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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-06 · Heft 197 (6.8.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 197 (6.8.1919)
Date
1919-08-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 197 Wien, Mittwoch U.-1--—»—>-- Fortdauer der Macht der seit je am polnischen Volkskörper schmarotzenden Herrenklasstn zu, bilden. Auch die Tagungen der sozialistischen Parteien. selbst beweisen, daß diese von einer inneren Einheit und einer Wirklichen starken Internationale weit entfernt sind. Auf dem« gegenwärtig in Luzern tagenden internatio nalen svztalistenkongreß tritt der Gegensatz zwischen Genäßigten und Radikalen und die Isolierung der deut-!cheu Mehrheitssozialisten deutlich hervor. Der Vertreter der deutschen Unabhängigen erklärte ,tm Hamen seiner Partei, sie könnte der Internationale nur dann mgehören, wenn in dieser kein Raum für die Mehrheitssrzia'listen sei und Longuet schloß,sich diesen Ausführungen im S roßen und ganzen an. So wird der Zwist der deutschen izialistischen Parteien auf einer internationalen Tribüne fortgesetzt und Macdvnalb kennzeichnete die Situation sehr richtig, es sei Aufgabe der zweiten Internationale, aus dem. Chaos zwischen Reaktion und Revolution den Weg zum Ausbau der sozialistischen Gesellschaft zu finden. Oer deutsche Mehrheitler Wels betont, daß der Entschetimngskampf gegen den Kapitalismus auf England und Amerika Übergegangen sei, die sich im Besitze von Rohmaterialien befänden und auf Banber.'veldes Erklärung, baß der Wiederaufbau der zweiten Internationale ohne endgültige Lösung der Verantwo.rtlichkeitsfrage unmöglich sei, bemerkte Molkenbuhr, die deutsche Regierung sei entschlossen, diese Krage völlig zu klären und die deutschen Sozialisten seien bereu, diese Frage auf hem nächsten Kongreß zur Sprache zu bringen. Verschiedene Redner besagten sich, daß das revolutionäre Moment ui wenig zur Geltung komme. Aber man hat den Eindruck, daß der Begriff der „Revolution" auch Lei den führenden Sozialisten keineswegs seststehe und daß oft die Revolutionsphrase den Mangel an wirklichem Inhalt verdecken soll. Der Sozialistenkongreß von Luzern erkennt, daß »ine Verbindung zwischen zweiter und dritter Internationale immöglich . sei, und eine kommunistische Resolution wurde fast einstimmig abgelehnt. Die Sozialisten beginnen zu sehen, daß es angesichts der Zerrüttung der allgemeinen Verhältnisse in Handel und Wandel, der knormen Lasten, von denen kein Staat verschont wird, Und des allgemeinen Rohstoffhungers mit einer durchgreifenden Sozialisierung gute Wege hat, und daß deren Früchte nicht allzubald zu reifen vermöchten. Was Not tut/ ist die allgemeine Einsicht von der Notwendigkeit ruhig schaffender Aufbauarbeit, die Einsicht, daß Sozialismus mehr tst, ,alS eine auf Katastrophenpolitik aufgebaute bloße Lohnbewegung^ und einer der klarsten Köpfe, Max Adler, hat bei der gestrigen Beratung des Wiener KreiSarbeiterratesin einer Polemik gegen die Kommunisten gesagt, man brauche sich nicht wie Marx nach der gescheiterten Revolution von 1848 an die Stubierstube zurückziehen, aber man müsse mit der Bildungsarbett »insetzen und mit einer Agitation beginnen, die dem Sozialismus schrittweise zum Siege verhelfen solle. Die kommunistischen Experimente müssen nicht nur darum scheitern, veil die realen Bedingungen für sie nicht gegeben sind, sondern veil die Macht in die Hänoe von Massen. gelegt wird, die zu dieser nicht im mindesten reif sipd, weil es bisher an der sozialistischen Bildungs- und Erziehungsarbeit gefehlt hat, die das bloße Wort vom Klassenkampf nicht ersetzen rann. _' . Heftige Kämpfe der Sorviettrrchpen. Moskau» 5. August. