Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 203 (12.8.1919)
- Date
- 1919-08-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 203 Wien, Dienstag Polnische Sensationen. In Krakau ciicheint cmc volnffche Tatzes^ilmm ^Jlsustrowarw. Kurier Cod^euun". deren Ehrtest darin dkstelit, chren Lesern die unglaublichsten Märchen fluszutckchen. So finden wir zum- Beispiel dort folgende Behauptungen: Der Bolschewismus in der Ukraine hat sich bereits öffentlich als $ i oyismus entyupvl. — Die Mitglieder der Sow^ctorgaimation tragen das zionistische Abzeichen. — Die Vernichtung der polnischen Arbeiterklasse aus Bcschl von Berlin durch zionistische Agitatoren. Diese Zeitung hat emdecht, daß Zionismus und Bolschewismus identisch find und daß unter anderem die Zwnifienillhrerin Chaje in Kamenep-Podolsk die Sozialisierung der christlichen, Frauen und Kinder angeordnet habe. Natürlich haben cs die Zionisten und Bolschewiken aus die chnfiltche Religion abgesehen und einen Erlaß heiarisgegeben. daß iämfiiche Klöster in Kmo- «nd Theater umgcwandelt werden. Die Zeitung, dre beim Krakauer Mob eine große Verbreitung findet, hetzt in jeder Nummer durch solche Schauermärchen gcgeu die Juden, ohne daß die Behörden emschreiien. Es ist also kein Wunder, haß «s rn Krakau bereits zu Pogromen gekommen ist. De? Eotentekrieg in der Ukraine. Kamenetz-Podolsk, n. August. (Rndio.'i Infolge dcS kgrkev Eindruckes, den der Zusammenbruch des Bolschewismus in Budapest in ganz Rußland hervorgernsen hat, haben Lenin in Moskau und Rakowski i» Kirr» gleichzeitig Parteikonferenzen kiyberufen, um neue Beschlüsse zu fassen. D.e Ralercgicnmg m Kiew, die fich in ähnlicher Lage befindet wie Bcla Kjm, weil der Bolschewismus auf die Landeshauptstadt beschränkt und in anderen Landrsteileii nur durch Terror aiinechterhaltcu ivjrd, steht fich in einer inilNarlschen Lage, die in den nächsten 'Wochw den Bolschewismus aus der ganzen Ukraine verschwinden machen taffen dürfte. .. 9m Osten der Ukraine, von den durch die Entente ausgerüsteten russischen Truppen Denikins bedrängt, der bereits nördlich Poltawa, ungefähr rn der Höhe von Kiew angelangt ist, ficht die Kiewer Sowietregierung durch eine Unzahl von gut organisierten Bauernaufständen fich jeder Möglichkeit beraubt, der Offensive der vereinigten ukrainischen Truppen von Petljura und Petruszewicz ernsten Wider stand zu leisten und die Einkreisung von Kiew zu brechen. Am Dniepr, unterhalb Kiews, hechar die Aufständigen fast die Demkin-Front erreicht. Im Westen drängen die ukrainischen Truppen die Bolschewiken über Rowno zurück. Unter diesen Umstanden hat Rakowski eine scharfe Verfolgung der Ueberläuser der Roten Truppen ungeordnet and zmn Oberbefchlshaber aller gegen die Aufständischen entsendeten Truppen Woloschinow ernannt. Mit Heftigkeit bekämpft Rakowski die Bildrmg einer neuen sozialistischen kommunistischen Partei in Kiew, die großen Anhang gewinnt und mit Rakowski bezüglich der Behandlung der Landwirtschaft und vor allem in der Frage der Unabhängigkeit der Ukraine nicht einverstanden ist. Rakowski suchte im Sowiet die neuen Parteien mit dem Ausspruch zu diskreditieren, es sei auffällig, daß die neue Partei in einem Augenblick gebildet werde, in welchem Denikin und Petljura ihre Angriffe verstärken. Trotz des unaufhörlichen Feldzuges ist der Anbau im lanzen Lande durchgeführt worden und die Ernte verspricht in He Ukraine sehr günstig zu werden. Bevorstehende Vertagung der Friedenskonferenz. Liayvike, 11. August. iFunffpruch des Korr.