Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-08-27 · Heft 218 (27.8.1919) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 218 (27.8.1919)
Date
1919-08-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979295--01944-2987403
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 218 Wien. Mittwoch Wiener Morgenzeituirg 27. August 1919 Seite S llnfstairbsbewegung. Der Kommissär Hornig stellte Material sur Verfügung, auö dem die geheime Nr beit der zroßpolnifchen Propaganda und die umfassenden Vorbereitungen des Aufstandes durch die Polen klar hervorzeheu. Die Aiusführungen der behördlichen Stellen wurden imch alle weiteren Reden der oberschlesischen Arbeitgebersud Arbeitnehmerschaft vollinhaltlich bestätigt. Oberstleutnant Tidbury dankte namens der Korn-, nisfton für die Informationen, erbat sich weiteres Material und sicherte eine völlig objektive Prüfung b«S deutschen Standpunktes und dedenUck«!»» Materiales zu. . Soweit der Weicht LeS offiziellen Pressedienstes beS vreslauer Oberpräsidenten, welcher den Polen die Hauptschuld an den oberschlesischen Unruhen zuschreibt. Gleichartig hat in Krakom eine Versammlung stattgefunden, an der sich zahlreiche Abgeordnete aus Oberschlesten und' ge- Mchtete Aufrühr et beteiligten. In einer Re so lu t i o n wurde die sofortig«. AnglisHerung OberfchlefienS an Polen gefordert. Die polnische Regierung wird ersucht, beim Obersten Rat in Paris di« Vollmacht zur sofortigen Besetzung Oberschleskens einZuholen. Die Warschauer Presse erklärt, daß man nicht die Entscheidung der Entente abwarten könne und fordert die Negierung zu energischen Schritten auf. Eine Abordnung Ausländischer aus Oberschlesien, die beim Ministerpräsident^ ln Warschau vorsprach, verlangte sofortige Hilfe für die Aufständischen, um so mehr, als sich daS polnische Heer nach'dem Kampfe mit den Deutschensehne. Die Polen können es nicht erwarten. Und während sich die Welt nach Ruhe, Ordnung und Arbeit sehnt, empfindet daS polnische Heer Sehnsucht nach dem 'Kampfe mit den Deutschen. % ™*4 >— Der Sürrdenbock für« alles. Wie wir an anderer Stelle berichten, ist nun auch in Westungarn, der Pogrom ausgebrochen. ES wurden in mehreren Ortschaften bereits zahlreiche Juden getötet, sämtliche Juden aus ihren Häusern vertrieben und vollständig ausgeplündert. Diese entsetzlichenDinge ereigneten sich in der nächsten Nähe Deutschösterreichs, in einem Land, das man als Kulturland zu betrachten gewöhnt war. Die gewissenlose antisemitische Verhetzung trägt blutigst Früchte. Die christlich soziale Agitation,, die schon seit längerer Zeit in Ungarn um sich greift, arbeitet mit dem Mittel der schmutzigsten Hetzprefse. Die bestialischen Instinkte der Bevölkerung werden aufgepeitscht und aller Unzufriedenheit wird eine Zielscheibe geboten, an der der Groll sich austoben kann. Die Bevölkerung hat durch die wechselnden Ereignisse jede Orientierung verloren. Ein Verhängnis nach dem anderen ist über sie hereingebrochen. Nun treten die antisemitischen Hetzer auf mit ihrem wohlbekannten Ruf: Alles ist Schull) der Juden. Die Juden werden für den Kriegsausbruch verantwortlich gemacht, die Juden waren schuld an der Räterepublik und die Juden sind jetzt schuld an der Annexion Westungarns durch Deutsch- Ssterreich. Dis Erfahrung, die wir in den letzten Jahren so häufig gemacht haben, wird wieder um einen Fall bereichert. Wenn irrsinnige deutschnativnale Eisenbahner in Wien die Goto ln attackieren, werden in Brünn die Fuden geprügelt. Wenn in Westungarn der Einmarsch deutschösterveichischer Gendarmerie in Aussicht gestellt wird, so rächt sich die magyarische chauvinistische Demagogie, indem sie di« Juden erschlagen läßt. Es wird gemeldet, daß der Pogrom in Westungarn noch an- Die MorgenthKN-Kammisston Ln Pinsk. Die Jude« z«m ersten Male am Grabe srr Hpfer. — Eine Tranerversammlvng in der Synagoge. — Professor Johnson spricht den Juden Mnt zu. Warschau, 26. August. