Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 202 (11.8.1919)
- Date
- 1919-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 . SjlUeiii ^iiüutatj N.- . ... ■„-■ .^.r 'iv,-—---i—. St. Germairr, 10. August. „Action Fraücaise" Mdkt, daß die FriedenZkonferenz eine Kommission unter dem Vorsitze Cambons beauftragt hat, die verschiedenen Arstworten der österreichischen Delegation zu sichten und zu vereinigen und gemeinsam, mit dem Redaktionskomitee den' mnftige» Text des Friedensverirages sestzusetzen. f O Wie sich Czernin um Iren Frieden bemühte. Berlin, 10. August. Wie die Telegraphen-Union meldet, suchte Graf Czernin im November 1917 im Einverständnis mit dem damaligen Reichskanzler Grafen Hertlimg einen Sonderfrieden herbeizufübren. Die „Grunewaldzeitung" beginnt mit der Veröffentlichung de§ hierauf bezüglichen Briefwechsels. Die Briese stammen von dem persönlichen Vertrauensmann Czernins und HertlmgZ, der der ständige Mittelsmann zwischen beiden war. Die Kriegshetzer verteidigen sich^ Berlin, 10. August. (Priv.-Tel.) Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" bringt heute den Bericht des Geheimen-Legationsrates von Schön an den damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Hertling vom Juli 1914.^ Es heißt darin: , Im Interesse der Lokalisierung des Krieges, wird die Reichsleitung sofort nach Uebergabe^der österreichischungarischen Note in Belgrad eine diplomatische Aktion bei den Großmächten einleitend Sie wird geltend machen, daß es im gemeinsamen Interesse aller monarchischen Staaten liege, wenn das Belgrader Anarchistenn e st' ausgehoben wird, und sie wird darauf' hmarbeiLew, daß die-Mächte sich auf den Standpunkt stellen, die Auseinandersetzung zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien 'sei eine Angelegenheit dieser beiden Staaten. Bon einer Mobilisierung deutscher Truppen soll abgesehen werden. Man will auch dahin wirken, daß Oesterreich-Ungarn nicht die gesamte Armee und insbesondere die in Galizien stehenden Truppen mobilisiere, um niD automatisch eine Gegenmobilisierung Rußlands ' auszulösen, die dann auch Deutschland und Frankreich zu gleichen Maßnahmen zwingen und damit den europäischen Krieg herausbeschwören würde. Will Rußland nicht auf alle Fälle einen Krieg gegen Oesterreich-Ungarn und Deutschland, so kann es ln diesem Falle, das ist das Günstige der gegenwärtigen Situation," sehr wohl untätig bleiben, indem es sich Serbien gegenüber darauf beruft, daß es eine Politik, die mit Bombenwerfen und Revolverschießen arbeite, ebenso wenig wie die anderen zivilisierten Staaten billigen könne. Eine solche Haltung Rußlands ist insbesondere möglich, so lange Oesterreich-Ungarn die internationale Selbständigkeit Serbiens nicht in Frage stellt. ’ Der Bericht befaßt sich dann ausführlich mit der Spannung. zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien, die ein die Aktion sehr erschwerendes Moment bilde. Neutrale Vorschläge betreffend das Kohlengebiet von Teschen. , Amsterdam, 10. August.Der „Mieuwe Rotterdam s ch e Courant" veröffentlicht einen Aufsatz eines Mitarbeiters über die drohende Kohlenkrise. Der Mitarbeiter schlägt vor, daß das strittige Kohlengebiet von Teschen, dessen Teilung wirtschaftlich unmöglich sei, vorläufig für eine bestimmte Zeit durch den Völkerbund als.neutral erklärt und unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt werde. Die Verwaltungskommission, die am besten aus, unparteiischen neutralen oder anderen, nichtinteressierten