Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 215 (24.8.1919)
- Date
- 1919-08-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ne. 215 Wien, Sonntag? Politische MMdschau. Rumänischer Imperialismus. Ir''' Die Imperialisten der neuentstandenrir Kleinstaaten find' eisiigst bestrebt, ihre Gesinnnngsfrennde innerhalb der Großmächte zu übertrumpfen. ' ° j Speziell die großrnmänischen. Chauvinisten können sich rühmen, diesbezüglich den höchsten Rekord geschlagen zv haben. Sie begnügen sich nicht mit den rumänischen Gebieten in Bcssnrabien, Siebenbürgen, Bukowina und ttngarn, sie wollen auch ukrainische, serbische, magyarische und deutsche Gebiete annektieren, ja, ihre LLndergier erstreckt sich auf Territorien, wo es gar kleine Rumänen gibt, wie es ihr seinerzeitiger Einfall in Ostgalizien und jetzt ihr geplanter Vormarsch stach — Westungatn deutlich zeigt. \ König Ferdinand von Rumänien, der in seinem ttgenen Lande nicht übermäßig beliebt ist und dessen Dhron nicht auf allzu festen Füßen steht, streckte vor kurzem sogar seine Hand nach der ungarischen Königsjfvone aus. > Charakteristisch für die rumänischen Verhältnisse kst eine Schilderung der Lage dieses Landes, die vor zjvei Jahren der frühere Führer der Bukowinaer Rupiänen, Abgeordneter Dr. Ritter von Onciül, in den „Süddeutschen Monatsheften" entwarft „Dieses anscheürend einheitliche Land umfaßt in Wirklichkeit zwei Elemente, und zwar eine herrschende Bojarenklasse griechischer Abstammung, die sich zwar die rumänische Sprache angeeignet hat, aber ihrem Geist und Gefühl nach frernd geblieben ist, und das geknechtete rumänische Volk. Die aus annähernd tausend Familien bestehende Bojarenklasse vereinigt in ihrer Hand die tzflnze politische und wirtschaftliche Macht des Landes und beutet sie rücksichtslos aus. Das rumänische Pauernvolk aber, zu dem 90 Prozent der Bewohner Rumäniens gehören, ist politisch entrechtet, indem es infolge eines monströsen Wahlrechtes nicht einen einzigen Vertreter in die gesetzgebenden Körper zu entsenden vermag, und wirtschaftlich proletarisiert, weil ihm der Gruird und Boden systematisch abdekretiert wurde." — „Wäre heute bei. allgemeinem Wahlrecht in Rumänien eine neue Königswahl vorzunehmen, so würde trotz des Krieges die überwältigende Mehrzahl der Stimmen auf den Kaiser von Oesterreich fällen, schon weil hierdurch alle Rumänen unter dieselbe Dynastie kämen." . Diese Zeilen wurden in dem Moment niedergefchrieben, wo Bukarest von deutschen und österreichischen Truppen besetzt war und die Habsburger noch inWien residierten; sie sind natürlich jetzt vollkommen gegenstandslos, wo das alte Oesterreich-Ungarn nicht mehr besteht, rumänische Truppen Budapest besetzt, halten und der KoNnationäle Ritter von Oncinl, der Großösterxeicher Dr. Alexander von Vahba, derAührer' der ungarisch -siebenbürgischen Rumänen, angesichts >der Besetzung Pests durch die rumänischen/ Truppen .französischen Journalisten gegenüber erklärt, Rumänien wolle zwar eine Verständigung mit Ungarn, nehme aber gegen alte RestüurationSbestrebungen der Habsburgerdynastie En Ungarn Stellung. Immerhin ist mit diesen Worten des Dr. Vayda noch nicht gesagt, daß er von der Festigkeit der Herrschaft Ferdinands von Hohenzollern für lange überzeugt ist,' zumal da gerade am Balkan, Wiener Morgenzeitung SOEBEN ERSCHIENEN mmamm» u imuuiui Abg. RobertStricker ’DJER JÜDISCHE NÄT80NÄLISMUS warnn Die wirksame Abwehr des Antisemitismus. - Schadet der jüdische Nationalismus den Juden? Wie können wir unsere Jugend jüdisch erziehen? - Die Vertreter des jüdischen Volkes. Preis K 2.50. - Zu beziehen durch die Administration der „Wiener Morgenzeitung“, Wien, il.Bez., Taborstrasse 1 bis 3!