Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 215 (24.8.1919)
- Date
- 1919-08-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzeitung 4 Wien, Sonntag 24. August 1919 Nr. 215 Inland. Parlamentaris ch es. «\ Bis zur Stunde sind noch keine Dispositionen Lber die Einberufung einer Sitzung des Hauptausschusses oder der Nationalversammlung getroffen. Wie oerlautet, dürsten mit Rücksicht auf die neuerliche Verzögerung der Überreichung der Antwort der Entente in SainL-Germain im Laufe der n ä ch st e n Woche noch nicht Sitzungen des Haupt- Ausschusses und der Nationalversammlung abgehalten werden können, sondern deren Einberufung erst in der ersten Septemberwoche möglich sein. Die Besetzung Westungarns durch Deutschöfterreich. Wie von der P r esseleitun g der diplomatischen Mission Italiens mitgeteilt wird, bestättigt es sich, daß der Oberste Rat der Alliierten in seiner letzten, diese Frage behandelnden Sitzung zum Entschlüsse gelangt ist, der deutschösterreichischen Regierung wohl kein formelles Mandat zurBesetzung der westungarischen Gebiete, die im Frieden von Zamt-Germain Deutschösterreich zugesprochen wurden,;u erteilen, sich jedoch auch dahin zielenden Maßnahmen seitens der deütfchöfterreichifchen Negierung n i ch t zu widersetzen. Verlängerung der Arbeitslosemmterftützung. Durch eine im Staatsgrietzblatt verlautbarte Vollzugsan-- mweisung des StaatsamteS für soziale Verwaltung vom 20.d. M. wird die Geltung der Vorschriften der Arbettslosenunterstützung lls 3t. Oktober verlängert. E>nS Abänderung ist led glich insofern erfolgt, als der Anspruch auf die Arbeitslosenunterstützung erst nach einer achttägigen Wartefrist entsteht. Jenen Arbeitslosen, die nachweisbar aus der Kriegsgefangenschaft heimkrhrcu, gebührt die Unterstützung unmittelbar vom Tage der. Geltendmachung des Anspruches an. Jene Arbeitslosen, die der Anordnung wegen amtsärztlicher Feststellung ihrer Erwerbsfähigkcit nicht Folge leisten, verlieren die Unterstützung. Die Gsmeindervahlordnung in Tirol. Innsbruck» 23. August. (Korr.-Bur.) Der Landtag hat!;:utc die Spczialdcbatte über die G e M e i n d e Wahlordnung beendet. Die Vorlage wurde mit unwesentlichen Aenderungen nach dem Entwurf des Versassungsausschnffes angenomnren. Einschränkung dos Reiseverkehrs in Melk. Bon morgen an werden mit Rücksicht auf die Lebensmittelknapphnt und die Notwendigkett der Unterbmdrmg des Schleichhandels in den Gasthöten in Melk nur solche Reisende höchstens drei Tage verpflegt, die in Me'k beruflich oder in dringenden Familienangelegenheiten zu tun haben. Die Verabreichung von Mahlzeiten an solche Reisende geschieht nur gegen Speisemarken, die beim Gemeindeamt Melk ausgegeben werden. ^,7>, -rW&T, Herrenu. Damenhüte werden nach neuest. ' Mode prompt und billigst modernisiert ' 2CVIII., Währiag-er Gürtel 21 und VII., Mariahüforgtrasse 68 Herrenu. Damenhüte werden nach neuest. ILW losen, die Schuld auf Schuld häufen, welche die schlichte Menge da unten so grausam büßen muß. Aus diesen Briefen entnimmt mans: In die Ghetti zersprengt, aber zusammengehalten vor allem durch das Heldentum der Frauen, durch ihre standhafte Treue und ihre allen Jammer überglänzende Liebe und man begreift, wenn einer der Briefschreiber seine Wiener „Schnur" also begrüßt: „Friede, Friede, meiner geliebten Schwiegertochter, der züchtigen und frommen in ihrer Würde, die Königstochter in ihrem Gemache". Daß in diesen zermürbten Ghettosöhnen — man lese es in diesen Episteln nach — der hohe König David weiterlebte, daß ihnen das Schir Haschirim die Brust füllte, wenn das Feilschen der Trödelbude verstummt war und daß sie ein heimliches Fürstentum adelte, •— — den jüdischen Frauen war es vor allem zu danken. Da entsinne ich mich aber jener tausende jüdischer Frauen und Mädchen, die ihre Flüchtlingsjahre hinter Schreibmaschinen und beim Nähen von Rucksäcken in Äellerwerkftätten verbrachten, da denke ich an jene leider immer