Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 212 (21.8.1919)
- Date
- 1919-08-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Bekleb (;_ Dien, Donnerstag Wiener Morgenzeitrrng 21. August 1919 Nr. 212 Politische Rundschau. Zwischen Kampf uud Demobilisierung. Die „Poale-Zion" bleiben in der zweiten JnLernntisnale. Der jüdisch-sozialistische Weltverband „Poale Zion", ifv?r als Föderation innerhalb der zionistischen Weltorganisation organisiert ist, hielt kürzlich in Stockholm eine Konferenz der Derbandsleitung ab. Anwesend waren Vertreter der Landesparteien aus Polen, Her Ukraine, Deutschland, Deutschösterreich, der Tschecho-Slowakei und die Mitglieder des Verbandsbnreaus. Die Berichte der Vertreter der Landesparteien imb der Bericht des Verbandsburvans über seine Tätigkeit im Laufe der Kriegszeit, der von Chasano- -ti>11srl) erstattet wurde, rief eine leidenschaftliche Debatte hervor. Die Versammlung konstatierte dann mit Genugtuung, daß die Tätigkeit des V?rbandobureaus in dieser schwierigen und verantwortungsvollen Zeit erfolgreich und energisch war, bedauerte aber, daß es dem Verbandsbureau nicht gelungen ivar, die Einheit des Verbandes und aller feiner Teile zu wahren und daß es sich manchmal zu Eckriten habe Hinreißen lassen, 'die nicht den Tendenzen der Bewegung entsprechen. Einen besvnteren Dank sprach die Konferenz den Herren Chasanowitfch, Kaplanski und Locker aus, die in dieser Zeit die Beilegung geleitet haben. Der Antrag der auf dem Boden des $ o ntinuni§nius stehenden Wiener Delegation, aus der zweiten Jckbernationale auszutreten und sich der drittenJnternationale anzuschließen, wurde von der Versammlung einstimmig att^e lehnt. Die Beratung erklärte, daß sie nach wie vor ans dem Boden der zweiten Internationale stehe und widmete eine Reihe von Sitzungen der Behandlung derjenigen Fragen, die auf der Tagesordnung der demnächst in Luzern stattfindenden Sitzung des Permanenzausschusses der Internationale stehen werden. Die Vertreter des Verbandes in dieser Permanenzkommission, die Herren Kaplanski und Chasanowitsch, begaben sich noch vor Schluß der Konferenz nach Luzern, um an den Sitzungen der Kon^ Mission teitzunehmen und dort im Sinne der hiev gefaßten Beschlüsse zu wirken. Nach einer eingehenden den Vortrag über die Aufgaben eines jüdischen A r b e i t e r k o n g r e s s e s beauftragte die Konferenz das Verbandsbureau, entsprechende Schritte einzuleiten, die die Einberufung dieses Kongresses ermöglichen. Die letzten zwei Tage der Konferenz waren den Fragen der Valästinatätigkeit in allernächster^Zeit gewidmet. Die Frage der Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation ries eine heftige Debatte hervor. Zum Schlüsse wurde mit fünf gegen vier Stirnmen beschlossen, in der zionistischen Organisation zu verbleiben. D a s ü r stimmten Chasanowitfch, Locker, Kaplanski, Jahrblum und Rubaschow, dagegen die drei Vertreter der Wiener Partei und Rewudski. Lndendorffs Denkwürdigkeiten. In Deutschland tobt sich gegenwärtig eine wahre Entbüllungswut aus. In Nationalversammlung und Presse wird enthüllt und gegenenthüllt. Aber durch all die Einzelheiten, die nian nunmehr erfährt, wird das Gesamtbild jener traurigstm Epoche keineswegs verändert. In diesem Chorus von Bekennern, die Enthüllungskonjunktnr mehr antrelbt als Wahrheitsdrang, dark Herr Ludendorfs nicht fehlen und sein Buch, das dem geschäftstüchtigen General ein erkleckliches Sümmchen einb ringen dürste, ist soeben erschienen. Dem gewesenen österreichischen Generalstabschef Conrad zollt Ludendorff alles Lob und rühmt seinen „seltenen Gedankenreichtum". Zwischen den Beiden habe stets ein „zufriedenstellendes Verhältnis" bestanden, eine Tatsache, über die sich die Wett wenig zu freuen hat. Ludendorff nennt es „Deutschlands