Personen bestehen könnte, würde nicht nur über alle die Produktion, sondern auch über alle die Verteilung der Kohlen betreffenden Fragen zu entscheiden haben, wobei die früheren Verbraucher von Kohle auS diesem Gebiet in erster Linie bedacht werden, müssen. Die deutsch-polnischen Verhandlungen. Berlin, 9. August. Laut einer Meldung des polnischen Ministerpräsidiums, die heute Mittag mittels Funkspruches hier eingelangt ist, wird eine polnische Delegation unter Führung des Unterstaatssekretärs im polmschen Ministerium des Aeußern Dr. Prob»!ewSki in der Stärke von 43 Teilnehmern Sonntag nachts in Berlin zu .den deutsch-polnischen Verhandlungen eintreffen. Die Eröffnungssitzung wird im Beisein von Vertretern der hiesigen militärischen Missionen der alliierten Hauptmächte im großen Saale des ehemaligen Herrenhauses Montag Nachmittag stattfinden. Unterstaatsselretär v. H a n i e l piird den Vorsitz führen und eine Ansprache halten. Die Verhandlungen werden voraussichtlich am Dienstag in mehreren Unterkommissionen beginnen. Wilson für die wirtschaftliche Hilfe an Europa. St. Germain, 10. August. Der „Malin" meldet aus Washington: Im Verlaufe der Teuerungsdebatte im amerikanischen Senat wurde unter andetem der Antrag gestellt, die Lebensmittelexporte nach Europa einzuschränken, um aus diese Art die Teüerung zu lindem. Wilson sprach sich in seiner Botschaft gegen diesen Vorschlag aus und sagte: Wie auf den Schlachtfeldern, so rettet auch jetzt Amerika sich selbst, weyn - es Europa rettet. Um unserer selbst willen müssen wir den europäischen Völkern zu Hilfe kommen, denn Europa fft unser bester Kunde und sein Ruin kann nicht ruhig mitangesehen werden, abgesehen davon,' daß um selbst in das Unglück bineinaeroaen "würden. ikiorgenzeitung 11. August 1vi2 ■ 9Cr. Zosef Hadsburg und Gx-Kaiser Karl. Ein FEMenkonflikt vor denr Zusammenbruch der Monarchie. Aus dem Tagebuch emeS ehemaligen, mt . Dienste des Ex-KcnlerS Karl gestandenen Hofl Würdenträgers vnöffentl'cht die „Sonn- und Montags-Zeitung"folgenden Auszug. Die knavven Tagebuchblätter geben uns ein anschauliches Bild . aus . den letzten Tagen des österreichischen: Kaisertums. Sch.loß Schönbrunn, 1b. Oktober 1918. Heute früh haben wir endlich Reichenau verlassen. Der Ministerpräsident*) hat gestern im Wege der Kabinettskanzlel das dringende Ersuchen gestellt, der Kaiser möge nach Wien kommen. Die tschechischen Abgeordneten, vor allen Herr Stanek, hätten in dringendster Weise' darauf aufmerksam gemacht, daß, wie schon der eintägige t Generalstreik in Prag beweise, die Verhältnisse äußerst 'kritisch seien. Eine Umwälzung könne nur verhindert werden, wenn eine selbständige tschechische Regierung errichtet werde. Es ist der Wunsch der tschechischen Abgeordneten, die Veränderung in vollständiger Ruhe und Ordnung dnrchzuführen. Ein eventueller Aufschub ist unmöglich, die durchgreifende Tat muß jetzt gesetzt werden, sonst wird das tschechische Volk selbft handeln. Der Kaiser hat heute vormittags den ungarischen Ministerpräsidenten Dr. Wekerle empfangen,' dessen Demission nicht angenommen würde. Wekerle wurde mit dem Auftrag betraut, in der morgigen Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses die Personalunion mit Oesterreich zu proklamieren. Nach Wekerle kam unser Ministerpräsident Doktor Hussare k. Er hatte einen schweren Stand beim Kaiser. Es gelang ihm endlich, die Zustimmung des Kaisers für eine Proklamation Oesterreich-Ungarns zum Staatenbund zu erreichen. -• Der