seltener werdenden westjüdische.r Mütter und Töchter aus den Patrizierkreisen, die vo'n erlesener Bildung und schlichtestem Wesen sind, deren werktätige Nächstenliebe von allen „Wohltätigkeitsbetrieben" ausgebeutet wird und da erinnere ich mich vor allem jener galizischen Greisin, die im Evakuierungszug, den in Wien niemand verlassen durste, während etliche Krakauer Damen in Pelzjacken und Stöckelschuhen hysterisch schrien und um sich schlugen, in aller Ruhe auf ein Endchen Packpapier an ihre in Wien wohnende Tochter ungefähr folgende Worte schrieb: „Liebe Mindel, ich darf nicht airssteigen, bleib' gesund, kränke Dich nicht. Ich bin gesund, Gott wird weiterhelfen. Bis ich aussteigen darf, schreibe ich Dir gleich, wo ich bin." Ja, sie lebt noch, die echte jüdische Frau, sie lebt in Ost und West, aber man sieht sie nicht, denn die 'ibrw-adc Physiognomie der Bakkaratspielerinnen und mi!pfllomi'i’ib?r/ der weiblichen Rennsporthyänen und .'s- : V.itltititJit zieht aller Augen aus sich. OUo <?i bete s. Der Sturz des Erzherzogs Josef Das Kabinett Friedrich und der erzherzoglrche »Verweser" sind gefallen. Der ungarische Ministerpräsident hat noch gestern mit erstaunlicher Unbekümmertheit erklärt, er bleibe auf seinem Posten und kümmere sich nicht viel um die Entente. Nunmehr »st der Lebcnsmittelkontrollor H o o v e r von seiner Reise zmückgekehrt und bat im Obersten Rat Über die Lage in Ungarn einen sehr freimütigen Bericht erstattet. Die Folge davon eine Mitteilung des Obersten RateS an Erzherzog Josef, daß man in Paris mit einem Habsburger nichts zu tun haben wolle und seine Regierung nicht anerkenne. Ueber Forderung der amerikanischen Delegation und zufolge der Proteste Italiens und der Nationalstaaten ist eine Note an die Budapesier inter-vlliierteMission abgegangen, in der es heißt, die Entente habe den stärksten Wunsch, mit dem ungarischen Voll einen dauernden Frieden zu schließen, glaube aber nicht, daß dies geschehen könne, so lange die gegenwärtige ungarische Negierung an der Macht sei. Diese Regierung ist Nicht durch den Willen des Volkes errichtet worden, sondern durch einen von einer k! e i n c n P olizeigrupve unter dem Schutz einer fremden Armee ausgrsührten Staatsstreich. Ihr Chef ist ein M i tglied derFamilieHabsburg, die^sich durch ihre Politik und ihren Ehrgeiz zum großen Teil für d a S Unglückverantwortlich gemacht hat, an dem die Welt leidet Md noch lange leiden wird. Der Friede, über den mit einer derartigen Regierung verhandelt würde, könnte nicht von Dauer sein, und anderetieits können dir alliierten und assoziierten Regierungen dieser Regierung nicht die wirtschaftliche Hilfe angedeihcn lasten, deren Ungarn so notwendig bedarf. Wenn Erzherzog Josef e i u w e n d e t, daß er bereit sei, vor Eintritt in Verhandlungen mit den alliierten und astoziierten Regierungen sich der Probe einer Befragung deSVolkeszu unterwerfen, so antworten wtr ihm, daß uns dies nicht zufriedenstellen kann, weil die Wadlen unter der Leitung einer Brrwaltung stailstnden würden, an deren Spitze sich der Erzherzog selbst befindet. In der gegenwärtigen unglücklichen Lage Ungarns ist es sehr schwer, durch Wahlen einen wirklichen Ausdruck desVolkswillens zu erhalten. Die Schwierigkeiten wären unüberersteiglich, wenn die Wahlen unter der Kontrolle eines Habsburgers stattsinden würden. Selbst wenn d e auf dicke Weise gewählte Versammlung das Land wirklich repräsentierte, würde niemand daran glauben. Im Jntereste deS europäischen Friedens sind daher die alliierte» und astoziiertenRegierMgengezwungen, darauf znbestehe« daß der Prätendent, der gegenwärtig die oberste Macht im Mgarifchen Staate beansprucht, z u r ü ck t r e t e und daß eine Regierung, in der alle Parteien vertreten sind, das' ungarische Volk zu Rate ziehe. Die alliierten Md assoziierten Mächte werden sich bereit zeigen, mitjeder Regier«« ß, die sich deS B e r l r a u e n 8 einer auf solche Art gewählten Versammlung er'rmt, zu verhandeln. DieseBotschaftsollrnallenGebiete« v e r 8 f f e n t l Vch t w e r d e n. Nun ist er von der politischen Bühne abgetreten md der Vorhang fällt über eine Farce. Der gewesene DolkskommifsLr Bokanyi verhaftet. Budapest, 23. