Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 218 (27.8.1919)
- Date
- 1919-08-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2> Wien, Mittwoch Wiener Morgenzettung ^-Tw*.—----- ----- Pogrome i« Westungarn. Po» zuverlässigen Augenzeugen wird uns berichtet: c Seit Samstag -en 23. August dauern in West Ungarn starke Judenpogrome an. Die ganze judeufeindlichs Aktion geht von der Zeitung „BrsvasmegyS" unter der Redaktion des Albin Linda«er aus, welche die Juden beschuldigt, dast ste an der Räterepublik, dem Krieg und dem Anschl nß an Deutschs st erreich schuld seien. Die judenseiudliche Agitation geht von der magyarische» Partei aus, die gegen den Anschluß an Deutschösterreich ist. Am Gamstag fanden in folgenden Ortschaften Pogrome statt: Zntziseell, wo acht Inden getötet wurden, in Ianoshaza (fünf Juden getötet), Zalaegerszeg (zirka zehn Juden), Szombath ay (zirka zehn Juden), außerdem wurden sämtliche Juden aus diesen Ortschaften vertrieben und ihrer gesamten Habeberaubt. Der Hauptschuldige an Viesen Pogromen ist L i n d a « e r. Die Lage der dortigen Juden ist v e r» zweifelt, weil keine Besatzungsarmee vorhanden ist, an die sich die Juden um Schutz wenden könnten. Die jndeufeindliche Stimmung wird unter dem Schlagworte r „Fort mit de« Inden" stark verbreitet. Chinesische und russische Truppen kämpfen gegen die Japaner. Moskau, 26. August. (Funkspr.) Nachrichten aus Sibirien besagen, daß sich die chinesischen Truppen im Amnrgebiet mit den Bolschewiken vereinigen und gemeinsam gegen die Japaner kämpfen. Aus'Deutschösterreich und Ungarn. Wie», 26. August. Die Ueöerveichungder endgültigen Antwortnote der Entente an die Vertreter von Deutschösterreich ist, wie es scheint, wieder um einige Tage verschoben worden. Die Verlängerung, der Frist wird allgemein alseingünstigesZeichen angesehen. Obgleich bisher keinerlei offizielle Verlautbarung vorliegt, welche ein authentisches^Bild Über die Lüge der Verhandlungen zu geben vermöchte, lauten die Pariser Meldungen übereinstimmend in einem Sinne, der für Deutschösterreich eine gewisse Milderung der Bedingungen erwürttn laßt, deren Härte aus alle Fälle noch groß genug sein wird. Sv ist von verschiedenen Abänderungen (Amendements) die Rede, welche die verschiedenen, mit der Prüfung der deutschösterreichischen Gegenvorschläge betrauten Komntissionen dem Obersten Rate dev Alliierten Vorschlägen, Abänderungen, welche nicht nur die Grenzen Deutschösterreichs, sondern auch neben der Frage der Wasserwege die wirtschaftlichen und finanziellen Bestimmungen betreffen sollen. Nach den übereinstimmenden Meldungen der Pariser Presse soll die Diskussion des Obersten Rates über diese Fragen noch nicht beendet sein. Die deutschösterreichische Forderung nach einer Richtigstellung der Grenzen gegen die Tschecho-Slowakei ist nach dem „Eclair" ab ge lehnt worden, dagegen soll eine Volksabstimmung über das zukünftige Schicksal von Marburg zugelassen werden. Interessant ist die Nachricht, daß in den Vertrag eine neue Klausel ausgenommen werden soll, welche Teutschösterreich verpflichtet, seine Unabhängigkeit zn erhalten, nach dem „Petit Parisien" sogar zu verteidigen. Auf die Beratung über diesen Punkt, die sich als besonders schwierig erwiesen hat und auf den Widerstand einzelner Mächte gestoßen sein soll, wird die Verzögerung der Ueberreichung der Ententenote zurückgesührt. Die