Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 203 (12.8.1919)
- Date
- 1919-08-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r mtfv ' ■ ■uim»ti)i Wien, Dienstag /WienerMorgenzeiL!M<5 Die Bestrebungen nach einer Konsolidierung in Ungarn. Verhandlungen mit den Parteiführer«. Budapest, 11. Llugust. (Korr.-Bur.) Gestern berief Erzherzog Josef die in Budapest weilenden Parteiführer zu sich, mit denen er besondere Besprechungen batte und empfing in den späten Abendstunden eine Gruppe von Parteiführern. Im Laufe des Vormittags suchten Marten L o v a s z y. Graf Stephan Bethlen, Paul T e leki, Geza Z so m b o r, Dr. Johann B le y er, Fürstprimas Johann C se r u v ch, 51arl H u s z ar,Franz 'So e i n t i ch, Julius Wl 6 ssies und Alexander Gieß-. mein den Erzherzog ans, der ihre Ansichten über die Modalitäten erfahren wollte, welche sie für notwendig und wünschenswert halten, damit das Land aus der gegenwärtigen schwierigen Lage heransgeführt werden könne. Nachmittags empfing der Erzherzog Josef Esizmadia, Ladislons Beöthh, de» Präsidenten des Gewerkschaftsrates Samuel Jas za y, ferner Roland Hegedüs, Julius Peidl, in Vertretung des gewesenen Handelsrninisters Garami den Svzialisteniührer Bernhard Kondor, schließlich' den gewesenen Minister des Innern Karl Payer, Moritz Preuß und in Vertretung der ungarländischen NUkrainer Dr. Nikolaus Kutkafalvy. Hierauf empfing der Erzherzog eine kleinere Gruppe der Parteiführer gemeinsam. Die gestrigen Beratungen und Besprechungen, deren Hauptzweck war, d?n Erzherzog über die Wünsche und Hoffnungen des Landes durch die in BiEasOst weilenden Parteiführer direkt zu informieren, haben die Lage w esc ntlich geklärt. Die Sozialdemokraten treten in die Regierung ein? Budapest, 11. August. Ein führendes Mitglied' der alten sozialdemokratischen Partei, Bernhard Kondor, machte einem Mitarbeiter des Ungarischen Telegraphen- Korrespondenz-Bureaus gegenüber folgende Aeußerungcn: Ich bin der Neberzengung, daß die sozialdemokratische Partei die Teilnahme an der 9le? gierung beschließen wird. Die Entschließung wird durch die nur gegenüber gemachte Erklärung des Herrn Ministerpräsidenten und zahlreicher anderer Faktoren wesentlich erleichtert, daß sie an die Wiederherstellung des Königtums nicht denken und daß der mit den Rechten eines Ver^ wesers ausgestattete Erzherzog Josef dies gar nicht wünscht, sowie daß die Regierung unbedingt entschlossen sei, in demokratisch-sozialer Richtung sortzuschreiten, die Angelegenheiten der Arbeiterschaft aber zusammen mit der organisierten Arbeiterschaft einer möglichst befriedigenden Lösung entgegenzuführen. Das sind durchwegs Erklärungen, welche meiner Ansicht nach die Vorbedingungen des Zusammenwirkens sichern, damit endlich in diesem Lande die Möglichkeit der Produktion, der individuellen Freiheit und des Fortkommens gesichert sei. , .-j. Eine Unterredung mit Erzherzog Josef. . Vorbereitungen für die allgemeinen Wahlen. .! Amsterdam, 11. August. Dem „Telegraaf" zufolge erklärte Erzherzog Josef in einer Unterredung mit dem Budapester Korrespondenten der „Times", für die patriotischen Ungarn sei jetzt der Augenblick' gekommen^ um das Land aus seinem Elend zu retten und zu versuchen, Ungarn eine bessere Zukunft zu sichern. Die Nationalversammlung werde über die zukünftige Regierrmgssorm Ungarns entscheiden. Jetzt müsse man. die allgemeinen Wahlen vor bereiten, die, wenn die Rumänen Budapest verlassen, wahrscheinlich in sechs oder acht Wochen stattfinden werden. Der Erzherzog gab seinem leidenschaftlichen Wunsche Ausdruck, in