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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-18 · Heft 209 (18.8.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 209 (18.8.1919)
Date
1919-08-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 2S ten, Montag Gegen die Behinderung der Gütererzeugrrng. Die Gefahren der KlafserrLrktaLrrr. — Die Republik mutz nach rechLI gestützt werden. Anläßlich der gestrigen Eröffnung der Wiener Modeausstellnug hielt Staatssekretär für Handel, Gewerbe, Industrie und Bauten Z e r d i k eine interessante Rede, in der er scharfe Stellung gegen dis Auswüchse des Betriebsratesystemö nahm. Er sagte unter anderem: Das kleine Deutschösterreich, dem alles crufgebürdet werden soll, das den anderen Sukzessionsstaaten als. unerträglich erscheint, und das infolgedessen eine Last auf sich türmen sieht, die nicht erträglich ist, verfügt auf lange Zeit hinaus, ich möchte sagen, über keine anderen Aktiva, als unsere Arbeitskraft und unsere Arbeitsfähigkeit und wenn wir überhaupt mit einem wirtschaftlichen Wiederaufbau rechnen sollen, so erscheint er mir nur möglich wenn unsere Arbeitskraft bis zum äußersten angespannt und ausgenützt wird und die Möglichkeiten ihrer Verwertung, vor allem aber das hohe Maß der Arbeitsfähigkeit der breiten Oeffentlichkeit vor Augen geführt wird. * Mehr denn je ist es jetzt nötig zu zeigen, was wir können. Wir brauchen Kredit im Auslande und die Kreditwürdigkeit jedes Kreditnehmers wird in erster Linie beurteilt nach der Tüchtigkeit des Kreditwerbers. Die Kreditsrage ist wohl eine der schwersten, die wir jetzt zu lösen haben. Unsere Industrie und das Gewerbe bedürfen dringend des Importes von Rohstoffen, für welche, die Exporteure nicht gewohnt sind, langfristige Kredite zu gewähren und für die bei Einfuhr bei unS glatte Bezahlung in nur fremden Valuten oder die Lieferung von Kompenfatiousartikeln begehrt wird. Wir sollen nicht in deutschösterreichischen Kronen, sondern wir sollen mit Waren zahlen. Ich brauche in diesem Kreise nicht des näheren auszuführen, daß wir über derartige Kompensationsartikel im Jnlcmde nur in geringem Maß verfügen und daß auf keinen Fall von einer Parität zwischen Export und Import zurzüt gesprochen werden kann. Jede Ausstellungsveranstallung, mag sie bei nns im Inland, mag sie im Ausland von Oesterreichern arrangiert werden, zeigt dem Ausland, was wir können, reizt die Kauflust des.Auslandes an und ermöglicht uns durch die Lieferung hinaus entweder den Erwerb ausländischer Zahlungsmittel oder im Tauschwege die Einfuhr von Rohstoffen für unsere Industrie und unser Gewerbe. So erwarte ich mir, daß die derzeit in Zürich veranstaltete Mustermesse von bestem Erfolg begleitet sein wird, ich habe aber auch die feste Ueberzengung, daß die Veranstaltung, der wir heute hier gegenüberstehen, ihr Ziel erreichen und durch daS zur Schau Gebotene den Nachweis erbringen wird, daß durch äußerste Anspannung unseres altbewährten Gewerbes, durch die Verbindung des Wiener Geschmacks mit dem Stoffe wirklich erstklassige Ware bei uns erzeugt wird, Qualitätsware, die vom Ausland gesucht wird und solcherart geeignet ist, guten Einfluß auf unsere trostlose volkswirtschaftliche Lage zu nehmen. Je mehr «ir dafür sorgen, daß die Leistungsfähigkeit unseres Handwerkes und unserer Industrie bekannt wird, noch viel bekannter, als es bisher der Fall war, je mehr Propaganda für unsere guten Erzeugnisse gemacht wird, desto leichter wird der Kredit zu erreichen sein. ' Wenn ich vorhin von der Ausnützung unserer Arbeitskraft und von der Verwendung unserer Arbeitsfähigkeit gesprochen habe, so habe ich dabei auch ins Auge gefaßt, daß trotz aller sozialen Maßnahmen, hie manches des modernen