Richtigkeit dieser Nachricht vorausgesetzt, handelt es sich offtnbar um franzö fische Forderungen, welche vielleicht von den Nationalstaaten unterstützt werden und auf eine dauernde Verhinderung einer eventuellen Vereinigung mit Deutschland abzielen. In Deutschösterreich liebt man es. von Zeit zu Zeit, und gewöhnlich im ungeeignetsten Moment, in allerlei Regierungskundgebungen mehr oder minder deutliche Anspielungen auf den Anfchlußgedanken hören zu lassen, wie es erst letzthin in dem Aufruf an die Deutsch-Westungarn der Fall war, und es ist leicht möglich, daß Frankreich, dem die Furcht vor Deutschland noch immer in den Gliedern liegt, hier einen Riegel vorschieben möchte. Der Widerstand gegen diese Klausel dürfte in erster Reihe von Italien auSgeh-en, welches wiederum die Restaurierung der Monarchie.in irgendeiner Form befürchtet und dem Anschluß an Deutschland keineswegs unfreundlich gegenübersteht. Während so über Deutschösterreichs Schicksal beraten wird, veröffentlicht „Manchester Guardian" die Zuschrift eines aus Wien zurückgekehrten Engländers, die das englische Kapital zur Teilnahme cm de m! In Ungarn verhandelt man noch immer über die Bildung einer Konzentrationsregierung. So- I wett bisuun bekannt ist, dürften Lovaszy und Garami dem künfttgen Kabinett angehören. Baszony und die Demokraten weigern sich angeblich, in die Regierung einzutreten.. Der Kommandant der rumänischen Truppen hat in Budapest eine Proklamation erlassen, in welcher er jeden Zusammenhang zwischen den rumänischen Besatzungstruppen und den politischen Vorgängen ablehnt. Sofort nach der Bildung einer freigewählten Regierung, welche die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung gewährleisten kann, würden die Rumänen Budapest verlass u. Inzwischen verkündet das Ungarische Telegraphen-Korrespondenz-Buveau, also vermutlich der abtretende Ministerpräsident Friedrich, daß auf die Nachricht vom Rücktritt der Regierung im ganzen Lande «ine so starke nationale Bewegung entstanden sei, wie sie seit Jahrzehnten ohne Beispiel dastehe. Deputationen aus allen Gesellschaftsschichten forderten, daß das Kabinett Friedrich auf seinem Platze verbleib«, und Tausende von Telegrammen bestätigen, daß dies die Stimmung des ganzen Landes sei und drohen einer Negierung sozialistischer Richtung sogar mit bewaffnetem Widerstand. Die Mache ist in diesem Falle allzu ungeschickt, als daß dies erst einer Erörterung bedürfte, und auch die Mitteilung des genannten Bureaus, daß von französischer Seite an den Ministerpräsidenten Friedrich die Aufforderung ergangen sei, drei Mitglieder der Regierung vor der Friedenskonferenz erscheinen zu lassen, wird wohl in dieser Form etlicher Skepsis begegnen. * Einer christlich sozialen Deputation erklärte Herr Friedrich: Ungarn muß das christliche Land bleiben, das es war. Sozialisten und Nichtchriste« dürfen keinen größeren Wirkungskreis für sich fordern, als er ihnen infolge des Zahlenverhältnisses zukommt. Wenn wir auch das Symbol des christlichen Ungarn, den Verweser, geopfert haben, so sind wir doch nicht zu dem wetteren Opfer bereit, daß auch wir uns beiseite stellen. Dieselben Deputationen wollten auch bei den Enbentemissionen vorsprachen. Da diese jedoch inzwischen die Denkschrift der christlichsozialen Partei erhalten hatten, war der Empfang der Deputationen überflüssig geworden. Der offizielle ungarische