Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 214 (23.8.1919)
- Date
- 1919-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Trotz ,Jm gegenteiligen Nachrichten sind die Bolschewiken ni Rußland noch immer an der Macht. Die Entente HÄ sich bisher nicht entschließen können, mit Lenin Unterhandlungen zu treten, trotzdem von amerikanischer .Seite unzweifelhaft Schritte in dieser Richtung mrternommen wurden. Gegenüber den verschiedenen Heersührem der Gegenrevolutton, die mit wechselndsu Glücke gegen die Rote Armee Kämpfen, blieb die KÄtung der Westmächte zögemd und unbestimmt, was MM Teil in den Protesten der sozialistischen Parteien gegenüber einer Unterstützung der russischen Gegen- -revölutton seine Erklärung findet. Nichtsdestoweniger hat!eme Unterstützung der, .Gegenrevolution und namentllth Kollschaks durch die Westmächte stattgefunden. Die Mente befindet sich gegenüber den russischen Verhältnissen in einer Zwangslage. An ein direktes milisiärifches Eingreifen in großem Umfang vermag'sie heute Bhi zu denken, der Bolschewismus bildet eine allzu ahrliche Bedrohung der demokratischen Weltord- . als daß es ratsam schiene, sich mit ihm einzuilyssen und die gegenrevolutionären Heersührer sind nach iauem, was man von ihnen weiß, politisch schwankende Gestalten und Ehrgeizlinge, deren Sieg das Anwachsen dör.Reaktion mit sich brächte. And von einem von äJjitöfri Grigorieff, ist üstthentM festgestellt, daß er änifMs^ilr bolschewKschen Äensten stand und 'sich MäA plötzlich zpr GegLnrevvlütion schlug. Nach . den Eretznissen der letzten Tage möchte man beinahe schließen, als ob man sich gegen die. Bolschewiken zu energischen Schritten auftaffen' wolle. Zwischen der Msischen und der russischen Flotte hat es ein See- Mcht in. der Ostsee gegeben, die Engländer haben .W Heftung Kronstadt bombardiert und in Brand ge^Mt, der Oberste Rat von Paris hat sich letztens mMder Ostseefratze beschäftigt und es heißt, daß ein HÄeinsaMer Angriff gegen die Bolschewiken bevor- We, die Polen haben bei Minsk und Kowno die' Wrnsive ergriffen, nach einer Havas-Meldung treffen Ae Rumänen Vorbereitungen zu einem Angriff auf dein linken Dnjestr-Ufer und zur Vereinigung mit dM Armee Denikins, der sehr selbstbewußt nach bekannten Mustern verkünden läßt, er Heftachte sich im Kriegszustände gegenüber den Zentralnrachten. Und auch die Finnen sollen Verstärkungen erhalten und den Vormarsch begonnen haben. Die Wrainer berichten gleichfalls von fortschreitenden Erfolgen in der Großukraine, welche noch vor etlichen Wochen völlig von den Bolschewiken besetzt war, die bi^ an der ostgalizischen Grenze standen. Und schließlich Wd auch in Deutschland für die Gegenrevolutton, nmuentlich für Koltschak eine starke und systematisch HWebene Werbetätigkeit entfaltet,. es bestehen eigene Werbebureaus, in denen deutsche Offiziere tätig find, die an der in Kurland stehenden Armee des deutschen gegenrevolutionären Generals Goltz ihren WLhalt finden, der trotz allen gegenteiligen Erklungen keineswegs Miene macht, seine Armee aufzulösen. Diese Werbungen werden nicht mir unter den deutschen Truppen in Kurland betrieben, sondern auch m-Schlesien und selbst in Berlin und die Sache ist st weit gediehen, daß der regierungstreue Berliner '„Vorwärts" von der