Verhängnis", daß es mit a bst erbenden Staaten wie Oesterreich-Ungarn und der Türkei verbüiidet war, und einJude inRadom habe zu einem von Ludendorffs Herren gesagt, er könne nicht verstehen, daß ein so lebenswarmer und lebenskräftiger Körper wie Deutschland mit einem Leichnam Zusammenhänge. Ludendorsts Betrachtungen gehen, soweit man aus den bisher bekannten Auszügen sieht, keineswegs über den militärischen Horizont hinaus und seine persönlichen Anschauungen erscheinen schief und unrichtig. Deutschland hätte der österreichischen Monarchie Treue hatten und sie führen sollen, statt sich ihr zu verschreiben und ihrer überlegenen, aber einseitigen Politik zu folgen. Als ob marr nicht wüßte, daß die Dinge gerade umgekehrt lagen und die Monarchie im Schlepptau Deutschlands zugrunde gegangen ist. Oesterreich war ein Leichnam, „aber lebenskräftige Kampfgenossen konnte Deutschland nicht gewinnen". Ob sich wohl Ludendorff bewußt ist, daß diese seine Bemerkung die stärkste Verurteilung von Deutschlands Vorkriegspolitik enthätt? Reife des Generals Segrö nach Pole«. Wien» 20. August, General S e g r <5 hat sich heute mit einem Sonderzuge nach Polen begeben, um sich über die Tätigkeit der dort seit einigen Monaten weilenden italienischen Mission persönlich zu informieren. Ausweisung der Sommerfrischler aus Tirol l mit 1. September. , i Aus Innsbruck wird gemeldet: Wie verlautet, beabsichtigt die Landesregierung, sich dem Schritte der Salzburger kandesreaierung anzuschließen und die Saison in den Tiroler Sommerfrischen mrt 1. September ausnahmslos zu schließen. Eine Entscheidung ist im Momente noch nicht gefallen, zumal von sozialdemokratischer Seite einer derartigen generellen Maßnahme opponiert wird. Wien, 20. August 19t9. I Während in Berlin eine deutsch-polnische Komj Mission tagt, welche auf dem Wege der Beratungen den Komplex der Fragen lösen soll, welche yrit der bevorstehenden Abtretung deutschen Ost geb ie tes an Polen zuj sammenhängen, ist in Oberschlesien ein polnischer Aufstand ausgebrochen, der von Streiks begleitet wird und bas Eingreifen' von Truppen erforderlich machte. Die Situation schien einen Augenblick kritisch werden zu wollen, die heutigen Meldungen lassen jedoch darauf schließen, daß die Krise beinahe j überwunden ist, der Ausstand ist großenteils niedergeschlagen und man rechnet mit der baldigen Wiederaufnahme der Arbeit durch die Ausständigen. Die Pariser Blätter berichten jedoch, daß der Oberste Rat 'den militärischen Führern die Weisung erteilt habe, im Lande Ordnung zu machen, Und es sei anzunehmen, daß die Besetzung Oberschlefiens beschleunigt werde. Auch mußten die Beratungen der deutsch-polnischen | Kommission unterbrochen werden, da der Vorsitzende | der polnischen Abordnung erklärte, nicht weiter beraten zu i können, da die Verhandlungen eine friedliche Atmosphäre erforderten. Immerhin hat das Militär wieder zu tun bekommen und es schein^ daß die allgemeine A b r ü st n v i noch auf gutem Wege ist. In seiner gestrigen Rebe im Unterhause sprach Lloyd George über die Demobilisierung j und erklärte, es sei vor Abschluß des Friedens unmöglich, j aus die Friedensbestände zurückzugehen. Wir haben, sagte ' Lloyd George, jene Länder besetzt, in denen die Einwohner? massakriert oder terrorisiert würden, wenn wir ihnen nicht! unseren Schütz angedeihen ließen. England habe' die Vereinigten Staaten ersucht, am Schutze dieser Länder mitzuwtrken ünd wartet die Antwort ab. Es ist ohneweiters zuzugeben, daß die Truppen, welche die von Lloyd George gekennzeichnete Aufgabe erfüllen, den Interessen der Menschlichkeit dienen, und man muß es tief bedauern, daß sich jener Grundsatz Wilsons, der seinerzeit davon kvrach, daß man jene Länder, welche zur Selbprcgierung noch nicht reis seien u^d die Selbständigkeit