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der frühere Volkskommissar für Bolkswohlfahrt, Desider Bokanyi, der später den Posten eines OberkommandHnten bekleidete, wurde gestern von der Polizei verhaftet und Heute einem längeren Verhör unterzogen. Er dürfte voraussichtlich Montag in das Sammelgef-ngnis gebracht werden. Ungarische Politiker in Wien. Wie die „Ungarische Post" meldet, sind gestern mehrere ungarische Politiker in Wien eingetroffen, darunter Wilhelm B a s z o n y i, Gras Stefan Dethlen und andere. Gestern abends erhielten sie Kenntnis von dem Schritte der Entente. Nach unseren Informationen wird die Note der Verbandsmächte von ihnen allen als eme durchaus notwendige und zweckmäßige Maßnahme beurteilt, von der sie gute Folgen für die Losung der Krise erwarten. Einer der hier wellenden ungarischen Politiker faßte seine Meinung darin zusammen, daß hiermit das größte Hindernis beseitigt sei, das bisher der friedlichen Lösung der ungarischen Krtse in dc^ Wege stand. Kündigung der Kollekt'rvverträge der Vudapester Journalisten durch die Verleger. Aus Budapest wird der Korrespondenz Erpreß gemeldet: Die Verleger der Bndapester TagesttUunqen haben in rmcr kürzlich abgehaltenen Beratung den Beschluß gefaßt, sämtlichen bei den Bndapester Tageszeitungen tätig gewesenen Journalisten unter Hinweis ans die unter dem Sowietregime vorgcnommene Sozialisierung der einzelnen Zeitimgsbetriebe mitzuteilen, daß die Verleger die bisher bestandenen KollcktivvertrÜge als nicht mehr zurcchtbestehend anlehen. Die Verleger behalten sich das Recht vor, mit jedem em;clnen Journalisten im Falle, seines Engageinenrs einen Jirdrvidualverlrag abzuschließen. Die Budapester Journalisten hatten bisher noch keme Gelegenheit, zu diesem Beschluß der Beileger Stellung zu nehmen Telegramme. Wttson wktd die Nahrungsmittel kontroMerm.! Washington, 24. August. (Tcl.-Komp.) Dem Gcneralstaatsanwalte N. P a l in o r wurde eine nach dem Plane Wilsons ausgearbeir^te GesetzeSvorlage überreicht, durch die dem Präsidenten der Vereinigten Staaten das R e ch t b e t N a h r u n g s m r t t e l k o n t r o l l e gegeben wird. Die Bauern fallen Nickt unter das Gesetz. Das Gesetz dehnt sich auch aus den Handel mit Kleidungsstücken aus. Händler, die gegen die Richtpreise verstoßen, können mit Geldstrafen bis zu öOOO Dollar oder 2 Jahren Gciängnis bestraft werden. j Hoovsr gegen den Monarchismus. j Saint'Gerrnain» 23. August. lKorr.-Bur.),Jntransigeant" greift die Meldungen über angcbl ch bevorstehende Erleichterungen der finanziellen Fricdknsbcdmgungen für Dentschö stet reich auf und lügt hinzu, daß H o o v e r gestern gegenüber amerikanischen Journalisten die sehr energische Erklärung abgegeben habe, die Bereinigten Staaten würden unter keinen Umständen m i keiner Monarchie Frieden schließen, die in ei/rem Lande arlls neue errichtet würde, das, wenn auch nur vorübergehend, eine Republik gewesen ist. j Dsr Sitz des Völkerbundes in Brüssel.! Saint-Germain, 23. August. (Korr.-Bür.z »New N o r k H e r a l d" meldet, daß der Sitz des Völkerbundes nun doch von Genf nach B i ü s s e l verlegt w o r d e u sei und daß dies m den nächsten Tagen amtlich bekanntgdmacht werden wird. Die Vorfälle in Fiume. Mailand, 23. August. (Korr.-Bm^ „Gwrnale del Popolo" m-Idet aus F i u m e. daß dre interalliierte Kommission für die Vorfälle m Fiume beschlossen hätte, zwischen den alliierten , und den italienischen Truppen daselbst einen Ausgleich zu schassen und sie einander gleichzustellen, was die Aufhebung der italienischen Kommandantur zur Folge hätte. Das Blatr lügt hinzu, daß ein solcher Beschluß für die Einwohnerschaft von Fmme eine schwere Beleidigung wäre und von f o l g enschwer enRuhestörungen begleitet sein könnte. I Zwei Brüder dev Exkaiserin Zita in Belgien dekoriert. Sairrt-Germain. 