Gefahr spricht, die vereinigten Gegenrevolutionären Koltschak und v. d. Goltz könnten, falls ihnen der Staatsstreich in Rußland gelänge, ihre Heere nach Deutschland marschieren lassen und die Hohenzollern auf den Thron setzen, wie ja Koltschak für Rußland die Wiedererrichtung der .Monarchie plant. d- Ob die Herrschaft der Bolschewiken wirklich bereits erschüttert ist, ist. angesichts der zahllosen bisherigen Falschmeldungen dieser Art nach wie vor fraglich. Wohl ist nicht zum erstenmal - davon die Rede, daß amtliche Kundmachungen der Bolschewiken von der Notwendigkeit eines Anschluffes an das bürgerliche Element sprechen, Lenin soll öffentlich erklärt haben, daß die Welle der Proletarierdiktatur zurückgeflutet sei und daß man, um' mit den . Pryletarierbriidem in Mitteleuropa die Verbindung AmerikKS VsrbehM pi FriedensVertrag. . Freie Hand für die Zrrkrmst.; BeLmar, 22. August. (Funkspr. des Tel.-Korr.-Bur.). Aus Wafhmgtsn wird gemrldet Der Fried ensvsrLrag dürfte nach der Resolution des Senators PiLtmann, die von Wilson genehmigt wurde, mit folgenden Vorbehalten gutgeheitzen werden: Dem Senat wird die Ratifizierung des FriedensvsrLrages unter der Annahme empfohlen, daß die g e g e würtrge und künftige Auslegung der Vertragsklauseln fol gende sei: - . J . . * 1. Das#Mitglied, welches nach Artikel I des Volkerbnndvertrages ans dem Völkerbund aus z u Lret e n beabsichtige, soll einzig nnd allein BeurLsrter dessen sein, ob es zu jener Zeit alte seine internationalen B e rpflichLungen erfüllt hat. 2. Die «ach Artikel X von einem Bundssmitglied zu ergreisenden Maßregeln betreffs Wahrung der territorialen Rnv ersehrth eit und politischen Unabhängigkeit eines anderen Bunde s m i L g L i e d e s — sei es Unternehmungen zu Lande, zu Waffer oder in wirtschaftlicher Beziehung — muffen als freiwillige und gesonderte Aktion einer jeden Regierung für sich akgesehen werden. Die R i ch t e i l n a h m e einer Regierung an irgend einer solchen Aktion bedente keirretler rechtliche oder moralische Verletzung des Vertrages und stelle die Mitgliedschaft nicht in Frage. , 2» 3. Alle eigene« p o litis chen Fragen, die sich ans die inneren Angel e g e n h e it e n eines V u «.d e s m i t g l re des beziehen, einschließlich. Emwanderrmg, Küstenschiffahrt, Frachtraten und Hnndelsfragen, s a l l e n ganz unter die Jurisdiktion jedes c i n z eine n St aate s. Alle anderen als die hier anfgezählten Fragen, die als innere anzusehett find und bei denen sich enre Memnngsrrerschiedenheit zwischen zwei Parteien ergeben könnte und wobei von einer ParteiAehauptet werden sollte, daß die Frage eine politische^nnd keine häusliche Angelegenheit fei, p®if der Wölkerbundrat weder in Erwägung ziehen noch darf'er irgendeineks sie betreffenden Entschlntz faffen, ausgLnommcn derselbe wird von einem RatMschloffen, . welchM^^chemer. dev^^ HMden Streitteile angehöxt. 4.-KL-Ln,e Fra ge, /die -Mch Ans'iH't 'p. c S t a' a L. e n LnF' Monroe-Doktrin geh ört, darf nntör welchen'ÄMständen immer von irgendeiner Körperschaft, einem Rat, einem Schiedsgericht oder einer Versammlung in Erw ägun.g gezogen w er d en. ' ■- - •' / Erzherzog Joses tritt nach den Wahlen ZurnM. Erklürungeft des MinisterpräsideRterr Friedrich. . . - B n d a p e st, 22. August. (Korr.