Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 208 (17.8.1919)
- Date
- 1919-08-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«?■ Kreis 361 feilte •tat m mtüm t* «Mit iitu»i3ta« V:.\X 40,- .^... 80«— Mit Postverf-pdr Ws««tttch. 7U»0 v«U»»Shrr- 44.— «V. “ 88.- rener i1* i ■ '■■ 1 . '/ * t *■*;-' ■* ' r , ' ' ■■ > v.’ •';'- Gelephon-r «-» 44088, w«8«bttaii 48818, ob 6Ui>- ad»nd. 9*16801 Nr. 208 Wien» Sonntag, den 17. Augnst 1810 QHttttmmvmt, Ureis WW fette« iteilnnmeratiou»» , preise fftr da» A»»^rnn ^r-nEch » . ,££' 850 Uievteiiiihstg . „ «8.— -'»aldjüliria ... „ 80.— V«n;Mria . . .!IL.— Ne^«kt!o» «. AdnUakstva- H ' tiorr: ' Uken,?7.r. kaborLratt« Ur. r-S Vostsparknffe u*8awSo 1 Sv. 150.008 1. Jahrgang Mr. Henry Morgentha« und, seine Mission. —l- Wien, 17. August. Mt der Selbstsicherhelt eines von seinem unbedingten Recht überzeugten Mannes forderte der polnische Ministerpräsident Paderewski in einem Brief an Wilson die Entsendung einer amerikanischen unparteiischen Kommission zur Untersuchung der von verschiedenen Seiten gemeldeten polnischen Judenpogrome. Erst einige Zeit nach Absendung des Briefes wurde dieser Her Presse übergeben. Die Zwischenzeit war zu polnisch-amerikanischen Verhandlungen benützt worden, deren Resultat die Mission Morgenthau war. Als Gast der polnischen Regierung kgm Henry Morgenthau nach Warschau, die polnische öffentliche Meinung und die polnische Presse behandelten ihn als lästigen Ausländer. Er gab sich als objektiver Amerikaner, die polnischen Juden umjubelten ihn als den ihrigen. Beide, Juden und Polen, nahmen es mit dem in Paderewskis Schreiben angegebenen Zweck der Mission ernst, sie dachten an die Untersuchung der Pogromuntaten und richteten darnach ihre Stellungnahme ein. Ganz anders die Regierung Paderewski. Die auffallende Höflichkeit, das aufmerksame Entgegenkommen beweisen jedem Einsichtigen, daß sich hinter der Mission Morgenthaus ein Geheimnis verstecke. Es dauerte frellich einige Zeit, bis man daraus kam. ' Die erste Frage, welche die Mission Morgenthaus auslöste, wurde von ihm selber bei verschiedenen Anlässen, der Empfangen, Besuchen, Versammlungen und Besprechungen, die das Tagesprogramm der ersten Woche aussüllten, .mit fast pythischer Rätselhaftigkeit beantwortet. Der fleißige Zeitungsleser in Warschau konnte aus jedem der dort erscheinenden Tagesjournale polnischer oder jüdischer Zunge eine andere Antwort herauslesen. Herr Morgenthau verstand es, m geschicktester Weife mit, Hilfe wohlüberlegter Redewendungen und gut ausgesuchter Gleichnisse einen eigentümlichen Nebel um seine Person und seine Mission zu verbreiten. Daher die widersprechenden Blättermeldungen. und die immerwährende Notwendigkeit von Ausklürung.en und Berichtigungen. Ein klassisches Beispiel bleibt die Morgenthaüsche Richtigstellung einer offiziellen Meldung, welche allen Ernstes weiß machen wollte, Herr Morgenthau habe den polnischen Journalisten in Bialystok nicht gesagt: die Jicken wollten nicht vergessen, daß gleichen Rechten gleiche Pflichten entsprechen, sondern er habe behauptet, die Juden werden gedenken, daß usw. ' Nachdem man sich überzeugt hatte, daß bei der verzweifelten Stimmung der jüdischen Bevölkerung an eine Umgehung der Pogromuntersuchmrg nicht zu denken war, entschlossen sich die Herren der Morgenchauschen Mission doch zu einer Rundreise durch die wichtigsten betroffenen