Bericht tut so, als würden die verschiedenen christlich soziale« Deputa- ‘ Holten die Stimmung des gesamten Landes wiedergeben. Die anttsemitische Strömung ist in Ungarn stark gewachsen, darüber herrscht kein Zweifel. Ob aber die Politik dieses kampflustigen PseudochristentumS Ungarn- Ansehen bei der Entente heben kann, ist fraglich. Herr Friedrich hat freilich erst neulich erklärt, daß ihn die Entente wenig interessiere. Geradezu possierlich aber ist die folgende Erklärung des ungarischen provisorischen Ministerpräsidenten, er wisse, baß der Kampf auf Lebe« und Dod wirtschaftlichem WiderauMu Deutschösterrsichs auffordert und große Gewinste in Aussicht stellt, welche durch Ausnützung der gegenwärtig sehr niedrigen Valuta erzielt werden könnten. Er «mp-iehlt die sofortige Inangriffnahme einer Unterue hmung zur Beschaffung von Rohstoffen, da Wien in Zukunft für die Entente eine bedeutende Rolle spielen werde. gehe und er werde nicht dvu seinem Platze weichen, denn er wäre sonst ein schlechter Führer und ein Feigling. Woraus hervorgeht, daß sichtzried-! rich für einen guten Führer hält. Ungarns Ministerpräsident von des reaktionären Umsturzes Gnaden will sich auf lange Dauer einrichten, während ihn schon im nächsten Augenblick die Ereignisse hknivegsegen können. 27. August 1919 Nr. 218 Politische^imdschau. Die Landeskonferenz der polnischen Zionisten. Warschau, 24. August. Die vierte Landeskonferenz der polnischen Zionisten hat in der vergangenen Woche das gesamte Interesse des jüdische« öffentlichen Lebens auf sich gezogen. Die Warschauer jüdische Tagespresse bringt seitenlange Berichte. Es hat sich gezeigt, daß die zionistische Partei weit Über den UlNfäü» der früheren Jahre hinausgewachsen ist. Dementsprechond ist auch innerhalb der Partei eine sch ärfere Gruppierung ftstzustette«, dis auf der Konferenz zum deutlichem Ausdruck kam. Nach dem Bericht des Zentralkomitees, den Dr. Gotilieb einleitete, trat in der Generaldebatte die heftigste Opposition gegen die bisherige Leitung MtaM' Die Opposition wird geführt von den „Zeire Zion", die aber wiederum keine einheitliche Gruppe barstellen, vielmehr ist zwei Lager gespalten sind, einen „linken" und einen „rechten" Flügel, zwischen denen heftige Gegensätze bestehen. Der linke Flügel, geführt von Schwalbe und MereminSli, ist ganz und gar ins sozialistisch-marxistische Fahrwasser geraten. Die Kritik Gchwalbes wendete sich vor allem gegen die Führung der inneren Politik, er warf der Leitung Neigung zu Kompromissen und den Mangel eines Programmes in den sozialen Fragen vor. Der provisorische Jüdische Nationalrat sei auf Undemokratische Weise.zusammengesetzt worden, man habe zwar die Einberufung eines jüdischen Zkvngtesses in Aussicht gestellt, dies sei aber bisher nicht erfolgt. Go kommt es, daß die Abgeordneten in Fragen wie die Agrarreform, die Sozialisierung usw. nur ihre persönliche Meinung vertreten können. Der andere Flügßl der Opposition griff die Leitung wegen der Vernachlässigung der eigentlich zionistischen Agenden an. Delegierter Gutermonn aus Lodz bemerkte, man habe für Wahlzwecke in zwei kleinen Orten allein 17.000 Mark ausgegeben, während man für das Palästina-Amt nur 7000 Mark übrig hatte. Die „radikalen Zionisten", denen sich auch die Vertreter des Haluz anschlossen, erheben heftige Vorwürfe, daß die Leitung sich zu sehr in politische Experimente eingelassen