Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 201 (10.8.1919)
- Date
- 1919-08-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Sonntag Wiener Morgenzettnng Die syrische Frage vor der Entscheidung Die Frage des syrischen Mandates, welche längere Zeit von der Tagesordnung der Friedenskonferenz abgesetzt war, scheint in der Zwischenzeit einer Entscheidung von welthistorischer Bedeutung entgegeugereift zu sein. Wie die „Times" aus Daris meldet, kehrt die amerikanische Sektion der Untersuchungskommission, welche nach dem Beschlüsse der Friedenskonferenz die für die Mandatszuteilung maßgebenden Verhältnisse in Kleinasien studieren TbTCte, in den nächsten Tagen nach Paris zurück, um über das Ergebnis ihrer Arbeit in Syrien und Palästina zu berichten. Auf diese amerikanische Sektion ist bekanntlich die ganze interalliierte Kommission zusammengeschrurnpft, die Engländer und Franzosen sind nicht eingetroffen. Ob dieser Passivität vielleicht eiw geheimes oder stillschweigendes Kompromiß anf schiedsrichterliche Entscheidung dxr eigennützigen Absichten nicht verdächtigen Amerikaner zugrunde lag, ob sie durch andere Umständeverursacht wurde, der' politische Effekt ist der gleiche. Nachdem nun einmal die Amerikaner allein diele Enquete veranstaltet haben, werden deren Ergebnisse unausbleiblich einen wichtigen Faktor für die weitere Entwicklung und Entscheidung bilden. Und über diese Ergebnisse kann nach den im ganzen übereinstimmenden Meldungen aus Jerusalem, Damaskus, Kairo und Beirut kaum ein Zweifel sein: Nicht nur der Pariser Korrespondent der „Times" berichtete, die Kommission habe festgesteM, daß im allgemeinen von der Bevölkerung ein amerikanisches Mandat vorgezogen, in Ermanglung eines solchen aber auch ein engl i J ches Mandat freudig begrüßt werde; auch das „Journal des Dßbats" bemerkt allerdings im Tone gereizter Ironie — die Kommission scheine ,mach der Arbeit eines einzigen Monats bereits entdeckt zu Haben, daß Palästina nicht von Syrien getrennt werben darf und daß beide unter ein amerikanisches, evenknelX ein britisches Mandat gestellt zu werden verlassen." . Auch andere französische Blätter bringen diese Nachricht, wobei es nicht an Klagen über die angeblich vorausgegangene franzosenfeindliche Propaganda fehlt, welche teils direkt durch englische Agenten, teils durch den von englischem Geld und englischen Ratgebern abhängigen jE.mir Faisal erfolgt sei. In Damaskus, wird nach eurem Bericht der „Sa Reform«" aus Alexandrien behauptet, soy die christliche Bevölkerung vo« Gendarmen mit vvrgehaltenem Revolver gezwungen worden sein, gegen Frankreich zu stimmen und in einem langen, durch die großen französischen Blätter verbreiteten Arttkel des ,Iulletin de l'Asie francaise" wird ausgeführt, das durch die englische Regierung begünstigte «nb finanziell unterhaltene Regime des Emir Faisal funktioniere durch systematische Propagierung franzosenfeindlicher Sttmnmng wie eine Maschine, die dazu dient, die Erteilung des Mandates unmöglich z« machen. Diese Beschuldigungen, bereu Wahrheit' von englischer Seite natürlich bestritten wird, dokumentieren jedenfalls — was politisch zunächst von Belang ist — wie die nach außen zum Ausdruck kommende Stimmung der Bevölkerung ist. WaS speziell Palästina betrifft, wo sich, wie auch ,La Rßforme" hervorhebt, die Meinungsäußerung ohne jeden Druck in voller Freiheit vollzog, so stimmen alle Berichte darin überein, baß Hier für ein anderes, als ei« amerikanisches oder englisches Mandat keinerlei Stimmung Vorhände» ist. Auf die Frage ,Mas denkt ihr vom Mandat einer anderen Macht (als Amerika oder Großbritannien) Y* haben die von der amerikanischen Mission zusammenberufenen Notabel» von Jerusalem, wie der in Damaskus erscheinende „L^Jntranstberichtet, einmütig erwidert: ,Wir erheben ausdrücklich Widerspruch dagegen."