Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 201 (10.8.1919)
- Date
- 1919-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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» Preis 30 Heller UifäUtmttatlm&pircifi s Bilftt Mt KvsteLll»- tal Hau«: W-»«urch. . . L 7.- S^-ifsi»krs,.... so.- Salbjätz-ks n 40.— «ami i arrrjShvis. . V„ 80.— Mit Postvkrsanbr •ttftlUdr. .K 7.50 . ss.- rener aMSYris 44.- lMkiährks88.— «»1«phan»r Admlrrist«». »r«» 44VS8. «rtmkUra 48810, ob S^h» atatb» SL - *«*,. ,, V-r.' PrLrnrmrvlrtiorr*« t preis« fü» d»» A»»lrttttis, RUnratttch .. .« ^^.«a NlertelfShrto,»> »^aU'iüh-rs. . SanrjStzrrs*. iOOirs’i Dkstfparkasson-K-rU» * »*« 150.698 »■ ' ^^s-^sssssl\^^ ' . -....—1 ■ 'ly.-rr Nr. 201 Wien» Sonntag» den 10. August 1810 1. Jahrgang Der Völkerbund Oesterreich. Vom Abgeordneten Robert Stricker. In den freiheitlichen und sozialistischen Wiener Kreisen galt es vor dem Kriege als strenge Anstandsregel von Oesterreich nicht zu reden, oder über Oesterreich als eine rückständige Einrichtung zu schimpfen. Der dümmste Kerl aus dem Lager der Fortschrittsfreunde glaubte diesem Staatengebilde gegenüber einen rüppelhaften oder bestenfalls überlegen-mitleidigen Ton anschlagen zu müssen. Für die Größe und den Reiz dieses alten Völkerheimes hatte keiner das richtige Verständnis. Dieser Umstand hat dann eine sonderbare Frucht gezeitigt. Es hat sich im politischen Sprachgebrauchs ein Gegensatz zwischen „österreichisch" und „fortschrittlich" herausgebildet. Wenn man von einer Partei hörte, daß sie ein österreichisches Programm versocht, so nahm man als selbstverständlich ■ an, daß sie reaktionär sei. In liberalen und sozialistischen Zirkeln stellte man sich unter einem österreichisch Gesinnten unfehlbar einen Bügergardisten, Veteranen oder Polizeispitzel vor, welcher bei Fackelzügen und Prozessionen gern mittut, oft ins . Wirtshaus und in die Kirche geht, die Volkshymne singt und auf Juden, Freimaurer und Sozialisten schimpft; also ein für jeden modernen Menschen unmögliches Subjekt. Fischhof» der größte österreichische Demokrat und Frecheitsfreund» mußte die Kühnheit, die Begriffe Oesterreich und Fortschritt miteinander verbinden zu wollen, schwer büßen. Die Klique, welche den Fortschritt gepachtet hatte, hat chn buchstäblich aus dem politischen Leben hinausprügeln lysserr, . Umgekehrt hat man auf / konservativer/ Seite wieder, von jeder Partei, in welcher Freiheitliche eine Rolle spielten, angenommen, daß sie dem Staate Oestexreich seindselig^öder gleichgültig gegenüberstehe. Natürlich haben sich die Reaktionären aller Schattierungen bei ihrer Agitation dieser , landläufigen Auffassung ausgiebig und mit größtem.. Erfolge bedient. Es ist ihnen gelungen, die maßgebendsten Stellen im Staate mit dieser AZ Fassung vertraut zu machen. Sie hat ihnen die Verbindung 'der-.'Schlagworte „für Oesterreich" und „gegen den Liberalismus und Sozialismus" ermöglicht. Die Konservativen sind nicht ziüetzt aus diesem Grunde, die Herrschenden im Staate geworden. Die totale Verkennung des österreichischen Problems in fortschrittlichen Kreisen und die 'dort grassierende direkt stupide Verständnislosigkeit in österreichischen Angelegenheiten hat der Sache der Freiheit in Oesterreich den schwersten Schaden zugefügt. Man kann ruhig sagen, daß Oesterreich und mit ihm die ganze Welt nicht in den fürchterlichen Krieg getrieben worden wären, wenn die Freiheitlichen in Oesterreich Einfluß auf die Leitung der Staatsgeschäfte genommen hätten. Sie haben sich aber durch ihre Interesselosigkeit am österreichischen Staatsgebilde von dieser Leitung selbst ausgeschaltet und den Rückschrittlern, Militaristen und