Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 201 (10.8.1919)
- Date
- 1919-08-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. v---— Wien, Sonntag Inland. Begrüßungsansprache Dr. Wermers im SLaatsamt für Weicheres. Stantskanzlcr Dr. Renner empfing gestern in seiner Eigenschaft al-S Leiter des StaatZamtes für Aeußeres die Mitglieder dieses Amtes und in Erwiderung der Degrüstungsanfprache des provisorischen Leiters, Gesandten Jtten, eine Rede, worin er unter anderem aussührte: Wir stehen vor den letzten Entscheidungen, und noch wissen wir nicht, wie der Friede sein wird. Im letzten Stadium der Verhandlungen, gefaßt auf das Schlimmste, trotzdem in Erwartung noch erträglicher Auswege, ° in der Hoffnung, unsere Lage später moralisch und rechtlich wieberherzustellen vor dem größeren und gerechteren Forum des Völkerbundes, arbeitet die Delegation zu Saint-Germain mit zäher Anspannung aller Kräfte weiter, an der Verteidigung unserer Lage. Noch haben wir, obwohl man von unabänderlichen Begebenheiten spricht, uns nicht dazu bekennen können, zu glauben, daß Deutsch-Südtirol verloren ist, noch hoffen wir, daß eine gerechte Abgrenzung zwischen uns und unseren südlichen Nachbarn eintreten wird, noch ringen wir unverzagt weiter um solche ökonomische und finanzielle Bedingungen, daß Deutschösterreich leben kann. Allerdings arbeiten wir dabei mit dem niederdrückenden Gefühl, daß die Mächte über uns nicht entscheiden wie ein Richter, der alle Teile hört Und alle Gründe abwägt, sondern wie das Fatum, unnahbar und unerforschlich. Der Kanzler besprach sodann die allgemeinen Aufgaben des' Außenamtes, das einer völligen geistigen Erneuerung und in gewissem .Sinne einer der früheren entgegengesetzten Orientierung bedarf. Die Politik des Landes nach Außen kann nur eine einzige sein, sie wird nicht selbstherrlich bestimmt, sie vollzieht nur das, was das Volk durch die Nationalversammlung vorschreibt. Der Staatskanzler zollte sodann der Arbeiterschaft und ihrer Haltung in den schwersten Krisen volles Lob und erklärte, was das Bürgertum betrifft, so habe es trotz mannigfacher Verwirrungen im einzelnen, den Wandel mit sichtbarer Fassung ertragen und. ohne übermäßige Empfindlichkeit an der politischen Neugestaltung im Parlament redlich mitgearbeitet. Empfang der Pressevertreter beim Staats- Kanzler. Auf Einladung des Staatskanzlers Dr. Renner fanden sich gestern im Empfangssaale der Staalskanzlei die Vertreter der Wiener und der auswärtigen Presse em, vor denen Staatskanzlrr Dr. Renner in großen Zügen die B e d e u t u n g d e r w i r tfchaftlichen undpolitisch en Bedingungen des Friedensverlrages entwickelte und ein Bild von der mühseligen und verantwortungsschweren Arbeit entwarf, die die deutschösterceichische Friedensdelegation in Saint-Germain seit drei Monaten unter den denkbar schwierigsten Verhältnifseu Tag für Tag vollbringt. Ludo Hartmann demissioniert. Wien, 9. August. Amtlich wird gemeldet: Der Leutschösterreichische Gesandte in Berlin Dr. L. M. Hart mann hat heute, nachdem er schon Kürzlich dem StaatsKanzler sein Amt zur Verfügung gestellt hatte, nach einer Unterredung mit Dr. Renner mündlich seine Demission gegeben. Der Staatskanzler hat diese Demission zurKenntnis genommen und Dr. Hartmann gebeten, einstwellen die Geschäfte in Berlin fortzuführen bis der Staatskanzler im Einvernehmen mit dem Hauptausschuß die Frage der Neubesetzung unserer auswärtigen Vertretungen beraten und entschieden haben wird. (Hartmanns Demmisfion ist nur die natürliche Konsequenz des Debacles der „Anschluß Polllik, zu deren eifrigsten Vertretem Hartmann neben Otto Bauer gehörte.) Wiener Morgenztitung 10. August 1910 Nr. 20t Die zionistischen Führer vor der Mandatskommission. Warschau, 9. August. (Tel. der „Wr. Worgenztg/) Wie