Gebiete und kamen nach kurzen anderweitigen Zwischenstationen in der Pogromstadt Wilna an. Wilna hatte viel von sich reden gemacht. Der offizielle Vertreter der Vereinigten Staaten schickte seiner Regierung einen Bericht, worin er den Wilnaer Pogrom als krasse Uebertreibung in das Reich der Phantasie bannen wollte. Auch der sattsam bekannte amerikanische Assimilant Dr. Bogen soll seine Unterschrift unter diesen Bericht gesetzt haben. Da nun derselbe Dr. Bogey sich auch der Morgenthau-Kom- Mission angeschlosseu hatte, dürfte die Annahme nicht ganz ungerechtfertigt, sein, daß man nach Wilna fuhr mit der Absicht, eine tatsächlich genaue Untersuchung dmchzuführen, da man von dieser die Rechtfertigung des Gibsonschen Berichtes über jüdische Uebertreibungen mrbedingt erwartete. Doch es kam anders. Der Rechtsausschuß der jüdischen Gemeinde in Wilna unter Führung des wackeren Dr. Finkelstein hatte in länger und mühevoller Arbeit das gesamte Material gesichtet, alle Zeugen bereitgehalten und auf diese Weise die 'Kommission Morgenthau gezwungen, die Schreckensbilder der Wilnaer Pogrowtage an sich vorüberziehen zu laffen... Der erschossene Jude Benski, wird zu Grabe getragen und an seinem Grabe wird seine Frau erschossen und eine 17jährige Verwandte, die noch, atmend ins offene Grab hineinyewörfen wird ... Der 58jährige Jude Strufch wird m Zwangsarbeiten geschleppt und derart, geprügelt,' daß er nach langen Leiden stirbt. Eine Photographie veranschaulicht den blutbefleckten und striemenbedeckten Körper . . . Ein Fleischhauer wird mit seiner linken Hand an ein Pferd...gebunden und ^.so. imKalopp. Vor Friedensschlutz. Die Antwort der Alliierten an Dentschösterreich. < Saint-Germain, 16. August. (Korr.-Bur.) Der Feiertag am 18. August hat alle Vureauarveit in Paris stillgelegt. Sämtliche AernLsr sind geschloffen und werden erst Montag die Arbeit wieder aufnehmen. Auch der Oberste Rat der Friedenskonferenz hält keine Sitzungen ab, ebensowenig die einzelnen Ausschüsse. Montag soll nach Mitteilungen des „Journal" der Hauptausschuß der Friedenskonferenz zufammsntreten, deffen Aufgabe es ist, die Arbeiten und Berichte der verschiedenen Kommissionen miteinander zu vergleichen und in einen gemeinsamen Text zusammenzufaffen. Man vermutet, daß diese Arbeit etwas Tage in Anspruch nehmen wird. Dann erst können die Vorschläge der Kommissionen dem Obersten Rät unterbreitet werden, der weitere Zwei Tage zur Prüfung brauchen wird. Man rechnet also damit, daß Freitag oder Samstag die Antwort der Alliierten an die Delegation in Saint-Germain gelangen wird und man hofft so, im Laufe der Letzten Augnstwoche den Frieden mit Deutschösterreich rmtor Dach zu bringen. BeVorstLhZKde EröffZMWM WilsMs Aber die EiKZeLheitEK der FriedMMLrhKNLL«gM. , B e l m a r, 16. August. (Funkspr.) Zn Entsprechung des Schreibens des Senators Lodge, welcher für, das SenatskomAee für auswärtige Angelegenheiten die volle Kenntnis aller Vorgänge während der Friedensverhandlmrgen in Paris verlangte und das Verlangen mit den seinerzeitigen Aussprüchen WrlsoiW begründete, daß die Diplomatie öffentlich ge handhabt werden müsse, wird Präsident Wilson am Dienstag den 19. Um 19 Ahr vormittags das Senatskomitee für auswärtige Angelegenheiten im Weißen Hans empfangen und alle Einzelheiten über die Friedens- Verhandlungen mMeileM \t ANwhSN iN Spanien. Ern neuer Fall Ferrer. — MmisterPräsideut MaZrra insultiert. schütterte Stellung des Kabinetts. Er- Berlin, 16. August. (Korr.