Klerikalen des Feld kampflos geräumt. Es soll hier nicht über Vergangenes geklagt werden, nur um der Klage willen. Die Erinnerung ist notwendig, denn es bereüen sich Ereignisse vor, welche die Frage der Stellung zum österreichischen Probleme dringend und entscheidend machen. Die Auffassung, daß dieses Oesterreich denn doch eine Notwendigkeit war und ein seine Völker und Länder umfassender Staatenbund die einzige Rettung vor einem ewigen europäischen Kriege bildet, tritt immer merkbarer in der Weltdiskuffion hervor. Sie dämmert in vielen Köpfen, nur in den Köpfen der Wiener Deutschliberalen und Sozialdemokraten rührt sich nichts. Ueber ihnen brütet die alte Indolenz, welche sich hinter radikalen Phrasen verschanzt. Die heute schon abgestandenen Scylagworte, mit welchen der Sozialist Otto Bauer und seine großdeutschen Kampfgenoffen den unseligen Feldzug für den Anschluß an Deutschland bestritten haben, schwirren noch immer in der Luft. Noch immer wollen diese verunglückten Strategen auf dem Felde der Weltpolitik die Menschheit glauben machen, daß die Zertrümmerung Oesterreichs eine „Reinigung der Weltatinosphäre" und ein „Gluck für seine Völker" bedeutet. Während sie aber so klügeln und deuteln, gehen die Sieger und, in ihrem Schatten, die altösterreichischen Reaktionäre daran, den Bund der ehemals'österreichisch-ungarischen Staate^ vorzubereiten. - In l Paris, im Vorzimmer Elemenceaus, und in der Schweiz, am Zufluchtsorte der Habsburger und ihrer Beichtväter und Stall- J Zentraleuropa vor schwerwiegenden Ereignissen. Der „Temps" über den Ruck nach rechts. Sarrit-Gerrnarn, 9. August. Der „Temps" schreibt rm Leitartikel: Die Entente- Politiker müssen sich klar darüber sein, daß Zentral- und Osteuropa vor einem Wendepunkt seiner Geschichte steht. Rußland zuerst, daun Oesterreich-Ungarn und Deutschland haben bewiesen, daß es nicht allzu schwer ist, eine Monarchie zu stürzen, wenn die Monarchen weder zu siegen noch zu regieren verstehen. Ungarn zeigt heute, daß der Weg von links nach rechts nichtschwerer ist als der von rechts nach links» vorausgesetzt, daß das Volk national tief gedemütigt ist und materiell leidet. Wer weiß, ob nicht auch dieses Beispiel Nachahmung findet und ob die in Budapest wieder eingesetzten Habsburger nicht in Wien Erinnerung und Reue wecken. Cs scheint sogardaß die Bayern schon bebauern, nach Vertreibung der Bolschewiken auf halbem Wege stehen geblieben zu sein. Jedenfalls können sich im Laufe der nächst e u Monate Ereignisse vollzi e h en^ die das Schicksal des ganze« Kontinents für eine ® eitet ati o« bestimmen könnten. Es fragt sich, ob der Westen die Ereignisse lenke« oder von i.h n e n g e f ü h r t werden will. Die internationale SoZiKListenkonferenz. , Gegen eine IntervenLisn in Rußland. — Protest gegen die Judenpogrome. Forderung einer Revision des Friedensvertrages. — Die drohenden Gegenrevolutionen. — Gegen die Wiedereinsetzung der Habsburger. U Luz e r n, 9. August. (Schweizerische Depeschenagentur.) Die internationale Sozialistenkonferenz setzte gestern die Anssprache über die Anträge der Kommission zur allgemeinen politischen Lage fort. Der letzte, erst jetzt vorliegende Teil der Resolution wiederholt, daß die Internationale auf ihrem Protest gegen eine I ulerv e n t i vn dev AMßrteu in' Wntzranh beharrt. Die Resolution protestiert ferner gegen die Metzeleien in Armenien und die Judenpogrome. In der Debatte erklärt Maedonald (England), daß die englische Delegation den Sozialismus so verstehe, wie er in Bern definiert wurde, als demokratischen Sozialismus. Eanepa (Italien) erklärt, der Mererrat habe das von der Kommission (für Arbeiterfragen) ausgestellte