Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 206 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Da unser Staat so sehr darniederliegt und von den Siegern abhängig ist, daß er nicht einmal über Wen Namen frei verfügen kann," so wird Dr. Renner wohl die von der Entente gewählte Bezeichnung akzeptieren müssen, zumal der Staat ja nur durch die Anerkennung der (Entente völkerrechtliche Existenz erlangen kann. In dem neuen Namen ist zweierlei ausgedrückt: Erstens will die Entente offenbar gerade auf unseren unglücklichen Zwergstaat den Makel des österreichischen Namens hasten lassen und gleichzeitig vermeiden, daß durch das einschränkende Beiwort „deutsch" eine Beziehung zu Deutschland .auch nur cmgedeuLeL werde. Andererseits aber ist durch die Wahl der Worte ausgesprochen, daß unser Staat als Republik anerkannt wird. Das wollen wir als gutes Zeichen nehmen gegenüber den in den letzten Tagen verbreiteten tendenziösen Nachrichten, als ob irgendein Ententestaat der Wiederherstellung eines monarchischen Regimes Vorschub leisten wollte. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß ein vernünftiger Politiker der Weststaaten wirklich solche Sympathien Hai 2lb?r wir werden uns gegen Attentate auf unsere Staatsform von außen und innen nur dadurch wirksam zu schützen vermögen, daß wir die Republik wirklich festigen, ihren Sinn und Wert lebendig machen. Man. sollte sich über die-Stimmung des Volkes ftebtef Täuschung hin geben.. Die große Menge jubelt Heule dem und morgen jenem zu und am beliebtesten pflegt bekanntlich der zu fein, der am meisten xauem 6t vrr6sn868 bringt. Wer dem Volk ein geordnetes Wirtschaftsleben, einen behaglichen Wohlstand, eine ruhige Lebensmöglichkeit bietet oder auch nur verspricht, wird immer die Sympathien für sich gewinnen können, besonders wenn der gegenwärtige Zustand unzulänglich, unbefriedigend, verstinunend llst. Es ist eine alte Geschichte, daß die Frösche immer wieder einen König verlangen und es ist ein. uraltes Symbol, daß sich ein Volk von dem Weg zur Freiheit immer wieder nach den Fleischtöpfen Aegyptens zurückfehnt. Besonders für uns in Oesterreich ist es erforderlich, sich dessen zu erinnern, daß die revolutionäre Energie, die die Republik schuf, nicht aus tiefer UeberzeugMg und politischer Reife entstanden ist, sondern daß. der fluchwürdige . Krieg, die absolute Unfähigkeit des monarchistischen Regimes, die das Volk ins Elend gebracht hat, die Abschaffung der Monarchie gewissmmaßen als Reaktion zur Folge hatte. Durch den Sturz des Kaisers hat zwär der Autoritätsglaube einen schweren Stoß erhalten, ab^' die republikanische Gesinnung, die vorher nicht vorhanden war, dürfte in diesen wenigen Monaten kaum zu voller Festigkeit erhärtet worden sein. Die Errichtung der Republik ist die Emanzipation des Volkes, seine politische Befreiung. Sie ist, ethisch betrachtet, zweifellos die höhere Staatssorm, weil sie den einzelnen aus der Vorstellung, daß über ihm eine väterliche Fürsorge waltet, herausreißt und ihm die Verantwortung für die Zukunft und für alle Handlungen der Gemeinschaft viel direkter auserlegt als es in . der demokratischesten Monarchie der Fall fein kann. Allerdings gilt dies nur dann, wenn, aus der staatlichen Machtsphäre auch tatsächlich gewisse Verpflichtungen und Verantwortungen auf den Bürger iibergehen. Wenn die Republik nur formal aufgefaßt wird, wenn an die Stelle des Monarchen das abstrakte Idol des Staates tritt, so ist wenig gerummen. Der Bürger wird dann nach wie vor das Gefühl haben, daß