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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-27 · Heft 218 (27.8.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 218 (27.8.1919)
Date
1919-08-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Dieses Komitee hatte nicht etwa die Aufgabe, die Mandatare zu nominieren oder die territorialen Grenzen ihrer Schutzgebiete festzusetzen; es hatte lediglich die Bedingungen zu bestimmen, .unter denen die in Paris nominierten Mandatare ihre Gewalt euszuüben haben werden und welches ihre Verantwortlichkeit gegenüber dem Rate des Völkerbundes fein wird. Dies mag eine trockene und lediglich technische Arbeit gewesen sein, aber ihre Bedmtung steht außer Zweifel und es ist bedauerlich, daß sie ohne die Mitarbeiterschaft der öffentlichen Meinung vor sich gegangen ist. Denn die neue internationale Gerechtigkeit, welche der Völkerbund etablieren will, wird in ausgedehntem Maße davon abhängen, wie der Begriff des „Mandates" formuliert und wie er praktiziert werden wird. . - / Der Artchel 22 des Völkerbundvertrages erwähnt, daß die Bedingungen, unter welchen die Mandate zm Ausübung: gelangen werden, sich nach den betreffenden. Fällen richten. Es .gibt danach drei Arten des „Schutzes". Erstens jener, der bezüglich der zentralafrikanischen Völker zur Anwendung gelangt. Diese weiden für unabsehbare Zeit politisch als vollständig unmündig betrachtet und das Berfügungsrecht der Mandatarmacht bezüglich der Verwaltung, die sie etabliert, ist.^nahezu -uneingeschränkt. Es wird lediglich vorausgesetzt: Freiheit des Gewissens und der Religionsausübung,.-Herbot der Sklaverei, des Waffenhandels, dM-MMrgüches des Handels mit geistigen GetrWen; ferner: dürfen diese Gebiete weder als militärische noch als marttime Stützpunkte yerwendet werden und schließlich muß allen Mitgliedern des Völkerbundes unter gleichen Bedingungen die Möglichkeit von Handel und Verkehr gegeben werden. Die. zweite Art ist jene, welche zur Anwendung gelangt bezüglich „gewisser Gebiete, die ehemals zum türkischen Reich gehörten" und die „eine solche Stufe der Entwicklung erreicht habew daß ihre Existenz als unabhängige Nationen provisorisch administrativen Rot und Hilfe seüens eurer Mandatarmacht erfordert, bis sie sich selbständig würden erhalten können". Die dritte Art des Schutzes ist jene,. welche den Minderheiten nach Rasse, Sprache, Religion in einem der dem Völkerbunde selbst angehörenden Staate gewährt werden wird. Das jüdische Volk wird den Schutz des Völkerbundes in Zweierlei Art, und zwar nach dem zweiten und dritten der oben charakterisierten Schemen erhalten und wird damit, wenn nicht als Subjekt, so doch als Objekt im Völkerbund eine prominente Rolle spielen. Der „New Statesman", das in politischen Kreisen sehr beachtete Organ der „Fabier" (der von Bemard Shaw geführten Partei der englischen sozialistischen Jrttellektuellen), dem wir diese Ausführungen entnehmen. äußerte sich hierzu in folgender Weise: „Die in die zweite Kategorie fallenden Gemeinwesen sind: das neue jüdhche Palästina, das neue Arabien, das neue Armenien. Diese Sachwalterschaft („trusteeship") wird dem, der sie übernimmt, sehr viel und sehr schwere Arbeit auslegen; und der Lohn wird sehr problematisch oder wenigstens nur indirekt sein, denn eures der ersten Prinzipien einer Vormundschaft ist, daß der ' Vormund Leinen Vorteil aus seinem Amte ziehe. Man kann sich verschiedene Schwierigketten vorstellen, die aus der Verwaltung eines solchen Schutzgebietes resultieren. Zum Beispiel: Die Juden in Palästina beklagen sich, daß ihre Schutzmacht (sagen wir geradeheraus England) die Gewährung der Selbstverwaltung ungebührlich , hinauszieht. Wer soll diesen Streit schlichten?..." : Und Zur dritten Kategorie: „Der Völkerbund ist eben mit der Äufgabe beschäftigt, Ordnung in das Verhältnis zwischen den Polen und den Juden zu bringen. Soll er auch dafür sorgen, daß eine vernünftige polnische Politik gegenüber Deutschland und Rußland Platz greift? Wenn nicht, dann werden wir durch die polnischen Unsinnigketten in einen qeuen Weltkrieg gestürzt werden. Wenn ja, dann sind wir tatsächlich auch in Polen Mandatare. Polen ist Fertigstellung des Friedensvertrages. Die SonderanLrage abgelehnt. Paris, 26. August. (Korr.