Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 220 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Heit Wochen berichten diev Pariser Zeitungen und .attizlei Preßagentnren von „endgültigen" Fristen, die über noch niemals eingehalten wurden, so daß man der Prophezeiung müde wird,- wann endlich Oesterreichs Schicksal entschieden wird und sich fatalistisch in sein Los ergibt: zu warten. Das Hangen und Bangen hat längst völliger- Llpathie Platz, gemacht. j9Pd. find jetzt die großen Novembertage, in denen das jVolk, vom Druck des Krieges befreit, einer stle'uÄr Freiheit entaegenzügehen .hoffte, - wo die auf einen nahen.- wenn auch ungünstigen Meden alle Herzen. in Freude erbeben ließ! Wir »Wen längst die Illusion verloren, die Stimmung ist wcrraufcht itnb der Tag des Friedens wird uns höchstens jiÄ Resignation treffen* Und dennoch wird der Friede, »vie-unmer er ausjällt, unser Los verbessern. Er wird mns /von diesem entnervenden Zwischenzustand befreien, wirwerden Gewißheit haben und werden daran gehen Keinen, aus den Trümmern ein neues Leben wieder «ufzuöanen. \'C. Die Friedenskonferenz.hat bisher nur. einen Teil 'ihrer Arbeit getan. Der Friede mit Deutschland ist 'geschloffen - und wenn auch die Ratifizierung noch nicht', erfolgt ist und vor allem m Amerika Schwierigkeiten .macht, so kann doch das deutsche Volk bereits laufder Grundlage der neuen Tatsachen zu arbeiten anfangen. Der Friede mit demklemen Deutschösterreich erweist sich als viel komplizierter Änd noch schlimmer steht /es um den Frieden ^mit idey Türkei. Diese Probleme leiden mmter dMWpaWtcher großen -und diper- . scheu Frage nehmen England und Amerika" die ’ oftZMöste' HaltunG. ein, sie wollen die Frage nach Gerechtigkeit und Billigkeit lösen und dem neuen Zwergstaat eine wirtschaftliche Enkvicklungsmöglichkeit offen-lassen. Demgegenüber die Interessen der /anderen österreichischen sstaaten, die von Frankreich favorisiert werden. Man braucht nicht anzunehmen, daß.die Nationalstaaten aus Bosheit/ und unversöhnlicher .Feindschaft gegen Wien die wirtschaftliche Vernichtung Deuffchösterreichs wollen; . vielmehr muß man bedenken,' /oaß auch diese Staaten, für die gleichfalls die schönen Tage des ersten Unaühangigkeitsraüsches vorbei find, nur mit großer, und erpster Sorge an die Entwicklung ihrer eigenen Wirtschaft denken. Die manchmal radikale, aher. .nicht' immer von, weitfchauenden Gesichtspunkten ausgehende Finanzpolitik einzelner dieser Staaten erweist sich als unzulänglich, die wirtschaftliche Konsolidierung herbeizuführen, und so versuchen sie das Gewalterperiment, ihre Schulden auf Deutschösterreich abzuwälzen. Auch diese Politik ist Kurzsichtig geuucj und nur von den momentanen Tagesinteressen bestimmt; denn der Ruin des mit allen Sukzeffionsstaaten wirtschaftlich so innig verknüpften Deutschösterreich konnte auch .für has Wirtschaftsleben' dieser Staaten nicht ohne Wirkung bleiben. Der Kampf wird in Paris in den Kommissionen und Ausschüssen geführt, während Kenner in seinem Gefängnis in Saint-Germain geduldig auf den Urteilsspruch warten muß. Handelt es sich in diesem Fall vorzüglich um Kollisionen zwischen den kleinen Staaten und jenen ' Großmächten, die noch immer an einer idealen Politik -wenigstens dort fefthalten, wo sie selbst desinteressiert find, so scheint die orientalische Frage in ein völlig unauflösbares Stadium getreten zu sein. Die türkische /. Delegation wurde bekannüich vor Wochen nach