Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 202 (11.8.1919)
- Date
- 1919-08-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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V. AK. 202 Wien, Montag England für DeutschsüdLirol. Innsbruck, 10. August. Der „Allgemeine Tiroler Anzeiger" veröffentlicht eine» mit „England »nd Tirol" betitelten Leitartikel a»S der Feder deS Professors Heinrich Lammasch, welcher die bekannte Auflage de- Lord Bryee am 15. Juli im englischen Oberhause betreffend die Verschiebung der italienischen Grenze bis auf den Brenner und die damit verbundene Überlieferung von 200.000 deutschsprechenden * Tirolern an daS Königreich Italien und die Antwort des englischen Unterstaatssekretärs Lord Newton sfiwie die sich.daran anschließende Debatte zwischen Lord Brhce und Lord N e w t o n im Wortlaut wiedergibt. Lord BrHce, einer'der hervorragendsten Nechtsgelehrten und Historiker des britischen Reiches und Verfasser des anerkannt besten Werkes über die Verfassung der Vereinigten Staaten, dessen Stimme zufolge seiner zehnjährigen Tätigkeit als Botschafter in Washington nicht bloß in England, sondern auch in Amerika größten Einfluß hat, tritt in seinen Ausführungen mit außerordentlicher Wärme für das freie Selbstbestimmungsrecht der Deutschen Südtirols ein und erklärt u. a.: Wir verlangen nicht zu wissen, was daS Volk des Trentino denkt, sondern was das Volk denkt, welches, annektiert .werden soll. Und wenn das. Plebiszit irgend einen Wert hsöcs soll, so muß es in dem' Gebiete vorgenommen werden, das davon betroffen wird. Lord Brhce bezeichnet eine Annexion von mehr als 200.000 deutschen Bergbewohnern, die deutsch sind in ihrer Sprache und ihren Traditionen, als eine so schwere Verletzung des vou den Attii erten proklami erten Nation alitätenjrriuzip 8, wie sie nur denkbar ist. Es handelte sich darum, dieD Volk an eine andere Macht zu übertragen, <sls wären sie. Schafe, obwohl jedermann vollständig weiß, daß sie dort bleiben wollen, wo sie sind und nicht unter die Herrschaft einer anderen Macht gestellt werden wollen. Lord Bryee erinnert sodann, an das Jahr 1806, wo Bo na Parte von der besiegten österreichischen Regierung die Abtretung eines go';en Teiles von Tirol'verlangte, und an den Widerstand der' Tiroler und Andreas Hofers, welcher die herzlichste Unterstützung desenglischen Volkes fand. Der heutige Widerstand der Tiroler werde wahrscheinlich zuerst in friedlicher Form geleistet werden, würde sich aber, wenn der Friedensvertrag sanktioniert würde, an den Völkerbund wenden, damit die ihnen angetane Ungerechtigkeit behoben würde, und würde dies mißlingen, so könnte niemand sagen, was . sich dann ereignen wird. Den Völkerbund aber durch einen Vertrag zu begründen, welcher. zur selben Zeit eine Annexion sanktioniert, welche das Prinzip der Anerkennung der Nationalitätenrechte und des Rechtes der Selbstbestimmung verletzt, die moralische Grundlage, auf der er beruht, zerstört, würde ein höch st unglückl i ch er Anfang für das Projekt sein, von dem zum größten Teil der künftige Friedeunddie Wohlfahrt Europas erwartet wird. In Beantwortung dieserOAnfrage führte Newton unter anderem aus: Die Annexion werde ungefähr 200.000 Angehörige des deutschen Stammes ins italienische Gebiet einschließen. Die alliierten Friedensdelegierten erwogen, daß es im Interesse des Volkes selbst und zum Zwecke der Sicherheit und Dauerhaftigkeit des Friedens eine unweise Handlung wäre, willkürlich die geographische und ökonomische Einheit der Distrikte des Trentino und von Südtirol zu zerreißen. Wenn dieses Gebiet im ganzen . genommen werde, so' schätze man, daß die italienische Majorität zur. deutschen Minorität im Verhältnis von zwei zu eins stehen werde. Hierauf entspann sich eine höchst interessante Debatte Über die Frage, ob das Plebiszit sich auf die italienische Bevölkerung des Trentino ebenso