Staates Unwürdiges beseitigt haben, doch das Maß derartiger Verfügungen nicht so weit gehen darf, daß die Arbeitszeit bei Inanspruchnahme hoher Löhne auf ein Minimum heruntersinkt. (Lebhafter Beifall.) Allerdings stehen diese beiden Momente in unmittelbarem Zusammenhang. Weite Schichten der Arbeitenden fühlen sich der intensiven Arbeitstätigkeit ttberhoden, wenn bei geringerer Tätigkeit ein Lohn erzielt werden kann, der geeignet erscheint, die Lebensbedürfnisse zn befriedigen. Ich hoffe, daß in dem Augenblick, wo sich die breiten Massen über die Wirkung des Friedensvertrages klar werden, auch das Bewußtsein erwachen wird, daß unser armer Staat nur durch Anspannung aller Arbeitskraft in die Lage versetzt werden kann, überden toten Punkt hinwegzukommen. Unternehmer und Arbeiter sollen sich nicht als feindliche Elemente gegenüberstehen, sie sollen die Ueberzeugung gewinnen, daß nur durch ein Äuswerten aller dem Unternehmer wie dem Arbeiter eigenen Fähigkeiten wirklich aufbauende Arbeit geleistet werden kann. Z« diesem Behufe darf man den Unternehmer, nenne er sich Gewerbetreibender oder Industrieller, nicht durch Institutionen in einem Maß in seiner Geschäftsführung beeinträchtigen, die das Blühe» des Geschäftes verhindert und die GÜtererzeuonng stört. (Lebhafter Beifall.) Die momentane Konjunktur für soziale Maßnahmen ist, wie es eben-bet jeder Konjunktur geschieht, in einem Maß anSgenützt worden, das ein Fortschreite nanf diesemWege nichtmehr zuläßt. Es ist eine ungesunde Entwicklung, wenn in einem demokratischen Staate — dem Begriff der Demokratie entgegen — eine einzelne Gruppe, die organisierte Arbeiterschaft, das Streben an den Tag legt, alle anderen BeMGchichten zu beherrschen, und ich ka«n Wiener MorgenzeiLnng 18. August 1919 Nr. 209 Tusar über den «attoualen Ausgleich in Tschecho-Slowakien. ‘ Prag, 16. August. (Meldung des Tschechoslowakischen Preßbureaus.) „Journal de Genöve" veröffentlicht eine Unterredung des Prager Korrespondenten mit dem Mnisterpräsidenten Tusar, der sich zunächst über das Verhältnis der Tschecho-Slowakei mit den Nachbarstaaten folgendermaßen äußerte: . Wir wollen arbeiten, bauen, Werke schaffen und neue erschließen. Dazu bedürfen wir der Ruhe auch nach außen und der Ordnung im Innern. Wir müssen daher mit dem überlebten Sprachenzwist u-n d d e m R a s s e o n f l ik t au fr ä u m e n, um Raum zu schaffen für den unbehinderten Wettbewerb der materiellen Jnteressenkomplexe. Aus dem einstigen Unfrieden mit einander und der Zwangsmonarchie Mtd sich bald ein erträgliches Nebeneinander steter Staaten und Völker entwickeln. Wir Tschechen sind entschloffen, nach besten . Kräften zu dieser Gestaltung beizutragen. Es wird unser Bestreben sein, mit dem Deutschen Reiche auf der Basis gesunder Handelspolitik gegenseitige freundschaftliche Beziehungen zu pflegen, mit Deutschösterreich ein reibungsfreies Auskommen zu erreichen und selbst mit Ungarn nach Bereinigung der jetzigen Zwistigkeiten ein beiderseitiges befriedigendes Zusammenleben herbeizuführen. Daß. unsere Beziehungen zu Jugoslawien nach wie vor in ungetrübter Bundesfreundschast bleiben, ist selbstverständlich. Ebenso werden die momentanen Trübungen im Verhältnis zu den Polen verschwinden, um einer gefestigten kordialen Gemeinschaft zu weichen. Kurz und gut — wir werden alles vermeiden, um irgendwie als Friedensstörer gelten zu können und unser bestes Wollen und Können einsetzen, um den Ruf eines betriebsamen, friedliebenden Landes zu verdienen. hier wohl konstatieren, daß die Führer der sozialen Demokraten, denen staatsmännische Klugheit nicht abzusprechen ist, maßlos übertriebenen Forderungen auf diesem Gebiete nicht mit der nötigen Energie entgegengetreten sind. (Neuerlicher