Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 210 (19.8.1919)
- Date
- 1919-08-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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^Nr, 210 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeiturrg 1^ August ISIS Seite Enthüllungen des Kabinettsdirektors Polzer- Hoditz. Die Entstehung des Amnestieerlasses. — Als das Oktroi geplant wurde. Deutsche Nationalversammlung. Weimar, 18. August. Auf der Tagesordnung steht die erste und zweite Beratung des Anleihegesetzes für daS Jahr 1919. A8g. Hugenberg (deutschnational) beantragt mit Rücksicht darauf, daß die Vorlage den Abgeordneten erst gestern zugegangsn ist, die Absetzung der Vorlage. Reichsfinanznlinister Erzberger erklärt: Wenn das Haus dem Antrag stattgibt, wird es dem Finanzminister unmöglich gemacht, ordnungsmäßig Gelder auszugeben. Wir geraten dann vor den S'taatsbankerott. (Große Bewegung und lebhafte Unruhe rechts.) Abg. Schultz (deutschnational) widerspricht. Abg. Dr. H e i n tz e (deutsche Volkspartei) verlangt, daß Gelegenheit gegeben werde, die Vorlage in gründlicher Weise zu beraten. (Beifall rechts.) Abg. Dr. Dernburg (Demokrat) erwidert dem Vorredner, die Vorlage sei nicht kompliziert. Die Rechte mache hier ganz emsach euren Versuch zur Störung der Geschäfte. (Lebhafter Beifall links, Widerspruch rechts.) Abg. Keil (Sozialdemokrat) betont, die Rechte habe nie ein Wort des Bedenkens geäußert, als die Kriegs- Nreditvorlagen, bei denen es sich nicht' nur um die Bewilligung von 10 bis '15 Milliarden Mark handelte, sondern auch um die Forts ü h r u n g des Krieges, oder Friedensschlusses, ohne Erörterung erledigt wurden. (Lebhafte Zustimmung.) Abg. Geher (unabhängiger Sozialdemokrat) erklärt: Zu der beispiellosen Hast, mit der die Gesetzesvorlagen eingebracht werden, gesellt der Reichsfinanzminister auch noch den Druck der Drohung mit seiner Dp Mission. Wir werden uns keinerlei Gefahren anssehen, wenn wir dke Beratung dieses Gesetzes uin 24 Stunden verlegen. Der Antrag der Dentschnationalen wird schließlich gegen die Stimmen der Rechten und der Unabhängigen a b g elehnt. Es folgt die erste Beratung des Gesetzes über einen Anleihekredit für 1919. Reichsfinanzminister Erzberger erklärt, daß er nach Erledigung der ersten Lesung deS Gesetzes und Verweisung an den Ausschuß dort weitere Mitteilungen zur Begründung machen werde. Dr. Dernburg beantragt die Verweisung der Vorlage an 'den Ausschuß. . Das Haus beschließt in diesem Sinne. In der Nachmittagssktznng wird die Beratung des Offiziersentschädigmlgsgesetzes fortgesetzt. Das Gesetz wird in zweiter und dritter Lesung angenommen. Die polnischen Putsche in Schlesien. Berlin, 18. August. (Korr.-Bur.) Die Abendblätter melden auS Breslau: Heute nachts versuchte eine polnische Bande einen Ueberfall ans die S t a d t w a cki e in B e u t h e n. Der wachhabende Unteroffizier erhielt einen Bauchschuß und mußte den Weg freigcben. Durch Handgranatenwürfe .gelang es seiner Mannschaft, die Polen zu versprengen. Auch in anderen Orten fanden Angriffe polnischer Banden statt, bei denen unter anderen ein Gendarni getötet wurde. In Hohcnlinde entwaffnete heute früh eine zweihmider^Köpfe starke polnische Bande das einquartierte Militär. Auf^Muscher Seite wurden in Ober-Hohenlindebei demWjftlch, den militärischen Posten zu überrumpeln, 22 Personen geMt und mehrere verwundet. Der Versuch ulißlang. In Ar i e d r i ch s b ü t t e sind die Geleise der Straßenbahn autgenssen worden, so daß der Verkehr stockt. In Teuwwiy wurde ein Sturm auf die Kaserne der früheren Jäger zu Pferd zurückgewiescn. Das „Berliner Tageblatt" meldet, daß die Putsche in Ober-Schlesten, wie sestgcstellt wurde, von den Spartakisten zusammen mit der polnischen Bevölkcnmg und mit polnischen Legionären inszeniert worden sind. Die Pogrome in der Ukraine. l Warschau, 18. August. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") In Warschau weilt gegenwärtig der bekannte Zionistenf ü h r e r aus der u k r a i n e, Advokat Goldstein, welcher einen ausführlichen Bericht über die P o g r o m e in der llkrmne für Morgrnthan vorbereitet. Wilhelm II. Von David Frischmann.*) Wird er vor ein Gericht gestellt werden, oder tvird er nicht vor ein Gericht gestellt werden? — Ich muß gestehen, haß diese Frage, mit welcher sich die Zeitungen seit Wochen beschäftigen, mich so gut wie garnicht interessiert. Ich nehme an, daß das innere Gericht, welches der gewesene Kaiser mit sich in seiner eigenen Brust herumtrügt, jene tausendfache Marter, die Inquisition des eigenen Gewissens, die den Enen, bei Nacht und bei Dag, im Wachen und im Traume, quält, eme tausendfach schwerere Strafe ist. als alle formellen ' und öffentlichen Gerichtsverhandlungen mit ihrem „Schuldig". Wenn man ein Kaiser gewesen ist, und noch dazu ein solcher, wie der letzte Hohenzollern, mit einer so gewaltigen Einbildung und mit so krankhafter Eigenliebe, mit einem so schrecklichen Selbstvertrauen und Glauben an die eigene weltgeschichtliche Mission, und wenn dann der Purpur von den Schultern gefallen und hie Krone vom Kopf gerutscht ist und der Thron plötzlich unter einen: zusammenbrach, und wenn man dazu noch ein Flüchtling geworden ist und weit von der Heimat hcrumirrt, in einem fremden, einsamen Schloß, wie ein Schatten von Zimmer zu Zimmer und von Winkel zu Winkel flieht, und in der tiefen Stille 24 Stunden im Tag Zeit hat, um von Zeit zu Zeit Lei sich selbst Einkehr zu halten, — dann ist ein öffentliches Gericht, eine Bestrafung, ein St. Helena oder eine Teufelsiirssl. einfach ein Kinderspiel. Webe, wenn das Herz eines Menschen auf der Anklagebank sitzt! ■ Oder ist ein so eigensinniger, hartgesottener, finsterer Charakter wie Wilhelm Hohenzollern garnicht fähig zu einer Einkehr? Es ist schwer, solches zu glauben. Wenn er einsam in dem stillen Schloßpark spazieren geht und nach jener Seite blickt, wo Deutsch¬ *) Wir b> iugen heute zum ersten Mal ein Feuilleton des berühmten hebräischen Schriftstellers, das bereits vvr einigen Wochen geschrieben ist, in Originalttbersetzrmp. Wir werden von nun an in der Lage sein, öfter Fenillelons von FrijMzaim Lu veröffentlichen. Der ehemalige kaiserliche Kabinettsdirektor Polzer-Hoditz ist seit einiger Zeit bestrebt, über die Vorgänge am Hof des Ex- Kaisers Karl Enthüllungen zu verbreiten und sich gegenüber Beschuldigungen zu verteidigen. Heute erzählt Polzer einig« rnter^ssante Details über den sogenannten Amnestieerlaß, durch den bekanntlich Dr. Aramarsch," Dr. Raschin und Genossen aus ihrer Kerkerhaft befreit wurden, lieber, die Mitteilungen meldet die „Korrespondenz Expreß". Int Mai—Juni 1917 — erzählt Pvlzer — hatte die parlamentarische Mion gegln die Uebergriff« der Militärgericht« ihren Höhepunkt erreicht. Am 1. Juni nachnnttags, und zwar unmittelbar nach einer Audienz des damaligen Ministers Freiherrn v. T r ri k a. ließ mich der Kaiser rufen und gab mir, folgenden Auftrag: „Lassen Sie sich die beim Landwehrdivisiousgericht erliegenden Akten der abgeschlossenen und noch anhästgigen tschechischen Hochverratsprozesse geben, studieren Sie sie und berichten Sie mir darüber." Ich setzte mich mit dem Landesverdeidigungsminister Georg: ins Einvernehmen und es wurden mir sowohl die Akten als auch die militärischen Richter, die das Strafverfahren ketteten, zur Verfügung gestellt. lieber den Bericht der Auditors machte ich min stenographische Notizen und erstattete dem Kaiser meinen Vortrag und beschränkte mich auch nur auf die Vorlesung meiner Aufzeichnungen. Im Laufe des Vortrages erwähnte.der Kaiser, daß die Verurteilung von Kramarsch und Genossen auf Grund eines Befehles des Armeeoberkommandos» erfolgt sei. Dies ließe sich natürlich nicht mehr erweisen, da ein solcher Befehl kaum schriftlich gegeben worden sei. Wer der eigentliche Urheber der Amnestie war, weiß ich