüssigmachung des vierten Anschaffungszuschusses. Die Unterhaltsbertrage. Die ^Wirger Zeitung".verlautbart eine Vollzugsanweisung des Staatsamtes für Heerwesen vom 27. August, derzuwlge den anwruchsberechtigteu Äugehöriaen'vvn Personen, die als Bolkswehrmänner dienen oder die bei militärischen Stellen noch in aktiver Dienstleistung stehen, für die Dauer der Dienste, die diese Personen als aktive Mckttärpersonen in der Zeck vom t. September bis 81. Oktober 1319 leisten, der UnterhallSbeitrag weiter gewährt wird. Die Kündigung von Dienstverhältnissen. Amtlich wird verlautbart: Dienstverhältnisse, die dem HandlungSgehilfengesetze unterliegen und vor dem Jahre 1918 ohne Zeitbestimmung eingegangen wurden, können vom Dienstgeber nur gemäß den folgenden Bestirnmungen gekündigt werden, und zwar: Dienstverhältnisse, die im Jahre 1917 eingegangen würden, frühestSnS am 30. September 1919. Dienstverhältnisse, die in den Jahren 1914 BIS einschließlich 1916 eingegangen wurden, frühestens am 81. Oktober 1919, " Dienstverhältnisse, die vor dem Jahre 1914 eingegangen würben, frühestens am 30. November 1919. In Betrieben mit nicht mehr als 10 Arbeitnehmern (einschließlich der Lehrlinge)- können diese Dienstverhältnisse vom Dienstgeber frühestens am 80. September 1919. gekündigt werden. Ist eine Kündigungsfrist nicht vereinbart oder ist nicht ausdrücklich eine längere Kündigungsfrist vereinbart worben, so ist eine Kündigungsfrist von einem Monat, wenn es sich aber Um Dienstnehmer handelt, die am Tage der Kündigung bereits länger als 10 Jahve ununterbrochen in diesem Dienstverhältnis gestanden find, eine Kündigungsfrist von drei Monaten einzuhalten. Das Kündigungsrecht de- Dienstnehmers sowie daS Recht beider Teile, aus wichtigen Grüick>en die vorzeitige Auflösung de» Dienstverhältnisses ju verlangen, wird durch die vorstehenden Bestimmungen nicht berührt. Die BvllzugSanweksung gilt nicht für Dienstnehmer, deren Entgelt de» Betrag von 8000 Kronen monattich übersteigt. Sie tritt am 1. März 1980 außer Kraft. Ein Landesjugendamt ln Oberösterreich. Linz» 29. August. (Korr.-Bur.) Der öberösterreichische LandrSrat hat in feiner Sitzung vom 14. Juli beschlossen, durch BerlÜnderuna der Landeskommission für Kinderschutz und Jugendfürsorge -eiurand eSjugendamtzu errichten, dem alle Agenden der Jugendfürstrge zu Übertragen find. Der dsutschösterrelchifche Friedensvertrag. Belmar, LS. August. (Funkspr. des Korr.-Bur.)!,PetitParifien" schreibt, daß der Friedensvertrag mit DeutschVsterreich schwerlich vordem 10. Septrmber werde unterzeichnet werden. Das Blatt steht Schwierigkeiten voraus, einerseits wegen der Spannung zwischen Rumänien und den Alliierten, andererseits wegen der B e st i m m n n gen übet den Minorilätenschußi die vermutlich weder von Rumänien noch von Serbien imtu'it ontamwmven.werden. [.PWiiiiffH i —...»...»**... Wiener Morgenzeitung 30. August 1919 Seite 3 Mißhandlung und Beraubung jüdischer Heimkehrer unter Mithilfe der Kärntner Volkswehr. Auf dem Bahnhofe Villach, wo die Italiener unsere Kriegsgefangenen an die beutschösterreichischen Militärbehörden übergeben, spielen sich schrecklich «Szenen ab. Nach Abzug der italienischen Wachmannschaften stürzen sich Kriegsgefangene aus ihre Kameraden' und mißhandeln und berauben sie. Anfangs trugen diese Ausschreitungen den Char-akter der Lynchjustiz. Die betvoffenen Personen, einige sollen getötet worden stein, würden beschuldigt, ihre Kameraden in der Gefangenschaft gequält und übervorteilt zu haben. Bald aber Nahmen diese Gewalttaten rein antisemitischen Charakter an. Jetzt sucht man sich Juden heraus und verprügelt und beraubt sie. Die V o l k swehr, welche berußen ist, Ordnung zu halten, bleibt teils untätig, teils ermuntert sie die Exzedenten. Bei den Offizieren finden die Bedrängten keinen Schutz, sie müssen sich mit höhnenden antisemitischen Bemerkungen abspeisen lassen. Im Spital des Kriegsgefangenenlagers Villach-Warmbad liegen über 2 0 Opfer der antisemitischen