lebhafter und anhaltender Beifall.) Daß sich die Dinge so entwickelt haben, ist zunächst zu begreifen, denn bis vor kurzem war unmittelbar vor den Toren Wiens im benachbarten Ungarn eine Regierung am Werk, die nickt aufbauend, sondern zerstörend wirkte, und es lag die Gefahr nahe, wenn die inneren Verhältnisse bei uns nicht mit äußerster Vorsicht behandelt werden, daß ähnliche Verhältnisse sich auch bei uns herausbilden. Mit kurzen Worten gesagt, die freie demokratische Republik nutzte gegen links gehalten werden und manchmal mußten die bürgerlichen Kabinettsmitglieder dabei Belastungen aushalten, die säst zu schwer schienen, um sie zu übernehmen. . Die geänderten Verhältnisse verlangen nunmehr eine Umkehr dieser Taktik. Es erscheint nun nötig geworden zu sein, die Republik nach rechts zu stützen. Eine weitere Entwicklung des Terrors der Arbeitermassen im Inneren müßte -ine Entwicklung zeitigen, die jeder überzeugte Republikaner ablehnt — und wenn wir dieser Entwicklung Vorbeugen sollen, dann müssen die Führer der Sozialdemokratie das Einsehen haben, nunmehr uns Bürgerliche im Kampf nach rechts zu stützen. Es muß der Bürger, der Bauer und der Arbeiter in der freien, demokratischen Repuölik das gleiche Recht haben und es muß jede Anmaßung einer einzelnen Gruppe naturgemäß bei den anderen Gruppen die schärfste Ablehnung Hervorrufen. Nur dann wird auch das Ausland, düs uns Kredit geben soll, das Vertrauen in unsere innerpolitischen Verhältnisse gewinnen. Eine neue polnische Milliarden-Anleihe. Bukarest, 17. August. (Tel.-Komp.) Die Agentur Daeia meldet: Hier eingetroffene Mitteilungen besagen, daß die p o ln is ch e Regierung sich in einer schwierigen finanziellen Lage befinde. Auf polnischem Gebiete kursieren vier Geldsorten: Die deutsche Mark, die während der deutschen Okkupation gedruckte deutsche Mark, die österreichische Krone und der russische Rubel.' Alle diese Geldsorten sind gegenwärtig als normale Zahlungsmittel im Umlaufe. Üm dem hierdurch verursachten Uebelstcknde im Geldverkehre abzuhelfen, hofft man in polnischen Regieruugskreisen, in den Ententestaaten durch Zeichnung eine Milliarde aufzubringen, die als Grundlage für eine neue Ausgabe von Banknoten in der Höhe von fünf bis sechs Milliarde» dienen soll. Die Fnrcht *or der DommLonföderatio«, Saint-Germain, 17. August. Dem „Temps" wird aus Rom gemeldet, daß die öffentliche Meinung Italien» über die Rückkehr der Habsburger nach Budapest wenig beunruhigtwäre, wenn sie nicht in fataler Weise die Bildung einer Donaukonföderation zu präludieren schiene, die für die italienischen Interessen noch unangenehmer scheinen müsse als die alte Monarchie. Gewisse Elemente, namentlich die Kroaten, könnten geneigt sein, im Verein mit Wien und Wir wollen dieGleichheit der Nationen sichern sowie wir die unbedingte Gleichheit innerhalb der Völker erstreben. Darin beruht doch daS Wesen der wirklichen Demokratie. Wenn unsere deutschen Landsleute sich vorbehaltlos auf demokratischen Boden % stellen, werden sie gleich uns an der spzialen Vervollkommnung ihres Stammes und damit an der Gesamtheit Mitarbeiten. Wenn sie ob der Zukunft an die Vergangenheit vergessen und wenn sie volles Verständnis für die Forderungen der Gegenwart bekunden, dann werden sie sich mit uns über die Form und Bedingung des Zusammenlebens verständigen, was allerdings mehr den praktischen Bedürfnissen, der Bevölkerung als den Klauseln einer gewerbepolitischen Advokatie entsprechen muß. Wir werden allen unseren Völkern die volle Freiheit politisch-nationaler und kultureller Entwicklung zusichern und ihnen alles bewilligen, was sie für ihren Völkerhanshalt brauchen. Wir fordern dagegen das Aufheben zentrifugaler Bestrebungen und ein loyales