Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 220 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Freitag Dit Mdifche PsliLik in Litsuen. AerrtzemmgeN des Staatssekretärs Rosendaum. Staatssekretär Nosenbaum, Mitglied der livruischen Friedensdelsgation in Paris und des Komitees der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz, hat MMtlich seiner DiMMW dürch die Schweiz einem Vertreter 8er „JGtsckM PreßMLtale' Zürichs" eine Unterredung gewährt, rvoböi äv sowohl über die allgemein« politische Lage Litauens als auch insbesondere über die Politik der Juden feine Otn-' schauung äußerte. Nachdem de« Staatssekretär seine Ansicht über die künftigen Grenzen Litauens und die Frage eines Plebiszits ausgesprochen hatte, fragte der Interviewer: „Welche Zuteilung würde am leisten den Interessen der Juden entsprechen?" ' "/»Sowohl mm politische« als such mm nationalen Standpunkt kann es darüber keine zwei Meinungen geben. Ich glaube nicht, daß seihst die Polen behaupten kverdsn, daß biö Angliederung dieser Ges biete im Interesse der Juden liege." „Wie. verhält eS sich mit dem ökonomischen Interesse?" - „Ich höre, baß es darüber Meinuiigsvttschirden-, heiten gM/ was ich über nicht begvstse. Di« Dätigkett der Polen in den letzten Jahrzehnten ist darauf gerichtet, die Juden aus allen ökonomischen Gebieten zu verdrängen. Sie machen daraus lein Hehl, im Gegenteil, sie behaupten, VW sei ihre Nattsnalo Pflicht. Hingegen liegen die ökonomischen Verhältnisse sö, dätzs noch sehr lange Zeit für die Tätigkeit der Juden weitester Spielraum blecht, vhn« daß di« Interessen der anderen beeinträchtigt würden. Im Gegenteil, dieJntecessen alter Bevötkerungsteile ergänzen sich gegenseitig und sind voneinander bedingt. Namentlich ist abep für di« jüdische Intelligenz im litauischen Staate em weites Feld, wv sie Mit Nutzen sowohl für sich wie für die anderen tätig sein kann, während sie in Polen gänzlich verdrängt wird. Ich muß hinzufügen, da,ß die Trennung zwischen demPolitischen und demOekonomischen auf Kurzsichtigbeit beruht. Es ist die- »in Krämerstandpunkt. In Wirklichkeit läuft alles Politische aüfs Oewnomische hinaus" „Glauben Sie nicht, baß nach dem Vertrags der Großmächte mit Polen die Juden gleichberechtigt fein werden, also MM« politischen Beschränkungen unterliegen werden?" „Gewiß, ich habe die Zuversicht, daß die Polen den Der trag mit den Großmächten gewisse nHaft erfüllen werden. Einmal werden sie^ doch zur Einsicht kommen, baß dasjenige, was her Vertrag ihnen auferleat, nichts anderes ist als das, was ihren eigenen Interessen entspricht und für die Ruhe und den Fortschritt ihres Landes wünschenswert ist. Sie brauchen sich dazu nur diejenigen Ideen, zu eigen zu machen, welche kein anderer als Dmvwski' selbst in bezug aus Rußland gepredigt hat, allerdings nicht den Juden, sondern den Pole« gegenüber. Allei» diese Zeit scheint noch in weiter Ferne zu liege« und gerade für ökonomischen Schutz bietet der Vertrag fast: gar keine Garantien. Gs ist m)ch auf de« Unterschied hinzuweisen, daß, während dieser Vertrag den Polen aufoktroyiert werden mußte und sie noch, immer fortfahren, gegen das Recht der Juden anzukämpfen, die Litauer den Jude« ihre Rechte in vi^l größerem Umfange gewähr««, und zwar ganz freiwillig. Dieser freie Wille entspringt den tatsächlichen kulturellen und ökonomischen Verhältnissen, hat also nicht nur subjektive, sondern auch objektive Begründung." „Wie verhält es sich mit den Interessen der anderen, nichtjüdische« Teile der Bevölkerung?" „So sehr ich auch Zionist und Nationaljude bin, so sehr mir die jüdischen Interessen teuer sind, so bin ich doch nicht so weit