größter Eintracht mit der Entente zu leben. Der ungarische Premierminister stimmte diesen Ausführungen des Erzherzogs voll bei und erklärte, das Direktorium wolle nicht direkt und eigenmächtig mit den Rumänen unterhandeln, sondern wolle alle Fragen in die Hand der Alliierten legen. Der ,Mmes"-Korrespondent teilt ferner mit, daß die Mitglieder des Direktoriums, obwohl sie wissen, daß die B a n e r n st a r k m o n a r ch i st i s ch gesinnt find, nicht die Wiederherstellung der Monarchie wünschen. Es hat Aufsehen erregt, daß der Erzherzog seine Proklamation als „Erzherzog Josef. Feldmarschall" Unterzeichnete. Der Korrespondent ist der Ansicht, daß die Wiederherstellung des alten Regimes unter Nichtbeachtung der Ereignisse der letzten neun Monate unheilvolle Folgen haben würde. Aeorganifienmg der ungarische« Armee. Budapest, 11. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Knegsminister Schnetzer hat ay die Soldaten der zu errichtenden Armee einen Appell gerichtet, worin es unter anderem heißt: 1. Ich ordne an: Soldaten dürfen nicht politisieren. Aktive Offiziere und Soldaten der Armee dürfen einer politischen Partei oder einem geheimen Verein nicht betreten; sollten sie Mitglieder solcher sein, haben sie sofort auszutreten. 2. Ich fordere eiserne Disziplin von jedem Mitgliede des Heeres. Diesbezüglich sind die vor dem 30. Oktober 1918 gültig gewesenen Nonyen maßgebend. Die Journalisten beim MiuisterprSfidente«. Budapest, 11. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Heute erschien eine Abordnung von Professoren, Schriftstellern und Publizisten beim Ministerpräsidenten Dr. Friedrich. Auf die Begrüßungsrede des Führers der Abordnung Desider S z a b o antwortete der Ministerpräsident mit - einer kurzen Rede, in welcher er ausführte, daß der Wiederaufbau des Landes in nationaler Richtung erfolgen müsse. Der Minister erklärte: Es sind große Uebel vorhanden, vor allem die riesige sittliche Zerülttung des Landes. Wir müssen daher zunächst das alte moralische Niveau wieder erreichen. In diesem Lande rnuß wieder Ordnung herrschen. Ich werde nrtt der größten Energie den Umsturzbestrebungen des linken Flügels entgegentreten, werde aber auch die konfessionelle Verfolgung nicht dulden. l\ Barta am Leben. Budapest, 10. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Vor einigen Tagen wurde gemeldet, daß der Kommandant der Ludooica-Akademie, Major B a r t a, durch die Lenin-Buben getötet worden und in die Donau geworfen worden sei. Auch der Ministerpräsident tat in einer seiner Reden davon Erwähnung. Nun hat sich herausgestellt, daß der aus der Donau gezogene Leichnam der des Artilleriehauptmanns Franz M i l d n* t war, welcher an dm Ereignissen vom 24. Juni regen Anteil hatte. Barta befindet sich am Leben. Aufgehobene Verfügungen der Rätefl regierrmg. Budapest, 11. August. Das Ministerium für Kultus und Unterricht verfügte, daß die von der gewesenen Räteregiemng als öffenttiches Eigentunr erklärten kirchlichen und konfessionellen Stistungswerte ihren . Besitzern, beziehungsweise Verwaltern Zurückzuerstatten sind. Budapest, 11. August. Eine Verordnung des Ministeriums für Kultus und Unterricht setzt die Verordnung der Räteregierung bezüglich der Uebernahme eines Teiles der Kunstgegenstände Privater in Staatseigentum außer Kraft und verfügt die Rückgabe dieser Gegenstände an ihre Eigentümer. Budapest, 11. August. Eine Verordnung des Ministerpräsidenten löst das von der gewesenen Räteregierung geschaffene Außenhandelsamt auf und ftellt bezüglich der Wirkungskreise der einzelnen Ministerien auf den Außenhandel den Zustand vom 30. Oktober 1918 wieder her. Budapest, 11. August. Die Regierung wies diejenigen öffentlichen Beamten, welche nichtpvlitische S.tellen Einnahmen und die von der Räteregierung zur Disposition gestellt oder in ihrer Tätigkeit gehindert wurden, an, unverzüglich in ihren Aenttern wieder zu erscheinen, ohne wettere Weisungm abzuwarten.; Die neue Situation. Sairrt-Germakr, 11. August. (Korr.