wie auf die deutsche Bevölkerung von Zentraltirol beziehen solle. Lord B r y e e hat sich nicht mit dieser Rede begnügt, sondern eine Agitation in der Presse und in Versammlungen zugunstenDeütsch-Südtirols eingeleitet, an der sich auch andere hervorragende Persönlichkeiten Englands beteiligten. Der Prozeß gegen Wilhelm. Paris, 10. August. Die Agence HavaS meldet aus London:. Laut „Evening News" soll der Prozeß gegen' den früheren Kaiser Wilhelm in Hamptoneourt bei London stattfinden. Der frühere deutsche Kaiser hätte im Hamptoncourtpalast Aufenthalt zu nehme». Die Amerikaner verhandeln wegen Ankaufs von Skoda. Lo«do«, 10. August. (Tell-Komp.) „Daily Expreß" erfährt aus Paris, daß die amerikanischen Stahlunternehmungen, * die die Böhlerwerke in Wien und Düsseldorf angekauft haben, jetzt Über den Kauf der S k o d a w e r k e ru Unterhandlungen getreten sind.. Die Verhandlungen finden in Bern statt, wo Herr Skoda bereits eiugetroffen ist. Wenn der Plan gelingt, schreibt das Blatt, haben die A m e r i k a n e r daSpraktische Monopol der Stahlerzeugung auf dem Festlänhe erworben. AlS einziger Konkurrent würde die Firma Creuzot übrigbleiben. Balfonr tritt zurück. Berlin» 11. August. (Korr.-Bur.) Das »Berliner Tageblatt" meldet aus London: Es bestätigt sich, das Minister des Aeußern, Balkour, in allernächster Zeit zurücktretm «yd Lord Courzon sein Nachfolger sein wird. Wiener MorgenMr,rm j ». 4 li. Htunitft 1919 Seite 3 Die Luzernen internationale SÄzialisteNksnserenZ. Gegjen die Diktatur dev Minderheit. Zürich, w. August. (Meldung der.Schweizerischen Depeschenagentur.) Die Sozialistenkonferenz setzte gestern die Aussprache Über die allgemeine politische Lage fort. „ , Matusch enko (Ukraine) erklärte, die Ukrainer seien grundsätzlich stets für eine. Föderation mit Rußland gewesen; aber unter den heutigen Verhältnissen, wo entweder die Bolschewiken oder die Reaktionären herrschen, sei für die Ukraine nichts anderes übrig geblieben, als sich vollständig unabhängig zu erklären. A x e. l r o d (Rußland,1 Menschewik) polemisierte in scharfer Weise gegen die bolschewistische Herrschaft in Rußland, wo nicht eine Diktatur des Proletariats, sondern eine Gewaltherrschaft über die Proletarier herrsche. Die Internationale müsse von den Bolschewiken wenigstens das fordern, was sie immer von der Bourgeoisie verlange, nämlich die Wiederherstellung der individuellen Freiheiten. Dr. Friedrich Adler (Oesterreich) betonte, daß die Oesterreicher an. den bolschewistischen Methoden gleichfalls Kritik üben und daS, was in Rußland und Ungarn gemacht worden sei, beklagen, es wäre aber falsch, ein definitives Urteil über den Bolschewismus zu fällen. Die neue Internationale könne nur entstehen durch eine Synthese der zweiten und der drittes.Internationale. . In der Nachmittagssitzung antwortete der Berichterstatter der Kommission Renaudel auf die verschiedenen Bemerkungen, die zu den Kommiffionsanträgen über die allgemeine politische Lage gemacht wurden. Er betonte, daß es Aufgabe der Internationale sei, die Arbeit zu organisieren und den Sozialismus zu verwirklichen, aber nicht durch eine Diktatur der Minderheit, sonder» durch die Demokratie der Mehrheit. % Bei der Abstimmung sprachen sich die ftanzösische Mehrheit, die deutschen Unabhängigen, die Vertretungen von Palästina, Litauen und Deutschösterreich sowie ein Teil der Vertretungen von England, Rußland und Holland für den Text der französischen Mehrheit aus, während die Majorität der Konferenz dem Texte der Kommission zustimmte. Die Konferenz nahm sodann eine Reihe von Reso- lutionen an, darunter eine gegen eine Sntemiition in.. Rußland und gegen die Aufrechterhaltung der Blockade gegenüber Rußland. Eine andere Resolution protestiert dagegen, daß noch ungefähr 1*/, Millionen Menschen in Kriegsgefangenschaft zurückbehalten und einer eigentlichen Versklavung unterworfen werden. Eine