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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-25 · Heft 216 (25.8.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 216 (25.8.1919)
Date
1919-08-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Men, Montag Wiener Morgenzeitung Pie Entwirrungsversuche ln Ungarn. Verhandlungeu über eine neue Regierung. Budapest, 24.August. Das Ungarische Telegraphen» korrespvndenz-Bureau meldet: Die von den Entrntenächten nach Budapest entsandte Militärmission hat die Lepesche Clemenceaus gestem nachmittags dem Verveser Prinzen Josef zukomnien lassen, der damit den Ministerpräsidenten Friedrich aufsuchte. Auf Berlnlassung des. Ministerpräsidenten traten die Mitglieder »er Regierung sofort zu einem Ministerrat zusammen, um n 'der neuen Lage gemeinschaftlich mit dem Verweser über hr Verhalten schlüssig zu werden. Nach einer kurzen Beratung faßten sie einmütig denBeschluß.daßderVerveser zürücktrete und das ganze Kabinett demissioniere. Dementsprechend wurde nachstehende Antwort an »ie alliierte Militärmission abgefaßt: Meine Herren! In Beantwortung Ihrer vom 23. d. M. datierten Note erlauben wir uns sowohl im Namen des Verwesers Prinzen Josef wie der ungarischen Regierung Sie Zu verständigen, daß der Verweser und die Regierung abdanken und die interalliierte Militär- . Mission bitten, alle sich notwendig erweisenden Agenden zu versehen. Empfangen Sie,. meine Herren, den Ausdruck meiner besonderen Hochachtung. Friedrich, Ministerpräsident. Der Ministerrat hat die auf die Depesche Clem ente ans Zerteilte Antwort ohne Verzug der Budapester Nilitärmission der Entente zugeschickt. Nach Empfang der Antwort ließ die Militärmission den Ministerpräsidenten jurückbitten und teilte ibm mit, daß sich die Entente in sie inneren Angelegenheiten Ungarns überhaupt nicht ein» mengen wolle» sondern sich bloß auf die Erklärung beichränke, l daß sie die Bildung einer solchen Regierung rls wünschenswert erachte, in der sämtliche politische Parieren vertreten sind. Des weiteren fordert die Militär-. Mission die Regierung auf, bis zur Konstituierung des neuen Ministeriums die Angelegenheiten weiter zu leiten. - . Ministerpräsident Friedrich erklärte, daß das Kabinett innerhalb einiger Tage sich umgestalten werde and daß den Sozialdemokraten zwei Ministerportefeuilles and eine Staatssekretärstelle zur Verfügung stünden. Die bürgerlichen Parteien seien bereit, die, von den Arbeitern oelezierteu Minister zu akzeptieren, doch erwarten sie demgegenüber von der Arbeiterschaft, daß sie ihrerseits ruf die Auswahl der Vertreter der bürgerlichen Parteien deinen Einfluß werde üben*wollen. Nachdem die Militär^ Mission und Ministerpräsident Friedrich hie' hier skizzierten Erklärungen abgegeben: hatten, verhandelte die Militärmission mit dem Ministerpräsidenten noch längere Zeit über aktuelle Regierungsfragen. Ministerpräsident Friedrich kehrte nach den Beratungen mit der Militärmission in den Ministerrat j zurück und erstattete seinen Ministerkollegen über die Por- ' gänge bei der Ententemissiön Bericht, Nun legte Beriveser Prinz Joses vor dem Ministerrat auch in aller Form den Berweserpysten nieder. Im. Namen des Ministeriums nahm Minister des Aeußern Lovaszy irr einer ergreifenden Ansprache von dem Prinzen -Abschied. Er schloß seine Worte folgendermaßen: ,Min nehmen wir schweren Herzens Abschied von Eiferer Hoheit. Daß Euere Hoheit das Land aus der völligen Anarchie herausgehoben und, die Ordnung wieder hersteäend, eine Situation geschaffen haben, in der die Konsolidierung nunmehr mjt schleunigeren Schritten erfolgen kann, ist Ihr unvergänglich großes Verdienst. Empfangen Sie für Ihre entfaltete Tätigkeit hen immerwährenden . Tank der ganzen Nation. * Die ungarische Nation wird Ihre selbstlosen Bemühungen nie und nimmer vergessen.