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Entgegen dem früheren Plane, dem zur traurigen Berühmtheit gelaugten Pinsk keine besondere Aufmerksamkeit gir widmen, entschloß sich Botscyast-rr M o r g e n t h a u, diese Stadt dennoch persönlich zu besuchen und begab sich auch nach einem kurzenAusenthalt in. Bxest-LitowSk in Begleitung zweier KammissionZmiiglieder dahin. Unmittelbar nach ihrem Eintreffen in Pinsk begab sich.die Kommission auf den alten jüdischen^ Friedhof, um bas Massengrab der 34 Opfer zu_ besichtigen. >Äls die Mische Bevölkerung von diesem Besuche Kenntnis erlangte, benützte sie die Gelegenheit, ' um diese Stätte auch ihrerseits zum ersten Male nach dem blutigen 6. April zu betreten. Die Szenen, die sich dabet. absptetten, waren herzzerreißend. Diese-^Szenen wiederholten sich dann, als die Kommission zur traurig-berühmten „Wand" kam, wo ‘ die Unglücklichen erschossen wurden. Auch diesen Ort d u r f t e b i s jetzt kein Jude betreten... AburvS fand in -der großen Synagoge eine von mehreren tausenden Juden besuchte Versammlung statt. Nach den hebrähchsn «Begrüßungsansprachen wurde daS Soölengebet für die Erschossenen gesprochen, das alle Anlvesenden zu Tranen rührte. Durch dieses Bild gerührt, .ergriff daS Kommissionsmitglied Professor Johnson das Wort zu folgender Ansprache: „Wir kamen zu euch namens des Präsidenten der Vereinigten .Staaten Amerikas. Euer Leid hat uns gerührt. Aber mit Bewunderung sahen wir, mit welchemStolz ihr eure Leiden ertraget. Wer die Freiheit ersehnt, muß Müt haben. An Amerika könnt ihr euch ein Beispiel nehmen. Seid mutig, Amerika ist bereit, euch zu helfen!" Herauf sprach Botschafter M o r g e n t h a n über die Judenfrage, die jetzt eine Krisis durchmache, sowie über die infolge des wirtschaftlichen Verfalls Rußlands geänderte ökonomische Lage der Juden, die einen Anschluß an den Westen suchen und sich in Polen einfügeN müssen. In später Abendstunde fand diese denkwürdige Versammlung ihr Ende. , Am nächsten Tage verhörte die Kommission eine ganze Reihe von Zeugen der Aprilgeschehnisse, worauf die Untersuchung in Pinsk geschlossen wurde. dauert. Man muß wohl fordern, daß dieses Gebist schleunigst von Enlentetruppcn besetzt wird und muß nur O-cba;.cuit, daß die Citbiüe b‘c:e Maßeegel zum Schlitze der Sicherheit nicht früher getroffen hat und bis zur definitiven Entscheidung über das Schiclsal des Gebietes aufrecht erhielt. * Von anderer Seite erhalten wir noch nachstehenden Bericht über die Vorgänge in Westungarn: Die Poer'me haben in den an das deutsche Gebiet angrenzenden ungarischen Komitaten Westungarns stattgefunden und wurden nur von Magyaren inszeniert. In Czell Dömolk (Kleinzell), wo sechzig jüdische Familien wohnen, waren acht T o te. In I a n o shaza sind vierzig Schwerverletzte; inSaxvar wurde der jüdische Lehrer von Weißen Garden erstochen. Aus diesen Ortschaften flüchten die Juden nach Mat'ersdorf. Die O ffiziere der Weißen Garde holen die Juden aus den .Eisenbahnzügen heraus und prügeln sie mörderisch. In Pa cs (Tolnaer Komitat), wo riesige Exzesse waren, hat die ^ntentemission Plakate herausgegeben, daß die ungarischen Beamten als Geiseln behandelt werden, wenn Juden weiter insultiert werden; daraufhin erst wurden die Pogrome eingestellt. In Sopron (Oedenburg) wurde in großen Versammlungen zum Boykott der Juden aufgefordert. Zu erwähnen ist noch, daß der Bischof von Steinamanger, Graf Mikes, der von christlichen Bolschewiken verschleppt war und jetzt zurückgekehrt ist, sich gegen die Pogrome gewendet hat; insbesondere nahm er dagegen Stellung, daß man die Juden für den Bolschewismus verantwortlich mache. Das polnische Bündnis mit Petljura. Saint-Germain, 26. August. lKorr.