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Kriegsbericht der russischen Sowjetrepublik vom S. August: An der Nordfront wurde im Gebiet der Stadt Omega nach einem löstÜndigen schweren Kampf der Feind, der Landungsversuche unternommen hatte, zurückgeschlagen. An der Südsront kämpfen unsere Truppen 30 Werst südwestlich vonAlexandrowsk. An der Ostfront gingen unsere Truppen, nachdem sie den heftigen Widerstand des Femdes bei Tscheljabinsk gebrochen hatten, an der' ganzen Front zur Offensive über und gelangten nach Kamichlowa, 80 Werst. südöstlich von Tscheljabinsk. An der Westfront wurde I a m b'u r g heute von den Rottychpen eingenommen. Die Aufhebung der Blockade gegen Ungarn. Paris, 5. August. (Meldung der Tel.-Komp.) Es wird gemeldet: Der Bericht Hoovers über die Frage der A u f -- hebungder Blockade gegen Ungarn fordert Ausfuhren \u3 dem Banat und Jugoslawien, das große Ueberschüsse an xbensmitteln besitze. Hoover äußert auch die Ansicht, daß die neue Regierung seitens per Entente zu unterstützen sei, ba sie eine gute Verwaltung zu gewährleisten scheine. Wiener Älorgenzeituni 6. August 1919 Bevorstehende Sitzung des zionistischen Aktion! Komitees. Eine Zusammenkunft zionistischer Führer in der Schweiz. Kopenhagen, 4. August. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung.") ^Das Kopenhagener Zionistische Bureau meldet: Am 29. Juli fand in Engelberg eine Inferenz von Mitgliedern des engeren Aktionskomitees der zionistischen Weltorganisation statt, an der Professor Marburg, Dr. Weizmann und Dr. Hantke teiU nahmen. Es wurden die Aufgaben der zionistischen Organisation für die ökonomische und kulturell^ Entwicklung Palästinas besprochen. Eingehend beraten wurden auch die Probleme, welche die zionistische Organisation in naher Zukunft zu lösen haben wird. Es ist beabsichtigt, binnen kurzem eine Konferenz des Großen Aktionskomitees einznbernfen. Dies wird die erste Konferenz seit Kriegsausbruch sein, an der alle Mitglieder des Großen Aktionskomitees werden teilnehmen können. Ihr wird die wichtige» Aufgabe zufallen, die in Verbindung mit dem Wiederaufbau Palästinas unmittelbar zu unternehmenden Schritte'zu bestimmen. * Es ist ein bedeutsames Ereignis, daß, wie aus vorstehender Meldung hervorgeht, in der Schweiz nunmehr zum erstenmal eine direkte Aussprache zwischen den deutschen Führern des Zionismus und Professor Weizmann stattgefunden hat. PrvfessorWäA bürg und Dr. Hantke, welche auch' nach' derUeber^ siedlung der zionistischen Leitung nachLondon.infolge.ihre«! deutsches Staatsbürgerschaft in Berlin bleiben mußten) haben sich vor einiger Zeit mit mehreren Herren ty&i. Bureaus in die Schweiz begeben, wo nunmehr die Zusammenkunft mildem aus London kommenden Doktor Weizmann stattfand. Damit ist die Verbindung Wiedel hergestellt, die durch technische Gründe bisher unter-) bwchen war; die Einheitlichkeit der Leitung hat natürlich auch trotz dieser Unterbrechung fortbeftanden; jedoch war die Arbeit dadurch außerordentlich erschwert und! es hätte auch der Anschein entstehen können, daß inj die unzerstörbare Einheit des nationalen Judentums eine Bresche gelegt ist. Nunmehr wird auch offiziell <m4 gekündigt, daß demnächst eine Sitzung des großen! Aktionskomitees stattfinden soll, bei tder zum erstenmal auch dis Mtglieder aus Deutschland und Oesterreich teilnehmen werden. Die 'Londoner Konferenz irn Februar konnte bekanntlich von den Mittelmächten nicht beschickt werden. Es ist außerordentlich zu begrüßen,! daß durch die bevorstehende Tagung der unmittelbare! Kontakt zwischen alten 'Teilen der Organisation wieder! hergestellt wird. * ' Tagung der internationalen Söziattftenkonferenz. Die Kriegsgefangenenfrage. - Luzern, 5. August. Die erste Kommission, die zm Beratung der allgemeineninternationalen Politik eingesetzt wurde, wählte zu ihrem Präsidenten Engberg (Schweden), zum ersten Sekretär Ramsay Macdonald (England), zu beigevrdneten Sekretären Grumbach (Frankreich) und Kaplanski (Palästina). Der Kommission lag ein von der englischen Delegation verfaßter Bericht über die allgemeine internationale Lage vor. Ehe man in die Diskussion über diesen Bericht eintrat, wurde die, Lage der Kriegsgefangenen erörtert. Der deutsche MehrheitsSozialist We ls gab eine ausführliche