-Bur.) Die „Action Francaise" schreibt: Zum ersten Mal in der Geschichte der Donäuvölker, die so eng mit dem Hause Habsburg verbunden sind, sieht man Ungarn, sich jener. Familie zuwenden, die von den anderen Staaten der früheren Monarchie verlassen worden ist. Diese Tatsache ist an sich sehr ernst und verdient größte Beachtung. Ein österreichisch-ungarisches Reich, das sich von Ungarn aus neu bildet, hat es noch nicht gegeben. Sollte sich etwas vorbereiten, so wäre es unklug, nicht rechtzeitig die Folgen dieses Rollen La usches zu erwägen. Oesterreich läßt versteckte Drohungen hören, sich von den Friedensberatungen zurück zuziehen, wenn es nicht Bedingungen erhält, die es lebensfähig machen. Ungarn hat sich in allen seinen Krisen gegen die Annahme der Bedingungen gesträubt, die im Waffenstillstand festgesetzt wurden. Es ist «gar nicht unmöglich, daß sich Oesterreich und Ungarn vereinigen, um gemeinsanr die Mittel zu ihrer Existenz zu fordern. Der Budapester Habsburger würde sich auf diese Art von selbst Wien nähern. Was würde dann der Oberste Rat beschließen? Man hat geglaubt, daß die österreichische Frage, die so alt ist wie Europa, durch die Anwendung von Wilsons Prinzipien gelöst sei. Zum Schaden dieser Prinzipien zeigt es sich, daß dies nicht der Fall ist. Die österreichische Frage ist aufs neueaufgeworfen, und zwar in einer Art, die den Alliierten Schwierigkeiten bereitet. . Entlassung von Angestellten aus dem Budap etter Magistrat. Budapest, 11. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der Magistrat von Budapest hat beschlossen, daß alle während der Proletarierdiktatur bei der Hauptstadt erfolgten Anstellungen als nichtig erklärt und die betreffenden Angestellten aus ihrem Amteentfernt werden. Gegen jene hauptstädtischen Angestellten, die unter der Proletarievdiktatur eine leitende Stellung in einem höheren Wirkungskreise als ehedem bekleideteil oder au der foiiirmmifti)'eben Bewegung t^lluahiuetl, wird das Disziplinarverfahren cinaclcitek- 12. August 1919 Nr. 20S! **"*• ... —----- - »-■ Telegramme. Die Wahrheit über die Judenpogrome in Polen. Hermann Bernsteins Erhebrmgen« 1 Warschau, 11. August. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der bekannte amerikanisch-jüdische Publizist Hermann B e r n st e i n, der sich kürzlich zwecks Untersuchung der polnisch-jüdischen Verhältnisse mehrere Wochen in Polen aufhielt, veröffentlicht im „New- Bork Herald" vom 31. Juli einen Artikel, in welchem er das Ergebnis seiner Nachforschungen mitteilt. In dem Artikel heißt es unter anderem: Meine Untersuchungen in Polen haben mich in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise überzeugt, daß dort in verschiedenen Orten Pogrome stattgefunden haben, und daß noch jetzt antijüdische Exzesse Vorkommen. Meine Meinung ist, daß die Herren Paderewski, Pilsudski und der Innenminister Wojciechowski schlecht darüber informiert find über das, was schon geschehen ist und was noch jetzt mit der jüdischen Bevölkerung in Polen geschieht. Ich kann nicht glauben, daß diese polnischen Führer Vorgänge und Dinge leugnen, welche jeder objektive Beobachter, der Augen zu sehen