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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-15 · Heft 206 (15.8.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 206 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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0eÖe 2 Wien, Freitag Wiener Morgenzettmrg 16. August 1919 Nr. 208 Ex-Kaiser Karl betraut Erzherzog Josef mit dem Palatinal. Ei« Brief des Ex-Kaisers an den Verweser. Berlin, 14. August. (Korr. Expreß.) Die „Dosfische Zeitung" meldet ans Men r „In der Oserrer Bnrg ist, wie wir erfahre«, gestern ein Kurier mit einem Handschreiben des Ex-Kaisers Karl anErzherzogIosef eingetroffen. In diesem Schreiben weift Ex-Kaiser Start zmüichst darauf hm, daß er n o ch f m m e r rechtniZßiger, gekrönter KönigAne, arnZsei. Dann betraut er bis z n-d e m Angsnblick fernes Rückkehr den Erz Herzog mit dem Palatin at, der StsltvsrLreLuug des abweferrden Königs in Ungarn rwd tzrückl dem Erzherzog als Ehef deS Hanfes Habsburg gleichzeMg den Dank für den der Dynastie geleisteten Dienst ans. Ex-Kaifes Karl üb erlaßt in dem Schreibe» dem Erzherzog» mit der erhaltenen Betrauung in dem ihm selbst geeignet scheinende» A»K«rbttck horvorzv^eten. Offenbar ist es dem Ex-König mit diesem Schreiben mrch darum zn tu», im vorhinein jeder Asur- Kation des Thrones durch Erzherzog Josef entgegenzutreten. LangsaMe KoUsoliLieruKg. Micharl NiNÄlhi erklärt, die Greigntsse seien mit Hilfe der Entente Wien, 14. August. Das neue »ng-arWe Kabinett ist noch immer nicht gebildet. Die sozialdemokratische Partei hat bereits ihrx prinzipielle Bereitwilligkeit erklärt, in die Aoalitionsregierrmg emzntrete«., doch find die sozial-- demokratischen Kandidaten noch nicht nominiert, was den Grund der Verzögerung bildet. .Daß der künftige Kurs eine beträchtliche Schwenkung nach rechts bedeuten wird, erscheint sicher und die Sozialdemokraten haben sich nur darum für die Teilnahme au der Regierung entschieden, um sich nicht selbst völlig Hves Einflusses zu begeben. Inzwischen-ist dieBudapester Polizei bemüht, die Taten der kommunistischen Terroristen rmszudecken und hat bereits, wie Budapest« Meldungen besagen, Hunderte von Äarhaftnngen vorgenommen. Die erwartete Antwort Rumäniens em dre Ontrnte ist bereits aus Bukarest abgegangen. Die Rumänen schlagen recht selbstbewußte Töne an, drücken den' Wunsch aus^, daß die Lösung der ungarischen Frage durch die Alliierten im gegenseitigen Einvernehmen erfolge, erklären jedoch gleichzeitig, die Räum ung des imgarischen Gebietes könne erst dann erstalgeu, wenn eine endgültige, vom Borke frei gewählte Regierung gebildet sei. Die rumänischen Erfolge haben natürlich dis ~ Tschechen nicht ruhen. lassen, und heute, mprg^ns chsben tfchecho-slowakische Trupps« den \ BrücksuVopf bei Preßbnrg b-fcht. §li.5?rdom hat die tschechv-stawakifchL DelegMm M der Friedenskonferenz gegen die Besetzung Budapests durch die Rumänen Protest erhoben. Die Entente scheint endlich deutlich von Erzherzog Josef ab rücken zu trollen und auch in Frankreich wird der.monarchistische Plan nunmehr deutlich ab ge lehnt. Der offiziöse „Temps" gibt wohl die Meinung französischer RegierungZlreise wieder, wenn er von einer Wieberaufrichtung der Monarchie iu Ungarn ei« Wiederaufleben des mitteleuropäischen Gedankens befürchtet, wobei selbstverständlich Berlin wieder die Führung übernähme. Grund genug für Frankreich, um gegen uvonnrchistifche Pläne mißtrauisch zu werden. Gleichseitig scheint die Entente in. der rumänifch-imgarifche« Frage einen