weiter«: Resolution verlangt von den Alliierten Maßnahmen . gegen die Metzeleien in Armenien. Eine andere Resolution fordert die Zurückziehung 'der deutschen Truppen aus Lettland und Litauen und die Anerkennung der lettischen Republik als selbständigen'Staat. In einer Resolution wird gegen das Verhalten der Rumänen in Bessakabien protestiert. Die Konferenz, nahm ferner eine Resolution an, in welcher die Forderung K o r e a s unterstützt wird, als unabhängiger Staat anerkannt zu werden, weiters eine Resolution, die für Indien die Redefreiheit und die Erlaubnis der AbhalMng von öffentlichen Versammlungen verlangt. jjjk In bezug auf die Balkrmfrage befürwoU/die.. Konferenz dm Zusammenschluß dieser Völler im eine - Föderation -unter Beibehaltung ihrer Selbständigkeit. Westers protestiert die Konferenz gegen htt Politik in ' Kleinafien und gegen die Besetzung Smyrnas durch griechische ' Truppen. * Generalsekretär HuysmanS erklärte hieraus, daß die Konferenz hiemit ihre Arbeiten abgeschlossen hat. * Präsident Henderson dankte H u y s m c/n s . für seine gewaltige organisatorische Arbeit und stellte fest, daß trotz Meinungsverschiedenheiten in, der Konferenz ein ausgezeichneter Geist geherrscht habe. Der künftige Genfel Kongreß soll zu einer würdigen Kundgebung für dev Sozialismus und voH allem für bie altctt dem o k rttz tischen Grundsätze der sozialistischen Bewegung werden. Axelrod dankte Henderson dafür, daß er während des ganzen Krieges stets die Fahne der Inter nationale hochgehalien habe. Die Konferenz wurde hierauf geschlossen. gCSKBCffiE» Tagesbericht. Die Ferienreise der jüdischen Kinder «ach Holland. Fünfhundert Mische Kinder fuhren im ^ondeyzug zur Erholung nach Holland, mtt ihnen 40 Begleitpersonen. Die zweitägige Fahrt wird mtt Singe«/ Spiele», Erzählen ufw. ausgefüllt. Alle sind in der besten Stimmung. In Passau steigt Herr Natzler aus Regensburg ein. Von ihm erfahret wir, daß uns in Regensburg ein schöner Empfang erwartet. Die tollen Jungen können die Station kaum erwarten. Die große blau-weiße Fahne (ein Neschen? der Frau ipättak) wird am Fenster befestigt. In die Station einfahrend, fingen wir die Hatikwah. Herren und Frauen, Jünglinge und Mädchen, alles mtt jüdischnationalen Abzeichen > geschmückt, kommen auf uns zu. Der graue Rabb. Dr, Mayer begrüßt unS in herzlicher Form. Suppe, Würste, Brot und Tee werden in den Zug getragen. Die Lokomotive pfeift. Ein hundertfaches „Schalem" und wir fahren weiter nach Nürnberg, wo wir abends anlangen. Auch hier dasselbe BiÜ». Gin freundliche Begrüßung, ei» reichliches Mahl. Obst, Tee„ Backwerk im Ueberfluß. Die Dunkelheit bricht heran. Decken werden hekbekgetragen und bald schlafen unsere Kinder auf den Bänken und auf dem Boden. In 'Jebem Abteil sitzt eine „Nachtwache". Um 7. Uhr früh ist Tagwache. Waschen, Frisieren, Bürsten usw., Hann Frühstück. Die Fahtt bietet allerlei Abwechsiungen. Am *£T1 Uhr erreicht bfe ttngebutb ihren Höhepunkt. Wir 'Nähern ufis der holländischen Grenze. Enggepreßt stehen die Kinder bet den Fenstern. Ein hellbeleuchteter Perron: Elting. Die Begleiter verlassen de» Zug und im Nu sind wir von holländischen Gesinnungsgenossen umringt. Das Händeschütteln, Beglückwünsche«, „Schales und ,Hedad" nehmen minutenlang kein Ende. Ungeheure Mengen von Semmeln und Fleischstücken werden in den Zug getragen. Große Teekessel werde» herbeigeschafft. DaS Holländische Komitee steigt in den Zug und wir fahren landeinwärts mdj, Z^enaar. GS wird Tag unb bie Sonne strahlt hell »nd warm. Fünfhundert Liter Milch werbe» herbeigetragen, Semmeln mtt holländischem Käse. Nach dem Frühstück beginnt die Aufteilung der Kinder nach Städten. Um 18 Uhr sind wir fertig. Die Kinder find wieder einwaggoniert, efitsprechend dem Bestimmungsort, das holländische Komitee übernimmt unsere Plätze, der Zug fetzt sich 1« Bewegung »nd die Kinder sind verschwunden. Aron Schwertfinger. ■■■. — ■„ . .. i—i ..