Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 221 (30.8.1919)
- Date
- 1919-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HW»« 8*#w m mam w «o»i 'GLKr «MtaiBnrt»n: SdsME § «Nv SSI “’W-Ä'' -**• “■ MMVL Wien, Samstag, de» 30. August 1919 Girr-srorsurpLür.': ijtSOiWtr5 Wttp» f»* V«H^Wudr } MorrEch . «£*\ 8.80 . Ntr-t-UA^kK?! „ S5.— ‘?frtt!trfSi}t% Y . M 8>>.— YO^nrfS'jtrlfl , . . « V6 — \ ttm: " i 133 üm,? XI, Cttfra^fh-sfil; “ Ur. 1—L . Vofifra»k4ft*»+*Ki» ’ V». 150.606 1. Jahrgang Morgentha« tu Gattzlen. m. d. W r t % 3a Digust. Botschafter Wvrgenchau ist in Begleitung des Generals Jadwbr und einiger weiterer Kommiffions- Mitglieder über Czenstochau in Krakau eingetroffen. Aus diesem Anlaffe widmet ihm der „Czas", das Organ der polnischen Konservativen, einen BegMungsartikel an leitender Stelle, der einige Beachtung verdient. Schon in der Einleitung wird der ganzen Kommiffionsgeschichte in der diesem Blatte eigenen verschmitzten Weise eine eigene Deutung gegeben : es handle sich dieser Kommission darum, »die hiesigen Verhältnisse kennen zu lernen". And um dieses eminente Interesse Amerikas an der Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse des polnischen Judentums zu erklären, wird in diesem Zusammenhänge von der »ungeheuren Zahl polnisch-jüdischer Emigranten* gesprochen, die Amerika seit Jahren ausnimmt. Also nicht die Pogrome, nicht höhere Interessen reiner Menschlichkeit find es, die diese Kommission veranlaßten, sondern das Emigrationsproblem der polnischen Juden, das ja das Um und Auf der polnischen Politik in bezug auf die Juden bildet. Daß nach einer solchen Deutung der Sache der „Czas" die Berechtigung Amerikas zur Entsendung dieser Kommission anerkennt, ist auch nicht weiter erstaunlich.; Auf der erwähnten Linie bewegen sich auch die weiteren Betrachtungen des Blattes über die Judensrage in Polen. „Dank unserer Passivität" — heißt es in diesem Artikel — „oder unserer Gastfreundschaft häuften sich bei uns in genügender Zahl starke, in beruflicher Hinsicht sehr einseitig gerichtete jüdische Massen, ■ die sich von ihren Berufen ernähren können, die aber auch einer' normalen wirtschaftlichen Entwicklung unseres LoWes hinderlich sind".„Darm — und nicht in unserem angeblichen Antisemitismus — liegt der Unterschied zwischen der Judenftage in Polen und anderwärts. Ohne Abfluß dieser übermäßigen jüdischen Bevölkerung kann von einer rationellen Gestaltung - der jüdisch-polnischen Verhältnisse keine Rede sein. Der polnische Antisemitismus, der übrigens viel zivilisierter, aber auch viel schwächer ist als beispielsweffe der Antisemitismus im benachbarten Deutschland, Oesterreich, Tschechien oder Rumänien, entspringt lediglich dieser Quelle und nicht den spezifischen Eigenheiten der polnischen Seele." - Aber mit der Selbstzufriedenheit über den „viel kulturelleren" polnischen Antisemitismus hat der „Czas" nicht geimg. „Die Legende über Pogrome" — heißt es dort weiter, — „über Massenverfolgungen, über Entziehung von Bürgerrechten, über wirtschaftlichen Boykott und über religiöse Intoleranz kann jenseits des Ozeans oder in weitentfernten Ländern Verbreitung finden, aber bei einer Bcrühmng mit der Wirklichkeit muß sie verschwinden". So schreibt ein Blatt, das als seriös gelten will, in Krakau, dem Orte, der mit seinem Pogrom» dem der Jude Meller . zum Opfer siel, den Auftakt zu einer langen, ununterbrochenen Reihe von Pogromen in ganz West- und Mittelgalizien bis inklusive Lemberg