etloryjt. hätten, gewissermaßen unter Aufsicht der Entente stellen müsse, nicht völlig verwirklichen ließ. Denn nur so sind die Ausschreitungen in den slawischen Ostländern möglich geworden wo die gfuhe nicht einkehren will und immer neue Schandetaten voä dem Wüten entmenschter Horben berichten. Lloyd George sprach weiter davon, daß Englands Zukunft aufs engste mit der Regelung der türkische» Frage zusammenhängt. Cr weist hier auf das Orientproblem hin, das für England von vitaler Bedeutung ist und dessen Klärung zwischen diesem und Frankreich, noch immer aussteht. Lloyd George spricht * von der vorläufig notwendigen Aufrechterhaltung von Truppenkontingenten. Wie wenig einverstanden er jedoch mit der Entwicklung zu einem neue« Militarismus ist, beweist sein» Bemerkung, der Völkerbundvertrag werde nur E «in Papierfetze« bleiben, wenn große Nationen, die Vorkämpferinnen des Völkerbundes, ihre Rüstungen vermehren. Diese Bemerkung ist deutlich gegen Ame rika gerichtet, von dessen mililärischen Plänen unser gestriger Leitartikel gesprochen hat. Lloyd George scheidet streng zwischen der vorläufigen -Notwendigkeit des Gerüstetseins und dem zukünfttgen Abbau des Militarismus und darum erfüllt ihn die Entwicklung in Amerika mit Sorgen. An Konfliktstoffen in' der Welt will es noch immer nichk fehlem und gestern ist es in der F i n n i s ch e n B n ch t?,u einer förmlichen Geeflchacht zwischen englische« und bolschewikischeu Schiffen gekommen, wobei mehrere russische Schiffe gesunken sein sollen. Ferner haben die Engländer die Festung Kronstadt bombardiert und die Stabt in Brand gesteckt.! Inland. Telegramme. Eine deutschösterreichische Verbalnote an Ungarn. Der Konflikt wegen Deutschwestnngar«. Die deutschösterreichische Regierung hat beim ungarischem »Außenminister Lvvaszy eine Verbalnote überreicht, die die Antwort auf die am 17. d. M. überreichte Protestnote der ungarischen Regierung darstellt. Die Note weist darauf hin, daß die Friedenskonferenz dem Standpunkte der deutschösterreichischen Regierung in der Frage Deutsch-Westungarns Rechnung getragen und in ihrer Antwortnote vom 20. Juli den Entschluß kundgegeben hat, dieses Gebiet Deutschösterreich zuzusprechen. Die deutschösterreichische Republik betrachtet diesen von Vernunft und Gerechtigkeit diktierten Beschluß der Weltmächte als unabänderlich. Gegenüber dem Hinweis der ungarischen Protestnote auf den peinlichen Eindruck, den die Entschließung Deutschösterreichs, die Ruhe und Ordnung in den deutschen ^Gebieten Westungarns mit deutschösterreichischen - Sicherheitsorganen auftechtzuerhalten, angeblich deshalb hervorgerufen habe, weil Deutschösterreich während des Terrors keine Intervention beschlossen hätte, betont die deutschösterreichische Regierung, daß sie grundsätzlich weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart eine Politik der Intervention betrieben hat, noch in Hinkunft betreiben wird. Es erwächst ihr aber die Pflicht zur Fürsorge, daß Westungarn nicht in letzter Stunde Requisitionen preisgcgeben und in erschöpftem Zustande mit Deutschösterreich vereinigt werde. Ein Vorgehen der neuen ungarischen Negierung, vermöge dessen ohne Rücksicht auf bk Intentionen der Pariser Friedenskonferenz, des obersten völkerrechtlichen Forums der Welt, magyarische Truppen nach Westungarn verlegt werden, ohne mit der künftigen Staatsgewalt das Einvernehmen herzustellen, müßte offenbar als ein unfreundlicher Mt gegen uns angesehen werden. Die Note wendet sich weiter gegen die geplante Besetzung Westungarns mit magyarischen Truppen unter dem Vorwände der Sicherung einer stusenweisen Erholung und besseren Zukunft und sieht darin die Absicht der ungarischen Regierung, das Dreiburgenland an der fteien Entschließung und Abstimmung durch die Gewalt der Waffen zu