Abcndbericht aus Budapest nach der Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses lautete sehr ungünstig. Die Karoiyi-Partei hat sich offen als ententefreundlich bezeichnet. Schloß Schönbrunn, 16. Oktober 1918. Der Kaiser hat heute vormittags Dr. Hussarek in einer zweistündigen Audienz empfangen. Der Wortlaut der Proklamation des kaiserlichen Manifestes zur Umwandlung Oesterreich-Ungarns zu einem Bundesstaat ist noch zweimal abgeänderl worden. Die Nachricht von dem Attentat auf Graf Tisza soll auf dm Kaiser niederschmetternd gewirkt haben, obwohl er dem Grafen Tisza als Calviner nie mit großer Sympathie gegenüberstand.**) Admiral.Keil berichtete mittags dem Kaiser über bie. neuerlich stark wachsende Gärung unter den italienischen und slawischen Marineuren. Morgen wird das Manifest an die österreichischen Völker betreffs Umwandlung der alten österreichischen Länder in einen Bundesstaat veröffentlicht werden. Gebe Gott, daß dies das Ende der Krise bedeutet und daß wir bald Frieden haben! Schloß Schönbrunn, 17. Oktober 1918. Auf dm Rat des Admirals Keil hat der Kaiser heute für die an der Cattaro-Meuterei Beteiligten die Amnestie erlassen. Die erwartete Wirkung des Manifestes an die Völker scheint sich endlich einzustellen. Schloß Schönbrunn, 21. Oktober 1918. Nach zweitägigem Aufenthalt im Schloß Wartholz ist heute der Kaiser wieder nach Wien zurückgekehrt. *) Huffarek. , **) Attentatsversuch Lckahs trat 16. Oktober 1918. Graf Julius And rassy unterbreitete dem Kaiser einen Vorschlag, der den sofortigen Friedmsschluß herbeiftihren soll. Die kroatischen Führer Frank, Horvath und Pazman, die nach Andrassy empfangen wurden, verlangten vom Kaiser die Unabhängigkeit Kroatiens von Ungarn. Schloß Schönbrunn, 32. Oktober 1918. Erzherzog Josef wurde heute in Audimz empfangen. Er stattete dm Dank für seine Ernennung zum Feldmarschall ab. Die ungarischen Ereignisse wurden lebhaft in der Audienz erörtert. Auf seinen Rat fährt das Kaiserpaar doch nach Debreezin, obwohl zuerst eine Absage der Fahrt hätte erfolgen sollen. Der Kaiser wollte den Erzherzog zum Palatin in Ungarn ernennen, doch weigerte sich der Erzherzog, dieses Amt zu übernehmen. Hingegen erklärte er sich bereit, mit dm ungarischen Politikern in Verhandlungen zu treten. (Die folgenden Tagebuchblätter enthalten wenig Politisches, vielmehr Nachrichten aus dem Familienleben des Kaiserpaares:) / Schloß Schönbr«n,n, 28. Oktober 1918. Von Erzherzog Josef kbmmen gute Nachrichten. Erzherzog Josef telephonierte heute dem Kaiser, daß er hoffe, es werde ihm gelingen, Michael Karol.yi zum. Eintritt in das Konzentrationsministerium zu bewegm. Schloß Schönbrunn, 31. Oktober 1918. Die Ereignisse überstürzen sich. Die Nationalversammlung in Oesterreich hat die Regierung übernommen, Tisza ist ermdrdet und Karolyi auf dringendes Zu--^ reden vom Kaiser trotz aller Bedenken zum Minist«-- präsidenten ernannt worden. - Erzh erzo g I o s ef, Erzherzog Eugen und Erzherzog Albrecht erschienen heute gemeinsam beim Kaiser. Die Erzherzoge trugen dem Kaiser .die B i i 1e » o t, sofort znrückzutreten, und zwar zugunsten des Kronprinzen Otto, um die Dynastie zu retten. Iw Oesterreich wollt eErzherzog Eugen, in Ungarn Erzherzog Joses es noch jetzt in letzter Stunde übernehmen, die Monarchie für das Haus Habsburg zu reiten. Die Erzherzoge wiesen auch darauf hin, daß sich die Kaiserin unpopulär gemacht habe und daßg er ade Erzherzog Eugen und Erzherzog Josef die beliebtesten Mitglieder des Hauses Hab8burg seien, daher die letzte Hoffnung sich an ihrer beider Namen knüpfe. Auch würde die Armee diesen zwei Heerführern begeistert Gefolgschaft leisten. Es folgte eine unangenehme, sehr erregte Szene zwischen dem Monarchen und den Erzherzogen, die jedoch von ihrem Standpunkte nicht abgingen. Schließlich wandte det Kaiser den Erzherzogen den Rücken und unterließ die Fortsetzung der Konversation. 