subjektiv, um die litauische Frage ausschließlich vom Standpunkt der Juden aus zu beurteilen. Wein ich glaube, daß alles, was ich von den Juden gesagt habe, »mtstis rrmiatiäjä, aud) Von den anderen Teilen der Bevölkerung, zum Beispiel von de« Weißrussen, gesagt werden kann. So ist zum Beispiel die Entnationalisierungsgefahr bei den Weißrusse», vor allem bei den katholischen, diel stärker und großer alS bei den Juden. Dann aber halte ich es für unser züteS Recht, daß bei der Entscheidung der litauischen Frage die Interessen der Juden nicht in letzter Linie berücksichtigt werde» sollen. Ich kan« nicht genügend dagegen protestieren, daß die Polen diese Frage in irgendein« Weise behandeln, als wenn es in diese» bestrittenen .Gebieten gar ke inir Jud en g a b 6. Die Juden wohne« in Litauen feit vielen Jahrhunderten, viel früher als die Polen. Sie sind die alleinige« Träger des ökonomischen Fortschrittes des Landes und -habe« zu dessen Shiltur im allgemeinen unbestreitbar viel, um nicht zu sagen alles, betgetrage«. Ichwill nicht unge» recht sein ünd die Intelligenz der Pole» verleugnen, allein die Polen als Großgrundbesitzer bilden das konservierend« Element des Landes, der Fortschritt aus ,allen Gebieten gehört aber den Jude«. Ich will nur ei« »Beispiel anführen: Bialystök ist bekanntlich «ine Fabrik--; stabt, jedoch gehört keine einzige Fabrik de« Polen. Die Polen in Litauen haben seit Miekiewiez keinen einjzigen große» Schriftsteller hervorgebracht und Miektewicz ist ein Litauer. Hingegen habe« die Juden in der-!selben Zeit zwei große Literaturen dort geschaffen: die jMvMrkM. «yh jbfe jiddiUe." Wiener Morzenzeituug .29. August 1919 Nr. L Wvm ^christlichen" Angarn. Die Situation in Ungarn ist von einer Entwirrung noch weit entkernt. Der Ministerpräsident Friedrich hat d«n auch für Ungarn nicht gewöhnlichen Weg eingeschlagen,, aus eigener M4chtvvllkommenheit ein MtttkstöMm zusamMenzüstolken und in einer Not» an Clewe-lesau dessen Legalisierung durch die Entente zu fördern, Ma«.kann sich den gesamte« Vorgänge« tu Budapest gegenüber des AnhrucksS nickt tznischlage«, daß gewisse Entente kreis e die Hand im Spiel haben und auch die Rumänen an der Entwicklung der Dinge nicht unbeteiligt sind. Freilich versichert das Rumänische Preßbuveau, daß sich Rumänien in die Hmetcm Angrl.g-nheite» Ungarns nicht einmenge und die rumänischen Truppen in Budapest bloß den Sicherheitsdienst Versehen. Während die Pariser Blätter den Wortlaut det an Rumänien abgegänMen Rote veröffentlichen, in welcher verlangt wird, daß dieses den Grundsatz anerkenne, wonach alle Güter der feiMichen Stänken sin.gemeinsames Pfand für di» Alliierten bilden sollen und eine genau« Zusammenstellung der in Ungarn beschlagnahmten Güter gefordert wird, Über deren Verteilung die Reparationskommission entscheiden soll, erklären die Rumänen, daß die Meldung, die Lieferung von Lebensmitteln und Rohmaterialien au Rumänien fci eingestellt worden, nicht den Tatsachen entspreche und zwischen Rumänen und den Mtterten nach wie vor ein sehr freundschaftliches Verhältnis bestehe. Die Klärung det ungarischen Verhältnisse wird aber. auf keinen Fall lange auf sich warte« lasst«. Vorläufig hat die Pariser Konferenz beschlossen, daß die Wsatzmigsarmee i» Ungarn, die bisher dem Kommando der Orientarmee unterstand, den in Budapest befindlichen vier Ententegenerals« unterstellt werden solle. Di« Unterzeichnung des Friedens mit Deutschösterreich wird hoffentlich in etlichen Tag»» erfolgen können. Ist dies einmal geschehen, bchtn wird die Entente aus ihrer zuwartenden Haltung heranstrejen müssen, die yuf gewisse Unstimmigkeiten in Paris schließen läßt