Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-08-14 · Heft 205 (14.8.1919) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 205 (14.8.1919)
Date
1919-08-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979282--01829-2987275
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

«t 208 Wien, Donnerstag PolitischeRundschau. Lonis D. Brandeis in Paris. Dem Kopenhagener Zionistischen Bureau wirb auS Paris Meldet: Am 6. August fand eine denkwürdige Plenarsitzung >eS Komitees der Jüdischen Delegation statt. Bei dieser kihung wurden die Herren Louis D. Br and eis und 8aeob de Haas, ferner die Mitglieder der Zionistischen tzalästina-Kommtssion, Prof. Friedenwald und Vzöld sowie Hetr Prof. Zimmern aus London dem Komitee Her Jüdischen Delegation vorgestellt. Alle diese Herren iefanverr itch auf der Rückreise von Palästina, wo sie mehrere Wochen geweilt hatten», nach London, wo sie in den iLchsten Wochen mit wichtigen politischen Arbeiten beschäftigt^ pm werden. Der Sitzung d«S Komittes wohnte auch Pros, frankfurter aus Amerika bei, der bekanntlich seit mehrten Monaten an der politischen Arbeit imt. zionistischen Leitung in Paris bteilnimmt.. Ms Präsident deS Komitees der Jüdischen Delegationen jegrüßte Nahum Sokolow die Gäste aufs herzlichste, kr erinnert an die großartige Hilfe, die während der ganzen ßrregsdauer von der amerikanischen Judenheit den schwer levruften Juden in der: vom Kriege heimgesuchten Ländern Mistet worden war und würdigte mit warmen Worten die persönlichen Verdienste von Brandeis. Sodann Mb Sokvlow ihren kurzen Rückblick iibec die Tätigkeit des Komitees der Wischen Delegationen,. wobei er beit großen A n t e i l »pr amerikanischen Vertreter im Komitee an dieser strÜeit besonders hervorhob. Er führte aus, daß noch verantvvrtungsvolle und schwere Ausgaben dem Komitee für die pächste Zeit bevorstehen und beschrieb endlich die furchtbare Sage der Judenheit in Ost-Europas In seiner Antwort beglückwünschte Brandets das Komitee zu feiner unermüdlichen Tätigkeit und deren wichngen Erfolgen. Er drückte seine Genugtuung über die Erklärung auS, die Sokolow bezüglich der Tätigkeit der amerika- "en Mitglieder des Komitees^ insbesondere der Herren ck und M a r s h a l l, abgegeben hatte. Dann berichtete Brandeis von seinen Eindrücken P a l L st i n a und sagte unter anderem: Nachdem er Land - der großen jüdischen Vergangenheit und der »rpßen jüdischen Zukunft mit seinen eigenen Augen gesehen »ab«, verstehe er, warum die Juden, warum auch die anderen Völker dieses Land so lieben- Er erwarte, daß Hand in Hand mit der Verwirklichung ■ Unserer Palästina-Hoffnungen »uch die Ziele, für die das Komitee arbeite, in n«Her 'Zukunft erreicht werden. Er und seine Freunde in llmerika würben alles, was r'n Ihren 'Kräften jt e h t tun, um bei allem zu helfen, was; der physischen Ökonomischen und intellektuellen Erhaltung des Judentums dienen Änne. Darnach sprachen die Herren de Haas, Rosoff, Prof. Zimmern und Leo M o tz k i n cus Generalsekretär »es Komitees. In hjesen Rede« wurde auf die schwierigen politischen AufgÄen hingewiesen, bis jetzt in Paris behandelt ioerden. Die nationalen Problem« der Judenheiten in R unLnien, Tschecho-Slowakien, Jugoslawien, Saloniki und Pemen stehen jetzt auf der TagesorW >mng und harre,: ihrer Lösung. Nach herzlichen Worten an Oberrichter Brandeis und tte ihn begleitenden Herren, schwß Nahum Sokolow die Sitzung. ' Polnische IudenpolMK. (Statfaffttitg der jüdische» Beamte». — Ernennung , jüdischerAttaches. Die polnische Regierung hat in Ostgalizien sämtliche jüdische Beamten kurzer Hand entlassen. Zweitausendfünfhundert öffentliche Angestellte und Lehrer sind von dieser Maßregel betroffen worden und mit ihren Familien dem größten Elend preisgegeben. Als Rechtfertigung dHbr Schandtat gibt die polnische Regierung an, daß es sich lediglich um die Entfernung von „Verrätern" aus