Programm über Bord g e w orfen. Die Vertreter der Ententesoziallsten müßten für die schleunige R evisron des Friedensvertrages eintreten, wobei insbesondere auch die Arbeiterfragen entsprechend den Wünschen der Arbeiterschaft zu regeln seien. G r n m b a ch (Frankreich) mahnt die Internationale angesichts der überall drohenden Gegenrevolution zur Einigkeit; insbesondere Muahnt er die deutsche» ParteieW sich zu verständigen. H i lfferding (Deutscher Unabhängiger) betont, daß die Internationale in der revolutionären Entwicklung nicht Zurückbleiben dürfe, sondern die Führung zu übernehmen habe. In scharfer Polemik wirft Redner den deutschen Mehrheitlern vor, daß sie durch ihr Bündnis mit dem Zentrum «nd de« bürgerlichen Parteien das deutsche Proletariat in seinem Befreiungskampf bekämpfen. Bernstein polemisiert gegen Hilfferding und betont, daß die von den Unabhängigen in Deutschland unterstützten Streiks, insbesondere die der Bergarbeiter, ein schweres Unglück für Deutsche land bedeuten. | T r oelstva (Holland) sieht die Möglichkeit zur Einigung nur im Bekennt»« zu den revolutionären Tendenzen und t«. dem Aufgeben a l t er R ef o rmideen. . Markow (Bulgarien) erklärt, daß die Hnlgarrschen Sozialisten die Zusammen-, gliederung der Balkanvölker in eine« Bundesstaat unter Wahrung einer jeden nationalen Autonomie austreben. Suchomlin (Rußland, Sozialrevolutionär) erklärt das gleiche für Rußland und polemisiert gegen die Behauptung der Resolution der Kommission, als ob die Bildung der neuen russischen Staate« bereits definitiv und Grotz-Rußland aufgegeben fei. Crifpisn (Deutscher Unabhängiger) polemisiert. scharf gegen die Mehrheitler unv „Noskegürdisten" und beschuldigt die Mehrheitler. im Augenblick des Bekanntwerdens des Versailler Vertrages noch eiue« neuen Krieg gewollt zu habe«,' was der Mehrh eitler Wels als Verleumdung zurückweist. . Erispien erntet starken Beifall auch bps de« französischen Mehrheitlern.? - Zum Schluß der Sitzung bringt Renaudel eine dringliche Refolntion über die L a g e in Ungarn ein» die einstimmig angenommen wird. Die Resolution protestiert geaen die Politik der Entente, die die für die Räteregierung geschaffenen Schwierigkeiten benütze, um der G e g e ttrevolntion zu dienen und die Habsburger wieder einzirftztz en. Die Lenker der Pariser Konferenz zeigen damit klar, daß ihre Reaktion sich in Wirklichkeit gegen jede sozialistische Regierung und jede proletarische Herrschaft wende. Die Konferenz fordert alle sozialistischen Grnvpen auf, mit a ller Kraft sich dieser Politik \ des imperialistischen Kapital i smns zu widerfetzen. meister, wird am Projekte gearbeitet. Das Ge- ' präge des Werkes wird vom Meister bestimmt. Wenn die Wiener Politiker auf ihrem Standpunkte der Ignorierung des österreichischen Zukunstsproblems verharren, dann kann sich die alte, traurige Geschichte in verschlechterter Auflage wiederholen. Die Bildung des österreichischen Staatenbundes wird nicht verhindert werden, aber der Bund wird dann auf Kommando der militärischen Sieger und nach Wunsch der Dunkelmänner des alten Donau- . reiches sujttindekommen. Ohne Mithilfe und obne Mitbestimmung seitens der Demokraten und .Fortschrittler geformt, wird er naturgemäß kein Bollwerk der Freiheit, sondern ein Hort der Reaktton sein. Die Völker werden die Stumpfheit und Einsichtslosigkeit der heutigen Führer schwer büßen müssen. Der- Wille zur Gründung eines Staatenbundes der Donauvölker tritt immer stärker in die Erscheinung. Es ist höchste Zelt, daß sich die Wiener Sozialdemokraten und Demokraten zur Stellungnahme - ausraffen, sonst.könnte es ohne und gegen 'sie zur Tat werden. SiSWiWlWWLSSSSWWLiSiiiWSWWW