nicht. Die Kaiserin war es nicht, denn sie sagte zu einem Herrn, der es mir wiederholte, folgendes : „Ich war dagegen, als ich aber das Handschreiben las, verstand ich es." Ich erfuhr von der Amnestie erst, als sie beschlossen war, und zwar vom damaligen Ministerpräsidenten Ritter v. Seidler. Dieser kam eines Tages mit strahlendem Gesicht in meine Kanzlei in Laxenburg und sagte: „Denken Sie sich, der Kaiser gibt die Amnestie." Dies war die erste Gelegenheit, bei der ich von der Amnestie erfuhr. Ich sah darin den Beginn eines neuen Kurses der Völkerversöhnung in Oesterreich. und dachte an den Ausspruch des Kaisers, der mir gegenüber seinerzeit gesagt hatte: „Man muß den Feinden den Wind aus den Segeln nehmen." Am Abend vvr der Abreise nach München und Stuttgart teilte der Kaiser auch mir seine Absicht mit. Er sprach vom 17. August, als von dem Tage, an dem die Amnestie erlassen werden sollte, und fügte kurz bei: land liegt, und dessen gedenkt, wie glücklich dieses Land gewesen ist und wie glücklich jeder Deutsche, wie jede Gasse voll Leben und Licht war, daß alle Teile der Welt ihn beneidet haben, und wenn er sich dann plötzlich darauf besinnt, auf welche Stufe er sein Land und sein Volk gebracht hat, und wie er durch seinen Größenwahn leichtsinnig das ganze Erbe Friedrichs des Großen und Bismarcks durch gebracht hat, oder wenn er die traurigen Nachrichten hört, die täglich von Paris und Versailles kommen, und es dringt bis in seinen einsamen Winkel deis Klang von Clemencoaus verhaßter Diktatorstimme, — dann, scheint mir, müßte man schon ein Mensch ohne Herz und ohne Hirn sein, wenn man sich nicht die Haare ausraufen sollte. Nein, die Gerichtsverhandlung gegen Wilhelm II. hat schon längst ihren Anfang genommen — dort bei ihm, in seiner eigenen Brust. Denn nicht nur ist er Kaiser gewesen, er wollte auch die Rotte eines Kaisers spielen, oder gar die eines Ueberkaisers. Dies ist ja der Fluch, der auf den kleinen, einfachen, alltäglichen Menschen lastet, welche sich für Große halten. Nicht darin liegt das Uebel, daß sie 'sich so etwas einreben, sondern darin, daß sie dadurch beweisen, daß sich garnicht wissen, was wirklich groß ist, worin das Wesen'des Grüßen besteht. Sie haben nicht die stille, heilige Ehrfurcht vor dem wahrhaft Großen. Diese Zwerge besitzen oft ein Dutzend' oder zwei Dutzend Fähigkeiten, und sie gehen hin und summieren diese nach oben, und heraus kommt bei ihnen die Summe — Genie. Denn sie begreifen nicht und fühlen nich^ daS Wesen des Genies und haben vor diesem seltenen Phänomen nicht die stille, heilige Scheu. Und daher kommt es, daß sie — sofern sie sich nur irgendwie fähig fühlen — so leicht, über Nacht, ein Napoleon oder ein Goethe ober ein Bismarck werden. Die Armen wissen nicht, was ein Napoleon oder ein Goethe oder ein BiSmarck ist. Wilhelm der Letzte hatte hundert Talente, aber er hatte nicht ein Talent. ES ist der Typus, welcher so hänfig bei Juden vorkommt, der Typus des Mustermenschsn, des „wohlgeratenen Eidan:". Er ist gewöhnlich ein guter Student und kann „Justitin regnorum fundamentum. Es sind so haarsträubende Urteile gefällt worden. Tendenzurteile,' daß ich nicht anders kann. Mag sein, daß es sich um Hochverräter handelt, aber die Prozesse wurden tendenziös geführt. Es ist nicht alles . erwiesen. Ich kann auch die Justizverwaltung und meine Armee dem Skandal nicht aussetzen, der emtretm würde, wenn die Prozesse ans Licht gezogen und revidiert würden, wozu der Llbgeordnete Groß bereits den An- ' trag gestellt hat." Als wir in Stuttgart den Hofzug bestiegen, wurde ich vom Ministerpräsidenten Seidler zum Telephon gerufen, der mir mitteilte, daß mit Rücksicht auf die am nächsten Tage bevorstehende Ausschußverhandlung über die Militärgerichte die Amnestie sofort zu erteilen wäre. Ich meldete dies dem Kaiser, der folgendes sagte: „Nun, wenn der Ministerpräsident dieser Meinung ist, bereiten sie das Handschreiben sofort