Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 210 (19.8.1919)
- Date
- 1919-08-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Wiener Morgenzeitung '1U August 1919 Nr. 210 Die InftrMLisMU Wilsons au Morgeuthau. Der Text des Briefes. Warschau, 18. August. (Del. -der ^Wiener Morgenzeitung".) Die Mitteilungen des Pariser Korrespondenten des „Küryer Warszawski" über die angeblichen Instruktionen Wilsons an Morgenthau (siehe „Wiener Mvrgenzeituug" Nr. 208) haben in den weitesten jüdischen Kreisen begreifliches Aufsehen erregt. Botschafter Morgenthau übergab daher der jüdischen Presse in Warschau den wörtlichen Text dieser „JnstruMonw", die er vor seiner Abreise nach Polen von Lans ing im Aufträge Wilsons erhalten hat. Wir reproduzieren hier nach dem „Jüdischen Volk" den Text des Schriftstückes. Der Brief Lansings lautet: „Paris, 30. Juni 1910. Lieber Herr Morgenthau! Dg ich'erfahren habedaß Sie Und Ihre Kollege^ von der Mssion nach Posen hier in Paris an die. Vorbeveitungsarbeiten schreiten, möchte ich Ihnen einige allgemeine Bemerkungen über das Wesen der Ihnen vom Präsidenten zugebachten Aufgabe machen. Der Präsident war auf Grund der verschiedenen Berichte über die Lage in Polen von der Notwendigkeit der Entsendung einer Kommission nach Polen zur Untersuchung der jüdischen Fragen Überzeugt. Dieser Standpunkt fand eine Unterstützung in der Bitte der polnischen Regiernn g durch Vermittlung des Herrn Paderewski, zwecks Feststellung der Wahrheit hinsichtlich-der verschiedenen Berichte über Polen, eine amerikanische Mission dorthin zu entsenden. Auch der amerikanische Vertreter in Polen, Mr. Gibsou, forderte hie und da eine solche Kommission und bezeichnete die Richtlinien für deren Tätigkeit. Es ist erwünscht, daß Ihre Mission hinsichtlich aller Angelegenheiten, die die Beziehungen zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Elementen in Polen betreffen, eine sorgfältige Untersuchung durchführt. Dies bedeutet natürlich die Durchführung einer Untersuchung über die verschiedenen Mordtaten, Pogrome und Exzesse, die stattgefunden haben die anderen Methoden von Ausschreitungen gegen die jüdische Rasse. Der Zweck dieser Mission ist jedoch nicht vorzugsweise die Feststellung der Wahrheit in bezug auf diese Dinge an und für sich; dies erscheint nur notwendig, um diesen Exzessen und Ausschreitungen auf den Grund zu kommen, daiuir ein Heilmittel ausfindig gemacht werden kann. Die amerikanische Regierung ist, wie Ihnen bekannt, von dem Wunsche beseelt, allen Elementen des neuen Polen/ Christen wie Juden, Hilfe zu bringen. Ich bin überzeugt, daß die Mittel, die zwecks Besserung der Lebensbedingungen der Juden ergriffen werden, auch dem anderen Teil der Bevölkerung nützen werden und umgekehrt wird alleswas zum allgemeinen Wohle Polens, als. eines Ganzen, geschehen wird, auch der jüdischen Nässe dienen. Ich bin dessen gewiß, daß die Mitglieder Ihrer Mission o.:i die Sache mit dem' richtigen Geist, g anz vorurteilslos herantreten und daß sie den Wunsch hegen, die Wahrheit aufzudecken und fruchtbringend« Mittel zur Besserung der Lage in Polen, die allen Freunden Polens große Besorgnis bereitet, yerauszufinden. Ich hoffe sehr, lieber Herr Morgenthau, daß Ihre Mission gute Resultate zeitigen wird. Gez. Robert Lansing". Die Wiedergabe dieses Briefes ist wohl diebest« Widerlegung der Ausstreuungen des „Kuryer Warszawski" über angebliche Instruktionen Wilsons, wonach die Untersuchung über die Pogrome eine untergeordnete Bedeutung, die Belehrung der Juden in Polen über ihre Bürgerpflichten jedoch den Hauptzweck der Morgenthau-Mission bilden soll. Die weiteren Arbeiten der Kommission. Warschau, 18. August. (Del. der „Wiener Mvrgenzeitung".) Botschafter Morgenthau ist in Begleitung zweier Mitglieder der Kommission nach Brest-Litowsk abgereist, von wo aus sie sich nach Pinsk begeben werden. Dienstag geht die Reise nach Kowel, dann nachWlad imir-Wolinski, Porizk undLublin. sollen, über