dem „Jüdischer» Volk" aus Paris telegraphiert wird, soll die Mandatskommission der Friedenskonferenz in den a l l e r n S ch st e n § a g e « über die Frage bezüglich des Mandates über Palästina beraten. Zu diesem Zwecke kehrt Professor Weizmann ans der Schweiz, Louis Brandeis ans Palästina «ach Paris zurück. Auch Professor Frankfurter kommt nach Paris. ....... n ■ n ummurmuummmmmmmi, r i ...... —.in Parlamentarisches. Die Parteiklubs schien beute die Debatte über die aktuellen Pagesfragen fort. Im Vordergründe dek Dlskussion stand abermals d,e Frage deS Asylrechtes für Bela K u n und Genossen. Staatskanzler Dr. R e n n e r be§llt sich Montag wieder nach Saint-Germain zurück, da er den Bescheid der Entente auf unsere Antwortnote bereits für Mittwoch erwartet. Rach der Überreichung der endgültigen Frrcdensbchlmmunaen wird der Staatskanzler mit den ihm zugeteilten Beiräten sogleich nach Wien zürückkehren, um dem Hauptausschuß, der voraussichtlich am nächsten Samstag wredcr zusammentreten wird, zu berichten. Wahrscheinlich wird dann ble geplante Sitzung der Nationalversammlung, die zu der Annahme der Friedensbedlngungen Stellung nehmen soll, am darauffolgenden Montag stattsinden. Die Unterstaltsbeiträge für die Angehörigen der Kriegsgefangenen. Im amtlichen Teil der »Wiener Zeitung" wird eine Kundmachung des St-at§cmitA der Finanzen veilantbart, in der es unter anderm heißt: Mtt Wirksamkeit vom 1. Julr d. I. wird zu den Unterhaltsbeittagm em .fünfzig« prozentigec Zuschuß für dre A n g e h ö ritz e n krregsgefangener d e u t s ch ö st e r r e i.«blscher Staatsb ü r g e r auf drei Monate gewährt, insofern, und msolange als der Anspruch auf den Untcrhaltsbettrag nach den geltenden gesetzlichen Bestruim ungen besteht. Das bisherige Hochstausmaß des Unterhaltsbertrages wird für Angehörige von Kriegsgefangenen auf K 18,-- erhöht. Die Auszahlung des Zuschußes und der vorerwähnten Erhöhung des. Unterhallsbeitrages erfolgt nur nach Erbringung des Nachweises. daß sich der Hcrangezogene am 1- Juli d. I. noch in Kriegsgefangenschaft befunden hat. Dre Ämvruchswerber haben diesen Nachweis bei der Zahlstelle, bei welcher sie ihren Unterbaltsbeitrag ausgezahlt erhalten, durch Korrespondenzen des Kriegsgefangenen, Schreiben des Roten Kreuzes, gemelndeamtliche Bestätigung od-r in sonstiger glaubwürdig Werse unter Vorweisung des Zahlungsbogens zu erbringen. Legttimat?onsz«ang im politischen Bezirk Bruck a. d. Leitha. Die Bezirkshauptmannschast m Bruck a^d.Leitha hat eine sorgfältige Ueberwachunug des Reiseverkehrs angeordnet und die Organe des Grenzschutzdienstes angewiesen, die im politischen Bezirk Bruck a. d. Leitha verkehrenden Reisenden zur Ausweisleiüung zu verhalten. Den in den politischen Bezirk reisenden Personen wird daher angeraten, sich, wenn sie nicht einen Reisepaß besitzen, mit anderen dir Identität zweifelfrei nachweisenden Dokumenten oder mit einem behördlich beglaubigten Lichtbllde zu versehest. / ff p / » isailmVret»,aaen. Reparatur«» unter ^rantie^ „Farbbänder für WUfvvtWllflf Ujllivll atte Systeme, erstklassiges Material. Leop. Kurzer, Wien, ÜB., Weßdahnstraße 23. Telephon 31537. HUTREMm-ABSTALT Herrenn. Damenhüte werden nach neuest. ■...--a*«™ M0de prompt und billigst wod-nnErt -^ XVIU., Wäh ringer Gürtel 21 und VIII., Msrlahilferstrasae 86 Institut für Inhalationstherapie und Physikalische Heilmethoden Dr. Osterinann, IX, Spltalgasse 1a, Tel. 21563. Ord. 9—12, 3—6. Sämtliche modernen Heilbehelfe für Erkrankungen der Almungsorgane; Rheumatismen, Gicht, Ischias, Drüsenschwellungen, Bartflechten rc. Telegramme. Deutschösterreichische Arbeiter nach Frankreich» Baldiger Abschluß der Verhandlungen. Saint-Germain, 9. August. (Korr.