Md in der Frage Ungarnsein deutliches Wort sprechen müssen. Es muß doch nach allem fraglich erscheinen, ob die von Ungarns neuestem Retter so viel gepriesene Entwicklung zu einem »HrtMchrM Ungarn" in Parts bssvNdevsS Entzücken errege» wird, obgleich der wohlbegründste Verdacht besteht, baß gewissen Ententekrsisen, die sich im Dunkel halten, auch das christliche Mäntelchen zur Verhüllung Arwtsstr Zwecke als politische- Mittel nicht unangeurhm ist. In Ungarn muß sich diö Wendung erstaunlich rästz Ssktzvgen haben, und «iniäe Monat« des ksmmunWschtzN Jnternrezzos haben genügt, wenn Man Hsrrtt. KrWMch unv stittem Depü-lütisttenschwindet ^•hiwh Ml. um aus dem tiberaksn Ungarn, für drfsrn VMischs Hsüptftkömuttg die Änüstmiten der värfchMM» Gaule urs stets das Schlagwort von der judäs^fte^a-« rischen Politik bereit haitSN, rin Eldorado tz§r Chris lchfvziaM / zu machen. Denn diese christvlnde NichtMgbia Vii;o widerlich aufdringlicher Weise das religiöse Belehn uns ochs hie politische Tribüne zerrt, ui» mit der. Wmigllng der breiten Massen gegen den UnglückMgerweist durch eine Anzahl von entiudeten Juden reprasentierten Kommunismus GchmÜluder zu ireibrn/ es letzten Endes doch nur auf die Aufrichtung der Reaktion abgesehen. Auch der Erzherzog hält sich sürso.g.ch in de« Rähs. Dem -ungarischen Volkscharaktar ist eine Neigung zu Kontraste» eigen, aber Kontraste in.der Pölitik sind lest je verderblich, weil sie.eine ruhige Entwicklung hinvern. Und der ungarische Staat steht kam« auf so starten Beinen, um viel« solch« politische Extratour«» hfo Friedrich aus halten zu könne«. Besprechungen in Wien. Wie dis „Ungarische Post" erfährt, fanden in -ty«. letzten Tagen m Wien Besprechungen zwischen Mrtretvm her Ententemächte und leitenden P-rrsönlichkeilen der ungarischen Finanz- und Handelswelt zwecks Einleitung einer HilfSa ktion für Ungarn statt. Die° Besprechungen konnten, da noch keine definitive Regierung in Ungarn gebildet war, nur vorbereitender Natur sein, haben jedoch bereits Aufschlüsse über die Möglichkeiten einer internationalen Lebens- Mittelanshikfe erbracht. Nach Mitteilungen dLs bekannten ungarischen Fachmannes auf dein Gebiete hes Ernährmrgsrvestns, Hofrat Stern,- ist die Gefahr einer Hungerkatastrophe von Ungarnnur jo abzuwenden, wenn die Entente mit möglichsten Befchlsunigung eine .UNterstjitzungsaktivn ins' Work setzt. Die Form hierfür wäre zunächst die Gewährung eines entsprechenden Krebitus in ausländischer Währung, wie ss bei Deutschöstsrreich gtschShsn ist. Ohne einen solchen 5kredtt kann Ungarn seinen dringenden Bedarf an ausländischen Lebensmittsln nicht decken, worauf es doch unbedingt angewiesen ist, da nicht nur die Vorräte von Budapest gänzlich erschöpft sind, sondern bereits die Bevölkerung der Provinzstädte buchstäblich hungert. .< „Sind die Juden Litauens und Sie, Herr Minister, nicht polenfeindlich^ „Durchaus nicht. Gewiß kannten Lemberg, Wilna und PinSk nicht spurlos an unserem Bewußtsein und unseren. Gefühlen Vorbeigehen. Diehieße Uebermen schliches Von unS verlangen, oder vielleicht um- ^ekthxt etwas Unmenschliches, venn nur btt Hund küßt den Stock, der ihn schlägt. Allein wir verstehen diese zeitweisen traurigen Erscheinungen als ehe« etwa- Zeitweises aüszufasssn. Wir wünschen und hoffen, daß die Polen die erreichte Freiheit und Selbständigkeit zu ihrem wahren Heil und Fortschritt au-nützen mögen. Ich als Zionist Md Rattonalist kann gar nicht anders benkr« und wir sind füs? die Freiheit und das Wohl aller Völker. WaS wir aber wünschen, ist, baß auch die Polen sich diesen Gesichtspunkt aneignen. DaS freie Volk möge ein Ring in der Kette der freien Völker