Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 208 (17.8.1919)
- Date
- 1919-08-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Wien. Sonntag Die IudenpotttiL der Pretzburger Regierung. Don informierter Seite. (Schluß.)- VI. Alle Nachruhm:: über die Vorgänge in der Slowakei können mittels der Brief- und Preßzcnsur mit oder ohne Berufung auf die strategische Lage unterdrückt werden. Die tschechische Presse hat keine Lust, sich mit diesen peinlichen ' und beschämenden Dingen, die sie in ihrer Mehrheit billigt und begrüßt, in objektiver Weise zu befassen und bleibt daher der ihr ohnehin liegenden Dissimulation aus Staatsraison treu. Nur das von allen Parteien unabhängige Tagblatt der tschechischen Jrlden „Tribuna" und das Organ deS ZiUnschen Nationalrates in Prag, insbesondere dessen »-»erschrockener Redakteur Emil Wald stein, der die Verhältnisse in der Slowakei aus eigener Anschauung genau kennt, haben sich mit diesen skandalösen Zuständen wiederholt beschäftigt uick» energisch eine Umkehr zum Bessern gefordert. Praktisch ohne jeden Erfolg, außer dem, daß der Minister Dr. Schrobar unlängst zynisch, heuchlerisch urö brutal, wie es seinen Taten entspricht, sich öffentlich zu exkulpieren versucht hat. Bei den in der vorigen Woche in Turc. sv. Martin ab gehaltenen Beratungen hielt er gleich nach seiner und der Regierungsreferenten Ankunft eine große Rede. *) Wer diese Rede liest, wird kaum glauben, daß sie vom Minister Schrobar stammt, also keineswegs von einem versoffenen Revolverjournalisten, vielmehr von einem Mann, für dessen Worte und Taten nach der Verfassung der tscheche-slowakischen Republik die Gesamtregierung haftbar ist. Dieser Minister exkulpiert sich, indem er Panschalverdächtigungen ansstößt und sich zugleich auf die Zeugenschaft jener Beamten beruft, die er im selben Atemzug eigennütziger Handlungen Zeihen muß, und die sehr schnell aus Zeugen zu Angeklagten iverden würden. Dieser Mensch verlangt „Loyalität", das heißt er verlangt hündische Unterwürfigkeit unter seine Knute von eben denen, die er außerhalb des Gesetzes gestellt hat, die er verfolgen und berauben läßt. — Er, der nicht einmal bei der rein slowakischen Bevölkerung für den Staatsgedanke» zu werben verstand, weil er nicht weiß, daß Loyalität ejn gegenseitig bedingtes Verhältnis ist, bas bei der Regierung Sachlichkeit und Gerechtigkeit vovaussetzt und unmöglich ist, sobald den gegierten dis feste Ueberzeuguna fehlt, daß die entscheidenden Personen uneigennützig handeln und reine Hände haben—Der Minister für die Slowakei erklärt, daß „binnen 14 Tagen eine Konskription der Trafiken und Lizenzen" stattfinden wird, er will die ohnehin auf das schwerste erschütterte Volkswirtschaft der Slowakei von Grund auf umschichten und er begründet seine Maßnahmen einzig und allein mit einer Pauschalverdächtigung und einer Generalbeschuldigung. Wenn es nicht wahr wäre, daß Tausende jüd ischer Pro letarier in der Slowakei die bitter ste Not leide» und daß die Regierung nichts getan hat, ihr Elend zu lindern, aber allzuviel, es zu vermehren, daß die Regierung den jüdischen Mittelstand, der den größten Teil der Intelligenz in der Slowakei repräsentiert, in ihrer blinden und allem gesetzmäßigen Vorgehen entfremdeten Gehässigkeit systematisch proletarisiert hat, wenn eS nicht wahr wäre, daß noch mehr ihrer fragwürdigen Kreaturen, als sich bisher schon durch Beraubung der Juden bereichert haben, die Früchte fremder Arbeit ernten wollen, wenn eine Lüge wäre, was Wahrheit ist, daß die Regierung Schrobar, anstatt zur Arbeit zu mahnen, die Verwaltung aus feste Grmrdlage zn stelleu und rein zn erhalten, die Rechtsordnung zu schützen und vor jeder Erschütterung zu bewahren, verblendet und unbelehrbar mit ihrer Pogrompolitik und Korruption bis an die Grundlagen der staatliche« Ordnung gegriffen, die Verwaltung vollständig verdorben und das gesamte öffentliche Leben vergiftet hat, — auch dann dürsten solche Maßnahmen, wie sie der Minister für die Slowakei, der