bildete, welche dann auch nach Kongreßpolen hinübergrjffen,. in Krakau, das erst vor kurzem zum zweiten Male der Schauplatz wüster Ausschreitungen gegen die Juden war und das noch. heute von Pogropiflüchtlingen aus ganz Mittelgalizien wimmelt! Wahrlich, wenn man angesichts dieser Tatsachen von einer Pogromlegende sprechen kann, so kann man auch den polnischen Antisemitismus als „kulturellen" bezeichnen... Was jedoch in diesem Artikel besonders aufsallen muß, ist die besondere Vertrauensseligkeit in bezug auf diese Kommission, in die das Blatt die größten Hoffnungen setzt. „Je näher" — erklärt der „Czas" — „die Einzelheiten über die Art der Auffassung. ' ihrer Mission, die die Kommission hat, an uns herankommen, desto mehr haben wir Vertrauen, daß der Bericht, den sie in Amerika erstatten wird, die übertriebenen Anschuldigungen, die von manchen jüdischen Kreisen gegen Polen erhoben werden, zerstreuen wird." Wenn wir auch zu dieser Kommission kein Mißtrauen hegen und keinen Grund zur Befürchtung haben, daß ihr Bericht, der sich auf ein so reichhaltiges und, was die Hauptsache ist, . von unmittelbarer Quelle hecrührendes Tatsachenmaterial stutzen wird, die gegen Polen erhobenen „übertriebenen Anschuldigungen zerstreuen könnte". so muß uns „die Art dcrAuffajsuug ihrer Mission" bedenklich crfrfjcineu. Die Entente gegen das Kabinett Friedrich. Gerüchte über Ernennung des Generals Gordou zum Diktator von Ungarn) Budapest, 29. August. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Hier kursiert das Gerücht, daß die Entente die neue Regierung nicht anerkennt, die Blockade von neuem verhängt habe «tUr den englischen General Gord on znm Diktator bestimmte. Die Rumäneu verhaften die ungarischen Offiziere. Budapest, 29. August. (Tel. der „Wiener Morgenztg.") Die Rumäne» haben sämtliche ungarische« Offiziere verhaftet. . * Den Juden in Ungarn sollen die Bürgerrechte entzogen werden. Eine freche Forderung der klerikalen Bauer«. Budapest, 29. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) In den nicht zum antisemitische»! Block gehörenden Parteien herrscht eine erbitterte Stimmung gegen die Regierung Friedrich.! Der Anfug der Demonstrationen, die bisher mit sonderbaren Mittel« vor dem Minister-! Präsidium inszeniert wurden, wird gründlich abgestellt. Aufsehen erregt die Aeutzerung! Lovaszys, der erklärte: „Für chich ist Friedrich nicht der ungekrönte König, der mir Minister- Posten nehmen oder verleihe» kann." Lovaszy sprach sich auch vor den versammelten Klub-i angehörigen entschieden gegen de» judenfeindlichen Kurs ans. Der Bauernführer Zolta« Mesgo widersprach ihm und erklärte, daß alle Inden für Bolschew.ismnSl dadurch büßen müssen, daß ihnen unterschiedlos die Bürger-s rechte entzogen werden. Die Mehrheit der Anwesenden stimmte-dem entschiedenen! Protest Lovaszys bei. | Die Frechheit der Budapester Pogromiften, die sich im Kabinett Friedrich als selbstherrliche 'Diktatoren i Ungarns breitmachen, geht wirklich über alle Grenzen. Es ist dringend notwendig, die Pariser Konferenz auf! diese.skandalösen..PorgMe-.m.'Bstdgpest. gnsmerksM.