! Besonders interessant ist aber bet Bericht, den die '„Times" vom 28. Juli b. I. aus Kairo erhält. Darnach hätte sich als Resultat der Enquete folgendes ergeben: Die große Majorität der syrischen Landbevölkerung wünscht völlige Unabhängigkeit, eventuell ein amerikanisches oder englisches Mandat, die Ausübung der Schutzgewalt durch eine andere Macht begegnet einem entschiedenen Widerstand, Beirut mit dem Libanon und einem Teil der Küstenbevölkerüng wies eine Majorität zugunsten eines französischen Mandates auf. Alle Maroniteu und die Mehrheit der anderen Katholiken ziehen Frankreich vor, aber die orthodoxe Kirche ist zwischen Frankreich und England ungefähr gleichmäßig geteilt. In Palästina begünstigte den Zionismus nur die jüdische Minorität, welche entschieden für die Vereinigten Staaten (?) oder Großbritannien stimmen. Die Mohammedaner ziehen. Großbritannien und die Christen die Bereinigten Staaten vor. Darm heißt eS dort weiter: Wenn Palästina unter das Mandat einer der anglo-säch fischen Mächte fallen sollte, so wird daS ei« starkes Argument dafür bilden, baß dieselbe Macht auchfürdasÜbrigeSyrten, ausgenommen Beirut und den Libanon/ das Mandat bekommt. Es herrscht allgemein die Ueberzeugung, daß Palästina und Syrien daran interessiert sind, unter der selben S ch u tz m a ch t vereinigt zu werden." Hier wird also unseres WissenS zune ersten Male in einem großen englischen Blatt — wenn auch nur nebenbei — die Möglichkeit erwähnt, daß das syrische Mändat Frankreich entgehen könne. Der Konnex, in beit diese Bemerkung Mit der Palästina-Frage gebracht wird, ist bezeichnend, wohin dis von dem ftanzösischen auswärttgen Amt begünstigte öder geduldete großsyrtsche Politik führt. Frankreich hatte durch den Sykes-Pieotschen Geheimvertrag vom Jahre 1816 Syrien in Grenzen, die nicht bekamtt wurden, aber anscheinend sehr weit gesteckt waren, versprochen erhalten. Aber vS dürfen die Ereignisse nicht übersehen werden, die sich seither abgespielt hatten: die Allianz mtt dem Scherif von Mekka und dem Fürsten des HedschaS, Emir Faisal, die im Bunde mit diesem ^erLalate Eroberuna und. Beleünua Syriens, und Palästinas 10. August 1919 Nr. 201’ Die Vorgänge in Ungarn. Wien. 9. August. Nach dem Zusammenbruch des ungarischen Räbrshstems tauchte plötzlich eine aus gegenrev-olutionären Kreisen zusammengesetzte ,,B r a ch i a l g e w a l t" auf, welche den Erzherzog Joseph aus Alcsuth herbeiholte, der alsbalddie oberste Macht in Ungarn übernahm. Die Stellung des Erzherzogs war ungeklärt und man wußte nicht, ob man ihn als Diktator, Kronprätendenten oder Homo regius anfehen sollte. Die Position Josephs von Habsburg hat nun eine recht eigenartige Fundamentierung erhalten: Die von ihm selbst eingesetzte provisorische Regierung hat in ihrem ersten Ministerrat beschlossen, den Erzherzog als Gouverneur von Ungarn anzuerIenn^n, der „als solcher" bis zu den Wahlen für die Nationalversammlung im Amte bleibt, und vor ihm den Amtseid abzulegen. Dies ist auch in einem feierlichen Akt vollzogen worden. Der Vorgang, daß ein plötzlich erschienener Diktator eine Negierung einsetzt, von der er bald darauf zum Gouverneur ernannt wird, gehört immerhin zum Originellsten, das die politische Geschichte darbietet. Die offizielle Meinung besagt, daß der erzherzogliche Gouverneur „als solcher" bis zu den Wahlen amtieren soll. Die Textierung schließt also nicht aus, daß sich nach den Wahlen für die Herrschaft des Erzherzogs eine andere Form ergeben kann. Der Zusammenhang der letzten Vorgänge in Ungarn mit der Szegediner Negierung ergibt sich wieder daraus, daß mehrere ihrer Mitglieder in Budapest erschienen sind, dom Erzherzog empfangen wurden und mit der Regierung in Verhandlungen treten. Die Ruhe in Transdanubien -rman ist gegenwärtig fast nur auf die Nachrichten des ungarischer: Telegraphen-Kvrrespondenz- ' Bureaus angewiesen — ist angeblich wieder hergestellt, dort werden auch die „nationalen Kräfte" von ungarischen Offizieren organisiert; 3000 Mann mit einigen Geschützen sind in Steinamanger eingetroffen und die Organisation soll bald beendet sein, da die rumänische Heeresleitung der Gegenrevolution freie Hand läßt. Eine definitive Stellungnahme der Entente ist bisher