und Ohren zu hören hat, in Polen bemerken kann. Der Bericht des amerikanischen Botschafters in Warschau beruht auf einer sehr oberflächlich und rasch durchgeführten Untersuchung. Was in Polen nach dessen Befreiung vorgekommen ist, war arger, als die russischen Pogrome. Die Regierung hat die Pogrome eigenen Zwecken zuliebe organisiert und durchgeführt. Die polnischen Exzesse sind das Ergebnis einer Rachepolitik, das Resultat einer langjährigen, gegen die Juden in Polen geführten Agitation Es waren typische polnische Pogrome, cmtijüdische Exzesse, begleitet voll blutigen Verfolgungen Räubereien und anderen Grausamkeiten. Unter dem Deck« mantel, daß man Bolchsewiken unschädlich machen wolle, wurden Greise, Frauen und kleine Kinder um« gebracht, mit der Ausrede, man räche sich an den Spekulanten, wurden fast alle jüdischen Geschäfte in Wilna und Lida ausgeraubt und auf dies« Weise haben in den genannten Städten die Aermsten von den Arnren das bißchen verloren, was sie hatten. Die jüdische Bevölkerung wird durch die Polen wir nie zuvor während des tyrannischen zarisüscheu Regimes terrorisiert. Der antijüdische Boykott, dervo, Jahren begonnen hat, dauert noch weiter. Bernstein beabsichttgt das ganze Material, welches, er in Polen gesammelt hat, zu veröffentlichen, „denn" so schreibt er, es scheint mir notwendig, daß diese Tatsachen der Welt mitgeteilt werden müssen, bevor eine Lösung der polnisch-jüdischen Frage gesunden wird." Morgenthaus Tätigkeit in Polen Wie Pilsudski die blutigen Judenpogrome zu beschönigen versucht. Warschau, 11. August. (Del. der „Wiener Morgenzeitung".) Botschafter Morgenthau hat einen Ausruf an'die Juden erlassen, in welchem er sie auffvrdert, die in Minsk emmarschierenden polnischen Truppen freundlich zu empfangen. Dieser Aufruf wurde noch vor der Eroberung der Stadt durch die Polen von Aeroplanen abgeworfen. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß dieses Vorgehen Morgenthaus eine Ueberschreitung seiner Kompetenz bedeutet, das möglicherweise eine große Gefahr für die Judenschaftherbeiführen konnte. Zusammen mit den emmarschierenden polnischen Truppen begab sich General Jadwiß von der amerikanischen Mission nach Minsk. Staatschef Pilsudski erklärte dem Senator Morgen« than in einer Unterredung während seines Aufenthaltes in Wilna, er gebe zu, daß in den crsdm Tagen nachdem Einmarsch der polnischen Truppen in Wilna „Ungerechtigkeiten" gegen die Juden begangen wurden. Im übrigen aber, sagte Pilsudski, haben die Juden ein zu großes Aufhebens gemacht und dadurch Amerikas öffentliche Meinung gegen Polen aufgehe^t und damit dem Lande viel geschadet. Die Rumänen und die Entente. Noch immer keine Beantwortung -er Note. Haag, 11.August. (Tet.-Komp.) Hollcmdsch Nicuws Büro meldet aus Paris: Die Rumänen haben bis jetzt die Note der Alliierten noch immer nicht beantwortet. Nach hier eingetrofseuen Nachrichten erhalten die rumänischen Truppen in Ungarn noch immer neue Verstärkungen. Man hofft, daß die militärische Kommission-, die am 11.. August in Budapest eintrifft, das Nötige dazu beitragen wird, ,;nr eine Entscheidung herbeizuführen. Man glaubt, daß die Rumänen der Konferenz mitteilen werden, daß sie einen Einspruch der Entente gegen ihr Vorgehen gegen Urigarn abbchnen. Die Entente seiaußerstande gewesen, den Vormarsch der ungarischen Roten Armee'zum Stehen zu bringen, so daß nunmehr die Rumänen auf ihre eigenen Kräfte angewiesen seien und das Recht für sich beanspruchen, selbst darüber zu bestimmen, wie sie sich künftig gegem derartige Vorfälle sichern sollen. "IV*1