Hause ge- /. schickt und jüngst wurde gemeldet, daßder Oberste Rat sich .nach Erledigung der österreichischen Angelegenheiten vertagen will, so daß die Türkei wohl erst imWinfer ' ihren Frieden erhalten wird/ Im Orient arbeitet * inzwischen jeder auf eigene Faust. Die Engländer,, die Palästina, Syrien und / Mesopotamien', besetzt haben, befestigen daselbst ihren Einfluß. zum; Aergerms der gesamten französischen Presse. und "!e. / haben . jüngst durch/ das Protektorat )tt Persien ihre Machlsphäre ungeahut Die Franzosen herüfeu . sich / demsich dagegeir. daß ‘ in eiüe lsiischc verwandeln will, betreiben durch Agenten Die Festsetzung «der Friedensbedingungen. . Reife des StastskanzLers Dr. Renner nach Wien. \ Wien, 28/ August. Nach Mitteilungen ans Saint-Gernrain dürfte die Festsetzung! Unserer Friedensbedingungen in den allernächsten Tagen erfolgen. . i SLaatskauzLer Dr. Renner wird sich am Montag, falls die Drucklegung bis/ dahin beendigt fein wird oder mit dem nächsten E n t e n t e z n g n a ch W r e n b e g e b e n.1 Saint-Germain, 28. August. (Korr.-Bür.) Die Blätter melden, daß der O b erste Nat! heute die Klauseln über Häfen, Wasserwege und Eisenbahnen, über diel D onauschrsfahrt und die Ei s e n bah »Verträge Zwischen Oe st erreich und! den neuent st a «denen Staaten g n L g e he i ß e n habe. Auch der Abschnitt Mer. die Arbeit wurde angenommen. TULoni war in dieser Sitzung von Seioja vertreten. Wie verlautet, wurden auch die Anträge betreffend das Plebiszit in Marburg und a n d e r e n f Ld st e r r i f ch e n S t a d t e n g e p r üst und diese Frage z« mAb sch lnst gebracht. Offiziell sind diesbezüglich. kerne Meldungen bei der Friedensdelegation eingetroffen, ebensowenig wie über die Nachricht des „InLransigeant", wonach an die Tschecho - Slow aker d er Befehl der Allrrerte« ergangen s ein soll^I für IS Jahre ihre Grenzen für bie Kohlenausfnhr nach.Deutsch-! S st erreich z« öffnen. Der amerlkaMche Senat beschließt Abändemnrgen rm i FrrsLMSVerLrKge mit Deutschland. , Amsterdam, 28. August. (Korr.-Btm) Das Preybureau Radio mcldet aus Washington, daß der.vom Senatsa u s s ch u ß für auswärtige Angelegenheiten 'a n gen o m m c n c V e r b e s s e r n n g s a n t r äg b e z u g'l i ch bes Frrede n s ve rtr a g e's mit Deutschland sich im ganzen auf 50 Abänderungen e r st t e ck t, denm zufolge die Beteiligung Amerikas^ bei' der /Regelung iutec- »ationÄ«,' E«-r.s /p a-Letreffchder^Fragm'aLgchMOsid. _. - Der - Führer .fceg- . jSflMrto?' H i ich o o t hat mit Wilson stmrdenlang über die Haltung des Senates, gegenüber dem Friedeusvertrag mid.Deutschland verhandekt.' Hitchoo? hat dem Präsidenten versichertdaß die Aussichlen für die Genehmigungdes Fciedensv«tragrs vollkommen befriedigend seien. Mindestens zwölf Republikaner würden gegen die Mändewng bezüglich Schantrmg stimme«, was zusammen mit den Regiernngsdemokraten die Ablehnung des M8ndermrgSllntr/ges verbürge.? -- Präsident Hrlson gab seinem Vertrauen Ausdruck, d/. dir Mehrhell des Senates de» FriedeuSversiag nicht, durch ÄV Ählehnung bMglsch SchantlMtzS gefährde« werde. - ' 2c . / feine Politik Bn d ap eft, 28. August. (Tel. der „Wr. MorgenzeiLung^.) In einer Nnterrednng mit -ihrem! Korrespondenten erklärte MlnistespräfidenL Friedrich: Ich habe jetzt in erster Linie alle! Mühe aufzuwenden, um mit den Bumäneu möglichst gut ansznkommen und den Waffen-! stillstand zum Abschluß zu bringen. Sie können es wir glauben, daß ich so