« wo alles in Fluß begriffen ist, kein Thron auf festen Fundamenten ruht, wie ja auch die Vorgänge in Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland zeigen. Freunde hat Rumänien, welches die führende Stellung am Balkan für sich in Anspruch nimmt, wohl keine außer den Albanesen. Mit-Serbien selbst steht es wegen des südungarischerr Banats in sehr gespannten Beziehungen, mit Bulgarien wegen der Dobrildscha, mit den Griechen und Serben wegen ihres Anspruches auf das kuzowalachische Gebiet Mazedoniens und'mit den Ukrainern Wegen der rumänischen Ansprüche auf die ukrainischen Gebiete Bessarabiens und der Vnkowina. In diesen Ländern aber werden überdies ununterbrochen noch die Juden provoziert, und mit allen Mitteln versucht man von Seite der rumänischen Vojarenclique, den von der Entente geforderten Minoritätenschutz, besonders soweit er den Juden zugute käme, zunichte zu machen. Aber auch die Bäume Rumäniens werden nicht in den Himmel wachsen, weder seine Lage im Innern noch das Verhältnis zu den Nachbarvölkern, aber auch nicht bas zur Entente ist derart beschaffen, daß die rumänischen Imperialisten nicht Anlaß hätten, sich darüber klar zu werden, daß 'auch sie bereits? den Höhepunkt -ihrer Macht mit der Besetzung Budapests überschritten haben. Schon, die Tatsache, daß Ferdinand von Rumänien nicht in Budapest einziehen konnte, sollte die rumänische SoÜmiHka vom der Vergänglichkeit jedes Imperialismus überzeugen. Die nationaljüdische Demokratie, die auf der» Boden der Gleichberechtigung aller Völker lieht, wünscht mit der rumänischen Nation wie mit/allen anderen in Frieden und Freundschaft zu leben. Es war dies auch geraume Zeit in der Bukowina der Falt, wo vor vielen Jahren keinmal die jüdische, ukrainische und rumänische Demokratie in einem freiheitlichen Verbände im Bukowinaer Landtage /24. August 1919", , /Seite eine Zeitlang friedlich znsammenarbeitete. Wenn spakm nationaler Chauvinismus und Antisemitismus dies«« Klub sprengte, so ist dies keineswegs ein Beweis' vom der Unmöglichkeit 'einer Kooperation zwischen Rrr-j meinen und Inden unter gewissen Voraussetzungen^ deren oberste Bedingung nicht nur die endliche Ver-j wirklichung der schon durch den Berliner Kongreß tzv^. währleisteten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung' derj Juden, sondern auch die Realisierung der die Inden-! betreffenden Bestimmungen des Versailler Friedens-^ Vertrages bildet. Allerdings ist hierzu auch, erforderlich/' daß die Juden Ungarns und Siebenbürgens' nicht üv eine magyarophile Assimilation zurückverfallen, sonder« wie in der Bukowina sich auf nationaler Grundlage! organisieren. Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann es zu einem modus vivendi zwischen dem' jüdischen und rumänischen Volke kommen. l— Der englisch-franzosische Gegensatz in der OrienLsrage. * \ „% c in p s" und „Journal des' Debüts" beschäftigen sich in ihren heurigen Leitartikeln mit einem Artikels der „Times", der für die französischen Rechte in Syrien eingetreten war. Der „Temps" sagt, seit dem Wafftnflillstandsvertrag seien all«cihlich alle muselmanischen Bevölkerungen deS> Orients unrer englische He r r s ch a f t gekommen. Der Fall Persien sei nur das letzte Glied in dieser Kette. ■ Mes o po tamien befinde sich unter direkter Verwaltung der' britischen Behörde. Britische Offiziere und Beamte herrschen in P a l ä st i n a, S h r i e n' und K lei u a s t e n, ein britischer Admiral in Konstantinopel und über die Meerengen. Das Blatt erklärt, das; die Alliierten für drei .Unabhängigkeit .der Völker gekämpft hätten, ihr Sieg dürfe also auch nicht damit enden, daß alle muselmanische- Unabhängigkeit in Asien vernichtet würde. Die britischen! Truppen sollten damit beginnen, die Gegend vön A l ep p o und Damaskus zu räumen, undfranzösische Truppen sollen rächt nach. Gegenden geführt werden, die Frankreich nach dem Vertrag von 1916 zugesprochen seien, vielmehr sollte dort Emir Faisnl die Macht wie im Libanonrmd den Küstenorten --ausüben, von wo sich die Engländer ebenfalls zurückziehen-sollten. Wenn der Emir die Ordnung aufrecht erhalte, werde Frankreich die muselmanische Unabhängigkeit nicht antasten, die er personifiziere. „Journal des D'ebats^, beruft sich aus die Rechte, welche der Berliner Vertrag Frankreich im Orient gab. Frankreich könne unmöglich nach dem .Siege'von 1918 seine Stellung verlieren, die ihm nach der Niederlage von 1870 nicht streitig gemacht worden sei. Im Interesse.der Freundschaft mit England sii es notwendig, daß Frankreich Genug-, tuung zuteil werde.. ~ . Dev ArMsemMsmus in dev Reichswehr. , Wolffs Telegraphenbureau meldet-: In der Presse ist neuerdings verschiedentlich die Behauptung aufgetaucht, daß." d'ie Reichswehr der antisemitischen Bewegung ober gar einer. Pogromhetze nahestehe. Demgegenüber wird von maßgebender militärischer Stelle nachdrücklich betont, daß weder iw der Reichswehr besondere antisemikisch gesinnte Formationen, vorhanden sind und geduldet werden, noch irgendeine anti-l semitische ^Werbetätigkeit gestattet ist. Die Reichswehr steht',' wie allen anderen parteipolitischen Bewegungen auch derantisemitischen fern. - -f Dazu bemerkt -das Organ der Unabhängigen, die Berliner „Freiheit": ' ■ f Diese Ableugnung hat etwa denselben'Wert wie die' offiziöse Behauptrurg, daß. es keine monarchistischen Bestre-. bangen in der .Reichswehr gebe. Auf die von der Presset gemeldeten zahlreichen Na ch weise dafür, v daß in der Reichswehr Pogromhetze getrieben wird, Acht das Dementinnt keinem Worte ein, leugnen lassen. veil sich Tatsachen nicht so leicht ab- Ein Päckchen Briefe. - Bakkaratschlitten, aus ge ho bene Spielhöllen, nächtliche Gelage, Nachmittagsparade im Wiener Kursalon, Weiberausmarsch im Badener Kurpark, hingegossene Gestalten in den Korbsesseln der Ringstraßenhotels, Nachtfest „Totschick" im Prater, Nobeljause amKobenzl, rückkehrende Fiakerko können vorn Rennen irr der Freudenau alle diese Vorstellungen verknüpfen sich, Gott sei's tzeklagt, auf das peinlichste mit dem Begriff „Jüdisches Frauentum". Ulst» sie ist doch' unsagbar treu und heldenhaft tzewesen, demutvöll hingebend in der Familie und königlich stolz, wenn sie die Schwelle des Hauses verließ, anmutig schlicht und köstlich klug; und sie war doch die Ktone des Judentums in aller: dunklen, peinvollen Jahrhunderten — die jüdische Frau. | Um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, denke ich!pn ein Päckchen Briefe, das erhalten blieb bis auf den heutigen Tag, teurer als Stüdien gewissenhafter Fprscher, lebendiger als die lebensvollsten Chroniken. Vergilbte, wurmstichige Episteln, die Handschriften längst verblaßt, dreihundert Jahre alt, am 22. November 1619 4p Prag von den Ghettobewohnern an ihre Wiener Angehörigen geschrieben, alle Briefe mit großer Hast hi'n- Ayvorsen und trotz der furchtbaren Not der Zeit, in der sie abgefaßt sind, in freudigster Erregung abge- 'schlossen, denn wie es in vielen Briefbogen heißt: „die Usraut sieht ein", der liederverklürte, alles Leid über- -strahlende, kerzenduftende Freitag-Abend .. . i ■ Es war in den Fährlichkeiten des Dreißigjährigen Wneges, und der Bote des Prager Inden Löbel Sarel Äutman sollte das Konvolut Briese von Prag nach Wien bringen. Sie gelangten aber nicht in die Hände det wohl sehnsüchtig Harrenden, der Bote mag unteripegs ermordet iutt> beraubt worden sein. Die für die Wegelagerer wertlosen Briefe wurden weggeworftn, ein glücklicher Zufall ließ sie, ordentlich znsmnrnengebunden, ,auffinden und sie kamen ins Wiener Staatsarchiv. Zwei jüdische Fachmänner, Landau und W a ch st ei n, haben den Schatz sorglich gehoben. („Jüdische Ptibatbriefe aus dem Jahre 1619", Verlag Braumüller, Wien.) Viele dieser Briefe stammen nun von Frauen und tver sich erquicken und aufrichten will, lese sie, damit das Antlitz anderer jüdischen Frauen vor