-Burb Nach dem „Temps" hat P e t! j u r a mir den Polen em B ü n d n i 6 gegen dir Bolschewiken geschlossen und endgültig auf O ftgalizien verzichtet. Inland. Gegen die kommunistische« Umtriebe in der Boikswehr. - In der letzten Vollversammlung der Soldat'enrät« der Vottswchr WienS erstattete, wie die gestrig« „Arbciter-Zeitung" mitteilt, Dr. Frey ein ausführliches Referat, das sich mit der zersetzenden Tätigkeit der Kommunisten gegenüber derVolkswehr befaßte. Dr. Frey führte die Mittel an. mit denen die Kommunisten Mannschaften zu gewinnen trachten, erzählte von den Versuchen, am 8. August den damals verhafteten Kommunistenführer Haller mit Waffengewalt zu befreien und beantragte schließlich unter stürmischer Zustimmung der Versammlung den Ausschluß der Oberleutnants Hönigniann und Engel, die den Versuch gemacht hatten, Waffengewalt anzuwenden. Aus dem Referat geht hervor, daß am 10. August eine bewaffnete Demonstration geplant war, zu der Waffen ujtb Handgranaten von den Kommunisten beschafft wurden. Dr. Frey schloß seine Ausführungen mit dem Hinweis darauf, daß im Moment, da die Reaktion an unsere Tore poche, das Bollwerk der Revolution, die Volkswehr, nicht zersetzt werden dürfe. Es wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der die sofortige Auflösung der sogenannten BataillonSauSschüsse gefordert, der Ausschluß der beiden obgenannten Oberleutnants beschlossen und sestgestellt wird, baß jeder, der sich das Recht anmaßt. Waffengewalt zur. Verfügung zu stellen, sich außerhalb der Beschlüsse der Vollversammlung begebe und daher mit allen Konsequenzen zu rechnen habe. Die Einigkeit der Volkswehr sei die Voraussetzung ihrer Schlagkraft. Max Brods Staatsroman. (»Das große Wagnis". Kurt Wolf-Verlag, Leipzig 1618.) Die ungeheuren Qualen, welche allere menschlich Fühlenden der moralische Niederbruch der Menschheit, bet sich als Krieg manifestierte, bereitet hat, haben das Schuldgefühl, das so lange in den verantwortungslosen Schlummer der gesicherten Ruhe gewiegt war, mächtig wach werden lassen: Nicht dieser oder jener Mensch, sondern die Gesamtheit, wir alle tragen die Schuld an allen" Scheußlichkeiten, welche sich aus der von nnS geduldeten und geförderten Verzerrung des Gemeinschaftslebens mit Notwendigkeit ergeben mußten. Max Brod hat unter den Tatsachen des Krieges mH feiner Nebenerscheinungen gelitten wie nur wenige. Aus dieser tiefen Not hat sich der Schrei «ach Erlösung losgerungen: Was können wir tun, irm an Stelle der Zerrissenheit Gemeinschaft zu setzen? Immer wiederftreiten die eigennützigen Zwecke, die Leidenschaften und Triebe der Menschen geceneinander und verhindern den Bau des Friedens. Für Brod bekommt bas Problem seine spezifische Gestalt durch die Aufgabe der Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina, durch die Forderung der Wiederbelebung der erstarrten jüdischen Gemeinschaft. Bleibt Ms nichts Übrig, als auf die Gnade zu harren, oder können wir selbst, handelnd, lebend, unsopfernd, die Erfüllung erzwingen? Es sind die letzten Fragen, die ewige Antinomie zwischen Gott und Freiheit, zwischen der Wett der Normen und der Welt der Naturgesetzlichkett, aüf die hier Antwort geheischt wird. Auf welchem Fundament kann die wahrhaft» Gemeinschaft, in der das Gute verwirklicht ist, erriHm werden? Vermögen wir überhaupt durch Politik, durch Organisation, durch Institutionen dieses Ziel herbeizuführen? ''Max Brod ist, aus tiefem Ver- \ autwortungsgesühl, .Politiker und hat sich eine Zeit- [fattg sogar zu den ^Aktivisten" gezählt. Es ist noch, erinnerlich, mit welcher Heftigkeit er Franz Werfels Angriff auf die Politik („Die christliche Sendung") entgegengetreten ist; fraglos