23. August. Offiziell wird mitgeteilt, daß der König von Belgien die Prinzen S i x 1 u S und Taver von Bourbon, Brüdern der, Exkaiserin Zsta, - den militärischen Leopoldsorden, die höchste bllgische Auszeichnung verliehen hat, und zwar, wie es im Ernennungsschreiben heißt, zum Zeichen der Zuneigung und der $> n n kbarteit für die wertvollen Dienste, die sie der belgischen Armee erwresen und für den M u t, den sie , vor dem Feinde gezc'gl. D!e Kohlenkrkse in Frankreich. Paris, 23. August. (Havas). Clemencean iatach Freitag die K o b l e n t r i s e mit Lonckenr unb l >n,:ral Gassoum, feiner r.v: N^ll-ms. Bä irai,,. Ron und \\ -n:ney verschiedene Mir. -> " ' ' •' die L a n i)? ni - o rg u u g. Die Requisitionen der Deutschen in Nordfrankreich. Versailles, 23. August. (Korr.-Bur.) Nach einigen Morg'ttblättern hat Ministerpräsident C l e m e it c a u gestern der d uttchen Friedensoclegation eme Note überreichen lassen, in der dte von der deutschen Regierung angebotme Uebermiltlung von Allszeichnungen über, deutsche Requisitionen i « N o r d i r a n jJr c t rh angenommen wird, jedoch unter der Bedinguna, daß keinerlei Verhandlungen über den Inhalt btefer Dokumente stattsinden, wenn er mit jenem der französischen Au^eichnungen nicht Übereinstimmt. Ein Vertrag der polnischen Negierung mit Petljura. Die Wiener polnische Gesandtschaft meldet: In Warschau ist vor einigen Tagen eine ukrainische Delegation der Regierung Petljuras, welche mit weitgtzhettben politischen, militärischen und ökonomischen- Vollmachten versehen ist, eingetvoffen. In polnischen politischen Kreisen verlautet es, daß zwischen der polnischen Regierung und der Mission Petljuras ein Vertrag a b g e s ch lo s s e n wurde, welcher folgende Punkte umfaßt: 1. Die Regierung Petljuras erklärt ihr Desinterefsement in der FrageOftgaliziens. 2. Polen und Ukraine unternehmen. g emein same Operationen gegen die Bolschewiken. 3. Die polnische Regierung verpflichtet sich, die von den Truppen - Petljuras besetzten Gebiete Mit eigenen Truppen nicht besetzen zu lassen. Die jüdische Autonomie in der Ukraine. Ter Ukrainisch: Pressedicnst meldet: Die jüdische Gmemde inK a m e n e tz - P o d o l s k hat eilte Deklaration, unterschrieben vom Vorstand dieser Gemeinde, Jakob Kr eis, erlassen, in welcher unter anderem gesagt w,rd: In, der whÄjt*. fichen und polnischen Beste nng der Ukraine sind die Juden gleich fiavt intetessiert. In allen Staats- und Gcmeindekonstrukuonen muß die jüdische Demokratie die Möglichkeit der T e r l n a h w e, der I n i i , a t r v o und Arbeit besitzen. Die im 20. Jahrbundcrt errungene Losung des S e l b st b e -- st i m m u n g s r e ch t e ö der Völker, aus, dem das ukrainische Volk auch seine Staatlichk-'it aufvaüt. muß der Grundstein des staatlichen BäueS der Ukraine auch it» Verhältnis zu den anderen daS Land bewohnenden Völker werden. Daher verlangen wir, daß die proklamierte, n a ti onale Personalautono m r e durch das Min sterium iür jüdische 'Augelegenheiten, die jüdischen OrtS- und jZeNtralorgäne der nationalen Selbstverwalmiig gründlich a u s g e b a u t werde. Wir verlangen, daß die Regierung den Kampf mit den sinsterxn provokatorischen Elementen, die die Judenpogroute m der Ukraine veranstalten, führt, denn der Ruin der .Städte u n d S i 8 d t ch e n, wo dre jüdische Bevölkerung ' nr größeren Massen lebt, brrngt auch den Ruin deS ganzen Landes m't sich, da in der mdttsttieatmen Nk-rginc das jüdische arbeitende Volk den H a u v r f a k t o r d e r, w r r 1 s ch ältlich c n Entwicklung deS Staates bildet. Amerikanische Freihafen. ■ NerV-syord, 23. AiistU't. lT>'I -Komv.^ Es r> a »i.'lo.t. daß 20 der führenden Handelsiamm tu d!>r V-- - n -mo-i c umtou eine Bcweaung zugunsten der Scka 'un' ran .v c ii'?:, ln Wtu'b» amerila cmgdcitet haben.