und dem inneren jüdischen Leben keine Aufmerksamkeit geschenkt hat. Insbesondere wurde für die Erziehung zu. wenig getan. Die längst erhobene Forderung nach Errichtung eines Lehrerseminars ist noch; nicht erfüllt und für die Förderung der hebräischen Sprache hat man nichtsübrig. Während 120.000 Mark zur Deckung des DefiziteS des jüdischen Organes „Das jüdische Soll" aufgewe.ndet wurden, erscheint die hebräische .Hacefira" als bescheidenes Wochenblatt unter unzulänglicher Redaktion. Dieselbe Grrcppierung zeigte sich auch in der Palästina-Debatte. Nach dem Referat LeviteS wurde die bürgerliche Orientierung der Leitung angegriffen. Der linke Flügel der „Zerre Zion" vertritt die Ansicht, daß6 die Palästina-Immigration vorzugsweise aus f o z 4 ab» ökonomischen Gesichtspunkten erfolgen müsse. Der rechte Flügdl erllärte, sich ganz der zionistischen Disziplin einzuordnen Und lehnt das Kokettieren mit der Internationale ab. Besonders bemerkenswert war das Referat des Abgeordneten Hartglas über die sozial-ökonomische Lage der Juden in Polen, an das sich eine lebhafte Debatte anschloß. Die Beratung hat fünf volle Tage sowie mehrere Nachksitzungen in Anspruch genommen. Zur Lage tu Oberschlesien. Die Situation in Oberschlesien begegnet allenthalben der größten Aufmerksamkett. Die Ausstände und Unruhen in Oberschlesien haben nämlich nicht bloß den Charakters einer lokalen Angelegenheit, sondern sind für die Entwicklung der Industrie und des Verkehrs in Mitteleuropa von größter Bedeutung, well die Förderung der oberschlesischen Kohle im gegenwärtigen zerstörten Wirtschaftsleben nicht bloß für Deutfchösterreich von überragender Bedeutung ist. Die bedrohliche Lage scheint sich in den letzten Tagen einigermaßen beruhigt zu haben mtb die Arbeit ist vielfach bereits ausgenommen worden. Welche- Interesse die Entente gn der oberschlesischen Frage nimmt, beweist wieder der in Paris von H v o v e r erstattete Bericht, welchem sofort der Beschluß zur Entsendung einer interalliierten Kommission folgte. In BreSlau haben bereits Besprechungen zwischen den oberschlesischen Provinzialbehörden und der Militär Mission k»er Entente stattgefunben, zu. denen auch Vertreter der Industrie und der Gewerlisch aften geladen waren. Der schlesische Oberpräsident sprach in seiner Begrüßungsrede die Hoffnung aus, baß die Informationsreise durch bas Ausstandsgebiet die Entente von der Haltlosigkeit der von polnischer Seite gegen die deutsch« Negierung und das deutsche Militär erhobenen Anschuldigungen Überzeugen und die wahren Triebkräfte dev bedauerlichen Vorgänge in Oberschlesien feststellcn werde. Der Oberpräsident gab weiters seinem Bedauern Ausdruck, daß trotz seiner Auffordemng an Korfanty ihm Adressen der polnischen Vertrauensleute zur Teilnahme an dieser Sitzung nicht angegeben worden seien. Der.Reich-- und Staatskommissär entwarf sodann in längerer Rede ein Bild von den politischen Verhältnissen in Oberschlesien und deren Entwicklung. Er wies an der Hand' der amtlichen Materials den inneren Zusammenhang der spartakt st tschen und der Nation alp olnifchen Bewegung nach, schilderte das Zusammenarbeiten beider Organisationen und daS Bestreben, die oberschlesische Arbeiterschaft durch maßlose Verhetzungen ihren politischen Zwecken dienstbar zu machen. Generalstabschef Major Hestcrbecger betonte die Mitwirkung regulärer polnischer Truppen an der