dem öffentlichen Dienste handle. Die jüdischen Beamten Haben nämlich das Verbrechen begangen, beim Umsturz und während des ukrainischen Regimes auf ihren Posten als Richter, Lehrer, Eisenbahner und Postler zu bleiben. Sie haben ihre Aemter nicht weggeworfen, sondern haben den Verkehrs- und Verwaltungsdienst zum 'Segen der Bevölkerung aufrecht erhalten und haben durch ehrliche Arbeit sich' und ihre Familien ernährt, ein Vorgehen, zu welchem sie auch auf Grund des Völkerrechtes nicht nur berechtig^ sondern förmlich verpflichtet waren. Wie hinterhältig und verlogen die Begründung der Entlassung ist, geht übrigens daraus hervor, daß die polnische« Beamten, welche unter den Ukrainern den Dienst versehen haben, nicht gemaßregelt wurden. Während Herr Pabe re w s k i in Paris beteuert, daß den Juden in Palm absolute Gleichberechtigung zuteil wird, läßt er iM Lande selbst seine Organe gegen alles Jüdische wüten. Die Entlassung der vstgrlizische« jüdischen Beamten ist ein empörendes Verbrechen, welches die Palm werden gutmachen müssen. Die Vertreter des jüdischen Volkes werde«. insolange nicht rasten,, als Nicht den Opfern polnischer Versotgungssucht ihr Recht wiÄ». Zwecks Linderung der unsäglich traurige« Notlage der betroffenen Beamten und ihrer Familien habe« die zionistischen Stellen in Lemberg und Wien die entsprechenden Aktionen eingeleitet und es ist ihnen auch gelungen, dem Hilfskomitee der entlassenen Beamten eine größere Summe aus den Gelder« des amerikanischen Verteilungskornttees zuzuführen. - * Irr scheinbarem Gegensätze zu diesen: Vorgehen der Jßofeit steht die Nachricht, daß die polnische Regierung die Jude« Lieb er mann, Behrensvhn und andere zu höheren Beamten bei den G e s a n d t s ch af t e n in Lom d on und $ e to * $ 0 r f ernannt hat. Eisenbahn-" axbeiter kann der Jude nicht werden, wohl aber Gesandtschafisattachö. Es handelt sich hierbei um das alte polnische System der Judenbehandlung. Manraubt und plündert Millionen von Juden aus, mißhandelt und demütigt sie, macht ihnen das Leben zur Qual, versäumt aber nicht, sich einige Hausjuden zu kaufen. Diese werden dann in alle Welt geschickt, singen daö Lob der Judenfreundlichheit ihrer Herren iu allen Ton- P)ie«er Morgenzeitrmg __ 14. August 1919 .. , /'SeNe'S',^ Das Asqlrecht der ungarischen Kommunisten. Staatssekretär Eldersch Staatssekretär Elb e r sch erklärte über die Frage der Auslieferung der.ungarischen Kommunisten führer folgendes: „Bisher ist eigentlich ein striktes Auslieferungsbegehren von der ungarischen Regierung nicht gestellt worden. Das ungarische Justizministerium hat bloß? an das deutschösterreichische Staatsamt für Justiz das Ersuchen gerichtet, ihm die Namen der „bolschewMschen Mitglieder der Räberegierung" mitzuteilen, und sie in Haft zu setzen. Der Weg, den dieses Ersuche« genommen hat, ist etwas ungewöhnlich. Bisher pflegte nämlich der Verkehr zwischen den. ungarischen und unseren Ressortmiyisterien, nicht direkt, sondern stets im Wege der .beiderseitigen Auswärtigen Aemter zu erfolgen. Die. deutschösterreichische Staats^egierung hat keinerlei Veranlassung, in dieser Sache vorläufig mehr zu tun,' als durch unser Auswärtiges .Amt an das Ungarische Ministerium des Mustern, in Budapest eine Note ergehen zu lassen, darin die Namen der auf dem Territorium Deutschösterreichs weilenden ehemaligen über die AuÄieferung. Mtglieder der Räteregierung bekanntzugeben uud zu erklären, daß eine Verhaftung überflüssig sei, weil ja 6k in Betracht kommenden Personen ohnehin interniert uird bewacht sind. . * Sollte ein direktes Auslieserungsbegehren gestellt werden, so witd'die StaatSvegiernng sich ihre Entschließungen Vorbehalten müssen. Sieiv-ird zu prüfen halben, wer jetzt eigentlich in Budapest die 'Gewalt hat. Sie wird weiterhin durch die deutschöstrrreichischen Gerichtsbehörden strenge und eingehend untersuchen lassen, ob den