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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-16 · Heft 207 (16.8.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 207 (16.8.1919)
Date
1919-08-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 207 Wien» Samstag Wiener MorgenzeiLung '>!!»,»17»— li »«Wl.iM,' . Ni . UM — I.-.» ... I - 16. August 1919 Seit« » Der SUntiawKS.*) Bon Adolf Böhm. n. Die Vorläufer des moderne« Zionismus. Das Entstehen der zionistischen Bewegung imter den Juden kann in der Hauptsache auf zwei Antriebe zürückgeführt werden: Der eine istdie Erkenntnis, daß die Lösung der Jpbenfrage, als /Problem der reibungslosen Eingliederung der Juden in die md)U jüdischen Nationen, durch Assimilation nicht möglich ist. Diese Erkenntnis konnte, obzwar sie schon frühzeitig von einzelnen tiefer blickenden Geistern, Juden und .Richtjuden, verkündet worden war, nur sehr langsam an Ausdehnung gewinnen, da die schon gekennzeichnete Ideologie die Juden in Bann hielt. Erst die wiederholten Enttäuschungen schwerster Art, namentlich das stete Wachsen des Antisemitismus lind die immer brutaleren Formen, in denen er sich, äußerte, vermochten die assimilatorische Lehenslüge bei der Mehrheit der Juden zu zerstören. Die' zweite Quelle, auf die das Entstehen des 'Zionismus zurückgeführt werden kann, ist das im Volke stets lebendig oder doch wenigstens latent gebliebene Bewußtsein des hohen eigerren Wertes des Judentums, der durch restlose Assimilation der Juden verschwinden würde. Hatte das Volk darum durch fast zwei Jahrtausende das größte Martyrium, das' die Geschichte kennt, auf sich genommen, um sein - Eigenleben zu .wahren und die Berufung, an die es glailbbr, dereinst zu erfüllen, damit es sich im Momente der Befreiung vom äußeren "Druck freiwillig zum nationalen Selbstmord entschließen sollte? Aber auch dieser Antrieb blieb lange Zeit unwirksam, denn die Ässimilai ionsideologie hatte eine Formel für seine < Befriedigung gefunden: Die Juden müßten in der Welt zerstreut bleiben, um eine „Mission" zu erfüllen, die dMn bestünde,, die ethischen Werte des Jtlöentums: Monotheismus, Sittlichkeit, Gerechtigkeit usw./zu herbreiten. Bei aller nationaler und kultureller Assimilation der Juden bliebe ihnen ja noch die jüdische „Konfession", an der sie festhalten müßten, um jene Mission zu erfüllen. So entstand das ftoit ftfsi onsjudentum, das durch die Entleerung des jüdischen Lebens von allen jüdischen Inhalten bei Festhaltung der Formen ent- ' weder versteinerte (Orthodoxie) oder Mangels jeder Festhaltungskraft an der Massenflucht, aus dem Judentum mitschuldig tvurde. Erst die anfänglich von wenigen Monieren mrter unsäglichen Opfern und mit zäher Beharrlichkeit geschaffenen sichtbaren Zeichen der Möglichkeit einer nationalen Renaissance: die Rückkehr zur Scholle tot Erez Israel, die Wiederbelebung der hebräischen Sprache u. a. m. haben vermocht, den Juden wieder ^lbst'oertraüest "zu ihrer natisnalen Schöpferkraft, ihrem Eigenwert und ihrer Zukunft zu verleihen. Sv hatte die zionistische Idee «inen wahren Leidensweg durchwandern Müsse«, bis sie, von Herzl in ihre moderne, endgültige Form gebracht, die große Mehrheit des Volkes gewinnen konnte, trotzdem dieses durch zweitausend Jahre der Zerstreuung sich immer im Exil gefühlt und die Rückkehr 'ins heilige Land als Vorbedingung für seine Erlösung empfunden hatte. Freilich hatte, diese Zionsidee fast durchaus eine religiöse Färbung gehabt, sie war die Hoffnung auf den Meschiach, der die Inden in ihre alte Heimat znrückführen werde. Wie ungemein gegenwärtig und lebendig diese Erwartung war, kann man ans der steten Bereitheit sehen, mit deDdie Inden nur auf . das Zeichen warteten, um auszubrechen und dem Führer «ach Zion zu folgen. Jakob Wassermann hat das