Darstellung der Lage der deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich, die sich seit dem Waffenstillstand verschlechtert hat, und bat die - französischen Sozialisten, alles zu tun, um die Rückkehr dieser Gefangenen zu beschleunigen. Wels sprach auch von den russischen Kriegsgefangenen in Deutschland und betonte, die Entente verhindere, russische Kriegsgefangene mach Rußland zurückkehren zu lassen. In längerer Diskussion, an der sich Vertreter fast aller anwesenden Nationen beteiligten, brachten die Stellung zum Bolschewismus; französischen Delegierter Renaudel und Longuet' zuck Ausdruck, daß die französischen Sozialisten in diesen Hinsicht alles tun würden, was in ihrer Macht stehe, ß Darauf wurde die große Debatte über die Stellung nähme der zweiten Internationale gegenüber der Revolution und den Methoden des Bolschewismus fortgesetzt. In ausführlichen Reden setzten HilferdinH (deutscher Unabhängiger), Longuet (Frankreich), Wels, (deutscher' Mehrheitler), Kaplanski (Palästina), Bern-- stein und Vanderyelde (Belgien) ihre Ansichten auseinander. *! Die zweite Kommission, welche sich mit dem Wiederaufbau der Internationale beschäftigt, nahm eine Erklärung über die^Grundsätze an und genehmigte den Entwurf für die meuen Statuten, welche dem großes' Kongreß im Februar unterbreitet werden sollen. Die! Kommission nahm die Resolution Henderson an, die verlangt, daß zu gleicher Zeit wie der Kongreß eine Bereinigung von parlamentarischen Vertretern der Arbeiter und der sozialistischen Parteien einberufen werden soll zur Schaffung einer sozialistischen interparlamentarischen Union? ' Ein neuerlicher einmaliger Zuschuß an die ZivilstaatsangesteMen. Das Staatsamt für Inneres und Unterricht hat an die Landesregierungen nachstehenden Erlaß gerichtet: Aus Anlaß der dermaligen noch fortbestehenden außergewöhnlichen Verhältnisse wird den dcutschösterrerchischen sowie den im deutschösterrelchischen Staatsdienste im Verwendung genommenen aktiven Zivilst a a t s a n g e st c l l t e n, einschließlich der Arbeite r, die eine Teuerungszulage genießen, neuerlich ein einmaliger Zuschuß gewährt, und zwar m den in der Verordnung vom 19. November 1917 festgesetzten Ausmaßen. Streiks in Amerika. Patterson (Nerv-Versey), tz. August. (Reuter.), 15.000 bis 17.000 Seidenweber streiken. Sie verlangen die sofortige Einführung der 44-Stundenwoche. Die Fabrikanten halten vo^kurzem die Einführung der 44-Stundenwoche ab 1. Oktober zugWndew Chicago, 5. August. (Korr.-Bur.) Die Arbeiter dev Eisenbahn Werkstätten erklärten den Streik. Chicägo weist 400.000 Streikende auf, die. Umgebung 30.000. Die Eisenbahner der Südoststaaten streiken ebenfalls, ebenso'die von Philadelphia, Boston, Denver und anderer wichtiger Zentren. Etwas über jüdische Namen und RamensLndernngen. ' I. Zunamen. Durch die vortreffliche und eindrucksvolle Rede des Abgeordneten Stricker ist das allgemeine Jnter- 'esse auf die Frage dev jüdischen Namen, die Bemühungen um deren AenderunU und die Motive dieser Bemühungen gelenkt worden. Es ist in diesem Rahmen nicht möglich, die Frag; auch nur skizzenhaft zu behandeln. Es möge daher nur darauf hingewiesen sein, daß diese Sache schon seit langem und'oft von verschiedenen Seiten in Diskussion gestanden ist. Und zwar handelte es sich dabei nicht nur um die jüdischen Familiennamen, sondern auch um die Vornamen. — Hier soll hauptsächlich die weniger ernste Seite der Frage berührt werden. Bezüglich der Familiennamen sei auf eine Stelle bek Karl Emil Franzos hingewiesen. In seinen Kulturbildern aus Halbasien erzählt er, woher die vielen komisch und häßlich klingenden Namen der galizischpvlnischen Juden ihren Ursprung haben. Er sagt dort! „Me erklärt sich das komisch Pompöse, bas Duftige Und Klingende der meisten dieser Namen? Warum begegnen wir just im Ghetto des Ostens so vielen Blumen und Blüten, Aosen und Veilchen, warum just hier, wo Reichtum nur wenigen zufällt und bitterste Armut der meisten LoS ist, so vie^m