vor." Der Kaiser erteilte mir sodann Weisungen bezüglich des Handschreibens und betonte, es müsse in diesen: zum Ausdruck kommen, daß dieser Gnadenakt den Beginn eines neuen Kurses bedeute. Der Ex-Kaiser wollte keinen Berfassuugsbruch begehen. Diesbezüglich will ich hier auf eine frühere Aeußerung des Kaisers Hinweisen, die er im Mai 1917 getan hat. Ich referierte über di« Vorlagen betreffend die Einführung der deutschen Staatssprache und die neue Kreiseinteilung in Böhmen, die man im Wege eines Oktrois durchsetzen wollte. Während ich die Vorlagen vorlas, unterbrach mich der Kaiser mit folgenden Worten: „Ich bin sehr gegen diese Sachen. Ich bin dagegen, daß man mich verleiten will, einen BerfassungSbruch zu begehen. Ich habe zwar keinen Eid auf die Verfassung geleistet, doch ich halte auch unbeschworene Pflichtrn viel zu hoch, als daß ich mich jemals entschließen könnte, mich zugunsten eines Volksstammes über sie hinwegzusetzen." Er sprach sich bei dieser Gelegenheit auch sehr kategorisch gegen den § 14 als einen Hohn auf die Verfassung und für dessen Eliminierung desselben aus. Der Kaiser hatte große Hoffnungen hn die Amnestie geknüpft. Er glaubte, daß mit dieser eine neue, den Wünschen der Völker Oesterreichs entsprechend e Richtung beginnen würde. Er dachte, daß ein solcher neuer Kurs Masaryk und seinen Helfern im Ausland den Boden entziehen werde. Er dachte an die Eventualität einer Niederlage der Monarchie, wußte, daß in diesen: Falle die Entente das Verhältnis der Nationalitäten Oesterreichs regeln werde und wollte dem mit eii:e: großzügigen Autonomiepolitik zuvorkommen. Die Idee:: des Staatskanzlers Renner, mtt denen der Kaiser vollkommen vertraut war, wären hierbei richtunggebend gewesen. Leider ist all dies an dem Widerstand der Czerninschen, der altt) rutschen und der magyarischen Politik gescheitert. dabei Deutsch und Französisch, er hat eine schöneSchrift, spielt Violine, kann singen und vorbeten, liest dieMegille und kann allerlei — und kann eigentlich garnichts. Wilhelm II. hat komponiert und hat Urteile über Assyriologie abgegeben und hat Reden gehalten und wollte die Kunst reformieren und war ein hervorragender Diplomat und ein Stratege und ein Politiker und ein Dichter und ein Sachverständiger in Kachelöfenfabrikativn und in den griechischen Klassikern, er hat die Kantische Philosophie korrigiert und hatte Gedanken über den Plan einer Bagdadbahp — uns er wußte, daiß er größer war als Bismarck. Dann ging er hin, der Welt zu beweisen, daß er Napoleon den Großen übertreffen wird. Ach, wie wußten doch schoü einzelne Einsichtsvolle vor dreißig Jahren, daß ein solcher Mensch, wenn er ein Zündholz in die Hand bekommt, damit die ganze Welt anzünden wirb. Uno endlich bekam er es in die Hand; und die ganze Welt lohte in einer Riesenflaimm«. Ein finsterer, harter, eigensinniger Charakter war er von jeher. Schon am ersten Tag. seiner Herrschaft hat sich das gezeigt. Und seine erste Tat war, daß er einen Mann wie Bismarck, den größten Mann des Jahrhunderts, seiner Stelle entsetzte wie man eine Köchin entläßt. Er wollte eben allein regieren. Keiner soll ihm etwas dreinreden. Aber um einen Bismarck wegzujagen, muß man entweder nm etliches grösster alS er oder man muß — schwachsinnig sein. Und größer als «r war Wilhelm wahrlich nicht! — Bald nach seinem Regierungsantritt, am 1. Jänner 1890, schreibt er an Bismarck: „Ich bete zu Gott, er, möge mir noch viele, viele Jahr« vergönnen, daß ich mich Ihrer Stütze und Ihres Rates bedienen kann" — und kaum zwei und einem halben Monat später hat er ihn weggejagt. Eigentlich war eine kleine Berstimrtnryg zwischen ihnen schon am 18. Oktober 1889 entstanden. Sie fuhren beide zusammen in einem Wagen, und der junge Kaiser teilte dem alten Premierminister mtt, daß er an Alexander III. geschrieben habe, er wolle zu ihm auf sein Jagdschloß zu Besuch komnren. BiS- . marck war ersjMtt und antwortete, dies. aus