-Bur.) MinifterpräfidenL Stephan Friedrich hat heute einen Redakteur des Ang. Tsl.-Korr.-Bnreaus empfangen, dem er über die Krrsengernchte und über die Lage der RegiernnD folgende Erklärung abgab: Die Frage, ob eine Krise besteht, kann ich nur dahin beantworten, daß es eine Krise nur in den Augen derer gibt, welche ständig eine Krise herb ersehnen. Es handelt sich heute nur darum, die Geschäfte des Landes bis znr Durchführung der Wahlen zu leiten. Bis zum 2v. September können sich wohl jene Politiker gedulden, welche jetzt das Land um jeden Preis nach dem eigenen Rezept lenken wollen, denn am 20. September wird^ die Nation entscheiden. Es wird eine parlamentarische Majortiät nnd eine sich auf die Parlamentsmajorität stützende Negierung Vorhandensein. ~ ‘ Ob die Entente die Regierung anerkennt oder nicht, ist nicht die allerdringend sie Frage, und es wird keine Katastrophe sein, wenn die sonst äußerst wünschenswerte Anerkennnng sich bis zum 20. September verzögern wird. Was für ein Kabinett immer göbildet werden dürfte, die Intrigen würden nie ein Ende nehme«. Alt diesem können nur die Wahlen ein Ende machen. - Bezüglich der Person des Verwesers kann es keiner! ei B e- « n r n h i g n n g g e b e n. D e r V e r w e f e r w i r d n a ch d e n Wahlen a b d a n k'e «• Er wird sich znrückziehen und nach dem Zusammentritt der Nationalversammlung nicht mehr! fungiere«. Betreffs der Staatsform wird bald nach dem Znfammentrb>tt d er N a t i o n a l v e r f a m m l n n g e i n b e s o n d e r e s P l e b i s z i t st a t t f i n d e n. ' i^»igynp»aag^Baw j erhalten und ihnen praktische Untersetzung zusichern zu können, mehr arbeüen müsse als je zuvor, nicht nur in der Armee, sondern auch in allen Fabriken und Arbeitsstätten Disziplin halten, Ärbeitszwang einführen und die Mitarbeit der freien Bürger annehmen müsse. Aber es besteht nach wie vor die Gefahr, daß alle diese Angriffe, mit unzulänglichen Mitteln unternommen, auf halbem Wege stehen bleiben und das entsetzliche Chaos, welches die Zustände in weiten Teilen des Ostens kennzeichnet, noch gesteigert werde. Man darf, nicht 'vergessen, daß in jenen Ländern, während die Mächtigen in Paris über den Frieden beraten und Grenzen abstecken, ein ständiger Krieg herrscht. Täglich ändern sich die Fronten und wechseln oie Machthaber, aber das Bleibende in der wirren Flucht der Erscheinungen ist der Terror und der" Mord. Eiunml sind es die Bolen, das andere Mal die Truppen Koltschaks, Grigorieffs und Pßttjuras, deren Offiziere vielfach zu den schwarzen Hundert gehören, welche auf ihrem Siegeszug unschuldiges Blut vergießen, und die anarchischen Zustände beysimttgen die Entstehung von regellosen Banden, deren..Wüten durch keinerlei Menschlichkeit gehenunt wich/ / Und während die Heerführer dementieren. .und der Welt Sanh in die Augen zu streuen suchen, erfährt-Dan v oft Greueltaten, die alles Bisherige in den.Sclsqtten' stellen. - . Zwei beglaubigte Vertreter des organisierten ukrainischen Judentums sind aus ^jhrer Reift e nach London vor einigen Tagen in Bemn eingetrpffen'und haben ein grauenerregendes Bild über die Verhältnisse im Osten und über die Zahl der Hingeschlachtcten entworfen, welche in die -Zehntausende gehen.' Die bilden des Oltens befinden tick Sznlla und G