-Bur.) Obwohl als nächster Verhandlungstag für die Besprechung der Entsendung deutschösterreichischer Arbeiter nach Frankreich der 12. August bestimmt war, erschien bereits heute Arb ellsminister Loucheur mll zwei, seiner Mitarbeiter in Saint-Germain, um die Beratungen mit den deutschösterreichischen Vertretern s o r t z u s e tz e n. Es wurde in wichtigen Fragen eine Annäherung erzielt, so daß mit einem b a ldigen Abschluß der Verhandlungen gerechnet werden darf. Die deutschösterreichischen Vertreter dürften nach Abhaltung einer neuen Sitzung, die Dienstag stattfinden soll, das zerstörte Gebiet Nordsrankreichs besichtigen. Der Völkerbund tritt im Herbst zusammen. Amsterdam» 9. August. (Korr.-Bur.) Laut dem „Algemeen Handelsblad* wird aus Paris gemeldet, daß man dort erwarte, die Genehmigung des Friedens- Vertrages durch Kammer und Senat werde noch vor dem 19. September, wahrfchcinlkch zur selben Zeit wie ln Amerika, erfolgen-Die Alliierten berieten überden Zeltpunkldes Zusammentrittes des Völkerbundes m Washington. Wie es Hecht, soll der Völkerbund im Herbst zusammeutretett. Amerikas Mandat in der Türkei. Mailand, 9. August. (Korr.-Bur.'» Rach der e r fever a n za" glaubt man in politischen Kreisen, daß der amerikanische Friedens!) elegierte P o l k bestimmte Weisung erhalten hat, im Rate der Alliierten den Willen der Vereinigten Staaten auf Erlangung eines Mandates in der Türket durchzusetzen. Amerika habe die Absicht, Thrazien bei der Türket zu belassen. Das Gouvernement Srrrvalki fällt an Polen. Die polnische Gesandtschaft teilt mll: Aus Paris wird gemeldet: Der Oberste Rat der Alliierten hat dem Proteste der polnischen Friedensdelegation gegen die gegenwärtige Demarkationslinie im Gouvernement S u w a l k i stattgegeben und ste zugunsten der Polen verschoben so daß jetzt das ganze Gouvernement Suwalki mit einem Teile des Bezirkes Sejnen den Polen z u s ä l l t. Auch im W i l n a e r Gouvernement wurde die Demarkationslinie zugunsten der Polen abgeändert. Den Deutschen wurde gleichzeitig der Befehl zur. Räumung des Gouvernements Suwalki gegeben. Clemeneeau hat sich für Rumänien eingesetzt. Berlin, 9. August. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der „Lokalanzciger" schreibt, daß die Note der Entente an Rumänien wegen des eigenmächtigen Vorgehens noch viel schärfer ausgefallen wäre, wenn nicht im letzten Moment Clemenceau noch ein gutes Wort für Rumänien ringelegt hätte. sches aus den Lebensweg mitgegeben haben. Und insofern wir rein arische Namen uns aneignen', bringen wir einen Namenstypus nach dem andern durch unseren Gebrauch-Mißbrauch in Vertuf und Schimpf, so dcG ihn, weil jüdisch, die nächste Generation von Jud und und Christ wie die Pest meidet (zum Beispiel Moritz, Siegmund, Rosa, Jeanette). Und wirklich zeigt sich in einem Auszuge, den Dr. Teilhaber aus der Berliner Matrikel dreier Generationen gemacht hat, wie dort bei Beginn der Assimilationsepoche anfangs des 19. Jahrhunderts die Israeliten ihren Kindern alltzernein eine gewisse Kategorie von deutschen Namen beigelegt haben, dann, als diese Namen, weil verludet, von den Christen gemieden waren, sie auch von den Israeliten der nächsten Kindergeneration nicht mehr gegeben wurden, sondern andere nichtjüdische Namen, die wieder bei der nächsten Generation als jüdischabgeraucht zugunsten neu herüberg-enommener arischer Namen weggewvrfen wordeir sind. Sie durchliefen etwa die Linie: Ignatz, James, Heinz oder: Rosa, Sabine, Sieglinde. Modifizieren wir andererseits die Namen nach der bislang bei uns gebräuchlichen Art, so kommen greuliche N^ßgeburten-Dissonanzen heraus (Samt, Pinciv, Lintschi u. dergl.), die nur durch die Abgestumpftheit unseres mit „wichtigen Dingen", wichtigen Widerlichkeiten gebeiten Trommelfells, dasselbe Nicht buchstäblich ritzen-und wie all dem gegen-!