* Tief ergriffen antwortete Winz Josef: Für meine Arbeit gebührt mir kein. Dgnk. Ich hist gekommen, weil man mich ries. Ich habe gehandelt, weil eS die Verhältnisse geboten, weil ich meinem geliebten Vaterland helfen wollte. Wie mir scheint, ist es mir gelungen, dies in Gemeinschaft mit meinem Kampfgenossen, dem Ministerpräsidenten Stefan Friedrich, zu erreichen. Herill i t darf ich mich zurückzieben. Ich füble, daß ich meine Pflicht gegenüber meiner Nation erfüllt habe. Zum Abschied sage ich,, meine Herren, bloß soviel: Wo immer und wann immer die ungarische Nation meiner bedarf, stehe ich ihr bis zu meinem letzten Atemzug und dis zu meinem letzten Tropfen Blut zu Diensten. Gott segne Sie, nehmen Sie meinen Dank dafür, daß Sie sich in diesen schweren Tagen an meine Seite gestellt haben. Während Ihrer weiteren Tätigkeit denken Sie vor allem an eines: Alles und jedes nur zum Wohle des Vaterlandes! Der Prinz reichte sodann, den Mitgliedern der Regierung der Reihe nach die Hand und entfernte sich. Erzherzog Joses verabschiedet sich. * Budapest. 24. August. .Das Ungar. Telegr.- Korr.-Bureau meldet: Erzherzog ^Josef erließ folgende Proklamation: An das ungarische Volk! ' In den verhängnisvollen Stunden der schwersten Krisis übernahm ich über Aufforderung $e' Leitung meines geliebten Vaterlandes.. Hiezu hat mich bloß das Bewußtsein ermuntert, daß ich vielleicht jenen, helfen kann, die mit den innigsten Banden an mein Herz geknüpft sind: meinen geliebten Kompatrioten. ES hat mich bloß die Absicht geleitet, sie ans den Leiden herauszpsühpen an die Schwelle einer besseren Zukunft. Nun ich sehe, daß unser Vaterland im Aufstieg tmf dem Niedergang begriffen ist und die Vorbereitung der Wahlen ohne Hindernis in Gang kommen kann, dergestalt, daß die Nation wirklich aus ihrem eigenen Sinn ihre Zukunft gründen kann, erachte ich meine Tätigkeit für beendet und lege die Verweser- ' schüft in die Hände der Nation zurück. Meine Person soll kein Hindernis dafür sein, daß unsere bisherigen Feinde zu unseren Freunden' werden und" uns mit *den zur Entwicklung unseres Volkes notwendigen Mitteln helfen. •, . Ich tretevon meinem Verweserpvsten Drück, doch bleibe ich im Guten wie im Bosen, auch wetterhin hier und stehe meinem ungarischen Vaterlande zu Diensten, für das ich lebe und Zerbe mit unerschütterlicher Treue, bis zum letzten Atemzug. Der Gott per Magyaren segne meine geliebte Nation und lasse unser Vaterland aufölühen! . ' Budapest, den 23. August 1919. Erzherzog Josef, Feldmarschall. Me Rumänen bleiben in Budapest. Bukarest, 23. August. (Tel,-Komp.) Die Agentur Daeia meldet: In einer Unterredung mit einem Mitarbeitet des „Adeverul* äußerte sich eine gutunterrichtete politische Persönlichkeit über die Frage der Räumung Ungarns folgendermaßen; Die rumänischen Truppen werden Budapest erst räumen können, bis eine endgültige, vom ungarischen Volke frei gewählte, von der Entente anerkannte Regierung gebildet ist. Eine solche Regierung muß auch hie Gewähr bieten können, daß nach dem Abzüge der Ententetruppen aus Budqpest vollste Ruhe und Ordnung aufrechterhalten bleibt. Jedenfalls wird ein Teil der Ententetruppen nach Abschluß des Friedens »noch längere Zeit in Budapest verbleiben, um die Ausführung der Ungarn auserlegten Fricdensbedingungen zu überwachen. Die Lage in Muychen. Nyske übermimmt die bayrische» Trappen. München, 24. August. (Priv.