Rückzug vornehme« zu wollen, und verschiedene Pariser Blätter bestätigen, daß der Biererrat m feiner anfänglich schroffen Haltung gegen Rumänien wanke nd geworden sei, und baß die eigenmächtige Besetzung Ungarns durch die Rumänen die JttfiirnrmM der Alliwrten finden werde. Auch „Daily Chronik, das Organ Lloyd Georges, betont, Rumänien habe sich um die Ruhe Mitteleuropas ein Verdienst erworben, indem es das bvlschewikische Prvpagandanest in Budapest ausgehoben habe. Es scheint, daß diese Haltung der Entente für Erzherzog Josef der Anlaß gewesen ist, den Vertreter einer Nachrichtenagentur zur ausdrücklichen Erklärung 2« ermächtigen, daß er jeder moparchistfichL» Dendeng ftrrrskhr And mit aller Entschiedenheit die Zirmutrmg avlehne, auf die Entschlüsse der einzig zn ständigen Volksvertretung Einfluß nehmen oder bas mvnarchisti sche System in Ungarn wieder einführen zu wollen. Er erfülle ausschließlich eine „staatsbürgerliche Pflicht", indem er di« chm zugewiesene Missi» « eines Verwesers arlsübe, und wolle in allem auf die Montier ä« itat des Volkes Rücksicht nehmen. Ans dieser Erklärung, die einem Rückzug srn an ö ver stark ähnlich sieht, ist freilich auch nicht zu ersehen, ntec den; Erzherzog die besagte „Mission" zw« gewiesen hat. Und auch zu einer Beamteudeputatio« . har sich der erzherzogliche Verweser sehr demokratisch geäußert. Er wolle mit Brüdern arbeiten und kenne nur ungarische Brüder, kein« Herren «nd Knechte. Ob tatsächlich EntenteErvife bet der Aufrichtung der unga- ZHcha» Diktatur die Hand tr» Spiel» hatte« «ad welche es waren, läßt sich in einwandfreier Weist heute überwm sm von der Szegediuer Nebenregierung geplant gewesen und der Erzherzog trachte jedenfalls nach der Krone. Interessant ist die Charakteristik, welche Karvlyi von dem vorläufigen Ministerpräsidenten Friedrich entwirft: „Der neue Ministerpräsident Friedrich war als Minister in meiner Negierung der Radikalste unter den Radikalen, ei« energischer Antiklerikaler und Freimaurer. Als am 28. Oktober die Menge die Hofburg stürmte, war Friedrich ihr Anführer. Als sich diese Menge mit Friedrich cur der Spitze gegen das Palais des Erzherzogs Josef wenden wollte, wollte ich ihn zurückhalten. Er aber riß sich brüsk los mit den Worten: „Auch er ist ein Habsburger und alle Habsburger müssen weg." — In Italien ist man «ach wie vor durch den ungarischen Staatsstreich sthr beunruhigt und befürchtet das Anwachsen der Tendenz «ach Wiederherstellung der Monarchie,, wobei wieder Frankreich angegriffen wird. In DentMländ standen in btt letzten Zeit die EnHüllMW» ihr Mtzwlpmrkt des JutttesseS. Sie kommen reichlich zu spät und hätten zur rechten Zeit gewißlich bedeutende praktische Erfolge für Deutschland mit sich gebracht. Indem sich die deutsche Regierung und ihre F-r-iedenSösÜegaiion in unbegreiflicher Verblendung weigerte, die allgemein erwartete Erklärung in der Schuldfrage spontan abzngsben und alle auf den Krieg bezüglichen Dokumente rückhaltlos zu dttoffsnLKchen, hat sie sich ihrer stärksten moralische« Waffe selbst beraubt. Und die Enthüllungen, die zum großen Teil Erzberger in der Nationalversammlung abgegeben hat, sind nicht so sthr dem Verlangen der Regierung zuzuschreiben, mit der Vergangenheit endgültig reinen Tisch Zn mache«, als vielmehr de« Wunsche entinsbesondere von dem unerhörten Gchantung-Dtebsta h l, lvsmachen sollte. Auf keinen Fall wird es Wilst« Umsturz der herrische» Reaktiv« ei« Paroli zu Lieten. Daß eS Erzberger nwhr um die Stärke stiner und der Regierung Positiv» Mg, M um die