-Bur.) Aus Parts wird berichtet: Ewige Kreise der Friedenskonferenz habe« augereat, daß nneBertagungder Konferenz üwÄB Nnauves nach nunmehr achtmonatgrr ununterbrochener Latiakeit angezeigt wäre. Nach der Ansicht der Mehrheit müßten jedoch vorher die Bert rägemitDeutschösterre ich, B U l y a r i e u u n d U n g a r n u n t e r z e i ch n e t s e in. Da dre Verhandlungen mit der Türkei sich vermuiuch lange hinziehen dürften, ist eine Vertaonng der Konferenz nicht ausgeschloffen, msoferne von jeder Macht, nur ein Bevollmächtigter mit ewigen Sachverständigen in Pans zurttckbleiben würde. JAbischnativnalen und di« Resolutionen des Häufleins der — angeblich — 60 Assimilänten, die durch sich selbst ernannt als „Parteitag" unter Vorsitz Dr. Löwensteins zusarmnenkanieu. All dies wurde prompt mit entsprechendem Aufputz vom polnischen Preßbureau der französischen Presse übermittelt, von dieser bereitwillig abgedruckt als Anklage gegen die in Paris tätigen nationaljüdischen Komitees, die hier arbeiten „au detriment de la Pologne et les 'Juiss meme", wie es in der im „Temps" abgedruckten Korrespondenz zu lesen war. Dann kanren hierher die großen Gelbjuden Warschaus, die zugleich Großaktionäre des Credit Lhonais und anderer Pariser Banken sind, insbesondere die ,-Dynastie" Natansvn, vertreten durch noch nicht getaufte Mitglieder sowie andere, wohl nicht glaubensstarke, aber kapitalskräftige Polen „mosaischer Konfessionslosigkeit. Diese sollen hier in Kriesen, tvv sie Beziehungen haben, gegen die von der Friedens- Vonfevenz ausgestellten Grundsätze zum Schutze der osteuropäischen Juden die Wühlarbeit mit Volldampf einletten. Die früher roten, jetzt rot-weißen „Genossen" wurden zu gleicher Zeit hierher ins Treffen geschickt. Genosse Liebermann ist hier, und da er die Pogrome nicht leugnen kann, hetzt er nach dem Muster der polnisch-antisemitischen Presse gegen die Nationaljuderr. Einige Tage nach Reinaich kam Liebermarm z« Worte. In der vom große» Jaurds gegründeten ,Hümckuitä" ließ er sich vernehmen: Wohl sei Blut geflossen während der schweren Exzesse gegen die Juden; ihr eigentlicher Grund sei Je&xf} ein sozialer. Das Proletariat — behauptet er weiter —- widersetzt sich „mts allen Kräften" dieser antisenritischen Bewegung, Wiener Morgenzeitun; _12. August 1919_ Seite 3 , Unruhen in Polen. v London, 11. August. (Tcl.-Komp.) Wie „D a i l y H erald" von zuständiger privater Seite erfährt, find in Polen Unruhen ausgebrochen. Die Nachricht von Meutereien im polnischen Heere hat fich bestätigt. (Eine Bestätigung dieser Meldung liegt bis zur Stunde nicht vor. Die Red.) Das Asqlrecht der Ungarischen Nätekommissäre. Eine Erklärung Die S^aatZkörresPondenz .meidet: Die Gewährung des Asyls an die kommunistischen Mitglieder der abgetretenen Räter-egierung hat in b ü r g e r I i ch e n und bäuerlichen BevölkerungSkreisen Widerspruch gefunden, der nur einer mißverständlichen Beurteilung der Absichten der Staatsregisrung seine Entstehung verdankt. Es erscheint deshalb notwendig, jene Gründe darzulegen, welche die Staatsregi rung veranlaßt haben, ' den genannten Personen unter bestimmten Voraussetzungen das Asyl zu gewähren. Bor allem wird festgestellt, daß die Beförderung der -Flüchtlinge von der Grenze nach dein für sie bestimmten Domizil, den gegenwärtigen Verhältnissen angepaßt, auf durchaus einfache Weise erfolgt ist. Die Behauptung, daß die Beförderung mit Extrazug oder Salonwagen erfolgte, ist unwahr, ebenso ist unrichtig, daß die Volkskommissäre große Barmittel oder Wertgegenstände mitgesührL haben. Eine Ausnahme war nur bei dem Volkskommissär Tibor Szamuely zu konstatieren, der übrigens widerrechtlich über die Grenze gelangt ist.