-Bur.) Die Agenee Havas meldet: Der Oberste Rat hat die Entwürfe der Antwortnoten des Redaktionskomitees für den Frieden mitOesterreich auf die verschiedenen österreichischen Gegenvorschläge geprüft. Die französische, die englische, die amerikanische und die italienische Delegation brachten SonderanLrage ein, die meistens abgelehnt wurden. Die Franzosen besonders verlangten Garantien im Vertrage zur Ansrechterhaltnng der politischen Anabhängigkeit Deutfchösterreichs von Deutschland. *; Der Oberste Rat prüfte ferner de« Bericht über die Vorfälle ftr Fiume. Der Bericht wird nicht veröffentlicht. Es wird nur bekanntgegeben, daß die Verantwortlichkeiten festgestellt «nd Maßnahmen zur Verhinderung der Wiederholung der Vorfälle getroffen wurden^ Die Konferenzkreise haben die Anficht, daß die Revision -er Verträge von 1839 ei« befriedigendes Resultat haben werde. Odessa von den Engländern erobert. Moska«, 26. August. (FunLspr.) Nach dreitägiger heftiger Beschießung durch Kriegs^ schiffe konnten die Engländer Truppenabteilnngen landen «nd Odessa beseh en. , Das Chaos in Ungarn. h Budapest, 26. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Heute erschienen bei EuLentemrssionen und beim Ministerpräsidenten Friedrich Deputationen mehreren Komitaten» um anläßlich der Regenerierung des Ministeriums die Deibehaltnni desch r i ft l i ch e n Kurses bei der Kabinettsbildung zu erbitten. Die zum größte« Seit aus Landwirtey bestehenden Deputationen erklärten, daß die bäuerliche Be Völker n n g die Ä v b e i tsl nft verliere» würde, wen« nicht ein Ministerium F zustande käme. Die Ententemisfionen erklärten übereinstimmend, daß sie fede Eip mengung in die innerpolttischeu Verhältnisse Angarns ablehnen, betonten aber, daß die Konferenz derMächte eine Regierung an der Spitze des Landes zu sehen wünsch in welcher die Klaffen der Arbeiter, Bürger und Bauern gleichmäßig nertret sein solle». Die Ehristlichsoziale» stellen nun die Behauptung auf, daß seit dem Ausammenbrnehj des Rätefystems mehr als 199.000 ehemals sozialdemokratische Arbeiter in das! christlichsoziale Lager abgeschwenkt seien, daß also die christlichsoziale Partei <m<$| die Arbeiterklasse vertrete. Einem Kabinett Friedrich habe sich überdies Lovaszy als Außenminister, Desider A b r am als Innenminister, H n s z ar als Anterrichtsminister zu« Verfügung gestellt, die Sozialdemokraten könnten, wenn sie wollten, das Ministerium für Volkswohlfahrt und das Arbeitsministerinm besehe«. Allein auch wenn blej Sozialdemokraten den Eintritt in die Regierung ablehnen sollten, sei Ministerpräsident Friedrich in der Lage, das Kabinett ohne sie zu bilden. Graf Andrassy habe sich gleich falls bereit erklärt, Friedrich zu n n t e r st ü tz e n. Reben dieser Kombination steht eine zweite, welche rn Varon Pereny den künftigen Ministerpräsidenten sieht. Baron Pereny WM den Sozialdemokraten vier Portesenilles einräumen und steht nicht nur mit den Sozialdemokraten, sondern ttitäjj mit einer Kapitalistengrrrppe sowie mit der alten Tiszapartei in ständigem Kontakt. Diese Kombination findet die schärf st «Gegnerschaft von Seite der Lovaszy- und der christlich sozialen Partei, die behaupten, daß ein Kabinett Pereny si nicht drei Tage lang halten könnte. Es hat also mit der Kabinettsbildung «och gute Wege, zumal da die Sozraldemokr erklären, daß ein Kabinett Friedrich an der passiven Resistenz aller Gewerkschaften! scheitern müßte. \ Der frühere Ministerpräsident der Szegediner Regierung, Desider Ab r am, erklärte Ihrem Korrespondenten, daß die Kabinettsbildung bis morgen abends vollzogen fein würde. Nach der Kabinettsbildung soll ein aus drei Mitgliedern bestehender Staatsrat gebildet werden, als dessen Mitglieder die Grafen Andrassy und Appouyi sowie Lovaszy genannt werden. Die Partei der kleinen Landwirte und die Lovaszh-Partei beschlossen zur gegen fettigen Verstärkung die innigste Kooperation. > fw>j wtew das stärkste Argument für die Aufnahme von Deutschland und Rußland" in den Völkerbund. Diese Aeußerungen sinh charakteristisch für die bedeutende Stellung, die das jüdische Problem in der öffentlichen Meinung Englands emmmmt. Die Bemerkung bezüglich der Beschwerden der palästinensischen Juden kann sich allerdings nur auf die Unbequemlichkeiten und Schwierigkeiten einer militärischen'Verwaltung beziehen, der Palästina noch immer unterworfen ist. Keineswegs aber ist die Annahme berechtigt, daß die Inden sich über eine „provisorisä)e administrative Hilfe" settens einer Mandatarmacht des Völkerbundes» insbesondere wenn diese Mandatarmacht England sein wird, beschweren würden. , > Bezüglich Polens kann von jüdischer Seite der Anschauung, daß es Sache des Völkerbundes ist, dem militanten Polen im Osten und Westen Schranken zu setzen, nur zugestimmt werden, um so mehr, als diese Kämpfe zum großen Teile ans dem Rücken der; Juden ausgefochten werden, wie das Beispiel Osigaliziens zeigt.

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