Aufhellung dtt Wahrheit, nimmt man angesichts der durch seine Enthüllungen gebrachten Klärung, gegen welche nunmehr allerlei« Gegenerklärungen der gestürzten Machthben von ehedem dae Blätter füllen ,gerne in den Kauf. Heute greift auch MinisterpräsLent Bauer mit eintt Erwiderung aus ei« Schreiben des früheren Reichskanzlers Michaelis in die Debatte ein und stellt gegenüber den von diestt Seide versuchten nochmal nachdrücklich fest, daß nur das Festhalten an den Absichten auf Anne xio« Flanderns jede Friedensrnöglichkeit während der Amtstätigkeit des Reichskanzlers Michaelis scheitern ließ. Diese deutschen Diskussionen haben auch di» englische Regie rung veranlaßt, die Korrespondenz bezüglich der Friedens- Vorschläge des Papstes im August 1917 in «totem Weißbuch zu veröffentlichen, dessen bisher bekannter Inhalt nichts SondttlicheS berichtet, was man nicht ohnedies schon wüßte. Wilson setzt seine» Kampf um die Ratifizierung deS Friedens gegenüber dem amerikanischen Senat fort. Er hat eine Abschrift des Originalcntwursts des VölkerbundverirageS dem Senatsbomitee für auswärtige Angelegenheiten auf dessen Ersuchen vovgelegt, fich jedoch geweigert, die stenographischen Berichte über die Paris«: Beratungen vorzulegen, da diese nach Beschluß der Regierungen als vertraulich anzusehen feie«. Die Relo-Porksr Blätter bespreche« die ErÜLrung La«singS, nach welcher man ihn iu Unkenntnis der Vereinbarungen gehalten hatte, denen zufolge England und Frankreich die Beute im fernen Osten unter sich verteilen wollten «nd komme« zu dem Bchlusst, daß Amerika sich von allen Dm-sn, insbesondere vo» dom unerhörten Gchant« ng-Dibsta h l lvSmarhe« sollte. Ans keinen Fall teiÄr eS Wilson getingen, die Naii>ulerimg wiuos Friedens ohne Karups dmLVckSd»». Die jüdisch-polnische Ko«fere«z ia Wilna. (Orig.-Bericht der ,Wr. Morgeuztg.*) Der Leiter der amerikanischen Kommission, Botschafter Morgentha», scheint sei«« Ausgabe in zweifacher Kich> tuttß zu erblicken: in der Untersuchung der Pogrome und der polnisch-jüdischen Beziehrrngen überhaupt und irr dev diplomatischen Arbeit zur Herstellung eines' guten Verhältnisses zwischen beiden Völkern. Inwieweit ihm das letztere gelingen wird, hängt nicht bloß von stimm diesbezüglichen Fähigkeiten ab, sondern vielmehr davon, ob die Polen in Wrklichkeit entschlossen sind, ihre bisherige intransigente Haltung den Juden gegenüber aufzugeben und ein friedliches Verhältnis anzubnhnen. Immerhin arbeitet Morgenthau riach dieser Richtung Wermrs fleißig. t Als Produkt dieser Arbeit ist cusch' die jüdisch >^p o lnische Konferenz 7u Wilna anücksehen, die der Zivilwmmtssär für die Ostgebiete, Osmakowski, im Einverständuis mit dem Staatsoberhaupt Pilsüdski veranstaltet und der er präsidiert stqt. Gon polnischer Veite nastnr unter anderem auch der Delegierte des Ministeriums des Aeußern, Graf Zultowski, teil. Die Juden waren dabei durch den Rabbiner Rubi«stein, die Vorsteher der Mischen Gemeinde Dr. Schab ad, L. Z affe und Dr. WhgadSki vertreten. Nach einer Cröffnungsansprache Morgenthaus und stoier kurzen Erwiderung Osmalowskis legte D'r. Whgodski' fq einer ausführlichen Rede die jüdischen Forderungen dar. Er vermied es absichMch, die schweren politischen Fragen der Zukunft AitaueriS zu berühren und beschränkte sich auf die Gegenwart. Diese Forderungen trugen zwar eimn vorwiegerch lokalen Charakter, sie entbehren jchpch' nicht des' allgemetnen Ingresses. Dr. Whgadski wieS zunächst auf die Notwendigkeit der Schaffung von Bedingungen für ein friedliches Zusammenleben von