Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 210 (19.8.1919)
- Date
- 1919-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Verhältnisse wurde im deutschen Friedensvertrage die Ablieferung eines so bedeutenden Kohlenquantums vorgesehen, um die Kohlenversorgung Frankreichs, Belgiens und Italiens entsprechend sicherzustellen. Es war von vornherein ganz klar, daß diese von einer vollständigen Verkennung der tatsächlichen derzeitigen Leistungsfähigkeit der deutschen Bergbauindustrie geleiteten Friedensbedingungen auch nicht annähernd eingeh alten werden können. Deutschland hat in der vergangenen Friedenszeit bei der riesenhaften Förderung von 278 Millionen Tonnen Kohle nicht mehr als?»4 Millionen Tonnen jährlich für die Ausfuhr übrig gehabt. Diese Fördermenge ist infolge der bekannten, durch den Krieg gezeitigten Verhältnisse in der letzten Woche auf 55 Prozent gesunken, was einer Jahresförderung von 153 Millionen Tonnen entsprechen würde. Deutschland verfügt nicht mehr über die Förderung des Saardeckens und das Schicksal Oberschlesiens ist einer Volksabstimmung Vorbehalten, deren Stockungen schon heute durch die fortdauernden Streiks sichtbar zum Ausdrucke gelangen. Haben die Ententestaaten nicht nur die Leistungsfähigkeit des. besiegten Deutschland auch nicht annähernd einzuschätzen.verstanden, so -/haben die französischen Mp erten, welche den Friedensverhandlungen üeigezögen waren, keine Rücksicht auf die gesamteuropäische Kohlensituation genommen und lediglich die einseitigen Interessen der französischen. BolkswirtschasL im Auge gehabt. Aber vie Kohlenwirtschast eines einzelnen Staatsgebietes hat notwendigerweise auch eine Rückwirkung aus andere Länder, wie sich dies bereits bei den Friedensoerhandlungen deutlich gezeigt hat. Die italienischen Delegierten haben darüber Klage geführt, daß die Interessen ihres Staates erst nach der Erfüllung der deutschen Verpflichtungen gegenüber Frankreich und Belgien, also an dritter Stelle in Betracht gezogen winden. Man vertröstete Italien auf amerikanische Kohlenlieferungen und nun sind bekanntlich die Italiener bemüht, vom tschecho-slowakischen Staate gegen Kompensationslieferungen entsprechende Kohlenmengen Zu erhalten. Die Angebote der amerikanischen Lieferanten ^ind nicht so verführerisch, denn diese Kohle, um welche sich selbst das kohlenreiche Deutschland interessiert hat, würde 650 Mark pro Tonne kosten gegenüber den Kosten von 70 Mark für die deutsche Tonne. Bei diesen Verhältnissen muß es allen Ententestaaten schon aus valutarischen Rücksichten darum Zu tun sein, billige Kohle aus Mitteleuropa zu erhalten. Aber das kohlenproduzierende Mitteleuropa sollte nicht nur egoistische Pflichten bezüglich der Erstarkung des Wirtschaftslebens seiner eigenen Völker besitzen, diese mitteleuropäischen Kohlenftaaten dürfen ihrer auf Kohleneinsnhr angewiesenen Nachbarn nicht vergessen, die nicht in der glücklichen Lage sind, aus eigenen Vorräten zu schöpfen. Deutschland wird nunmehr im laufenden Jahre 21 Millionen Tonnen an die Entente abzugeben haben und es ist noch immer die Frage, ob es für Deutsch- »sterreich die genügenden Kohlenmengen zur Verfügung haben wird. In Oberschlesien, dem kohlenreichsten mitteleuropäischen Staatsgebiete, gährt es und sie agitatorischen Elemente verhindern es, daß die im Interesse des nackten Lebens der einzelnen Staaten notwendige bergbauliche Arbeit zur entsprechenden Intensität gelangen könne. Cs ist charakteristisch, daß die alliierten Mächte sich bereits genötigt sahen, die Kohlenlieferungsverg Achtungen Deutschlands, welche von den hervorragendsten Ententegeologen in umfangreichen