der Staat eine Körperschaft ist, an die er Forderungen zu stellen hat, der gewisse Leistungen Vorbringen zu muffen er sich schließlich absind et, der er im übrigen möglichst mißtraut und die er bei jeder Gelegenheit für sein egoistisches Interesse zu hintergehen bereit ist. Wenn die Republik (ros pEiva), die Sache der Allgemeinheit, die Idee unserer staatlichen Existenz ist, dann müssen wir alle, vor allem aber die leitenden Faktorei., dis Regierung und ihre. Organe, sich darüber klar fein, daß die BefeDgrM der Republik eine ungeheure Erzichungsanfgabe ijt Diese Aufgabe ist durch Prolllamnüonen, und Demonstrationen nicht zu lösen. Man sollte sich hüten, den Wert derartiger DeNischAAerreich' VLrlMgt ein BesetzwgSMMM für Derrtsch-Westungarn. : Eine Rote Dr. Renners an Clemeneean. < * Saint-GevmsLn, 14. August. (Korr.-Bur.) StnaLskanzler Dr. Renner Hut ander» Präsidenten der FriedensLonferenz,' GeDrKes Clsmsneean, -eine Rote gerichtet, die m deutscher Rskerfetzung lautet r SMrL-GrrMai« eu Lahe, 14. August ISIS. Herr Präsident!; V.; SssDen erhalte ich Die Mitteilung, der Befehlshaber der magynrischenStrsitkrüste» die in SZEbM-ely verfummelL. sind und etwa 3SST Mann Zählen, habe erklär^ Deutsch» Weftungaru solle neuerlich mit Wafferrgswatt der magyarLscheu Herrschaft mrLerrvorfen werden. Für jeden, der den Chauviniswus und die GewalttLtrgLeiL - er. urrrgtz arischen Truppe« kennt, ist es.klar, -atz durch die Ausführung dieses Planes' der deutschen BeVVlLsruns der KomitaLe EiftnÄurg, Oedenburg und Wieselburg Schrecke und Vernichtung droht. Die Gerüchte über die Möglichkeit eru^ neuen magyarischen <KuumrschsS Hnb.su dahsr^ uutsr den Bewohner« der genarmterr Gebiete einmütigsu AuwWttt' hsrvorgenrfeu, der auch die Nachbarn in der östlichen SEermark ergriff. Tausende von' LandbeWohneru haben kürzlich in einer öffentlichen Versammlung, die «ach F.ü r st enf e lL.- siuberufs« worden war, wirkssmeu Schutz und nngesaumLe Besetzung der bedrohten Gebrete; durch JZsEchöfterreich 'verlangt. ' Noch eins wvLLere Nachricht beumurhLZt die Bewohner DLUtsch-Wsstnugarks. Die^ RnmL-Msche PrstzageuLur kündigt nLmlich die Besetzung der mehrfach erwähnten Gebiete; durch rumänische Truppen an. Wenngleich es sich hierum regulLre FormaLionen einen or§a«isisrLen Armee handelt, würde doch auch dieser EmfaÄ für die so schwer betroffene WsvöLLesung neue Lsftsu bedeuten. . .-%:h;s Am ein friedliches Volk vor Plünderung und Gewalt zu bewahren, würbe es grusigen, wenn der O b evfte Rat dev aMerten und assoziierte« Mächte dem OK er»- k o m imß nd o der r u mAH-fch.e wie der u n g s r if ch e n Dru-pey untersagen woWe» - das bszerchneLe Gebiet Zu besetzen, «rLhveud es . D e u b.s ch ö ft e r reich g oft a L t e t würl»^, ' mit Gendarmerie, Volks wehr und SL ch er heits wache für die rech Verhaltung von Ruhe und Ordnung in Deutsch -W estnngaru zu sorgen. Das blotzs Erscheinen von Mmmschaften der Sicherheitswache, die in der wohnten Sprache, ja sogar in dem vertrauten Dialekt reden, würde der Bevölkerung zumj Bewußtsein bringe«, daß sie nun erst wirklich ihre Freiheit wiedererckängt habe. Es dürftej unseren Gendarmen nicht schwer falle«, das Land von den letzte« Resten kvrnmuniftischer^ Trn-Penssrbünde zu b rsreie« und den freien Verkehr der Bevölkerung diesseits und jeuftits der alten Grenze hssZuftellern . * Auf Grund dieser Tatsachen und Sryrügunge« erlaube ich mir, die Aufmerksamkeitdes Oborften Rates der aMisrteu mrd affoziierte« Möchte auf der» VefchLutz des Haupte ausschuffes urrferer