Personen, deren Auslieferung begehrt wird, gemeine Verbrechen zur Last gelegt treten können. Unsere Gerichtsbehörden werden enischeilrn müssen, ob nach peinlicher Untersuchung des Tatbestandes gemeine Verbrechen vvrliegen. - Nur dann, würde einem Auslieferungsbegehren Folge, gegeben tverben können. . Das Ashlrecht ist gewährt worden, :md es wird für den Fall, daß der Tatbestand gemeiner Verbrechen nicht gegeben ist, absolut eingehalten n.nd beobachtet werden/* , Aus Polen » ) Wie Polen den Pertrag hält. ’ Warschau, 43'. August. (Del. der „Wiener Morgenzeitnng".) Trotzdem der Minoritäbenschutzvertrag es ausdrücklich verbietet, allgemeine oder lokale Wahlen für Sams tag auszuschreiben, wurden jetzt in Czechanvw,ch Grozec und anderen Städten die Sbadtratswahlen für einen Samstag an beräumt. Die Bitte Her Mischen Vorsteher, die Wahlen auf .einen anderen Dag zu verlegen, wurde seitens. des Wahlkommissärs abgelehnt. Der Landtagsklub deszeitweiligen jüdischen Nativnalrates für Polen. hat in dieser Angelegenheit an den Minister des Innern ein Memorandum gerichtet. Ausschluß jüdischer Offiziere aus der Armee. Krakau, 13. August. (Del. der ,Miener Mvrgenzeitung".) „Nvwh Dziennik" meldet: Die jüdischen Offiziere, die sich auf Grund des Rekrutierungsbefehles vom 17. Juni zur Dienstleistung gemeüret hatten, wurden bis zum 2. d. M. in den Sammelkaders zurückgehalten, ohne in irgendeine Abteilung eingeteilt zu werden.. Am 2. erschwerst in Krakau ein Delegierter des Kriegsministeriums und forderte den jüdischen Offizieren eine Deklaration in bezzrg auf ihre Nationalität ab. Diejenigen, die sich zur jüdischen Nationalität bekannten — und es taten dies die meisten erhielten den Bescheid, daß gemäß Verordnung des Kriegsministeriums vom 30. April 1919 der Mkru- Nerungsbefehl sich auf sie nicht beziehe, und sie wurde« auch vom Militär entlassen? Die jüdischen Offiziere richteten hierauf auf telegraphischem Wege einen Protest an das Staatsoberhaupt Pilsudski und an den Kriegsminister. Die Sozialisten lehnen ab. Wärschmr, 13. August., (Tel. der „Wiener Mvrgenzeitung".) „Nvbvtnik" meldet: Zufolge der von Regierungs-kreisen den Mitgliedern der P. P. S. gemachten Propositon, ein' Ministerportefeuille zu übernehmen, stellte der Zentral-Exekutivausschuß neuerdings fest, baß ein Parteimitglied weder ein Ministerpvrtefeuille, noch eine leitende Stelle in irgercheinem Ministerium des neu zu bildenden Kabinettes übernehmen darf.! ' Hoover in Warscha«. . Warschau, 13. August. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der Lebensmitteldiktatvr für die vom Kriege betroffenen Gebiete, Herbert H.oo ver, ist in Warschau eingetroffen. Hoover beabsichtigt, die Lage in Polen hinsichtlich der Versorgung mit Lebensmitteln persönli chzu untersuchen, zu welchem Zwecke er gegen zwei Wochen in Pobön verbleiben dürftet Außer Warschau wird er auch die übrigen Städte und Gegvwden, namentlich diejenigen, die im Kriege arg gelitten haben, bereisen.^ Die amerikanische Kommission in Manen. - .Warschau, 13.August. (Tel. der „Wiener Ndorgenzeitung".) Die Morgenthau-Kvmmission hat ihre Arbeiten - in Warschau, unterbrochen und bereist jetzt diejenigen Städte in Litauen, die durch, die schrecklichen Geschehnisse der letzten Monate eine traurige Berühmtheit erlangt haben. Lida, Grvdno und speziell Wilma gaben der Kommission viel zu schaffen. Mer trotz der. Fülle des zu bewältigenden Materials ging besonders in Wilna, dank den vorzüglichen Registrierungsarbeiier: des Leiters der juridischen Kommission bei der dortigeir .jüdischen Gemeinde, des Mvokaten Finkelstein, die Arbeit flott von statten. Eine größere Anzahlvon Zeugen wurde einvernommen, deren Aussagen sowohl in deutscher wie auch in englischer Sprache stenographiert wurden. Die wichtigeren Zeugen wurden auch photographiert. Einen starken Eindruck machten die Schiürerungen eines 14jährigen Knaben