Barbarei. Abgeordneter Stricker hat sofort nach Eintreffen dieser Meldungen beim Staatsamt für Heerwesen Protest gegen diese unerhörte Roheit eingelegt und energische Maßregeln gegen die von seiten der Offiziere und Mannschaften der Kärntner Vvlkswehr auf dem Villacher Bahnhof betriebene antisemitische Hetze und- Pogromagitation gefordert. Staatssekretär Doktor Deutsch hat dem Abgeordneten sofortiges energisches Einschreiten zugesagt und die verlangte, Untersuchung gegen die Schuldtragenden eingeleitet. Die vom Abgeordneten Stricker namhaft gemachten Zeugen werden sofort einvernommen werden. Abgeordneter Stricker erklärte, daß im Falle der Wiederholung dieser schändlichen und feigen Uebergriffe die jüdischnationale Organisation zu den schärfsten Abwehrmaßnahmen schreiten wird. Sie ist nicht gewillt, das Elend der unglücklichen jüdischen Kriegsopfer. durch antisemitische Verbrecher ins Maßlose steigern zu lassen. Alle Heimkehrer und deren Angehörige und Freunde, welche Zeugnis für diese und ähnliche Vor", fälle ablegen können» «erden aufgefordert» ihre Adressen dem Jüdischen Nationalrate für Deutschösterretch, Wien» II., Taborstratze 20, bekannlzugeben. Wer sich dieser Pflicht entzieht, begeht ei« Verbrechen an den jüdischen Kriegsopfern und ihren Familien. Die Wiener Arbeiter haben den Krieg gutgeheitzen „Homme Libre" über den Standpunkt der Entente. Taint-Germaln, 29. August. (Korr.-Bur.) ,Homme Libre" schreibt: Ein sozialistisches Blatt hat vorgestern seiner Entrüstung darüber Ausdruck gegeben, daß die Alliierten den Wiener Arbeitern keine Gerechtigkeit widerfahren lassen. Diehieße den Standpunkt der Entente verkennen. Tatsächlich haben die Wiener Arbeiter bei der Kriegserklärung an Serbien ihrer Unzufriedenheit nicht Ausdruck gegeben, wenigstens «nicht BIS zu dem Grad, um ihrei bescheidenem Verantwortlichkeit ledig zu werden. Sie haben im Gegenteil während des ganzen Krieges passiv und nachgiebig alle blutigen Phantasien der führenden Männer der allen Monarchie gutgeheitzen, mit.Ausnahme der letzten Jahres, als dis Kämpfe, ihre Leiden verlängerten. Wenn man ihre Haltung mit jener der tschecho-flowakischen, jugoslawischen und polnischen Arbeiter vergleicht, die innerhalb der österreichisch-ungarischen Armee revoltierten und solcherart Anteil am Siege hatten, so wird man einsehen, daß e§ besser ist, diese letzteren so weit als möglich zu-Unterstützen, wenn man auch dadurch den österreichischen Arbeitern eine größere Arbeitslast auferlegt. Tatsächlich hat die Entente versucht/ sich dem rechtlichen Gleichgewicht so weit als möglich gu1 nähern, ohne freilich einen 'Strich über die Vergangenheit zu machen. Insbesondere wurden in den finanziellen Bedin-i gungen, soweit sie die Aufteilung der Dorkriegsschulben Be-j treffen, Erleichterungen gewährt. Den vom 'Staatskanzler Dr. Renner in seiner Note vom 6. August vorgebrachten Einwendungen wurde bis zu einem gewissen Grade Rechnung! getragen. WaS die Kriegsschuld betrifft, so sind die Aenderungen geringfügiger. Ohne das Prinzip der Verantwortlichkeit der neuen österreichischen Republik zu durchbrechen,'' hat die Konferenz gewisse Punkte in-einem für Oesterreichgünstigeren- Sinne geändert. Im allgemeinen hat man der Reparationskonimission größere Vollmachten und, mehr Bewegnngsfreiheit zugebilligt. Sie wird insbesondere eine gewisse Rolle bei der Ueberwachung der Lebensmittelversorgung- Dentschösterreichs zu spielen haben und bei Regelung der! Angelegenheiten aller Erbstaate» der alten Monarchie ge-- wissermaßen als Schutzrichter mrstreten. Telegramme. Handelsminister Heinrich über die Lage in Ungarn. Bndapest, 29.August. (Tel.d. „Wr. Modenzeitung.") Handelsminister Franz Heinrich gewährte ihren Korrespondenten eine Unterredung» Inder er erklärte: Ich betreibe keine Politik, weder nach innen noch «ach außen. Mir ist bloß am Aufbau des Landes gelegen. Nicht als Politiker sondern als Exponent des Handels und der Industrie sitze ich im Kabinett; um so weniger werde ich, der selbst