-n—..M.■■■■,.,i ■■■■ ■ ■■■■■, . Eingesendet. Tdittkkur«. Thalhrimer Schloßbr « nnist rin vorzüglicher alkalisch-erdiger Säuerling, welcher durch seine bedeutende Radioaktivität, reichliche freie Kohlensäure, chemische Bestandteile (Karbonate) einen starken Einfluß auf die Magensäfte — besonders vermehrte Magensäurz — und den Stoffwechsel im Körper hat. nebenbei auch, die Menge des. Harnes vermehrend, diuretisch wirkt undmit Erfolg Phosphaturie beseitigt. Demnach kann das Waffer als vorzügliches diätetisches Mineralwasser ßnr Trinkkur bei Magen- und Darmleiden, Stoffwechselstörungen, Gicht und gichüscher Diathese, Niernleiden und auch Blutarmut mit bester Hoffnung auf Erfolg anempfohleu werden. Med. Univ. Dr. C. Bad Bechm.l ThalheimerSchloß- : b ir a n ii ist alle» Molen der Lirma Meinl erhäÄim. Fälschurrg mtt LebensrkrLtelscheLneR. „Die Fuchsplatte" an der Arbeit. Seit einigen Monaten wurde in den westlichen. Bezirken ein ausgedehnter Schwindel mit fälsche» Lebens- ' mittelscheinen, namentlich mit Brotscheinen, betrieben. Der - Schwindel schädigt die Interessen der Verbraucher in hohem Grade, weil.die mißbräuchlich ausgegebenen Scheine " naturgemäß die Kopfquote beeinträchtigen,. Die Gauner behoben mit den falschen Scheinen Brot und dieses wurde venauft, natürlich um weit höheren Preis. Namentlich vor der Stehweinhalle Wimberger auf dem Neubaugürtel, wo ja immer eine förmliche Börse für den Schleichhandel ist, blühte auch der Brothandel und der Preis eines Laibes' stellte sich je nach dem Verkäufer auf K. ß bis K. 12. Wochenlang bemühte sich das Polizeikommifsariat Schmelz, diesem Uebelstanö zu stettern. Zahlreiche Verhaftungen derartiger Brothändler wurden vorgenommen, aber damit war der Kern der Sache nicht getroffen, da man die Fälscher der Brotkarten festnehmen mußte, uni * das Nebel im Keime zu bekämpfen. Es stellte sich heraus, daß ungefähr 90 Prozent der Angehaltenen im Bezirke Ottakring wohnten. Polizeikommissär Dr. Ernst Maurer,'» der der Sache mit Eifer nachging, ermittelte," daß ein großer Teil dieses Brotes bei der 'Gemischtwäteuver- ' schleißerin Margarete Proschinger, - 30 1Jahre alt,- Ottakring, Speckbachergaffe Nr.. 53 wohnhaft, zur Ausgäbe gelangt ist. , In diesem Geschäfte wurde nun eine Durchsuchung vorgenommen und Dr. Maurer unterzog sich der mühevollen Aufgabe, sämtliche Kundenlisten durchzusehen, uni auf den Urheber des Schwindels zu kommen. Unter Mitwirkung des magistratischen Bezirksamtes für den 14. Bezirk wurde festgestellt, däß Margarete Proschinger in bet Woche 381 Laib Brot zu Unrecht ausgegeben hat. Die . Bezieher dieser Brotlaibe waren entweder überhaupt nich! gemeldet oder ihre Meldung war fingiert. Dann wurde festgestellt, daß die Brotkarten, die echt waren, entweder von einem Einbruch im Lokale einer Brotkommission . stammen oder sonstwie in den Besitz der Fälscher gelangt sind. Sie wurden von den TÄern mit falschem Stempelaufdruck versehen. Die weiteren Nachforschungen ergaben, daß an dem Schwindel eine Gesellschaft beteiligt war, die deü Namen „Fach 8p l att e^ fühE Ihr Namenspatrov ist der 25jährige Hilfsarbeiter Johann Fuchs, Stephanieplatz 2 wohnhaft gewesen, der am 8. v. M. . nachts im Cas6 Ritsch, Ottakringerstraße 119, den als Gast anwesenden Pflasterergehilfen Karl W e rn w u nit durch einen Schuß getötet und den Kutscher Thomas Indra durch einen zweiten Schuß schwer verletzt hat und dann geflüchtet ist. Als Mitglieder dieser „Fuchsplatte* wurden in ■* den letzten Tagen vom Polizeikommissariate durch Polizeiagenten verhaftet: der 24jährige Kutscher Otto Prinz, der noch eine wegen Einbruchsdiebstahles über ihn verhängte fünfjährige schwere Kerkerstrafe zu verbüßen hat^ der 18jährige. Hilfsarbeiter Viktor Nebel, die 24jährige Anna Fuchs, ihre Schwester, die 25jährige Hilfst arbetterm Rosina L ack mM. die Mutter der Awa Fuch^