Verhalten zum Staate, der sich allerdings vor Abspaltungen schützen muß. Ich bin aber überzeugt, daß der gesunde Sinn der überwiegenden Mehrheit unserer deutschen Reichs-, genossen den Weg zu uns und zum gemeinsamen Staatswesen finden wird und daß dann so mancher . .Konfliktspunkt, der jetzt unlösbar erscheint, bei gutem Willen ohne besondere Schwierigkeiten behoben werden wird. Wenn wir nur einmal zu einer ehrlichen Aussprache kommen, wenn wir erkennen, daß wir aufeinander angewiesen sind und daß die ungespaltenen gemeinsamen Interessen weit stärker sind als die künstlich verschärften Differenzen, dann werden wir auch zur inneren Harmonie gelangen und die Tschecho-Slowakei wird auch in dieser Richtung ein Voebild sein. ■HJflMMnilMIMimIIHIIIIIII! Budapest die Verwirklichung des alten, schon dem Kaiser Franz Josef teueren trialistischen Projekts zu begünstigen. Immerhin hätten die Proteste der Tschecho- Slowaken und Serben gegen die Rückkehr des Erzherzogs die Geister etwas beschwichtigt. 1 Die Streiks in Deutschland. Berlin, 18. August. (Korr.-Bm.) Wie der „Vorwärts" aus Königshütte meldet, war die Lage im oberschlesischen Bergarbeiterstreik gestern fast die gleiche wie an den Vortagen. Doch werde für heute mit dem Zusammenbruch des Streiks gerechnet. Die Verkündigung des Arbeitszwanges stehe sürmorgen bevor. Der Eisenbahnverkehr sowie t oie Licht- und Kraftwerke haben gestern abends den Betrieb in vollem Umfang wieder ausgenommen. Verlin, 17. August. (Priv.-Tel.) Einwandfrei ist jetzt festgestellt, daß bei den Streiks der Bergleute in Oberschlesien die Polen ihre Hand im ' Spiele gehabt, haben und die Streiks inszenierten. In dem Bezirke Pleß, ist em polnischer Aufstand ausgebrochen. Bewaffnete polnische Arbeiter setzten sich in kleinen Ortschaften fest und bemächtigten sich der Bahnhöfe. Die Mannschaft einer deutschen Batterie wurde bestialisch ermordet. Parteitag der Schweizer Sozialisten. Basel, 17. August. (Meldung der Schweizerischeil Depeschenagentur.) Der außerordentliche sozialdemokratische Parteitag der Schweiz trat Samstag in der Burgvogtei-, halle zusammen. Hauptgegenstand der Erörterung war die Stellungnahme zur dritten Internationale. Dr. Welti begründete den vom Parteivorstand beschlossenen Antrag, sofort aus der zweiten Internationale auszutreten und der dritten Internationale beizutreten. Er führte dabei aus: Wir stehen auf dem Standpunkt/ daß der Kapitalismus auch in der Schweiz sich in einer schweren Krise bestndet und mit dem völligen Zusammenbruch enden wird. Die dritte Internationale bezweckt, die revolutionären Kräfte zu sammeln, um den Sieg der kommunistischen Weltrevolution zu beschleunigen. Zur Eroberung der politischen Macht sind Massenaktionen das wesentlichste Mittel. Der Referent sprach sich offen für die proletarische Räterepublik aus. Der welschschweizerische Sozialistenführer Humbert D r o z bekannte sich als entschiedener Anhänger der Moskauer Internationale, während, Nationalrat Gräber gegen dieselbe auftrat und versicherte, daß der Weg des Kommunismus zum Untergang des Proletariats führe; Alle undemokraüschen Methoden wie die Diktatur des Proletariats seien verwerflich. Er lehnte die Anwendung von Gewalt ab, solange man, wie in der Schweiz die Möglichkeit habe, dar sozialistische Ziel auf gesetzuchent Wege zu erreichen. Greulich (Zürich) warnte vor dem Eintritt in die dritte Internationale, da dies nur zu Enttäuschungen führe. Nedakteur NobS lehnte die Stellungnahme Greulichs scharf ab. Schließlich wurde, wie bereits gemeldet, bei der Abstimmung über die verschiedenen Anträge mit 218 gegen 147 Stimmen beschlossen, der dritten Öntei nationale beizutreteu.

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