sehr schön en ' seinen „Juden von Zirndorf" geschildert. Zahlreich sind die falschen Messiasse gewesen, die das Signal zum Aufbruch gegeben hatten und stets hatten sie williges Gehör gefunden. Die zentrale, Stellung Palästinas im jüdischen Bvlksbewnßtsein, hiedurch Religion und Geschichte bewirkt worden war, äußerte sich daneben auch in natürlicherer Weise. Im Laufe der Zeiten wurden immer wieder Versuche gemacht, tu Palästina festen Fuß z« fassen, Ansiedluugen, auch landwirtschaftliche, dort M schaffen; nach Palästina pilgerten die Geistesfürsten Israels auch in Zeiten, wo dies mit höchster Gefahr verbunden war, und der Wunsch, im heiligen Lande begraben zu werden, führte zu allen Zeiten betagte Fromme ins Land. Desgleichen wurde einzelnen Volksgenossen die Erfüllung der „Mizwah": im heiligen Lande dem Gesetzesstudium zu lehert, durch Unter- Mtzungen ermöglicht, und schon vor hundert Jahren wurden diese Unterstützungen der Galuthjudenheit für die Frommen in Erez Israel in ein festes System, die sogenannte „Chasuta", gebracht. Die schon erwähnten Ansiedlungsversuche hatten manchrnal sogar einen direkt politischen Charakter, aber die Ohnmacht. in der sich die Juden bis zur Gmanzipation befanden, verurteilte derartige Bestrebungen von vornherein zur Anssichtslosigleit. Das 19. Jahrhundert brachte auch in dieser Beziehung eine Wende in der jüdischen Geschichte. Sv bedrohlich für den Bestand der Judenheit auch die mit der im 19. Jahrhundert erfolgten Emanzipation einsetzenden Assimilation erschien, so war doch durch die Befreiung der Juden von den Beschränkungen, unter denen sie lebten, die Voraussetzung für sie geschaffen, *) Siehe »Wr. Morrmntq." Nr. 85. Fortsetzung wegen Nmmmumacks verspätet Rsch KiTMKls ist in ENDWK ss wenig gearbeitet worden... ü4cr Die wirtschAftliche Krise. S 6 i nt - G r im a i n, 16. August. (Korr.-Bur.) Wie „Echo ds Paris"/tneldet, tzeröffenEcht bas vom englischen . ErnahrnnASminisierinM bsraUSgegebene^ „National Food Iorrr-wl" ein Memcrandnm Hoovers Wer die wirtschafts lichs Lage G n tc p a s. Hoov er sieht Len H n u PL g r u n d d er w i r t s ch a f L L ich en Schwierigkeiten E u rop a s i n d er D emoraLrsati-o n d er Pro dnktiv- 'üt’äft.e* Noch nieMKls sei so Wenig g e a r b e i L et w o r d e n wiejetzL. Ans Len Statistiken der ArbeiLsLoferräMLev ergebe sich- Latz gegenwärtig 15 MiLLion e n ßntilieft in Eurov « in irgendein e r F orw AntersiÜtznngen beziehen, die zu einer Erhöhung Lss PapiergeldnmIanfes f Lyren. Wenn.die Produktion sich nicht hebe, so gelange mau zn einem politisch CN, moralischen und Wirts ch «ftlicherr Chaos, das heißt, zn einer neuen Zerstörung vonMenschenleben, wie sie niemals d«gewesen sei. E'meZeit lang könne die westliche Halbknael, die ihre ProduKtionssähialreiL erhalten habe, das errsopäischs Defizit einigermaßen ansglLichen, aber sie könne diese Anstrengungen nicht mehr lange aufrecht erhalten. Wenn die finanzieLen Kredite an Gnropa sich noch lange fortsshen sollten, so müsse das. die Wirtschaft Liche Anterwerfnug Europas unter Amerika bedeuten. Das hieße, einen neuen Krieg herausi beschwören. Die Lösung desProblems, hänge non der Stellung ab, die die europäischen Völker zur wirklichen Sachlage einnehmen werden. - Die Produktion müsse unter «Le« Umständen gesteigert werden. Europa sei voll sozialer Agitation, Wo man es mit de* Durchführung kommunistischer Theorien nersucht Habs, habe sich dis Produktion noch mehrverringert. Man müsie den Vsrbranck an allem Reberstnsstgen aufs äußerste eiw schränken. Statt dessen sei in manchen Länder« seit dem WaffenstiLstand der Verbrauch an Luxusartikeln viel größer als' vor dem Kriegs. Man müsse auch unter aller Umständen den Papiergeldeinlans einschränken auch wenn sich Daraus eine BergrSßerrmg der Schuldenlast