fein, nicht aber ein Unterdrücker anderer; sie. die für ihre Freiheit nicht mit "Waffen, sondern mit GerechtigkeitsgrÜnden gekämpft haben, solle« und müsse« die Konsequenzen ihrer eigens«, so schöne« und erhaben«« Idee» auch in bvzua auf, andere selten lassen. Nicht durch Uenschenyaß wurde« die Polen befreit» nicht durch Menschenhaß werden sie ihre Freiheit behaupten. Wohl Rögen die führenden Polen mit unserer Tätigkeit unzufrieden sein, von ihrem gegSttwärtigen Gtanbtzuntt aus möaen sie sogar Recht haben, beim was wir wollen, ist nicht dasjenige, was sie wollen, aber deshalb sind wir noch keine Feinde Polens, sondern nur Gegner einer gewissen Politik, und zwar nicht nur, well diese Politik gegen u«S ist, sondern weil diese Politik gegen die Humanität und Gerechtigkeit imd ich sage es mit größter Bestimmtheit — gegen da- Heil Polens gerichtet ist. Polen wird in de« Jude« «b«nfv treue Bürger haben, wie beisPielStvmsö England und Amerika, nur mutz es ihnen gegenüber auch sv handeln wie England und Ämerika. In diese« Ginne bewahrheitet. sich daS Wort: Ei« jede- Land hat bi» Juden, die es verdient. tzauptau-schuh und N-lionaiurLlammluttg. Nach dem heutigen Stand der Dinge nimmt man in parlamentarischest Kreisen an, daß die nächste Sitzung des Hauptausschusses am Mittwoch den 9. September und die der Nationalversammlung am Mittwoch den 10. September abgehalten werden Könne. Der Gegenstand der Verhandlungen des Hauptausschusses und der Nationalversammlung ist bekanntlich einzig und allein der Medensoertrag. Streik der Landesbeamten. , Gestern haben die Angestellten des L-andesratLs und der Landesanstalten um 10 Uhr vormittags die Arbeit eingestellt, um sich <m einer für 11 Uhr anberaumten D e m y n st r a Ho n im Hofe des Landtagsgebäudes zu beteiligen. Der Anlaß zu dem Proteststreik liegt in der Richtaus:zahlung der Anschaffungsbeiträge. Der Landtag hat seiner-' zeit einen vierfachen Anschaffungsbeitrag für die Angestöllten bewilligt. Bis jetzt sind zwei Beiträge zur Auszahlung gelangt und eine Rotstandsaushllse in der Höhe eines AnschasfungSbeitrages. Der Larch^Srüt stellt sich nun auf den Standpunkt, daß der als NotstandsauShllfe ausgefolgte Betrag btt dritte Änschasfungs-, beitrag wäre und erklärt sich nur breit, den vieren AnschafkungSbeitrag auszubezahlen. Der FinaNzlontwllausfchuß hat sich jedoch für die Äuszahlung für nicht kompetent erklärt und den LLichesangsstellten ltn, Bescheid gegeben, daß sie ihre Forderungen beim nächsten Zusammentritt des Landtages geltend machen sollen. Mt dieser Erklärung gaben sich dis Angestellten nicht zufrieden und beschlossen, hie Arbeit einzustellen. Eine Deputation sprach beim LaMshauptruann Gever vor, dem sie die der LandeSbßglnien dar. legte.. ' .. I» eiwetz einstimmig angenomnlens» Rssvluttol» wird gefordertr Dis Landesbeamten verlangen: Sofort ig« Flüssigmachung bar noch ausständigen Anschaffungsbeiträge und Notstandsaushilfe« in jenem Ausmaß, wie sis die Staats- ' bedPnstaten seither bekamen. Sofortige Jnangrissnähms der Gehaltsrogulierung. Ansrksnnuttg.iwr Gewerkschaft der Landesbeamten als einzige vtthandlungSbevechtigte Gewerkschaft. Rach Annahme de« ResMtion erstatteten Direktor Hvlzmeiste« und ein anderer Landesvearnter den Bericht über das Ergebnis der Vorsprache der Deputsch»« Ket de« Landeshauptmännern. /Gis teilten Mit» daß btt Anschaffungsbsttrag ausbezahlt, wvrdon wirb, aber nicht vor Dienstag ,da die Landeskassen ohne Geld seien mch die Banken nicht eine Krone Kredit geben, wenn die ans,esorderte Summe nicht Vom Landtag genehmigt sei. Der Landtag tvird am DienSlag den 2. September zu einer .autzorordentttchen Sitzung eittberufen.