-Bur.) Das „8 Uhr-Abendblatt" meldet' ans Genf: Nach Meldungen französischer Blätter aus Madrid sind in der Hauptstadt und in der Provinz» besonders aber in B a r e e l o n a, Unruhen ernstesten Charakters ansgebrochen, die wiederholt zu blutigen Z u f a m m-e n ft ö tz e n geführt haben. Der Grund der Unruhen ist e i n neuer Fall Ferrer. Das Kriegsgericht in Barcelona verurteilte einen Arbeiter, der einen Polizeiagenten in der Notwehr tötete, zum Tods. Das Urteil hat in der Arbeiterschaft ungeheure Entrüstnng ausgelost. Es kam zu erbitterten Demonstrationen gegen die Polizei, wobei Polizei und Militär wiederholt auf die Arbeiterschaft schossen. Beim Leichenbegängnis eines der erschossene» Arbeiter kam es abermals zu Zusammenstößen mit der Polizei, wobei sich zwischen Arbeitern und der Polizei ein Feuer gef echt entspann, bei welchem zahlreiche Personen getötet und viele verwundet wurden. ’ >j In Sevilla arteten die Demonstrationen zu wilden Ementen aus, in deren Verlaufe der gerade des Weges kommende Ministerpräsident Maura insultiert wurdet Die Lage des Kabinetts ist durch die Unrnhe« erschüttert. ' ' Keine Schnellzüge in Dentschösterreich. Amtlich wird mitgeteilt: Zufolge unzureichenden Steinkohlen* einlanfes und Fehlens zeglicher Vorräte muß ab Dienstag den 19. August der gesamt e Schnellzugsverkehr im Bereiche der deutfchösterreichischen Staatsbahnerr eingestellt werden. durch die Straßen geschleift... Herr Morgenthau hat in Wilna seine erste große Enttäuschung erlebt. Don Wilna sollte die Reise nach dem pogromberühmten Pinsk gehen. Sie unterblieb. Die offizielle Begründung des Unterbleibens besteht aus einem persönlichen und einem sachlichen Teil. Sachlich wird behauptet, daß sämtliche Zeugen des Pogroms unauffindbar und sämtliche Akten bereitsin Warschau seien. Persönlich fügt , Herr Morgenthau hinzu, daß ihn dringende Geschäfte nach Warschau rufen. Man braucht nicht besonders spitzfindig zu sein, um zu begreifen, daß Herr Morgenthau nach den in Wilna gemachten Erfahrungen sich von Pinsk um, so. viel .weniger' für seine, Mission verspricht., Der Schleier, der diese Mission. umgibt, wird allmählich gelüstet. Die Polnische Telegraphen-Agentur vechreitet ein Telegramm des Pariser Korrespondenten des „Kurjer Warszawski", wonach Wilson Herrn Mvrgenthan den.Auftrag erteilt hätte, sich weniger mit der Vergangenheit zu befassen und mehr die jüdische W völkerung dahin zu beeinflussen, „daß sie mehr als bisher die Pflichten der polnischen Staatsbürgerschaft begreife". Wäre es schon von Interesse, zu erfahren; ob diese Meldung überhaupt auf Wahrheit beruht, sq wäre es noch interessanter, festzustellen, wann diiser Auftrag erteilt wurde, vor der Abreise Morgenthaus aus Paris^ oder vor seiner Abreise aus Wilna. .. Auf jeden Fall ist unter dem Eindruck dieser Vorfälle eine ziemliche Ernüchterung bei der jüdffchen Masse eingetreten, deren Ausdruck die^WarfchMer jüdische Preffe bildet. In ihren hochgespannten Hoffmmgen sehen sich die polmschm Juden enttäuscht. Bonom Juden umjubell,. von der polnischen Preffe angegriffen, kam Herr Morgenthau nach Warschau. Es gelang ihm, das Eis der polnischen. Presse zu. brechen; Vo es ihm gelingen wird,' die im selben Mutze verloren gegangenen Sympathien der Juden wieder zu acwitt.nu. ist äußerst fraglich.