ergebe. Hie Rüstungen, die Blorkaden und die großen Armsen und Seestreitkräfte müssen aushören. Die westliche Halbkugel werde ans menschlichen Gesühlen heraus auch weiterhin ihre Unterstützung gewähre«, «her sie werde die Länder untere scheiden nach den Anstrengungen, die diesunternehmen werden, nm ihre inneren Aw gelegenh eiten und ihre Wirtschaft zn regeln und ihren LnxrtSVerbrauch sowie ihre militari» scheu und KriegSbndgets Zn verringern Solltsn diese Ratschlage nichts frnchten, fr müßte dsr Weste« an feiner Ausgabe net' zweifeln. die Jude«frage selbständig zu behandeln. Die rechtliche Gleichstellung, die physische Bewegungsfreiheit, die politische. Schulung, die Vertrautheit mit den modernen Ideen der Volkssouveränität n. a. nt., die sie infolge der Ernanzipatton erlangten, befähigten .fte, die Gestaltung ihres Schicksals selbst in die Hand zu nehnten. Es ist interessant, zu beobachten, welch verschiedenen Schichten .die anfangs nur sporadisch auftauchenden Pioniere der Zionsidee entstammten,, und wie verschieden die Motivation des Gedankens bei ihnen war. Wir' finden unter diesen Pionieren vereinzelte christliche Äüioren, wie Ernst Laharanne, George Eliot, Sir Laurence Oliphant und andere, manche jüdische Persönlichkeiten von Rang, wie. Disraeli, der als Lord Beaeonssield lange Zeit Englmrd regierte. Oberst Goldsmith usw. .Ferner lieferte die Schicht reicher jüdischer Philanthropen eine Zahl von Männern, welche im,Gegensatz zu den früher Genannten, ftir die der Zionismus eine Art Romantik war, mehr von dem Wunsche ausgingen, ihren gehalten östlichen Brüdern zu helfen und ihnen durch praktische Kolonisation Arbeit rnrd Freiheit zuschassen. An erster Stelle ist hier Sir Moses Montefiore zu nennen, dez: mit selbstloser Hingabe für das Wohl der verfolgten Juden arbeitete und den erstenr Ansiedlungsversuch in Palästina machte (1857). Dieser Schicht entstammten auch Baron Hirsch und Baron CÄmond de Rothschild, von denen noch die Rede, sein wird. Den.Philanthropen gesellten sich die geistigen Führer des Weftjudentutns, die es als ihre Aufgabe betrachteten, den bedrückten östlichetr Glaubensgenossen' rechtliche Freiheii und geistige Aufklärung zu bringen. Sie begründeten — mit H. Cremieux an der Spitze — die- Alliance israelite nniverselle(1860), die unter dem stolzen Wahlspruch: „Alle Juden bürgen für einander" eine jüdische Weltvereinigung zur Durchführung jene^ PwgrammeS für solche Inden, „welche wegen ihres Judentrrms verfolgt werden", sein sollte. Die Allianz war der erste Versuch, eine internationale jüdische Gesellschaft mit weitgesteck'e:t Hilfszwecken zu bilden. Ihre Bewegung ist schon deshalb für die jüdisch-politische Geschichte bew--^"-?wert. In ihren Anfängen hatte sie auch noch; eit scharf assimilatorischen und antiziönistischen Charakter, den sie später annahm. Einer von ihren Besten, Charles Netter, gründete 1870 die Ackerbauschule Mikweh-Jsrael bei Jaffa, um dadurch Jude« zu Landwirten in Palästina auszubilden. Von allergrößter Wirksamkeit für die Verbreitung der Zionsidee waren aber diejenigen Männer, die aus der Schichte strenggläubiger Fwmmer hervorgingen; sie lieferte eine große Zahl bedeutender Führer, wie Nabbimr Hirsch Kalischor (Thorn), der mehrere Schriften in hebräischer Sprache für die Besiedlung Palästinas durch Juden veröffentlichte und auch schon 1862 znsamrnen mit Gutmacher, Hildesheimer mt& anderen den ersten Kvlonisationsverein begründeie, ferner Rabbiner Sam. Mohilewer Bialystock, der eine ungeheure Tätigkeit entfaltete und den ersten Zionsverein in Warschau gründete, Rabbiner Rülf in Memel, dem Lehrer Wvlffsvhns, und andere mehr. Die zionistischen Rabbiner beseelte die! alttraditionelle feurige Lieb« zum heiligen Lande und zur hebräischen Sprache, und an diese, in den Seelen