7 Es war die letzte Unterredung, die der Exkaiser vch seiner Abreise in die Schweiz 'mit dem Erzherzog Josef geführt hattet Der Exkaiser hat den Erzherzog seither nicht mehr gesehen. Die Teuerung iu Amerika. Washington, 10. August. (Meldung des Reuterscheu BureauS.) Wilson erklärt in einer Botschaft an den Kdngreß, daß die gegenwärtigen Gesetze der teueren Lebenshaltung nicht abhelfen können. Wilson schlägt die Anwendung des Gesetzes über die Kontrolle der Lebensmittel vor, das während der Kriegszeit in Geltung stand, ferner eilte strenge Bestrafung der Wucherer. Amsterdam, 10. August. Das Reutersche Bureau meldet auS Washington, Präsident Wilson, habe in seiner im Kongreß gehaltenen Rede über die hohen Kosten deS Lebensunterhaltes empfohlen, daß die Lebensmittelkontrolle aufrechterhalten werde, daß der Gewinnmacherei erhebliche Strafen auferlegt würden und daß ste auch strafgesetzlich verfolgt werden könne. Wilson empfahl dringend eine Gesetzgebung in diesem Sinne und forderte, daß die von den Kühlspeichern ausgegebenen Lebensmittel ebenso hoch in Rechnung gestellt würden, wie zur Zeit der Einliesermrg. Die Versorgung Europas. Hoover appelliert au die Arbeiterschaft» St. Germain, 10. August. Hoover erklärte dem Berichterstatter des „Matin" vor seiner AbreP, er wolle mit den Arbeitern Böhmens, Polens und des Balkans in ähnlicher Weise reden, wie er es bereits mit den Arbeitern des Westen getan habe. Er wolle sie beschwören, in h ö ch st e r An st r e ngung die Produktion zu erhöhen, damit auf diese Art die Weltkrise beschworen werde. Er wird, wenn es ihm irgend möglich sei, auch das Teschener Kohlengebiet besuchen. Prinz Wied und der König von Sachsen. Verschleppen ihr Kapital ins Aasland mittel» Luft- ' schiffe». Kopenhagen, 10.August. „Berlingske Tidende" meldet aus Malmö: Freitag vormittags wurde ein Wasserflugzeug, das aus einer Höhe von ungefähr 200 Meter zwei Pakete abwarf, gesichtet. Hierauf verschwand es über die Ostsee. AuS dem Innern des Landes, wo seit einiger Zeit ein deutscher Herr und eine deutsche Dame wohnten, wurden Signale an das Flugzeug gegeben, das sich nach ihnen richtete. Der Leuchtturmwächter von Trelleb org erstattete hierüber Anzeige. Das deutsche Paar wurde in Tösra Aby verhaftet und die beschlagnahmten Pakete wurden nach TreLorg geschafft, wo sich zeigte, daß sie echte- Spitzen, Juwelen, Schmuckstücke Und StaatSobligatio.nen über sehr hohe Beträge enthielte». Nach verschiedenen Ausflüchten gestanden die beiden Deutschen, oie Paktte seien vom Prinzen Wied abgeworfen worden. Der Inhalt der Pakete gehöre dem König von Sachsen. Reue internatroyale Eisenbahnverbindungen. Prag, 10. August. (Meldung des Tschechoslowakischen Preßbureaus.) Die Regierung der tschechoslowakischen Republik befaßt sich mit dem Plane, eins internattonale Eisenbahnverbindung zwischen West- und Osteuropa über Böhmen, und zwar auf der Linie Paris— Straßburg—Nürnberg—Prag—Warschau—Rußland zu errichten. Weiterbereitet sie eine zweite internationale Linie über Böhmen, und zwar Ostende—Magdeburg- ^a-DardMtz—Preßburg—Balkan vor,