Pvjseu und Juden, bie ohne Rücksicht auf die zukünftige Zugehörigkeit Litauens 'beide ton Darche Als Nachbar» werde» lebe« müssen. Tr betonte, daß der Haß gegen die Juden, der im Verlaufe von Jahrhunderten entwickelt und gepredigt wurde und de« die Kinder mit ihrer Mutter milch «insaugen, mit bloße» Worten nicht aus der Welt geschasst werde« könne. Nur Tate« linnen ein»9 gesunde« Friede« aubahuen. Nach einem Hinweis auf die schädliche Wirksanckeit de» polnischen Hctzpresse, der unbedingt ei» Ende gesetzt rverder» müsse, führte der ÄÄmtt auSr Wir Juden find als städtisches Element an der st« scheu Wirtschaft und Verwaltung sthr interessiert. Wir hörwo auch' darüber schön Morte, aber wie steht es dabei in der Wirklichkeit aus? Ans der Stadtverwaltung und aus den städtischen Institutionen wurde« sämtliche jüdischen Beamten Arbertrr, Handwerker und Kkeinhandler entfernt, die jüdischen Mirzianten entwaffnet und entlassen, manche sogar verfolgt «nd deportiert. Sogar während der bokschewikischv« Herrschaft betrug die Zahl der jüdischen Angestellten und Arbeiter 7000 bis SSW. Mit dem Kommen der Pole» wurde» alle aufs Pflaster gesetzt. Dieses Unrecht muß, wenn wir de« Frieden wollen, vor allem gutgemacht werden. Außerdem müssen wir uribedtngt ven langen, daß bi» Jude« eine Proportionelke Nertrot»»g iu der Stadtverwaltttug erhalte». Die Hauptsache ist für Uns jedoch — ßrh-r Dr. WygobM fort der Pmckt betreffs «ustrer nationalen Rechts von dem wir nicht ab gehe« können und lverbcn. Wi» begreifen eS nicht, weshalb von polnischer Seite darin eine Störung für den FviÄ>en 1« Polen erblickt wird und ^vir erachten dteS als ein N-ißverständnis. Für keine jüdische Partei involviert dieser Punkt eine feindliche &&&*$. zu den Polen und zum Polentum. Wetters verlangen wir den Urbergang von Neben zur Dü, auch i« bezug auf die massenhaften Verhast tunge« von Jude«, ohne jeglich« rechtliche Ursache, die leider i«och jetzt in Wilna fich ereigrreu,. was die größte. GfcBitimng und Aufregung unter der jüdischen Bevöl^rinig hervprrust. Trotzdem die jüdische Gemeinde fich für die so, Festgenommeue» verbürgte, gelang öS nicht, diese mischuldigru Jude» zu befreien. Auf diese Rede, die durch' Rabbiner Rvb^n stein «üd Dr. Sch ab ad noch ergcinzt wurde, erlviderten der ZkommtsfLr OsmalowSkt, der DizekommMr Raczkiewicz «nd Oberstaatsanwalt Raczkiewiez. Die Reden enthllten verblümte Drstätigu-ngeu der jüdifcherfeits vorgebrachten Klage« und Ä^fchuldigunge«. OsnmlowSki ver^ tröstete die Inden mit den bevorstehenden StadtratSwahle« die den Jirden die gewünscht; Vertretung bringen würden^ Er versprach auch, das Nöttge für die Befreiung der Verhaftete» zu veranlassen. , Bezeichnend ist, baß keiner von de» polnischen Rednerir a-nf die Forderung bezügllch der nationalen Recht« für die Jude« reagierte. _ Morgeuchaus MWr^n. MÄHrifch-Oftrau, 14. August. M^lftcho-slow. Preßburö Der Pvlnischen Tttegrapheu-Agentnr infolge berichtet der Pariser Korrespondent des „Ärmer WarSzawsto". daß Morgenthau von Wilson mit der Aufgabe betraut wockm sei, die R a s s e nkonflikte zwischen Polen und Juden zu müder« und in dieser Richtung hauptsächlich a u f d i e. Jude« einzuwirke». (Daß Morgenthau den Allstrag hat, bessere BeziehMgen zwischen Jrtden und Polen a-nzubahuen, Hab« wir wiedechott berichtet, daß er dabei noch dem Willen WiksouS vorzüglich o«f die A u d e« «nzuwi^en Hai — als od sie die Schukdtvasmden an demKonWtwäre« — bövftc poInird>: Zttgobe sein. — Die Red.) •a*

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