und des Rabbiners von Lida, der nicht nnr selbst weinte, sondern auch andere, darunter das KommissionZnütglird General Jadwin, zu Tränen rührte. Der Untersuchung wohnten auch der Delegierte des Ministeriums des Aeußern, Graf Zultowski, der Ortskornmissär von Wilna, Jan Pilsudski, sowie Vertreter der jiwischen und polnischen Presse hei. Freitag abends besuchte die Kommission die Synagoge, wo sie durch Rabbiner Ru bin stein begrüßt wurde. Morgenthau hiest.vor der Bnndeslade eine Ansprache, worin er den Juden Trost spendete. Mvrgenthau stattete auch, abgesehen von den Privatbesuchen Lei Rabbiner Rubinstein und dem Vorsitzenden der zionistischen Organisation, L. Joffe, offizielle Besuche in der jüdischen Gemeinde und im zionistischen Verein ab. Dabei schloß sich ihm auch Gras Zultvwski an, der das Wort ergriff und ausfi'chrte. , daß sein Erscheinen im zionistischen Verein ein gutes Zeichen für die zukünftige Gestaltung des jüdisch-polnischen Verhältnisses' sei. Mit der Zustimmung Pilsudskis fand auch eine von» Gqneralkommissär Osmalvwski emberufene polnisch-jüdische Konferenz statt. Die Konferenz wurde durch Mvrgenthau eröffnet, der auf bi* Notwendigkeit eines guten Zusammenlebens beider Völker hinwies. Nach einer Ansprache des Kommissärs ' Osmalowski legte Dr. Wygodski die Forderungen.' der Juden dar. Wie sich Mvrgenthau den Pressevertretern gegenüber äußerte, ist pc mit dem Verlauf dieser Konferenz überaus zufrieden und er berichtet auch darüber telegraphisch nach Amerika. In einer Unterredung mit jüdischen Journalisten erklärte Morgen. * thau, daß er nunmehr dem jüdischnativnalen Problern mehr Verständnis entgegenbringe und daß er stck in Znkllnft für den Zionismus mehr interessieren werde artmr, lügen und verraten ihr. unglückliches Volk nach besten Kräften. Der Sozialist Liehermann, dieser Schandfleck seiner Partei, wird-schon in London erklären, daß ,d'ie entlassenen jüdischen Beamten 'Verbrecher sind, oder er wird, weil eZ einfacher ist, einfach leugnen, daß überhaupt jüdische Beamte entlassen wurden. Diese feilen jüdischen Gesellen sind für alles zu haben und bilden die ft-äftigsten, Stützen der polnischen Judenpolittt. / ' Die Luzenrer Sozialiftenkonserenz e«tse«det Kommissionen zur Untersuchung der Pogrome. Stockholm, 19. August. (Tel. der „Wiener Mrgenzeitung".) Wie das Jüdische Preßbureau meldet,.stellten die Delegierten der Pöale - Zionisten in der Luzerner Soziälistenkonftrenz best Antrag,- eine Kommission der Internationale zwecks Untersuchung der Pogrome nach Polen, der Ukraine und Lila ue n zr> entsenden. Die ukrainischen und litauischen Delegierten eektärteu sick mit denn Antraa einverstanden. Aus dieser Meldung geht hervor, daß die polnischer Sozialdemokraten Moraczewski und Lieber, mann mit dem Vorschläge nicht einverstanden waren t Reue Erfolge der Ukrainer. Kamenetz-Podolsk. is. August. (Radio.) Der Uüa.'ut sche Pressedienst meldet: Die vereinigten ukraintschm Truppe: setzten rn den letzten Tagen' ihren Vormarsch gegen Kiew fort Nach vollständiger Säuberung de8 Rayons Winnitza von Rote, Truppen ziehen sich diese über Bcrdllschew nach Nordosten zurück Zahlrelches Kriegsmaterial wurde auf dem fluchtartige Nuckzug zurückgelafsen, darunter besonders Arrilleriemunttiou. Südlich von Kiew wurden die Roten Truppen bei Untat und Karsun, westnch von Kiew bei Makarow, nm 40 Werst vo, Ki'ew entfernt, zum Rückzüge gezwungen. . Am unteren Dnjepr haben die Aufständischen die Eisenbahn statwn Usth Kamenka und Tomakowka genommen. Gleichzeitrmarschieren Truppen DenlkinS flußabwärts in der Rlchwna de Dmrprmündung. Auf der Strecke Poltawa-Kiew kämpfm die Roter TrtwPen bei Mugyrod erbitten um die RiickzuaSlmieu nac! I Westen tKieiv) und Norden (Konotop). Das Obuismmand Den.ckns ist nach Rostow am Don überstedrlt und ha, dam, ukramtschcn Boden betreten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.