darum, weil dieser ihn zu tiefst getroffen hat, seine eigenen Zweifel wach gerufen .hat: Er.polemisierte gegen sich selbst, er suchte den Ausweg aus dem Widerspruch, der seine eigene Seele erfüllte. Diesen schweren inneren Kämpfen ist auch der Roman „Das große Wagnis" entsprungen. Denn Brod ist ein Dichter; der ideologische Konflikt setzt sich bei ihm nicht in Dialektik um, sondern er verdichtet sich zu Gestalten, die Problematik des Lebens und der Idee entrollt sich in Handlung und Bewegung. DaS Problem der neuen Gemeinschaft, des neuen Staates, ist das Thema dieser Buches; aber eS wird nicht positiv gelöst, etwa durch 'Darstellung einer Utopie, sondern es wird auf dem Wege über die Negation Ausblick und Hoffnung auf ein fernes, neues, letzten Endes doch in unsere Hand gegebenes Schicksal eröffnet. . Mitten in den Schrecken eines unendlich lange dauernden Krieges wird auf einem Gebiet, das durch einen merkwürdigen Zufall außerhalb der Welt geraten ist, da eS, zwischen Front und Hinterland liegend, der Etappenverwaltung nicht mehr angehört und von der Zivilverwaltung vernachlässigt oder vergessen wurde, von einer Anzahl von Menschen, die vor den Schrecken des Krieges flüchten, ein Mufterstaat gegründet, der Staat der „vernünftigen Gemeinschaft", „Liberia". In einem ungeheuren Komplex von Höhlen und Grotten, die von den ersten Kolonisten bei Besetzung der übriggebliebenen unterirdischen Befestigungen entle kt wurden, wohnen und arbeiten die Menschen für^den eigenen Bedarf und es zeigt sich, mit wie geringen Mitteln der Staat ohne den ganzen überflüssigen Apparat der Staatlichkeit auskommen kann. Der Schöpfer dieser Republik, Dr. Askonas, hat das Paradox der menschlichen Sittlichkeit durchschaut und das Heilmittel gefunden: Stall sich, auf sein Ich zurückzrrziehen und mit seinem Gewissen seine Konflikte abzumachen, lehrt er die Menschen, zunächst einmal auf nüchterne Art sich umeinander kümmern und auf nüchternem Md vernünftigem Weg, ohne Explosion der Leidenschaften, zur Tugend gelangen. „Liberia" ist der Triumph der Organisation. In ihr ist die Abstraktion gewissermaßen Wirklichkeit geworden. Die Menschen führen nicht mehr individuelle Namen, sondern sie werden mit der Bezeichnung ihrer sozialen Funktion genannt, also etwa „Der Dichter", „Der Kellner", „Der Stiefel, putzet" usw. (Nur „Frau Biber" hat das Benefizium, ihren Namen führen zu dürfen, um das nvmvu oäiosum ihres Berufes zu vermeiden, denn auch solche gibt es dort) Mit allem DoktrinarUmirs weltfremde: Professoren Weisheit werden die Probleme des Gemein, fchaftslebens in allabendlichen Versammlungen diskutiert. Aber die Unzulänglichkeit dieser Menschen ist geblieben. All ihr Egoismus und ihre Bosheit suchen nach Auswegen und finden sie. Eins düstere Atmosphäre liegt auf der Höhlenstadt, unheimliche Spione, schatten, hafte Gestalten, die „Allergetreuesten" des Doktordurchstreifen die Gassen, Polizei und Kerker und Strafe» und Gewalt gibt es, das ganze soziale Gebäude wir) durch «in künstliches Systemvon Lügen und durch den tyrannischen Willen des Dr. ASkonaS. mit Mühe im Gleichgewicht erhalten. Für den Doktor aber ist dieses Experiment nicht etwa der Ausdruck schöpferischen, sozialen Wollens, sondern die Flucht vor dem Leben, das er selbst vertan hat. Er ist eip düsterer, ungläubiger, zynischer Gewaltmensch, ein Rationalist, der nicht an bas Gute und nicht an Gott glaubt, sondern nur an den Teufel. Dies ist fein Bekenntnis: „Man kann nicht gut sein. ES gibt Situationen, in denen man zwischen zwei Wegen zu wählen hat. Aber nicht so, daß der ein« Weg gut und der andere böse wäre. Nein, beide Weg? sind Sünde. WaS auch immer man wählt, man wählt falsch!" „Sündigenmüssen und nicht etwa Seiten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.