- Von den Flüchtlingen sind neun getvesene Volkskommissare und deren Hilfsorgane, der Rest ausschließlich deren Angehörige, also Frauen und Kinder. Den Frauen und Kindern ist das Spital des Flüchtlingslagers in Drostnpors zum Aufenthalt zugewiesen. Die Volkskommissäre Kun, Por und Landler befinden sich in einer Mühle in Kvlnitzgraben, die anderen Volkskommissare in Karlstein. Die Volkskommissare werden von deutschösterreichischen Sicherheitsorganen überwacht, so daß nicht nur ihre persönliche Sicherheit garantiert, sondern auch der Regierung absolute Gewähr geboten ist, daß sie in keiner Weise in der Lage sind, sich in unsere innerpvlitischen Verhältnisse einzumengen. Maßgebend für den Entschluß der Negierung, den lominunistischen Mitgliedern der abgetretenen ungarischen Räteregiernng das Asyl zu gewähren, waren Gründe der politischen Nützlichkeit und des demokratischen Prinzips. Die Motive der politischen Zweckmäßigkeit wurden verstärkt durch das demokratische Prinzip, politischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Alle demokratischen Länder haben an diesem Prinzip festgehalten — England, die Schlveiz und die Vereinigten Staaten seit den Vierzigerjahren. Daß die Asylsuchenden in der Regel politische Gegner jener Regierung - sind, die kür die Gewährung des Asyls in Betracht kommt, ist selbstverständlich. Die Gewährung des Asyls auf die politischen Gesinnungsgenossen zu beschränken, wüAde dem Prinzip jede Bedeutung nehmen. Auch die deutschösterreichische Republik hat feit ihrer Gründung politischen Flüchtlingen ein Asyl gewährt ohne Rücksicht ans deren politische Gesinnung. Gerade unter der Herrschaft der Regierung Kun hat Deutschösterreich vielen tausenden ungarischer Aristokraten und Bourgeois ,bie m der Regierung Kun aus dem Lande flohen, ein Llshl gewährt. Auch der Negierung. diese Flüchtlinge waren für uns keine angenehmen Gäste, ganz abgesehen von der wirtschaftlichen Belastung, dre ihre Anwesenheit bedeutet hat, haben viele sich gegen die deutschösterreichischen Gesetze vergangen. Sie haben versucht, für eine fremde Armee Truppen anzluverbru. sie haben von unserem Boden aus den Einsall in ein Nachbarland zu arrangieren versucht, haben den bekannten Anschlag auf das ungarische Gesandtschaftsgebäude unternommen und den Gesandten sowie einen seiner Mitarbeiter gefangen gesetzt und einen Tag lang gefangen gehalten. Trotzdem hat die dentschösterrcichiiche Regierung auch diesen politischen Flüchtlingen das Asyl nicht verweigert und sich ans die bloße Abwehr gesetz" widriger Mißbräuche deS Asyls beschränkt. Dasselbe Asyl, das die deutschösterreichische Regierung einer Parier gewährt hat, als sie verfolgt war, kann sie jetzt der anderen Partei, da, sich die Machtverhältnisse geändert haben, nicht verweigern. Nun wird allerdings gesagt, daß es sich um Personen Handels die sich nicht allein politische, sondern auch gemeine Verbrechen hätten zuschulden kommen lassen. Man mag es gewiß auf das schärfste verurteilen, daß die Regierung Kun durch die Revolntionstribnnalc ihre Gegner zum Tode verurteilen ^und hinrichten lirn-. Ganz so, wie man es ebenfalls verurteilen muß, dan die Regierung Tis za während des Krieges durch ihre Standrechte, ja selbst ohne jede gerichtliche Form durch ihre Gendarmen viele Tausende harmlo ser Bauern im Banat, in Syrmien und in der Slowakei hängen ließ. Aber so sehr man dieses politische Verbrechen verurteilen muß, so wenig wird man die Einsetzung der Revolntionstrib anale durch Kun oder die Einsetzung des Standrechtes durch Tisza als Mord im Sinne des Strafgesetzes qualifizieren können. Anders steht es nur dort, wo sich Personen Handlungen zu schulden kommen ließen, die in der zur Zeit der Tat geltenden gesetzlichen Ordnung ihres Landes keine Rechtfertigung fanden. Dies scheint von Tibor Szamuely zu gelten und deshalb hätte die deutschösterreichische Regierung ihm das Asyl schwerlich gewähren können. Beschuldigungen gleicher Art gegen die übrigen kommunistischen Volkskommissare liegen jedoch bisher nicht