über eine Unzahl hebräischer Namen von wundervollem Schönklang auf die Erlösung durch uns warten, Namen, aus denen das Blut der Ahnen zu uns spricht, Namen, die ihrem Charakter und iher Etymologie nach für ans auch objektiv angemessener sind, als die requirierten, die aus einer uns fremden, für uns mit Verachtung und Haß erfüllten Sphäre stammen und Sedimente einer vor: der unseren grundverschiedene.» distoxischen Schichte sind/* Von Karl Kraus wird in den angeführten Aufsätzen folgendes zitiert: „Die Juden haben geglaubt, einen starken Beweis ihrer Assimilationsfähigkeit zu liefet», indem sie in einer übertriebenen, Art von christlichen Gelegenheiten Besitz ergriffen haben. Dadurch sind die jüdischen Gelegenheiten beträchtlich vermehrt worden. Nein, sie find nicht mehr unter sich; die anderen find es; und es wird lange Zeit brauchen, bis die Antinomie beseitigt ist, daß Samuel nicht so deutlich klingt wie Siegfried. Denn die Welten sind sticht eins, wenn die eine das Kleid der anderen trägt und diese es darum ab legt. Der jüdische Nationalismus aber sei wie jeder Rückschritt willLommen, der aus einer pseudonymen Kultur dorthin zurückführt, wo ihr Inhalt wieder wert ist, ein Problem zu sein" Bon Karl Kraus stammt auch folgende Glosse: „ .. . der Richter sprach aber die Angeklagten frei, denn er wisse, daß polnische Juden, denen ihr Vorname nicht gefällt, ihn mit einem besser klingenden vertauschen, ohne daß sie dabei die Absicht verfolgen, die Behörde in Irrtum zu führen. Es sei bekannt, daß sich viele polnische Juden, die sich Moses nennen sollten, als Moritz eintragen." , „Da sind sie so noch bescheiden. Jene, denen damr der Moritz nicht gefällt, nennen sich Maurice. Urw wer den Hersch nicht ehrt, will des Horace wert sein und heißt dann, weil Frankreich der Feind ist, eines Tages Horaz. Es sollten Höchstnamen eingeführt werden. Bis zum Moritz gehe ich noch mit, aber dann versagt das Verständnis." Zum Schlüsse fei gegenüber, Antrag ber christlichsozialen Abgeordneten Dr. Gimpel und Doktor Mayer, der dahin lautet: „Die Aenderung von Vornamen soll nur zulässig sein, wenn mau die Religion wechselt", auf die Anreauna bingewiesen, die Patentanwalt Georg Neumann im August-Septemberheft 1916 von „Ost und West" gegeben hat. Er verlangt, das; zur Bekämpfung des Tausunwesens auch die Hilfe der Gerichte angerusen werde, und zwar in jenen Fällen, wo der Täufling neben der angestammten Religion auch den Vaternamen wechselt. Keine Behörde ist nämlich dazu befugt, jemandem infolge der Taufe eine Namensänderung zu gestatten. Auch wird durch den Namenswechsel der Verkehr zwischen den Menschen mit Unwahrheit durchsetzt, insofern, als der getaufte Träger des neuen Namens für einen echten Christen gehalten wird. Schließlich wird die Bewilligung der Namensänderung an getaufte Juden als eine öffentliche Schmähung des Judentums empfunden, zumal bisher ein veränderter Familienname nur den unschuldigen Angehörigen von Verbrechern zugestanden wurde. In der behördlich bewilligten Ablegung alttestamentarischer Namen äußere sich also eine behördliche Kundgebung des -Inhalts, daß die Zugehörigkeit zum Judentum als ein ebenso unerträglicher Zustand empfunden werden dürfe, wie das Tragen eines bekannten Verbrechernamens. Er schlägt daher vor, eine Vereinigung zu gründen, deren Zweck es sein soll: „Die Träger alttestamentarischer Namen davon zu überzeugen, daß jede Unbill, die man ihnen wegen ihres Namens antut, von uns allen schmerzlich empsunden wird; die alttestamentarischen und deshalb geschichtlich bedeutsamen Namen zu befreien von dem Anwurf, womit der Antisemitismus ihren Glanz zu erstickeil sucht; die Behörde davon «bzubringen, daß sie die alttestamentarischen Namen als solche behandelt, deren man sich zu schämen hat und die mau daher ablegen muß." * * >