Katholik ist» eine Raffen- und Konsesstonshetze oder eine Klaffenverhetzung arrfkornmen lasten. Ich bin selbstverständlich dafür» daß die Bolschewiken die Äußerste Strenge des Strafgesetzes zum spüren bekommen, doch verabscheue ich es, daß Raffen prinzipiell verfolgt werden» was gegen jede Vernunft wäre. Selbstverständlich bin ich für eine gesunde Sozialpolitik; die gerechten Forderungen eines patriotischen Sozialismus werden stets bei mir Unterstützung finden. Ein Minister der diese Forderungen unserer Zeit mißversteht, wäre ein schlechter Minister. Ich bin auch für die Sozialisierung der im Staatsinteresse' stehenden Verkehrsbetriebe und dev Kohlenbergwerke» die expropiert und verstaatlicht werden sollen. Bezüglich der Massenentlassungen der Arbeiter erklärte der Minister, daß die Betriebe weder Kohle noch Rohmaterial haben. Ich suspendiere auch — sagte er — die Arbettslosenunterstützüng, da der Staat nicht in der Lage ist» sie zu zahlen. Hingegen habe ich staatliche Arbeiten angeordnet, so den Bau des Winterhafens von Esepel bei Budapest, wo viele Tausende von Arbeitern Berdienstgelegenheit finden werden. Wir setzen alles daran, um die Arbeitslosigkeit zu beheben» doch muß uns die Entente dabei mit Rohmaterial helfen» sonst lehnen wir die Verantwortung für altes ab. Die Industrie und Kaufmannschaft» erklärte der Minister ans die letzte Frage, hahen furchtbar unter dem Bolschewismus gelitten, find jedoch keineswegs ruiniert. Ich bin außer Sorge, daß sie bald wieder hochkommen, vorerst aber mttffen n»‘v l cv armen Stadt ogf die FAtze^helfen. Was Erzherzog Josef erzählt. Versailles, 29. August. (Korr.-Bur.) Der Sonderberichterstatter des »Journal" in Budapest Paul Ezie hatte am Tage vor der Abdankung des Erzherzogs' Josef mit diesem eine Unterredung. Der Erzherzog erklärte, er habe die Regierungsgeschäste nur übernommen, um das Land aus den augenblicklichen Schwierigkeiten herauszuführen. Es sei vom Anfang an seine Absicht gewesen, in dem Augenblick, in dem es gelungen wäre, eine Regierung zu bilden und die Wahlen für die Nationalversammlung sicherzustellen, sich wieder zurückzuziehen. Es habe sich um «eine royalistische Bewegung gehandelt, sondern um einen Staatsstreich, damit Ungam von der Abenteurerhande befreit werde, die es an den Rand des Abrundes geführt hatte. Er fei nicht der Vertreter oder er Platzhalter Kaiser Karls und Überlasse es dem ungarischen Volk, sich für die Republik zu erklären.' Ungarn sei niemals kommunistisch gewesen und ohne den Verrat Karolyis, der mit den ruffischen Bolschewiken paktiert habe, hätte Bela Kun niemals ans Ruder gelangen können. Die angeblichen Vorbereitungen zu den Wahlen in Ungarn. Budapest, 29. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die Regierung hält die Durchführung der Wahlen in die Nationalversammlung für ihre'drinamdste Aufgabe. Die Verordnung betreffend die Wahlberechtigung für die Nationalversammlung, die Munizipal- und Gemeindevertretungen ist nahezu fertiggestellt und wird in allernächster Zeit bereits erscheinen. Anschließend daran werden Verordnungen über die Wahllegitimationen und das Waylverfahren herausaegeben werden. Nach den bisherigen Plänen sollen die Wahlen sür den Anfang September ausgeschrieben und noch im Lause desselben Monats durchgeführt werden, so daß die Nationalversammlung am 1. Oktober ".v sämmentreten könnte. Wettere' Verhaftungen in Ungarn. Budapest, 29. August. (Ung. Tel.-Korr.-Lur.) Aus Siofok wird berichtet: Jenseits der Donau sind Offiziers-Patrouillen auf der Suche nach sich dort versteckt haltenden Kommunistenführern. Dieser Tage gelang es, den gewesenen Volkskommissär für Heerwesen, Bela Szanto. zu verhaften, der während des Kommunistischen Regimes mit % dem größten Tenor Werbungen für die Rote Armee betrieb. Besonders die OWere halten durch ihn viel zu leiden, da er sie durch Spione Überwachen ließ. Bet Szanto wurden große Menge,: blauen Geldes vorge. .HM«.

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