nicht erfolgt. Die Londoner Presse kritisiert die Ernennung des Erzherzogs zum Diktator in recht starker Weise. Die „Times" spricht von einer Intrige, deren Plan schon vor Monaten in Paris erörtert worden sei, und greift die Entente an, die im Namen der Demokratie auftrete und jetzt den ungarischen Magnaten helfe. Wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung aus Baris meldet, hat der Oberste Rat beschlossen, Rumänien um Aufklärung über seine Haltung zu ersuchen und eine Erklärung zu verlangen, ob es weiterhin in der Allianz bleiben und den Befehlen der Konferenz gehorchen wolle. Rumänien ist aufgefordert worden, den Entscheidungen der interalliierten Untersuchungskommission nicht vorzugreifen. Besonders geht der Widerstand gegen Rumänien von Amerika und England aus. Auch sind auf Befehl HooverS alle Lebens mittelsendun gen nach Budapest eingestellt worden,well die Rumänen diese auS dem Lande fortschafftn. Eine phantastische Meldung über die Vorgeschichte der Umwälzung bringt die „R. A am Mittag. In dev Schweiz feien <■)?&% zwischen England und Ex-Kaiser Karl Verhandlungen wegen Wiederherstellung btt Personalunion zwischen Deutschösterretch und Ungarn geführt worden. Dieser sollte König vo» Ungarn werden und inzwischen sollte in Deutschösterreich eine monarchistische Strömung entfacht werden. Karls Ernennung aber scheiterte an dessen Widerspruch, da er hierin eine Äch. von Degtadatiö« ttbllckttr und sich auf den StDdpunkt stellte, daß erst der Gedanke einer Döuäuf^deratiou verwirklicht werden müsse. Aus diesem Grunde sei Josef als. Platzhalter für Karl eingesetzt worden und inzwischen arbeite Oesterreichs Hocharistokratie daran, «ins monarchistisch^ Bewegung in Deutschösterreich tzerborzmwfen« Dm Entente glaube, daß Deutschöstörretchs Anschluß an Deutschland dürch Wiederherstellung dev Monarchie am besten verhindert werden rönne. Die Nachricht des Berburch England, bas unter Mitwirkung' Frankreich» erteilt« Versprechen einer jüdischen Heimstätte ln Palästina und die Proklamiemng des Grundsatzes, daß die Mandate über befreite Territorien vom Völkerbund elleilt und Unter Berückst chtigung der Wünsche der Pebölkerrtn g aÄ8geübt werden sollen. Diese Umstande, welche zunt Endsieg' der Alliierten und "zur Befreiung 'Frankreichs wesentlich' beitruM, Die 4$ äüS4tit}W$ ns (wendig gemacht, baß es M kleinasiatislhes Programm im Sinne weiser Selbstbeschränkung Und unbedingter Vermeidung von Konflikten, welch« die tatsächliche Schwäche seiner Position in Syrien unausweichlich 'offenbaren und steigern mußten, revidiere. Statt dessen wurde ein gtoßsyrischeS Programm propagiert, welches nicht Nur dis von Emir Faisal beanspruchten und tatsächlich beherrschten Gebiet«, sondern sogar Palästina ober eine«! erheblichen Teil davon in baS „große ganze und unteilbare Syrien" einbezog, ättf welches das französisch« Mandat sich erstrecken sollte. Die Folgen werden ftim sichtbar. DaS Schlagwort von Großsp^en wendet sich gegen Frankveich und eS. liner Blattes sei des Kuriosums halber mitgeteilt, .sie j verdient jedoch kaum Glauben und widerspricht den sonstiges Meldungen von Englands Haltung. Rumänien hat auf die offizielle Note der En-■ tente bisher nicht geantwortet. Die der Pariser' Konferenz vorliegenden Berichte besagen, daß die Rumänen in ihren Eigenmächtigkeiten fortfahren und grüße Vorräte wegschaffen. Man hofft, daß die : Mission der Generäle, ... ... die jeden Augenblick in Budapest eintreffen soll, hisp.s Wandel schaffen werde. Die neue ungarische Regierung" erläßt bereits Verordnungen. Ihre erste hebt die Verfügung der Räteregierung betreffs der Uebernahme des Grundbesitzes in öffentliches Eigentum auf und setzt mit sofortiger Gültigkeit alle diesbezüglichen Ver-, ordnungen außer Kraft. Die Entscheidung über Ungarns Zukunft ■- liegt natürlich letzten Endes in den Händen der Entente, die durch ihre unmöglichen Waffenstillstandsbedingungen Katvlhis Abdankung veranlaßt und"dadurch Bela Kuns Regime indirekt hervorgerufen hat. Daß. man sich in Paris