RationalVersammlung zu lenken, der Eurer Exzellenz mit Rote der! deutfchZftesrsichischen Delegation vom S. d. M. zur Kenntnis gebracht worden ist. Ich glembe,. hoffe« M dürfe«,, daß mernsw «suerlichen Ansuchen ftattgegeben werden wird «nd d a ß WentschZfterreich die ansdrück-liche Ermächtigung erhalte, die Ordnung und Ruhe in Deutsch-Westungarn ficherzustelleu. Es würde dies eine wsrwolle Bürgschaft für die Aufrechterhaltrmg des wirtschaftlichen mrd gesellschaftliche« Gleichgewichtes im Zentrum Europas bedeute». Manifestationen zu überschätzen. Wenn die Bevölkemng republrkMsch gesinnt ist dann muß sie das dadurch bekunden, daß sie in vollem Bewußtsein, daß es auf jeden Emzeüren ankommt, selbsttätig am politischen, wirtschaftlichen, sozialen und Lullmellen Ausbau des Maates tsilnimmt. Die Erziehung zur Republik ist nicht allem eine pädagogische Angelegenheit, die in Schuten oder Versammlungen betrieben werden kann, sie ist vielmehr eine Fvrserung, die ün Leben selbst erfüllt werden muß. Der Regierung, die für die Republik emtM, obkegt die Psiicht, durch Heranzichung aller ElemerÄe M Mitarbeit, durch Befreiung von BevvLMUndung, dmch Beseitigung eines mechanischen BusemMÄtisimrs, Äne neue, wahrhaft demockraLWe GswMlung des Gemeinwesens zu fördem. Die MeuWn mMen in freiem ZusmmNenwrrken auf Grundlage emer gereckten, vorurtnlslosen GesMchaftsmdnrmg das BewuMm ihrer Unabhängigkeit, ihrer foztskn AvWrbe Md i^'er BsmnrworGchkeiL erlangen. Sie werden dann am eigenen LMe viel unmittelbarer erfahren, waches Jrrtereffe sie sm Wohl und Wehe der GeftmÄyM habm und sie werdm allmählich lernen, dem Starte willig zu gebe«, was des Staates ist. Der Start allerdings darf nicht mehr beanspruchen, als ihm vermöge ferner Wmktion als technisches Instrument der Gesamtheit zukmnmt. Durch weitgehende Selbstverwaltung, durch Ausgeftaltirng der fteien Gemeinden und anderer freier Personenverbände, denen man die Besorgung ihrer Angelegenheiten überlässt, kann all- I mäkkch dev, neue TMUS des aufrechten. syMbemckten } und pflichttreuen Staatsbürgers erzögen werden, der das Rückgrat der republikanischen Verfaffung sein wird. Gerade die „Oesterreichische Republik" wäre berufen, in diesem Sinne ein Vorbild zu sein. Allerdings müßten jene Tendenzen ausgeschaltet werden, die sich, bisher noch verderblich bemerkbar machen. Dazu gehört zum Beispiel der übertriebene Nationalisinus, jenes Erbstück aus Oesterreichs schlechtestem Inventar, der die Köpfe unserer» Politiker verwirrt. Eine wahrhaft freie Republik muß verstehen, daß Nationalität ebenso Privatfache ist wie Religion, daß die Angelegenheiten der Nation, wie es Renner vorgeschlagen hat, von Körperschaften der Naüonsgenoffen autonom venvaltct werden muffen mrd den Staat nichts angchen. Auch in anderen Belangen darf man die Forinen des alten Staates nicht nachahmen und ebensowenig dogmatische und doktrinäre Parteigrundsätze von oben her gewaltsam durchzusetzen suchen. Mit solchen Methodew erleidet man nm Fiasko, wie wir in der kurzen Zeit des Bestandes der Republik bereits zu konstatieren Gelegenheit hatten. Aber diese Feststellung soll, nicht ein Ausdruck der Schadenfteude fein. Schadenfreude am Mißlingen von RegrenlngsmaßnahnlLn (tarnt es. nur dann geben, solange der Einzelne dem Staate von außen gegenübersteht, das heißt aber, solange repllblikanische Gesinnung nicht lebendig ist; wenn aber,jeder Einzelne weiß, daß' seine eigene Sache ayf de'.st Spiele steht, dann ist jedes Mißlingen nur ein Anspönt'zu neuen, besseren Taten. ' ' ’; .'