vor. Sollte die Auslieferung eines vo» ihnen wegen eines gemeinen Verbrechens verlangt werden, so hätten unsere Gerichte nach den Vorschriften derStraipwzeßordnung zu entscheide«, ob nach unseren Gesetzen und den Grrmdsätzen des internationalen Rechtes dem Ausliefernngsbegehven stattzngeben sei oder nicht. Solange aber die Auslieferung nicht bewilligt ist. muß sich die Verwaltung daraus beschränken, zu verhindern, day der Aufenthalt in Deutschösterreich von den Volkskommissaren zu ungesetzlichen Handlungen oder zur Einmengung in unsere innerpolitischen Verhältnisse mißbraucht wird. _ Er versteht es Wohl — sagt er — daß die ausländischen Israeliten durch die Ereignisse tief bewegt sind, aber man muß im Westen vermeiden, diese Tatsachen „zu übertreiben", da dies „zu nichts anderem führen kann, als die antisemitischen Leidenschaften noch mehr zu entfachen". Und nach dieser deutlichen Warnung — ob« eigentlichen Drohung an die Ausländischen Israeliten" — kommt die übliche Verleumdung: „Wir (daß heißt die polnischen Sozialisten) sind absolute Gegner des Programmes der jüdischen Nationalisten, welches „zur Schaffung eines Judenstaates in Polen führen würde und den Antagonismus zwischen Juden und Polen noch vergrößern würde." So sprach der Abgeordnete von Przemysl am Tage, wo die allerletzten Nachrichten von dem Pogrom in Krakau eintrafen ... Und schon sind die übrigen im Anzüge nach Paris: All die „Mansche!", die durch die letzten fünfzig Jahre unser Volk in Polen und Galizien korrumpierten und schwächten, verhandelten und verschacherten, all die, welche es in den Jahren des Krieges und der Invasionen verlassen und verraten haben und m seiner Not hilflos zurückließen und die ganze übermenschliche' Arbeit auf uns überwälzten, sie alle kriechen jetzt aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Sie wühlen Dkd verleumden, denunzieren urch intrigieren, und versuchen in letzter Stunde noch das wenige, das sie in so schwerem Ringen erreichte, zu vernichten. Der Geist des Renegaten Pfefferkorn ist hier wieder erstanden. Mau stößt hier auf ihn Überall. Pfefferkorn, Pariser Ausgabe, Jahrgang 1919. Paris, im Juli 1319. Dr. Michael Rin^ge l. Dr. Renner nach Saint-Germain abgereift. Staatskanzler Dr. Renner hat sich vorgestern abends um S/J Uhr nach Saint-Germain begeben. IN .seiner Begleitung bestnden sich der poliüsche Bevollmächtigte der Nationalversammlung, Abgeordneter Professor Gürtler, rmd die beiden Begleitofsiziere Della Roeca und Morgain. * Die Unterzeichnung des Friedensvertrages dürste demnach am D i e n s t a g den 19. d. M. erfolgen; eine Verschiebung des Unterzeichnungstages könnte nur auf zwei bis vier Tage erfolgen, so daß im Laufe der nächsten Woche der Friedensvertrag mit Deutschösterreich sicherlich unterschrieben sein wird. Von informierter Seite wird mitgeteilt: Es ist zu erwarten, daß unserer Delegation bereits am Mittwoch die endgültige Antwmt der Entente zugeht. Sie wird vielleicht nicht in der Form eines Ultimatums gehalten sein, jedenfalls aber wird die Antwort der Entente ein l e tz t e s Wort des Obersten Rates darstellen. Ob der Frredensvertrag dann von Dr. Renner unterzeichnet werdm wird, darüber hat fich der Staats- Kanzler auch am Samstag nicht ganz klar ausgesprochen. Er erklärte nm, er besitze die Vollmacht derNationalversammlung, den Vertrag zu unterzeichnm. Es müsse selbstverständlich seiner letzten und persönlichen Erwägung avheimgestellt bleiben, ob er es mit seiner persönlichen Auffassung vereinbaren könne, seine Unterschrift unter diesen Dertrag zu setzen. Auf jeden Fall werde er aber nichts ohne Einvemehmen mit dem Harrpiausschrch tun. Fsnersversalle auf vre «arm«« Grenztrupp^« Dom Landcsbefehlshaber von KSnrte» wird «itgeteil», d«