^zy machen, um dem in Budapest derzeit Herrschenden! Gesindel das Handwerk legen. ' , ' ' _! Organisierung der weißen ungarischen Ofstziersgarden in Wien. Die Tätigkeit des Oberst Takaes. Wien, 29. August. Wie wir erfahren, werde« in dem Gebäude der ehemaligen ungarischen Garde durch den Oberst Takaes die in Wien und Deutschösterrerch weitenden ehemaligen ungarischen aktiven und Reserveoffiziere angeworben, neu bekleidet und gruppenweise nach Siofok gesandt, wo sich das Hauptquartier der weiße« Garden unter dem Kommando des Admirals H o r t h y befindet. Diese nenanfgesteltteu OffiziersformatLonen! werden hauptsächlich zn den Pogromhetzen in Westungarn benützt und es wäre Pflicht? der veutschösterreichischen Regierung, dem Oberst Takaes sofort das Handwerk zu legen-nndj das ungarische Werbeburean unverzüglich zn sperren. ' Takaes ist bekannt dnrch die Entführung des « » g a r i^f ch es Rategesandten Bolgar. , / * J Nicht als ob wir etwas dagegen einzuwenden hatten, daß Herr Morgenthau neben seinen Untersuchungsarbeiten und seinen Nachforschungen über die Pogrome und über die jüdisch-polnischen Verhältnisse überhaupt auch „diplomatisch" tätig ist. Ist ja Herr Morgenthau ehemaliger Botschafter und somit Diplomat von Beruf... Dabei ist es ja möglich, daß diese Arbeit auch in Polen in irgendeiner Beziehung von praktischem Wert sein soll. Aber ganz deplaciert war es zum Beispiel angesichts eines elementaren Ausbruches des monatelangen gewaltsam niedergehaltenen Schmerzes^ wie er in der vieltausendköpfigen jüdischen, .Versammlung in der Synagoge zu Pinsk zum Ausdruck Kam, den. Juden mit diplomatisch-ökonomischen Betrachtungen und mit Ratschlägen zu kommen, daß sie sich in Polen „einstigen müssen". Da hat schon das nichtjüdische Kommissionsmitglied Professor Johnson den richtigeren Ton getroffen, indem et tiefer jüdischen Gemeinde die Bewunderung über den Heroismus, mit dem sic ihre Leiden trägt, ausgedrückt und ihr Mut zugesprochen hat. Und nicht weniger deplaciert war der Aufruf Morgenthans an die. Juden von Minsk gelegentlich' der Hoberung /dieser Stadt durch die Polen. Denn nicht an die Juden in Minsk hätte er sich wenden müssen, sondern an die Polen, die trotz allen Versicherungen und redlichen Bemühungen des Generals Szeptycki dennoch ungefähr vierzig Juden getötet. .Hunderte t>ou jüdischen Gc- . schüsteu uitö Wohnungen misgeplimbcrt haben. Außerdem enthielt dieser Aufruf auch die sehr befremdende Aufforderung an die Juden, den Bolschewiken keine! Unterstützung zu gewähren und sich beim Einzüge despolnischen MUitärs ruhig zu verhalten. Dies beweist,! wie stark Morgenthau der polnischen Suggestion erlegen ist. Abgesehen davon, daß der praktische Wett dieser! Aufforderung schon von vornherein sehr fraglichl sein mußte, kann ja von den Uebelwollenden daraus! der Schluß gezogen werden, daß dies anderwärts tatsächlich vorgekommen sei und daß diese und ähnliche! Anschuldigungen gegen die Juden, die vom Pogrom ini Lemberg bis zu den letzten Pogromen in Litauen immer wiederholt werden, denn doch nicht jeder Grundlage entbehren, wie es von jüdischer Säte auf Grund der Tatsachen behauptet wird.. Gerade dieser Aufruf zeigt deutlich die Bedenklichkeit der eigenen Art der Auffassung ihrer Mission durch die amerikanische Kommission und den Fluch der Verquickung von Dingen, die, wenigstens zeitlich entschieden, auseincmdergehalten werden muffen; Vorerst muß nämlich die Untersuchung der Pogrome gründlichste und vorurteilslos durchgefiihrt und die Wahrheit unanfechtbar festgestellt werden und erst dann könnte und sollte, gerade unter Zugrundelegung dieses Materials,^ die politische Arbeit beginnen. Der von der Morgenthau-Kommission emgeschlagene Weg kann wohl den „Czas" und die Kreise um ihn befriedigen, positive und ersprießliche Erfolge für die Zukunft dürste er kaum^cüigen.