Expertisen diktiert worden sind, abzuändern. Es ist noch immer fraglich, ob Deutschland auch die restringierten Kohlenmengen abgeben können wird, ohne daß die Kohlenversorgung zahlreicher, aufdeutsche Köhleneinfuhr angewiesener Staaten nicht gefährdet erscheint. Die Zeit drängt sehr, die Möglichkeit der nur für den notwendigsten Bedarf ersvrdcr- MW.ZZMWgM.MM Md «fe tz Vor einem neuen Umsturz in Ungarn? Gerüchte über große Pogroms in Ungarn. Wien, 18. August. Heute waren hier Gerüchte verbreitet, daß es inBndape st und Angarn zu großen Pogromen gekommen sei und daß dort eine Pogromstimmung herrscht, wie sie Ungarn «och nie gekannt hat. Die Reaktion ist überall an der Arbeit, der rote Terror scheint durch den weißen Terror abgelöst worden zu sein. Die Situation, die momentan in Budapest eingetreten ist, wird durch den Umstand grell beleuchtet, daß die Banken sich weigern, der neuen Regierung die nötigen Kredite zu gewähren und die Regierung hat angesichts aller dieser Vorgänge Leine Möglichkeit, sich lange zn halten. Es ist wahrscheinlich, daß noch vor den Wahle« neue Männer die Regierung ablösen werden. Die Judenpogrome in der Ukraine. ' 35.WV Todesopfer in sieben Monaten. Berlin, 18.August. (Korr.-Bm.) Wie die „VossischeZeitung" meldet, veröffentlicht die „Jüdische Rundschau", das Organ der Zioniftenversinigung für Deutschland, einen ausführlichen Bericht über dis Judenpogrome in der Ukraine: Darnach haben in der Zeit vom November 1918 bis Mar 1919 in nicht Weniger als 127 Städten der Ukraine Judenpogrome stattgefunden, bei denen 3 0.9 0 9 bis 3 5.9 9 o Juden nms Leben gekommen sind. Abbau des Bolschewismus in Rußland. Vor dem RüMritL der RSLteregierrmg. B e r l r18. August. (Korr.-Bur.) Das „8 Ahr-Abendblatt" meldet aus Kopenhagen: Zn hiesigen parlamentarischen Kreisen sind verläßliche Mitteilungen eingetroffen, wonach L e tt i n mit seinen Parteigenossen imd den derzeitigen Mitgliedern der Sowietregiernng über deren RüÄtritt berät. Er will die Räteregrernn g d urch ei« gemäßigtes sozialistisches Kabine tt ersetzen, um dadurch einer Wr e d er* kehr der Reaktion, wie sie in Ungarn eingetreten ist, v o r z n b engen. Der Abbau des Bolschewismus soll noch von ihm selbst ins Werk gesetzt werden, und erst nachdem geordnete Zustände eingetreten sind, soll der Regierungswechsel stattfinden. Der erbittertfte Gegner des Leninschen Rücktrittsplanes ist Ts chrtsch erin, doch hat er unter den Führern der Komrnirnisten nur sehr geringen Anhang. Man erwartet, daß der endgültige Rücktritt der Sowietregiernng bereits iw Oktober stattfinden wird. unwahrscheinlicher und so gehen wir mit Bangen einer Periode entgegen, deren Auswirkungen wir nur in ihren Anfängen kennen. Wir sind genötigt gewesen, den spärlichen Schnellzugsverkehr auszulassen, während unsere Nachbarn ihre Verkehrsverhältnisse fortdauernd verbessern. Während wenige Kilometer von unseren Grenzen den Kulturbedürfnissen der Menschen in steigendem Maße Rechnung getragen wird, müssen wir nach jedem Versuche, wieder vorwärts zu kommen, unsere Kulturschraube zurückdrehen. Diese gewaltsame Fesselung birgt schwere Gefahren in sich und muß die Machthaber zur Vorsicht mahnen. Eine jüdische Kulturstätte in Wien. Die Auferstehung des jüdischen Volkes vollzieht sich als ein langsamer, stetiger Prozeß der Umwandlung Md der Rückkehr. Der politische Sinn des jüdischnationalen Gedankens ist nur ein Symptom der Bewegung, ein Ausdruck des Wrllens. Die politische Aktivität ist nur der erste Schritt vom Bekenntnis zum Leben; in der Wirklichkeit kann die Folge einer hmrdertjährigen Entwicklung nicht mit einmal ausgelöscht werden, der Verlust