der Frommen lebettdigen Worte, wandte sich ihre Agitation. Von ganz anderer Herkunft war ein Vorkämpfer des Zionismus, der — nachdem er schon 1840 zionistische Gedanken gLaußeri hatte, im Jahre 1862, angeregt durch Kalischers Schrift „Drischst Zion" und Ernst Laharanne — das vielleicht bedeutendste zionistisch- Buch, das wir besitzen, schrieb: Moses Heß. Dieser hervorragende Matm kann als ei» Unikum in der Geschichte des Zionismus angesehen werden. Er war ein Schüler der deutschen klassischen Philosophie, ein Freund und Mitstreiter von Karl Marx, hatte aber in. seiner Jugend eine traditionelle jüdische Ausbildung genossen. Heß veröffentlichte 1862 das Buch: Rom und Jerusalem. Ausgehend von verschiedenen. damals zeitgemäßen philosophischen Ideen und erfüllt von der Vorstellung, daß mit der französischen volutüur die messianische Zeit artgebrochen sei, erkannte er, daß diese eine Befreiung der Völker, nicht bloß eine solche der Individuen, fordere, und daß die Juden ein Volk seien, dessen Befreiung im Interesse der höchsten Menschheitsideale gelegen sei, sie könne nur durch die Auftichtung eines jüdischen Gememwesens Ms Grundlage der Kolonisation Palästinas erfolgen. Heß' Buch zeichnete sich besonders aus durch die untrüglich klare Erkenntnis des Wesens der jüdischen Fragen und Erscheintmgen der Assimilation, des Missionismus, der Orthodoxie usw., wie des Wesens des Jrtdentums in seiner historischen Kontinuität selbst aus. Er ist durch keinen der späteren jüdischen Denker, die sich vielfach mit Heß^erührten, übertroffen worden. Denrwch hatte sein Buch fast keine Wirkung. ES war zu früh gekomnten. Gerade die Sechzigerjahre des 19. Jahrhunderts waren das Zeitalter der Herrschaft des Liberalismus infolge der beginnenden Industrialisierung in Deutschland und Oesterveich. Die Judenschaft dieser Länder ivar demzufolge wirtschaftlich im Aufstieg, geistig in einer Hochperiode der Assimilation begriffen. Ein Erfolg der Zionisten war nur in den religiösen Kreisen möglich, in denen die Propaganda der zionsfreunblichen Rabbiner auch tatsächlich einen gewissen Widerhall fand. Doch viel mächtiger wirkte eine aus ganz anderen Schichten kommende Bewegung auf Volk und Fugend, die von einigen Schriftstellern entfacht worben war, . die 'das Ideal der ttationale« Wiedergeburt auf ihre Fahne geschrieben hatten. Während die bisher, geschilderten Vorläufer der zionistischen Bewegung, auch' diejenigen aus dem Rabbinerkreise, ihr Haupttätigkettsgebiet, im Westen hatten, war im Osten eure ganz andere Entwicklung vor sich gegangen. Der Zug zur Assimilation konnte dort nicht so reißend seit: wie im Westen, da die Ostjnden in ihrer kompakten Zahl dort zirka acht Millionen dichter beieinander wohnten und sie eine viel größere Kluft von ihrer Umgebung trennte wie die Westjudcu, der gegenüber sie sich als höherstehend empfinden mußten, weshalb Affintilation ihnen gar nicht erstrebenswert erschien, dieS um so weniger, als die Mischen Traditionen und Lebensformen noch in alter Stärke bei ihnen herrschend waren. Das Bewußtsein ihres Eigenwertes, ihre Wurzeknng im jüdischen Schrifttum, ihre Kenntnis des Hebräischen, die zentrale Stellung Palästinas ick ihrem Vvrstellungs-- leben und anderes mehr, eine rasche Assimilierung auch gar nicht ermöglicht hatte. Dazu kam, daß ihre nichtjüdische Umgebttng diese nicht wünschte und die Juden rechtlich oder faktisch unter Ausnahmsgesetze stellten und daß die Juden auch ökonomisch ganz bestimmte Funktionen — die des kleinen städtischen Mittelstandes — versahen. Als die HaskalaPeriode einsetzte, lume sie zwar zur Folge, daß ein: Menge junger Leut.', namentlich die Studenten auf den Hochschulen, in die Reihe« der russischen Voltsvarteien. insbesouderL fez-

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