ebensowenig eine Ahnung von dem Wesen eines Rechtsstaates zu haben scheint, wie von Menschlichkeit und staatlicher Moral, in Aussicht stellt, nur im vol len Lichte der Gesetzgebung, vor der gesamten OesfentlichLit, unter ihrer Kontrolle und nach ihrer kritischen Beurteilung, kt Angriff genommen und gar erst durchgeführt werden, und nicht in dem unkontrollierbaren Dunkel der slowakischen Schandwirtschaft mit ihrem blutigen Hintergrund der Judenpogrome. Das muß mit allem Nachdruck festgestellt werben, weil leider die Befürchtung nur allzu begründet ist, daß dieser Teil des Schrobarschen PogrompvogrammS in tschechischen Kreisen viel Sympathien erwecken wird, wenn sogar ein so seriöses Blatt wie Fr. ModracekS „Soeialisticke Liste"' sich von irgendeinen Pacalt Artikel in ähnlichem Sinne schreiben läßt und das offiziell« Organ der tschecho-slowakischen Sozialtstenpartet der früheren „nattonalsozialen" Partei, deren Führer die Minister Klofac und Stribrny sind» sich beifälliger Äeußerungen dazu aus dem Grunde nicht enthalten kann, weil, wie es meint, die Judensrage in der Slowakei ganz anders beschafft« und «tu viel „bittereres" *i A««. b\ Rvb.r SBfe habe« Me nwähnke Rede AerettS m Kr. 901 unsevoS Blatte» nach de« Bericht des rsck-echo-ftowa lisch«« P«ßvurrauS wwder^ezobml und »e- Wiener Morgenzeitrmg 17. August 1919 Nr. MS ----....... - - 1 ---- - - :- Deutschösterreichische Arbeiter für Frankreich Unsere Kommission besichtigt die zerstörten Gebiete. SaintrGrrmai«, 16. August. (Korr.-Bur.) Die deutschösterreichische Kommission, die im Anschluß an die Friedensdrlegation in Eaint-Germain über die Entsendung d e u t s ch ö st e r r ei ch i s ch e r Arb eiter nach Frankreich unterhandelt, hat gestern unter französischer Führung die -erst örten Gebiete ausgesucht, um sich durch persönlichen Augenschein von der Art der zu leistenden Arbeiten und von den Umständen, unter denen diese durckuuführm sein werden, zu Überzeugen. An der Fahrt nahmen teil Ministerialrat Adler vom Staatsamte für soziale Verwaltung, Meißner, Mitglied der Nationalversammlung und Obmann deS Verbandes der Bauarbeiter Wessely, Obmann des VerbandeS der Zimmerer und Ingenieur Schmidt vom Wirtschaftsverband für das Baugewerbe. Dre Abreise erfolgte vom Pariser Nordbahnhofe mn 7*9 Uhr morgens. Die Führung hatte nehen einem ftanzösischen Offizier ein Ingenieur des Ministeriums für die befreiten Gebiete übernommen, der im Frieden sich einige Zeit in Wim zum Studium der Untergrundbahn aufgehalten hat. Die Reise ging zunächst nach A r r a S, wo ein deutsches Gefangenenlager besichtigt wurde, mn die Unterbringung größerer Arbeiterkontingmte in S o m merze l t e n kennen zu lernen. Die Gefangenm sahm gut genährt auS; ihre Unterkunft war sauber grhaltm. Hierauf wurde zrnn Vergleich ein Zeltlager sranzöfischer Arbeiter in Augenschein genommen, daS im wesentlichen die gleich« Einrichtung ausmieS. Dm deutschösterreichischm Arbeiter« ist dieselbe Untenb r i» g « » g wie dm französischen zudesichert. Für dm Winter werden heizbare Baracken erbaut werdm, für derm innere Einrichtung die französische Regierung Sorge tragest wird. Die Errichtung solcher Barackm soll die erste Tätigkeit dev Arbeiter bilden. Von ArraS erfolgte dir weitere Fahrt in Automobilen nach Bapanme und Albert. Beide Städte flnd vollständig zerstört. Dte deutschösterreichischm Vertreter wurden von einer, größeren Gesellschaft, bestehend aus etwa 15 Herren, mit dem Unterpräfekten und dem Bürgermeister an der Spitze, empfangen. De Kommission überzeugte sich von der großm Ausdehnung der Arbeit, die hier zu leisten ist. Dre Art der Begegnung war freundlich. ES wurde betont» daß man die deutschösterreichischest Arbenskräste bald herbeiwünsche. " Die Rückreise erfolgte wieder in der Eisenbahn über PariS^ wo di« Mitglieder der dmtschösterreichischm Kommission gegen S Uhr abmds eintrafen. Die Beratungen «erden in Saint-Germam fortgesetzt und dürft« in dm nächst« Tag« zu« Abschluß gelang«. , Problem als