den ökonomischenBohkott sowie über K Wien, Dienstag Wilduag mchr einer Ergänzung nach der allgemeinen Seite bedarf; Während die Westler, die die allgemeinen Fächer besser beherrschen,!i» Mische» Gegenständen meistens vom Anfang beginnen müssen« . In den Mittelpunkt des Unterrichtsbetricbes trat allmählich Zimmer mehr diehebräischeSprache.Es lehrten in der ^Unterstufe Herr Moses Rath, in der Oberstufe Herr iesendruck und Dozent Dr. T o r c z v n e r, außerdem -lehrte Dozent Torczhner Bibel und Professor Dr. Aptowitzer :Talmud. Die Unterrichtssprache in drcsen Fächern ist durchaus hebräisch, aber auch noch einige andere Gegenstände wurden in der letzten Zeit hebräisch * vorgetragen. Im kommenden Jahr übernimmt infolge des Abganges Dr. Torczyners nach 'Berlin Herr Dr. C h a j e s die Leitung der Anstalt und auch den obersten Bibelkurs. Nach den Plänen, in die ich Einsicht nehmen durftebesteht die.Absicht, die Anstalt in einen fünf* -jährigen Kurs, bestehend aus einer Vorbereitungsklasse und vier 'Jahrgängen, umzugestalten. Diese Hauptanstalt dient der Heranbildung von L eh rern d e r h e h r ü i s ch en Sprache und Kultur, an sie werden R e b e n a n st a l t e n angegliedert, und zwar zunächst für eine Ausbildung von Kindergärtnerinnen, die nur die Vorbereiiungsklafse und zwei Jahrgänge absolvieren muffen, und eine Abteilung für ReligionSlehrrr; außerdem besteht -ie Absicht, noch eine Abteilung für hebräische V o l k s s ch u l l c h r e r anzugliedern. Der Typus der Schule ist ungefähr ein Mittelding zwischen Hochschule und Mittelschule, doch ist bei einer so einzigartigen Spche jeder Vergleich unzulänglich. Materiell ist die Anstalt bisher durch Spenden Md Sub« vcntionrn erhalten worden. Auch für das kommende Jahr ist dank den Bemühungen einiger verständnisvoller Persönlichkeiten das Unterrichtsbudget in bescheidenem Umfang gesichert. Aber der Betrieb kann nicht in angemessener Weise erfolgen, wenn nicht ein entsprechender Betrag für S t i p e n d i e n zur Verfügung .steht. Selbstverständlich sind es nicht nur die Söhne der Reichen, die sich dem Studium und dem Lehrerberuf widmen; die Mehrzahl der Schüler lebt Mter außerordentlich schwierigen materiellen Verhältniffen und manche der Begabtesten sind geradezu auf Unterstützlmg angewiesen. ' Viele haben einen Nebenberuf, der ihnen jedoch viel von der kostbarsten Zeit wegnimmt. Es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn wir die Behauptung aufstcllen, daß es eine Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit ist, diesen Menschen, welche die Träger und Verbreiter hebräischer Kultur und hebräischen Geistes zu werden berufen sind, em annehmbares äußeres Leben, das ihnen eine völlige Hingabe an das Studium ermöglicht, zu sichern. Im vorigen Jahre sind bereits eine Reihe von Stipendien erteilt worden, im kommenden Jahre werden deren noch mehr erjorderlich sein. Es ist zu erwarten, daß am Schluffe des kommenden Schuljahres bereits etwa zwanzig ausgebildete Lehrer und ebensoviel Kindergärtnerinnen die Anstalt verlaffen werden. Bei dem völligen Mangel, der heute an Lehrkräften herrscht, wird dies ein unschätzbarer Gewinn für das jüdische Leben sein. Die Bedeutung drS Wiener Pädagogiums wurde auch im Auslande bereits anerkannt. So zeigte mir der Sekretär mehrere Briese des Erziehungsdepartrments der zionistischen Weltorganisation in London, gezeichnet von Doktor Schmaria L e w i n und Hillel Zlatopolski, worin in äußerst anerkennenden Worten über die an der Anstalt wirkenden Pädagogischen Kräfte gesprochen und eine Ausgestaltung der Schule angeregt wird. In wenigen Wochen beginnt das neue Schuljahr. Zweck dieser Zeilen 'ist es, die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit auf diese bisher viel zu wenig gewürdigte Institution, diese Insel jüdisch-geistigen Lebens, hinzulenken. Eine solche Anstalt und die an> ihr Wirkenden und Lerurudcn bedarf eines Rückhaltes in der allgemeinen Wertschätzung, bedarf