ihm aussteige, damit er freudig jene Gestalten erkenne, die uns aus den plumpen Aufzeichnungen der „Wiener Geserah", aus den historischen Berichten über die jüdischen Heldenfrauen von Mödling und Perchtoldsdorf zur Zeit des großen Judenbrennens im 15. Jahrhundert, aus den Memoiren der Glückel von Hameln, aus den Berichten über die prachtvolle Krakauer Figur der „Bube Machele" und ans den Mitteilungen unserer Mütter und Großmütter über wunderbare Frauen entgegentreten, wie sie in jeder jüdischen Familie sagenumspvnnen fortleben. Ich will gleich einige Episteln heraus greifen. Da ist die Tochter des Abraham Ha Levi Heler. Sie hat arge Tage verlebt. In der Gasse war ein Aufruhr) und ein Angehöriger war als nackter Bettler aus Nikolsburg heimgekehrt, wo es gerccke, eine schaurige Judenhaß gegeben hatte. Sie aber schreibt nach Wien*): „Ich will nicht, Ihr sollt lesen, was schmerzlich' ist und will nicht klagen, weil uns Gott um das Verdienst unserer Vorfahren willen errettet hat." Und sie beginnt mit köstlicher Frische von Tagesereignissen zu plalldern, fragt nach den großen Geschehnissen in der Welt und zeigt besonderes Interesse daran, ob es auch wirklich wahr sei, daß der Herzog von Bayern Nördlingen erobert habe... Resel Landau — man sieht'diese Frau vor sich, wenn man ihren Brief liest — schreibt an ihre Tochter: ,Aele ist angekommen'. Wie kann man in solchen Zeiten ein Mädchen auf die Reise schicken? Beinahe wäre sie ins Lager geraten, hätte sie sich nicht mit ihren Habseligkeiten ausgelüst. Du schreibst, bei Euch sind.viele Fremde. Auch unsere Gassen sind mit fremden Juden überfüllt. Wir sind knapp dem Verderben entgangen, *) Cv't1 übertrage dü ziiier>cn Brici'i'lien ins Hochdeutsche. sie haben die Gasse überfallen. Und in diesen Zeiten schreibst Du wegen des Schleiers. Gott gebe, es fehlte uns nichts mehr als der Schleierschmuck . . ." Schätzen wir sie glücklich, die Resel Landau, daß sie das Jaho- 1919 nicht erlebt hat:.. Und um ihr kerniges, kluges Wesen zu kennzeichnen, (denkt nach, ob sich nicht auchs unter euren Ahninnen eine solche fand), sei mitgeteilt,' was sie ihrem Schwiegersöhne, dessen Kind sie bei sich hat, kräftig und vielsagend, kurz und humorvoll mit-' teilt: „Josef fragt immerzu: ,Großmutter, hat Dir/ der Vater kein Geld geschickt?' Er möchte gern schreiben,' kann aber nicht. Schickst Dü ihm Gew, wird er es!- lernen." Und da ist eine Frau Sarel, lange schon von ihren: Mann getrennt, sich verzehrerrd in Angst und Sehnsucht,! und in dem Augenblick, da sie an ihren Gatten schreibt^ wohl völlig niedergerungen und außer Fassung:' „Ich! weiß nicht, wie ich lebe vor Kmnmer, ich esse nicht m:d'- schlafe nicht. In guten Zeiten, wenn ich' zwei Wochen keine Nachricht hatte, meinte ich, nicht leben zu können.' Und jetzt warte ich schon sieben Wochen. Schwer ist die Zeit und ein Pfennig ist jetzt tausend Dukaten wert. Und doch —- verflucht sei mir alles Geld und Gut — wenn! ich nur von Deiner teuern Gesundheit Nachricht hätte. Vor Grauen kann ach Dir nicht schreiben, was ich Dir. von unserer Bedrängnis hier schreiben müßte . . Merkt ihrs, die ihr bitter am Leibe und bitterer in der Seele den Weltkrieg erduldet habt und das Nachkriegselend erleidet? Auch damals, wie jetzt, wareir die'Familien auseinandergerissen, sorgten und bangten! in;Prag und in Wien, in Nikolsbnrg und in Linzi um einander, aber sie alle, der Arzt und der kleine! Händler, der Hochgelehrte und der niedrigste Boten--- gänger, sie lebten in der gleichen Atmosphäre blutigster! Bedrängnis und heimlich verklärter Schönheit. Sie^ sind nicht geteilt, wie jetzt in die breite Masse ^rnsüglich! Verfolgter und in die dünne, allzu sichtbare Schichti jener mit Bügelfalte und Florstrümpsen, mit schreien-' dem Juwelenschmuck und den ausgeborgterl Heurigenliedern, der längst Entsremdeien und ach sv?lhnungs-