besinne und Ungarn gegenüber einen Weg einschlage, der eine dauernde Ordnung ohne Gewalt verbürgt, ist eine Frage, von der mehr als bloß Ungarns Zukunft abhängt. Die Wiederherstellung der Monarchie in Ungarn. ~ Die Sozialdemokraten i« der Opposition. Aus Budapest wird dev „Korrespondenz Expreß^ gemeldet: Die Verhandlungen und Besprechungen der ungarischen Politiker in Men sind hier besonders-in Regierungskreisen mit gespanntester Aufmerksamkeit ver-. folgt worden, da man sehr wohl weiß, daß die Entscheidung in den Händen der sozialdemokratischen Partei liegt, deren in Wien weilende Führer G a r a m i, W e l tner rmd Bu ch in ge r darüber zu beschließen haben, ob die Arbeiterschaft an der Herstellung der neuen Ordnung in Ungarn Mitarbeiten wird oder nicht. Erst heute vormittags ist tn Budapest der Beschluß der sozialdemokratischen Parteiführer, die Entscheidung den ungarischen Gewerkschaften zu überlassen und vorderhand eine abwartende Haltung einzunehmen, bekannt geworden. Garamis Stellungnahme hat hier einigermaßen überrascht, da Man in ihm einen repräsentativen Vertreter des Kvnzentrationsgebankens sah und den gestrigen, der Form nach provisorischen Beschluß für eine definitive Absage an die unter der Aegide des erzherzoglichen Verwesers sich bemühenden bürgerlichen Politiker ansteht. Es wird also wohl zu einem Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien und der Partei der kleinen Landwirte mit Ausschluß der ungarischen Arbeiterschaft kommen, deren Führer und Vertreter dann in die Opposition gehen werben. Wenn die Entscheidung über die Staats form Ungarnin die Hände der Nationalversammlung gelegt Witt», so ist ein Zweifel darüber, daß diese die Monarchie sein wird, nicht möglich. Die ungarische Bauernschaft, das Gros der ungarischen Wähl«, ist durchaus monarchistisch' gesinnt, weil sie für die Katastrophe, die Ungarn betroffen hat, die Republik verantwortlich macht.! Für die sozialdemokratische Partei wird daher die Frage, ob über die Staatsform Ungarns bereitsrm Oktober endgültig entschieden worden ist oder noch einmal entschieden werden soll, die Kardinalfrage sein, von deren Beantwortung sie ihre Unterstützung oder Ablehnung jedes künftigen Systems abhängig machen tofoeb. Keinesfalls werben sie dem Erz her zog Josef auch nur die kürzeste Strecke Gefolgschaft leiste«. /;■ Begeisterung in der Ungarischen Provinz. Budapest, 9. August, (llng. Tel.-Korr.-Bur.) Detr ein» gelaufenen Berichte» zufolge ist dü Uebernahme der Verwaltung int tzanzen Lande glatt und unter einmÜtiger Bcgei st erü« g per Bevölkerung vor sich gegangen. In dm meisten Orten haben die Organe der Räteregierung auf die Nachricht vom RegismugSwtchfel die Macht freiwillig übergeben. Graf Bethlen nnd Vazfonyi in Budapest. ... Budapest, ö. August. (Ung. Tel.-Korr.-Burz Heute trafen Graf StHha» Bethlen und Dr. Wilhelm V a z f o n h i in Budapest ein und pflögen mt Laufe des Nachmittag V eV Handlungen mü den Mitgliedern der Regierung. . wmuimmmamtmmmmmBmmamamemmammmmmmmmmmjaiatjbSiaA heißt im» auf bee andere« Sette: Jawohl, alle diese Länder, bilden ein« Einheit, die zusammen unter das Mandat einer Macht fallen muß, aber natürlich' keiner solchen,, welche von der Mehrhett der Bevölkerung dieses ganzen Gebietes znsamttiengenommen, ab gelehnt wird." Würde diese von französischer Seite provozierte Auffassung vollkommen durch- , dringen, so könnte letzten Endes durch das Votum von Damaskus und Jerusalem sogar auch über bas Schicksal Beiruts entschieden tverde». Ist doch! selbst in diese,» Vorort der französischen Einflußsphäre die französische Position nicht mehr ganz unangefochten, und na cheiner Beiruter Korrespondenz des „Temps" hat sich' der dortige, allerdings noch von den Türken ernannt« Demeinberat gleichfalls für ein amerikanisches oder englisches Mandat ausgesprochen. DaS ist die Situation, aus Grund deren jetzt in Paris der diplomatische Enbkampf ausgefochten werden wird, welcher die fchicksalsvolle Entscheidung über das Mandat in Syrien herbeiführen soll.