-Tel.) Reichswehr, minister Roske kommt morgen nach München, um als Vertreter deS Reiches das bayrische Müitärkostingent zu übernehmen. Die Übernahme erfolgt in einer Zeit gefährlicher Gärung. Den Radikalen ist es nämlich gelungen/ eine neue Organisation zu schaffen. Die Unabhängige» haben ein System von Zehnerräten aukgebaut, um innerhalb zweier Stunden' die gesamte Anhängerschaft mobilisieren zu können^ Die Kommunisten, die mit den Unabhängigen Hand in Hand arbeiten, haben Fünferrate gebildet mit einem Diktator an' der Spitze. - Tie Spartakisten warten nur den Zeitpunkt der Bergung der Ernte ab, um ihren Plan zu verwirklichen. Die Äabikalen rechnen damit, daß ein Teil der Reichswehr nicht zur Regierung halten wird. Dann wollen sie eme qxne Revolution. Hervorrufen. Sie rechnen auch mit einem allgemeinen Lisenbahnerstreik, um Hilfe aus Norddentschland für Bayern zu verhindern. Bricht der Generalstreik aus, den sie jetzt organisieren, dann soll das gemmte Proletariat in zwei Stunden auf der Straße sein. Wohlorgonisi'rte Sturmtrupps sollen die wichtigsten Punkte, bor allem die Bahnhöfe besetzen. So Zeigen sich in Bayecn neuerdings S'.urmzeichen und Nei.chüivehrmlnrster Noske erscheint berufen, gegen die PrUichpläne der Spartalisten Gegenmaßnahmen zu treffen,. Verstimryungerr zwischen Belgien und Holland' Versailles, 23. August. Die Erregung i» Belgien über die Haltung, die die holländische Regierung gegenüber dm Forderungen Belgienhei den Verhandlungen in Paris eingenommen hat, soll, wie dem »TempS* aus Brüssel berichtet wird, sehr stark sein, namentlich deshalb, weil Holland nichts für die Verteidigung der Grenzvon Limburg tun wolle, die ei nach leine» Angabe» nicht schützen könne. ^Jn gewissen Kreisen in Brüssel erwäge man deshalb, ob man nicht besser die Delegierten übberufe und die Angelegenheit dem Völkerbund überweise, damit eine Volksabstimmung in Holländisch-Limburg vorgenommen werde. ^Direkt mit Holland, wie dieses es zu wünschen scheine, könne man nicht mehr verhandeln. 1 Der neue englische Botschafter ln Paris. Versailles, 23. August. Der britische Botschafter in Paris Lord Derby verkäst seinen Posten. Er sog durch den früheren Bizekö-ig von Indien Lord Herdinge erseht werden» Die SHantungfraqe. Saint«Geonrain, 24. August. Aus Washington piird gemeldet, daß die SenalS-Konimsision für auswärtige Angelegenheiten mit neun gegen acht Stimmen einen AbändcrungSantrag des Senators Lodae zum FciedenSvertrag angenommen habe, wonach ^Scharitrrrig nicht Japan, sondern China zugesprochen werden soll. 25. August 1919 Nr. 216 Die KriegsfchSden in Südtirol. Innsbruck, 24. August. Eine durch den land. wirtschaftlichen Provinzialrat/von Trient durchgeführte Bestandsaufnahme der Kriegsscbäden, im Trentiner* und Ampezzanergebiete ergibt dem „Tiroler Bolksblatt* zufolge die Summe von 1532 Millionen Lire. Davon entfallen auf Landschäden 342 Millionen Lire und auf Gebäudeschäden 524 Millionen Lire. ( Gegen die politischen Streiks. Saint-Germain, 24. August. Im letzten Bericht des leitenden Komitees der englischen Gewerkschaften heißt es. die Periode zwischen November und Mai werde von größter Bedeutung werden. Wenn der gesunde Sinn nicht siege und die Produktion nicht steige, werde sie tragisch sein. Die politischen Streiks müßten aufhören. Die Heimbeförderung der Kriegsgefangenen. Die hnnderttaufende ' Angehörigen der tapferen deutschösterreichischen Krieger, die seit Jahren in russischer Gefangenschaft schmachten und nun vor einem neuen Winter in den Eiswüsten Sibiriens stehen, wollen die Frage der Heimbeförderung ihrer Lieben begreiflicherweise nicht zur Ruhe kommen lassen, ehe alles getan ist, um ihnen die Heimkehr zu ermöglichen. Samstag fand im Saale der Wiener Bezirkstrankenlasse in der Albertgasse abermals eine zahlreich besuchte Versammlung der Hilfsgruppe Beresowka statt, in der über die Erfolge berichtet würde, welche die Frauenabordnuugen bei den Ztaatsämtern und bei den Ententemissionen erreicht haben. Fräulein Turn heim beantragte. dem Stadtrat