tn Böhmen ist. (In Böhmen nämlich führt man die wirtschaftliche Zurücksetzung der Juden von Staats wegen und ihrem Boykott weniger ostentativ und in etwas urbaneren Formen durch.) Jeder urteilsfähige und nüchterne Mensch weiß, daß der slowakische Jude in seiner wirtschaftlichen Tätigkeit eben dem slowakischen Niveau entspricht. Ltttch die Slowakei hat nur die Juden, die sie verdient. Alle diese Maßregeln, die ein neues Rumänien schaffen wollen und viel ärgere Zustünde schaffen können, als die rumänischen, weil sie einen Rückschritt bedeuten, können zwar die Verarmung der Juden und ihre Auswanderung und eine weitere Verschlimmerung der allgemeinen Lage in der Slowakei zur Folg« haben. Eine Besserung aber kann nur bewirkt werden durch ernste, laugjährigeund ausdauernde Kulturarbeit, die wie den Schnapswirt sv den Eüufer beseitigt, dte ganze Bevölkerung t» intettektuelttr Beziehung hebt und zu Arbeit, und zwar, wenn schon die Juden das Hauptübel sind, zu fleißigerer und unternehmenderer Arbett oft der jüdischen erzieht. Sonst werde« vielleicht ein paar zweifelhafte Beamte und Kaufleute sich bereichern, aber das ganze Land wird wenig gewinnen, ganz abzusehen von dem unendlichen moralische« Schaden, der jetzt schon durch .die Polittk deS Neides, der Habgier und der persönlichen Gehässigkeit angerichtet wurde und dem verwüsteten Lande noch bevorsteht. — Schließlich: wenn derselbe Minister, der für ein System verantwortlich ist, unter dem so Unsägliches tn der Slowakei geschehen ist und so Verderbliches geplant wird, von „Ur vergriffen" zu reden sich nicht schämt, daun sollte er «nch erklären, wieso Juden Interniert werde« (und diese Jnbernierung hat weit AergereS bleutet att eine bloße Hast, sie war alS Todesstrafe gemeint), über deren „Loyalität" zur Republik überhaupt gar kein Zweifel bestehen bannte und bereu Internierung beinahe darin ihren Grund zn habe» scheint, daß eben ihre „loyale" Gesinnung vielleicht jene» Bestrebungen unbequem schien, die Doktor Schrobar zu der Forderung veranlaßt haben, die tschechischen politischen Parteien mögen sich nicht in die „inneren slowakischen Angelegenheiten einmischen", was beinahe den Eindruck erwecken kann, daß die Slowakei einen von dem übrige» Gebiet der tfchecho-flowatischen Republik abgesonderten. Staat bilden soll.., vn. Ju der tschecho-slowakischen Republik regiert ein RevolutionSParlament. Obwohl das Deutsche Reich und Deutschösterreich, die ja nicht zu den siegreichen Staate» gehören, schon längst ihre von der gesamten Bevölkerung frei gewählten Volksvertretungen besitzen, hat man in der Tschecho-Slowakei noch keine Zeit gefunden, die Parlamentswahlen auszufchretben. Nicht «ur, daß dev Slowakische Klub, als dessen Sprecher Dr. Schrobar die dargestellben Anschauungen und Absichten kundgab, ein besonderes — nicht gleich demokratisches Wahlrecht für die Slowakei verlangt, weil er weiß, daH selbst nur halbwegs anständige Wahlen das Ende seiner Herrlichkett bedeuten, sagte Dr. Schrobar auch, die Tschechen mögen die Slowaken „nicht tn die Wahle» treiben" und eS verlautet, baß die Wahl«, erst im nächsten Frühjahr, also volle anderthalb Jahre (!) nach der Revolution stattfinden werden. Go lange Zett also will er noch gewinnen, um in seinem Werbe fortzufahren, um seine und seiner Trabanten Stellung, die für alle anderen überflüssig und schädlich ist, auch der Einheit und Festigkeit deS tschecho-flowakischen Staates keineswegs zuträglich erscheint, noch möglichst zu festigen und zu errafft», wa» nur irgend erreichbar ist. Daß sich in der tschechischen vefftntlichkeit irgendein maßgebender Mann finden würde, der seine Popularität dafür wagen würde, etwa auszusprechen, daß die slowakischen Juden auch Menschen und Bürger sind, ist jedem Kenner der Verhältnisse ganz undenkbar. Etwa gar von einem Mitglied der Nationalversammlung heul» in diesen Dingen ein unabhängige- «vd gervchM Sfefrttfe» m erwartsr. wäre abswcd. Der politische Schacher tst heute in Böhmen alles, Mensch-! lichveit und Ehre nichts. . 