unserer geistigen und kulturellen Substanz kann durch das bloße BekeMtnis zum Judentum nicht ersetzt werden. Es bedarf einer schrittweisen systematischen Erziehung, wir alle muffen wieder untertauchen in die Quellen unseres Sems, wir müssen die Kulturgüter des Judentums uns wieder zu eigen machen. Vor allem gilt das von der jungen Generation, die der Träger der Zukunst ist, die der Ausgangspunkt einer neuen Epoche der jüdischen Geschichte sein muß. Darum ist die wichtigste Aufgabe der jüdischen Bewegung die Erziehungsaufgabe. Und in den letzten Jahren, wo die Verwirklichung unserer politischen Ziele in Palästina und der Diaspora immer näher rückt, ist es eme der brennendsten Sorgen unseres neutralen Lebens: Wo werden wir die Lehrer für unsere Schulen hernehmen. Hier in Wien kaum beachtet und kaum bekannt, ist allmählich eine Stätte jüdischer Kultur entstanden, eine Pflegestätte des jüdischen Geistes, ein gemeinsames Werk begeisterter und hingebungsvoller Bemühung einer Anzahl von Lehrern und Schillern. AuS kleinen Anfängen hat sich das j il di s ch e P ä d a g og i u m, Kurse", zn einer höchst bedeutsamen Anstalt entwickelt, die jetz schon beachtenswerte Resultate aufzuweisen hat, deren Wirkung sich in daS Leben der jüdischen Jugend hinein erstreckt und die sogar über die Grenzen unserer Stadt hinaus bereits sich eines guter Rufes erfreut. Ich hatte vor kurzem Gelegenheit, in den Betrieb diese, Schule Einblick zn nehmen. Was zunächst verblüfft, wenn mar an andere Schulen denkt, ist das ffeberhafte Interesse und de« Eifer, mit welchem die Schüler sich ihrem Studium hingeben Wenige Schulen der Welt werden solche Stunden aufzuweisen haben, wo ohne jeden Zwäng die peinlichste Aufmerksamkeit Mi die lebendigste Anteilnahme herrscht, wo aus jedem Wort Mt jeder Bewegung eines Schülers die tiefste Liebe zu dem Gegen stand spricht, wo in so harmonischem Einvernehmen Lehrer unk Schüler nur ‘ um des Geistes, nur um der Bildung willrr zusammeuwirken. In ihren Herzen und Hirnen vollzieht sich de wunderbare Prozeß der jüdischen Renaissance. Die „jüdisch-pädagogischen Kurse" haben bereits im Vorjah begonnen. Auf Anregung eines Komitees, welches sich all „Studiengruppe für jüdische Erziehung" konstituiert hatte und vo, der zionistffchen Parteileitung als offizielle Instanz für Erziehung^ angelegenheiten anerkannt wurde, wurde der Versuch gemacht Zusammenhängende Abendkurse über die wichtigsten Gegenstände des jüdischen Wissens, hebräische Sprach- und Literatur, jüdische Geschichte, Wische Frage und Be wegung, Psychologie und Pädagogik usw. zn veranstalten, uw dadm-ch die Vorbereitung künftiger Lehrer anzubahneu. Dr Abendkurse hatten noch eine ziemlich freie Form und wurden vo' zahlreichen Hörem besucht, die nicht die Absicht, haben,. Lehrer -v werden. Das Gelingen dieser ersten Unternehmung veranlagte di Veranstalter, im heurigen Jahr die Kurse anszugestaltrn und ein wirkliche Bildungsanstalt für Lehrer daraus zu machen. Dr Direktion übernahm Dozent Dr. T o r c z y n e r; es wurdezunächst zwei Abteilnngen eröffnet, eine für Lehrer der hebräische! Sprache und Kultur, die andere für Kindergärtnerinnen. Im Laust des Jahres bildeten sich allmählich drei Kurse; da bi Schüler keine einheitliche Vorbildung haben, hatten die Kurs mehr zufälligen Charakter und rnan mußte erst aus Veremheit lichung hinarbeiten. Am Ende des Jahres gab es insgesamt ctiw 120 Schüler: der größere Teil von ihnen stammt auZ dem Ost« doch muß festgestellt werden, daß auch einige Westler mit gute» I Erfolg die Kurse besucht haben. Die Schüler aus dem £)ffe drmgerr meist chüge hMjsche Lsrstürltniffe mit, so daß Üjs i