Gold,. Silber unß Edelgestein? Ms den Protokollen gewinnen wir die Antwort. Je verwahrloster sich der betreffende pater familiaS repräsentierte, umso duftiger fiel sein Name aus, je zerrütteter feine Verhältnisse waren, umso wertvoller der Edelstein, nach dem et fortab in den Amtslisten figurierte. Derselbe mäßige Witz der Herren Auditoren >>»M lie namen" des „Indiens anknüpfen und ihn ins Gegen- ' teil verkehren. Ein greiser Rabbi, der „Fromme" zubenannt, erhält den Familiennamen „Gottlos", ein Hinkender wird „Schnelläufer", ein Trunkenbold „NüchtJem", ein Wucherer „Ehrlich^, ein Krösus seines Städtchens „Bettelarm" genannt. Die Herren suchten sich ihre Arbeit nach Kräften zu würzen; daß sie sich keine besseren Mittel hierzu wußten und in dieser Art an einer ohnmächtigen, ihrer Willkür, ppeisgegebenen Bevölkerung ihren „Witz" Übten, stellt freilich ihrer Humanität, wie ihrem Geschmack ein gleich schlechtes Zeugnis aus. Andere Namen wieder sprechen geradezu gegen die Ehrlichkeit der Kommission: sie wurden notorisch nur zu dem Zwecke gegeben, um „nach mündlicher Vernehmung" wieder aufgehoben zu werden. Ob der vielfach als Anekdote erzählte Fall .„Schweinsfopf" und die allmähliche Metamorphose in „Kopf" — eS soll dabei sukzessive immer nur je ein Buchstabe, zuerst das „n", dann das ,M‘ usw. fvrtgefallen sein — historisch ist, weiß ich nicht zu sagen, aber ähnliche So wird ein achtbarer Mann zuerst „H-^nwirt" und -usjtsaihwu Sftzvmustzv sömqrsjjv (pij bann erst ,Mrt" schlechtweg, ein anderer „Blutsauger!" und dann „Säugling" genannt. In sehr vielen Fällen blieben jedoch die unanständigen oder doch peinlichen Namen bestehen, weil die Opfer ihre Reklamation nicht genügend durch, klingende Motive zu unterstützen vermochten." Sv kommt es, daß wir bei den Juden deS Ostens die wunderlichsten Namen finden. Franzos nennt solche wie: „Küssemich^, „Groberklotz«", „Pulverbestandtcil"; „Nebenblum", „Maschinendrahk", „Weisheitshorn",. „Nußknacker", „Reinwaschev", „Saumagen" usw. Für die Verhältnisse ick Westen ist folgendes charakteristisch: Im „Prager Tagblatt" schreibt Herr MllM .. der teste; kW. . tzMigM. Deutschen Landestheaters, unter dem Titel „Erinnerungen eines Prager Deutschen":? „Ohne Affektation: Ich weiß nicht, ob es dermalen in Prag noch einen Menschen gibt, der Ieite les heißt. Der Name hat, wie alle Namen auf „eles", einen guten Klang; er ist ein volltönender Daktylus, der besonders für Heldengedichte sehr verwendbar ist. In meinem Büchlein „Der Kampf um„ die! Sprache" habe ich versucht, die Herkunft dieser Namen zu erklären. Es sind der Form nach entschiedendeutsche! Namen, aus einem Liebkosungsdiminutwüm und dem genetivischen „s" entstanden. Auch der Stamm ist fast durchwegs deutsch; tot den meisten Fällen läßt er sich ans einen (Vor-) Namen zurüchführen. Kurz nach meine« Veröffentlichung besuchte mich der Professor des römi^ schen Mchtes an der Wiener Universität, Dr.Stanislaus Pineles, und brachte mir Abdrücke mehrererÄuf^ sätze,- worin er unter Hinweis auf dm schwäbischen! und fränkischen Dialekt nachwieS, daß die tot Oester-! reich als jüdisch geltenden Namen durchaus deutsch seien; er belegte seine Forschung Überdies durch die Photographie einer uralten Urkunde, in der ein solcher! zweifellos deutscher Name angeführt war .»* j Säckelwart war ein Bandhandler aus der Schwefels gaffe namens Wilhelm Jlner, ein braver und gubj herziger Menschnicht ohne gesellschaftliche Gewandt-, heit, Sommer und Wintermit einer gelben Rose intj Knopfloch, an der er weithin kenntlich tvari Trotz der! , gelben Rose hieß er eigentlich Jeiteles. Er Hatto zeitlebens nicht den Mut aufgebracht, seinen Namen offiziell ändern zu lassen, vielleicht Mr es Rücksicht auf die schuldlose Familie, vielleicht mailte auch die Statthalteret jene Schwierigkeiten, die einen integrierenden Teil der geheimen Dienstpragmatik und oft die einzige Existenzberechtigung m'r Armier; der . ‘ub

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