des Interesses und der Hilfe der Judenheit, und sie verdient es. R. W. Die Lage in Weftungarn. Ans P > i tcn wird gemeldet, daß gestern Vertreter von 14 westungarischen Gemeinden des Oedenburger Komilates gekommen sind, welche über die Vorgänge tu Westimgaril berichteten, daß die Stimmung der ganzen Bevölkerung sich von Tag zu Tag deutlicher für den Anschluß an Deutschosterreich zeige. Stündlich wird erwartet, daß D'eutschösterreich in Westungarn die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung durch Gendarmerie übernehmen werde. Die Budancster Regierung findet keinerlei Anklang, denn man fürchtet, daß die alten Zustände und Bedrückungen wiedertrhren, wie sie vor der Rätedittatnr an der Tagesordnung waren. Die Bevölkerung führt das gemähte Getreide nicht e-ii und beginnt nicht den Drusch, weil sie fürchtet, daß dann wsort Reguisittoneil vorgenommen würden. Seitens der 231 deutschen Gemeinden des KomitateS (.r-u'endilrg wurde an die amerikanische, englische, französische und i;alicnifrije Mission in Wien das folgende Telegramm t.cfdiirif: 'lim heutigen Tage hat sich die Bevölkerung der nu die Stetermark angrenzenden Teile von Westungarn in . zahlreichen Massenversammlungen für bi« Zugehörigkeit zu Steiermark entschieden. Die öffentliche Kundgebung de- Bolksivilleiis verlief allenthalben in Ruhe und Würde. Trotzdem bat die magyarische Gewaltherrschaft Anlaß genommen, diese B^lkewersainmlnngen, die nichtanderes vollbrachten, tAü den Entschluß der Alliierten in die Wirklichkeit umznsctzeu, in dev brutalsten Weis« zu stören. In Raab- Eibisch haben magyarische Söldner auf Frauen und Greise gefeuert. Angesichts des vergossenen Blutes erheben wir gegen diese unerhörte Bedrückung feierlichen Protest und dichten an die hohe Mssion bi« ergebenste Bitte, di« eheste Besetzung des Landes durch deutschösterreichische SicherhettSorgane anzuordnen. Deputation an» Weftungarn in Wien. Wie schon wiederholt in den letzten Tagen fand sich auch heute eine Deputation von Deutsch-Westungarn in Wien ein und sprach bei verschiedenen staatlichen Stellen vor. Die Deputation, deren Mitglieder aus Vertretern von Gemeinden und Arbeiter- und Bauernorganisationen aus den Komitateu Oedenburg und Wieselburg bestanden, Wilderte die Unhaltbarkit der derzeitigen Verhältnisse in Wsstungarn und bat, eS möge im Ginne beS Entschlusses der alliierten Mächte, nach welchem Deutsch-Westungarn auf Grund deS Selbstbestimmungsrechtes Deutschösterreich zngesprvchen sei, Dentsch-Westungarn von deittschästecreicl,i,chcil Truppeil,;i>- Ausrechterhaltung der Ruhe und Ordnuim S^l. werden. Politik djeJHttttfof ZvwolsKi. Mit Jswolski ist einer der dunkelsten, aber fraglos auch einer der begabtesten Diplomaten des alten zaristischen Regimes dahingegangen. Er war einer jener Staatsmänner großen Stils, welche es wirklich verstehen, weitsichtige, zielbewutzte Politik zu machen und mit Zähigkeit ihre Ziele zu verfolgen. Als er im Jahre 1906 die Leitung der auswärtigen Politik Rußlands übernahm, also zu einer Zeit, als Rußland infolge der japanischen Niederlage den Tiefstand seiner Macht erreicht hatte, inaugurierte er sofort einen neuen Kurs, dessen wichtigstes Prinzip eine Annäherung an England wurde. Die Probleme, die bei der Auseinandersetzung mit England im Mittelpunkt standen, waren zunächst asiatische, obwohl auch damals schon der Wunsch nach der Oeffnung der Dardanellen JSwolskiS wesentlichster Leitstern war. Zu einer Aufrollung derBalkanfragen kam es jedoch erst, nachdem die unheilvolle, provokatorische österreichische und ungarische Politik die unversöhnliche Feindschaft Serbiens hervorgerufen hatte, die den Konflikt in die Nähe zu rücken schien. Der Leiter der österreichischen Außenpolitik, Graf Aehrenthal, suchte mit Jswolski zu einer Verständigung zu kommen und es kam zu jener bekannten Entrevue in Buchlau, wo beinahe — so wenigstens wurde dev Oeffentlichkeit mitgeteilt — ein Einvernehmen erzielt wurde. Graf