den Dank der Versammlung zrr übermitteln für das Telegramm, das der Bürgermeister nach SainchGermain gesandt hat und in dem er bat, die Enteiste möge alle deutschösterreichischen Kriegsgefangene» freilassen. (Widerspruch in der Versammlung: »ES ist noch nichts geschehen!") Dann erstattete Fräulein Turnheim den Bericht über dir Franenabordnung. Im Parlainsnte versprach Präsident Seitz. den Angehörigen der Gefangenen drei Mandate in der Staatskommission. Bei der Staatskommission für'Kriegsgefangene wies Leiter Staatssekretär Dr. Mayer darauf hin, daß auch er als Deutschböhme vom Kriege schwer betroffen sei;, im Staatsamt der Aenßern wurde die Abordnung von Dr. Leitmayer und Herrn K a u tz k y empfangen, im Staatsakt für Volksgesundheit vom Unterstaatssekretär Professor Dr. Tandler, hex versprach, seinen ganze» Einfluß für die Sache dep Kriegsgefangenen zur Geltung zu bringen, im Staatsamt der Finanzen vom Sektionschef Dr. Grimm, der zusagte, daß die Aktion des Heimtransportes nicht an der Finanzfrage scheitern solle, im Staats amt für soziale Fürsorge vom StaatZsekr-tär Hanusch, dex erklärte, daß die Frage der Kriegsgefangenen erst in dem Augenblicke in den Bereich dieses Staatsamtes falle, bis die Gefangenen heimgekehrt sinh. Frau B r o u c z e k berichtete über den Empfang der Abordnung bei den Ententemissionen. Der Leiter der japanischen Mission Oberst H o h a erklärte, daß es Ausgabe des Staytsamtes für Aeußeres sei, sich mit her Mission wegen Abfindung einer Depesche an die japanische Mission in Smnt-Germain ins Einvernehmen zu setzen. Auch bei der englischen, französischen und amerikanischen Mission wurden Eingaben mit der Bitte überreicht, sie nach Saint-Germain weiterzuleiten, was die Herren dex Missionen hereitwilligst zusagten. Hierauf berichtet Baurat Bönisch über eine Sitzung, in der der Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes Herr Flick einen geradezu trostlosen Bericht über die Heimbeförderung der Kriegsgefangenen aus Ruß-, land erstattete, nach dem es a u s z e s ch l o s s e u e rs ch e i n t, daß alle vor dem Winter 1920/21 daheim sein werden. Dann berichtete Baurat Bönisch noch über eine amtlich erfolgte Vorsprache im Kriegsgefangenenamte. Die Stimmung der Versammlungsteilnehmer wurde derart erregt, daß die Frauen beschlossen, von allen Vereinen abzusehen, und eine frei e V ereinigung der Frauen und Mütter zu bilden, welche de» Zweck hohe» sollte, di-Gefangenen heimzArinM. Gleichzeitig Mmde^ beschlossen, die Hüter Stgütskommiisio^ he-c sonders Uatioualrat Richter einzuladen, zu einer denfnäcßst ejnzttbxruseuden große» Frauenpersammlung zu -rschslne» unp ihr» Hort oie Frag? popzulegen, mann er W Gefangenen.iy' der Heimat zu sehen geheuke. Unter leipeuschaftüchen Zurufen wurde die' Versammlung hierauf ge-' schlysstv. Die Sage der österreichischen Kriegsgefangenen in Albeuien. Saint--Gevmain,24.Augttst.Djedeutschösterreichischs Friedensdelegation hat an dje italienische Militärmission in Sajnt-Germain eine Verbalnote gerichtet, in der daraus hingewiesen wird, daß nach de» eingelaufenen Berichten die Lage der in Albanien unt-rg-brachten österreichischen Kriegsgefangenen infolge der dort herrschenden Malaria ungemein tramig ist. Diese Gefangenen gebpren hauptsächlich den Alpen ländern an und ihre Famlli-n beginne» an ihrem Schicksal zu verzweifeln. Die Militärmission wird gebeten, der italieni'che» Regierung die dringende Bitte zu übermitteln, diese Gefangenen, wenn man sie schon nicht in Freiheit setzen will, wenigstens nach Italien zn üdersühren, wo sie in Lagern untergebracht werde» könnten, Pie für Berghe^ wohnep besser gessignet und gesuftpheitlich weniger gejahr, bringend, sind.

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