behindern oder zumindest noch rasch vor der Abstimmung entscheidende Tatsachen zugunsten des nationalen Imperialismus zu setzen. Bei dem Entschluß der deutschösterreichischen Negierung hat es sich nicht um eine militärische Besetzung, sondern um die Sicherung von Ruhe und Ordnung gehandelt. Die Volksabstimmung soll stattfinden unter der Besetzung einer dritten, neutralen Macht. Es handelt sich um eine entschiedene Sache, die nur den vollen rechtlichen Vollzug erwartet. Die deutschösterreichische Negierung vertraut darauf, daß auch die neue ungarische Regierung in freundschaftlicher Weise dabei bemüht sein wird, die Voraussetzung für eine bauernde, gute Nachbarschaft der beiden Völker an der mittleren Donau zu schaffen und zu erhalten. Beschleunigte Arbeit am dentschSsterreichischen ' Vertrag. Ueberreichung Donnerstag. Saint-Germain, 20. August. (Korr.-Bur.) Nach dem ,Exc els ior"' hat der Oberste Rat gestern in einer gemeinsamen Schung mtt dem Hauptkomitee bei Konferenz das bei der Zusammenstellung der öfterreichischen Klauseln einzuschlagende Verfahren in allgemeinen Zügen festgesetzt. „Eclair" erfährt, daß die Mahnung T i t t o n i s, die Arbeiten der Konferenz zu beschleunigen und vor den Ferien zum größten Teil zum Abschluß zu bringen, nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen sei. Man habe zwar keine endgültigen Beschlüsse gefaßt aber die einzelnen Kommissionen und das Hauptkomitee ermahnt, die Arbeit an dem österreichischen Vertrag nach Kräften zv fördern, damit am Donnerstag, an welchem Tag der von seinem Urlaube zurückgekehrte Clemenceau wieder in der Sitzung erscheinen wird, alles bereit fei. Sollte das gelingen, so würde, wie „Eclair" meint, noch am selben Nachmittag die Prüfung durch den Obersten Rat vollzogen und der Vertrag vielleicht no ch D onnerst ag abends in Saint-Germain überreicht werden. Die anderen Blätter glauben allerdings, daß dies erst anfangs der nächsten Woche der Fall sein werde. Amerikanischer Protest i gegen das englischpersische Abkommen. ' Saint-Germain, so. August. (Korr.-Bur.) Im amerikanichr« Senatwerden die Senatoren B o h r a und Mae l o t m 11 morgen gegen den englisch-persischen Protektorats- »ertragvrotestieren. Sie haben angeblich die Absicht, »araus Hinzuwelsen, daß England augenblicklich bestrebt sei, sich ve Koutrolle Über fast alle Petroleum- Die englische Presse über Lloyd Georges Pläne. Saint-Germain, 20. August. Die meisten englischen Zeitungen äußern sich sehr enttäuscht über die Rede Lloyd Georges, deffrn Pläne weder bei den Arbeitern noch btt den Unternehmern Anklang fänden. „Daily Herald* glaubt, daß die Entscheidung der Regierung über die Nationalisierung neue Schwierigkelten in bet Industrie zür Folge haben werde. . ä JiDöUt) Expreß" veröffentlicht ein Interview mit Sir Bernon Hartshorn, einem Mltqtted des Parlaments und der Bergarbeiter-Föderation, worin dieser sagt, die Bergarbeiter, die bereit gewesen wären, mit der Regierung zu einem Einverständnis zu gelangen, würden von nun an diese Regierung mrt aller Kraft bekämpfen. Sie würden nichts zur Erhöhung der Produttion beitragen, sondern im Gegenteil einen Streik herbeizuführen versuchen. Auch die Northeliffe-Presse ist unzufrieden, weil ste die Aeußerungen Lloyd GeorffeS Über die Art, wie Ersparniffe gemacht werden sollen, unzureichend findet. Dre Bergarbeiter-Deputierten HodgeS und Lunn erklären, Lloyd George habe den psychologischen Augenblick nicht erfaßt. Die Bildung von. Trusts bei den Bergwerken könne die Lage der Arbeiter nicht in zureichender Weise verbeffcrn. Die fremden Konsuln verlassen Moskau. Rotterdam, 20. August. (Tel. der „Wr. Morgcnzta.") „Daily Mail" berichtet, daß das dänische und norwegische Generalkonsulat wegen der gefährdeten Situation Moskau Verlage» haben. 4