Aehrenthal allerdings scheint blind gewesen zu sein und stürzte aus sinnloser Prestigepolitik, die lediglich dynastischen Interessen dinte, Oesterreich in den verhängnisvollsten Konflikt. In der Annexionsfrage hat zwar Aehrenthal scheinbar einen Erfolg errungen, denn auch Rußland unterließ es, sich der Annexion Bosnien wirksam zu widersetzen, aber der Groll blieb bestehen und der Keim zum Weltkrieg war gelegt. Es ist Lein Zweifel, daß neben dem deutsch-englischen Gegensatz vor allem die machtlüstern« österreichische Balkanpolitik den Krieg verschuldet hat, der jetzt ein fürchterliches Strafgericht Über Oesterreich gebracht hat. Diesen Krieg systematisch herbetgeführt zu haben, ist mit das Äerk JSwolskiS. Seit 1910 war er Botschafter in Paris und hatte dort Gelegenheit, die Fäden weiterzuspinnen, die er bereits Pension Cilla Wien, VIII. Schlösselgasse 24 Durch grossen Zuspruch ist eine bedeutende ERWEITERUNG DER SPEISERÄUME notwendig geworden. □ Eröffnung demnächst I MITTAG- UND ABENDMENUS L K L.— zu Beginn seiner politischen Tätigkeit eingefädelt hatte. Nach Ausbruch des Krieges und bis auf den heutigen Tag hat man in Kreisen der Mittelmächte immer wieder versucht, Jswolski als den Hauptschuldigen am Kriegsausbruch Hinzustetten. Nach dem Material, das heM der Oeffentlichkeit. vorliegt, kann kein Zweifel mehr, darüber bestehen, daß die eigentliche Schuld am Kriegenicht bei Jswolski und bei keinem anderen Staatsmann der Entente liegt, sondern in der unsinnigen Politik.. Deutschlands und Oesterreich-Ungarns und seiner autokratischen Machthaber. Auch Jswolskis klugx, Machinationen ynd sein schließlicher Triumph war nur möglich, weil eS bei uns einen Aehrenthal und Tisza gab und weil das Volk bei uns maßlos verblendet war und nicht bemerkt hat, welche Gefahr unsere Staats- männer heraufbeschwvren. . Jswolski starb im Ausgedinge. Die russische Sowjetrepublik konnte seine Dienste nicht mehr brauchen. So hat'auch er noch vor seinem Tode den völligen Zusammenbruch seines Werkes erlebt. Der Feind ist zwar vernichtet, aber die erträumte Macht des russischen Imperiums ist auch in Nebeln zerflossen. Die Zeit der Jswolskis ist um, genau so wie die Zeit der AehrenthalS um. ist. Die leiderprobte Welt braucht andere Männer. Das britisch-persische Aebereinkommen. Das britisch-persische Uebereinkommen und die französische Kritik dieses Vertrages werden von allen Zeitungen in Leitaufsätzen freimütig besprochen. „Observer" schreibt, daß das Uebereinkommen trotz der ungebührlichen Erregung und Verdächtigung durch die Franzosen von jedem Freund des Friedens und der Ruhe der Welt begrüßt werden müsse. Persien ist gleich Polen wiederhergestellt worden, der frühere Zustand - von diplomatischer Beeinflussung aufgehoben. Das Land komme nicht unter britische Schutz Herrschaft, sondern habe, unabhängig geworden, selbst vorgeschlagen, durch britische Sachverständige und mit britischem Gelb organisiert zu werben. „Tilstes" schreibt, daß Persien allein stand und dringend Hilfe und Führung brauchte und nicht eine ungeheure Menge w von Ratschlägen. Die Geschichte von Aegypten zeige, daß ein Doppelprotektorat — in Aegypten England und Frankreich — Verwirrung Hervorrufe, desgleichen auch das alte Uebereinkommen über Persien zwischen Rußland und Großbritannien vom Jahre 1907. Großbritannien werde seine Beamten nach Persien senden, welche persische Staatsbiener werden würden. Zwei Millionen Pfund seien als erstes Darlehen angewiesen worden, um den Finanzen aufzuhelfen. Das neue jugoslawische Kabinett. Belgrad, 18. August. (Korr.-Bur.) Das neue Kabinett ij auS Vertretern des demokratischen Blocks und Sozialisten zu sammengeseyt. Das Präsidium hat D a v i d o w i t s ch über« nommen, die auswärtigen Angelegenheiten T r u m b i t s ch, dai Portefeuille des Innern P r i b i t s ch e w i t s ch. Bier Ministe, sind Sozialdemokraten. General B a d j i t s ch, der keiner Part« angehört, übernimmt das Kriegsmimstmum.