1 Ein tschechisches Blatt hat bei Dekanntwerdrn bM Artikels über den Minoritätenschntz im Friedensvertrags es als erniedrigend erklärt, daß einem mitteleuropäischen- Staat Bestimmungen auferlegt werden sotten, die, wiH eS meinte, unter Kulturvölkern sich von selbst verstehen^ und sein Pariser Korrespondent führte die Entstehung deS angezogenen ArttkelS auf die hetzerisch-anti-i semitische Schreibweise der führenden Prager Presse zurück. Der klerikale Prager „Cech" scheint aber damals die wahre Stimmung verraten zu haben ,wenrr er an leitender Stelle ungefähr lamentierte, diese Bestimmung des Frieüensvertrages beabsichtige, die Juden sicherzustellen, und jetzt werde man sie leider in Ruhei lassen müssen. Es scheint aber, daß dieft Bestimmung des Friedensvertrages, die doch so reserviert als rnögttch gefaßt ist und auf die Empfindlichkeit der zu Verpflichtenden alle erdenkliche Rücksicht nimmt, obwohl sie von den tschecho-slowakischen Bevollmächtigte«' Ä Pari» unterschrieben wurde, dem Dr. Schrobar, der dtt europäische Kritik, wie wir hörte», so wenig scheut, ebenso gleichgülttg ist, als ob er feine« Heimatstaatz um dessen wirtschaftlichen Kredtt es ohnehin nicht sehr gut bestellt ist — nicht zuletzt um der Beobachtungen! willen, die ausländische Vertreter Und Kaufleute.ÜM die tschechische Unverträglichkeit und über den „Änti^ semittSmuS deS faule» Gauls" anstellen konnten -4 auch noch um allen moralische« Kredtt bringt. So allgemein und an sich nichtssagend der Arttkel 86 ist -< eines geht doch mtt voller Klarhett aus ihm hervo« eß find Versprechungen gemacht worden, und die WeA erwartet, daß die übernommenen Verpflichtungen erfüllt wexde». Da» aber 1» der Slowakei geschehen ist und «och geplant wird (man mutz fragen: vielleicht auch für da» übrige Gebiet der Republik in der entsprechenden Form?), ist keine „innere Angelegenheit" der Slowakei oder des tschecho-slowakischen Staates. ES ist vielmehr im höchsten Grade eine Angelegenheit der ganze« zivilisierte« Menschheit, weil eS den primitivsten Anforderungen der Humanität und des natürlichen Rechtes glatt in» Gesicht schlägt. Dir könne» auf diese Vorgänge nicht nachdrücklich genug Hinweise« und wir fordern alle jene, denen es nicht gleichgültig tst, ob eine »ach Hundcrttau senden zählend« Gruppe der Bevölkerung, gehöre sie welcher Religio» und welcher Rasse immer an, in Europa der Rechtbosigkeit und der Vernichtung pretSgegebeu wird, auf, ihnen ihr angelegentlichstes Interesse zuznwenden. Der Präsident M a s a r y k hat kürzlich zu Jour- «aNsten gesagt, die Demokratie bedeute die Diskussion, Dir legen die behandelten Geschehnisse, die sich in einem angeblich demokratischen Staate ereignen, der europäischen und amerikanischen Oesfentlichkeit zur Beurteilung und Diskussion vor. E» ist lange genug zn ihnen geschwiegen worden.*) DaS in der Slowakei vorgeht, ist geeignet, bl« ernsteste« Befürchtungen zu Wecken, daß man sich in der tschecho-flowakifcheu Republik, die sich doch — zumindest nach außen — zu de« demokratischen Grundsätzen bekennt und sich ständig mtt der größten Aufmachung und bei dem geringsten Anlaß auf ihre Synr^ pachten für die Westmächte und Amerika beruft, bei denen doch Pogrome sicherlich nicht zum Regierung^ Programm gehören, in Wirklichkett an die kaiserlich)» russischen und polnischen Methoden hält und — nach außen sich als dt« ,Znfel der Ordnung" gebärdsnK — im Innern von RogierungS wegen bolschswMftdy Experimente an den Juden für nützlich und zulMg erachtet. ES mutz, ohne alle Phrasen und AuSslÜchttz, mit denen sich niemand mehr abfinden und hirrhaüon lassen kann, klar werden, wo die Wahrheit ist: bei den Erklärungen des Präsidenten Masaryk, dcS Mi- *) ES wäre z« wünschen, daß eine möglichst vollständige und dotumentartfch belegte Darstellung der slowakische» Judenpolttik tn allernächster Zelt verSsftntlicht wird, noch ehe der Vertrag über de« Minotttätenschrtz in der Tscheche «rowätti feta G-Mtt «M, mmb. ft&i