müde bi«, dsist ich! gerne znrückrtreten möchte, doch heute steht das ganze christliche Volk Nngarns, etwa 97 Prozent der Bevölkerung hinter mir. Ich betone, daß mein Kabinett k e ine s w e gs eme klerikal e Aich tu» Gehorsam und so h^rbe ich es auch g einfchlagsn wird. Meine Letzte schenken mir «»bedingte» Zu verhindern vermocht, daß Budapest zum Schauplatz' eines großen Pogroms wird. Allerdings ist es Leider sogar bei /der Polizei vorgekommen»^ daß Leute schwer mißhandelt und manche halbtot geschlagen wurden. Ich verurteile diese^ Lynchjustiz, wenngleich ich sie bei manchen an den bolschewikische« Miffetate« gar zu sehr beLeiligten Elementen begreiflich finde. Der Ministerpräsident äußerte sich auch über die Mchtlinien der künftigen Auslands- Politik Ungarns. Sr erklärte: Mit der Tschechv-Slowakei und Deutschösterreich wollen wir nach Beilegung per gegenwärtigen störenden Differenzen in bester Nachbarschaft leben. Was die westnngarifche Frage betrifft, so können sie sich ein beiläufiges Urteil des Plebiszitsbilden, wenn sie die Telegramme durchsehen, die z» Hunderten jeden Tag an mich kommen. Mit besonderer Freundlichkeit sprach Friedrich von Deutschland. Mit den Deutschen wird Ungarn auch künftighin innige Beziehungen anstreben. Uebrigens wird deutsche Industrie hier ein sehr ergiebiges Absatzgebiet finden. ntMEnm allerlei Agitation, jedoch wie es scheint mit wenig Erfolg. Inzwischen, haben die Griechen Smyrna beseht, was Italien mit großem Unbehagen erfüllt, und in Anatolien ist ein türkischer Llufstanh, der sich /die Wiederherstellung des türkischen Reiche« erweüert. gttzenüber auf Verträge, verwehren sich dagex Erigland die militärische Okkupätimt Syriens zum ^ie! setzt, ausgebrochen. In Armenien. ist es neuerlich zu einem ungeheueren /Maffaker gekommen, was der Anlaß zu einer Besetzung durch französische oder englische Truppen sein. dürfte. Es scheint, daß im Orient via kaeti definiüve Zustände geschaffen werden sollen, dq die/Einigung' am grünen Tisch äußerst schwer fällt. Unter diesen 'Verhältnissen leidet auch das jüdische Volk außerordentlich. Palästina, das dem jüdischen Volk in bindender Form als nationale Heimstätte zugesichert wurde, steht noch immer unter militärischer Herrschaft und - es ist an einen. Beginn > der . aufbauenden kolonisatorischen Arbeit nicht zu denken. Wird der Friede mit der Türket auf/unabsehbare Zeit/ hinausgeschoben, so. wird.. auch das Schicksal Palästinas rechtlich m Schwebe..gelassen, und. so. lau ge nicht vom Völkerbund eine Mandatarmacht bestimmt ist, was erst nach dem türkischen Friedensschluß der Fallsein kann,' können nähere Vereinbarungen 'über die Organisation der Besiedlung nicht erfolgen. Es. ist begreiflich, daß dieser Umstand in den jüdischen Massen, die nun auch schon des Wartens müde sind, eme ffewiffe Ungeduld hervonuft. Man befürchtet Enttäuschung und Ernüchterung. Aber es muß eben bedacht werden, was für gewichttge Konflikte der. Beschleunigung des Friedensschlusses enigegenstehen. Die Verzögerung der Entscheidung, in der Palästinaftage hat ihren: Grund nicht in irgend einer Wendung, die die jüdischen Forderungen betrifft, - vielmehr nr den Schwierigkeiten allgemeiner Natur, die sich dem Fragenkomplex entgegenftellen, zu dem auch die Palästinaftage gehört. ' . . i Das Warten auf den Frieden wird immer! unerträglicher. Hoffen wir, dag er kommt, bevor noch der. letzte Funke .in der Seele der Wartenden -erloschen ist. ... ■ "..