Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 194 (3.8.1919)
- Date
- 1919-08-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 194 Wien. Sonntag schen Feiertagen ist dabei ebenso wenig die Rede, wie von der Freigabe des Sonntags iür -die Juden. Zu dem erwähnten Minimum gehört indirekt auch der in dem Artikel VII allgemein garantierte „freie Gebrauch irgendeiner Sprache sowohl tut Privalvcrkchr wie in Handelsverbindungen, sei es in' Angelegenheiten der Religion, der Presse oder Publikationen jeder Art. oder in öffentlichen Versammlungen." Dieser Artikel sicht auch für die polnischen Staatsangehörigen mit einer anderen Sprache als der polnischen „angemessene E r l e r ch' t e r u n g e n in bezug auf den . mündlichen . imb schriftlichen Gebrauch ihrer Sprache vor den Gerichtshöfen" ' vo'r. Alle diese Rechte siud zwar Selbstverständlichkeiten, in Anbetracht jedoch der verschiedenen Repressalien, denen die Juden in der letzten Zeit, namemlich in Polen, aus diesem Gebiete ausgesetzt sind, muß man deren gesetzliche Sicherung mit Befriedigung verzeichnen. Leider ist gerade dieser Punkt ziemlich verschwommen, so^ daß den „angemessenen Erleichterungen" angemessene E rlauterungen folgen müßten. Schließlich ist noch der den nationalen, religiösen ode^ sprachlichen Minoritäten in Städten und Distrikten mit betracht' licher Anzahl gesicherte angemesiene. Anteil an den Erträgen und» an der Verwendung der Summen aus Lstcntlichen Mitteln zum Zwecke der Religion und der Wohltätigkeit zu erwähnen. Uebrigens sind diese Bestimmungen der Ausfluß des Begriffes von der völligen bürgerlichen Gleichberechtigung, den in der Theorie auch die reaktionärsten und judenfemdlichften Elemente in Polen stch< zu eigen machen, der aber dort nie und nirgends praktisch angewendet Md durch geführt wird. Und ' dieser abgrundtiefe Gegensatz zwischen der theoretisch den Juden in Polen längst zugestandenen bürgerlichen Gleichberechtigung und der Unterdrückung und Entrechtung, welcher sie in, Wirklichkeit ausgesetzt sind, ist es hauptsächlich, der die Sicherung, nationaler und p o l it i scher Rechte für die Juden notwendig macht. Nur die Sicherung der proportionellen nationalen Repräsentanz, die Kodifizierung eines gewissen Anteiles an den verschiedenen Vertretungskörpern bietet die Gewähr für die faktische Durchführung der den Mmoritäten znerkannten bürgerlichen Gleichberechtigung. Die Entziehmrg der nationalen Minderheitsrechte hingegen führt notgedrungen zur Unterwerfung der nationalen Minderheiten unter die Herrschaft der, stürtsicn nationalen Gruppe, was nicht bloß die allmähliche Vernichtung dieser Minderheit bewirkt, sondern auch einen steten Konfliktstoff schafft. Diese Erkenntnis hat auch Personen wie Louis M a r s h a l l und andere, die des extremen Nationalismus keineswegs verdächtigt werden können, bestimmt, von der Friedenskonferenz die Sichenmg sei cs auch eines Minimums, nationaler und politisches Rechte für, die jüdische Minderheit zu fordern. Daß die Juden mir dieser ihrer Forderung nicht, durchgcdrungen sind — und darüber läßt der Motivenbericht Clemenceaus - keinen Zweifel zw bedeutet eine schwere Enttäuschung für die Inden sowie eine krasse Verletzung des Wilsonschen Grundsatzes vom Selbstbestimmungsrecht. Diese Enttäuschung wird kaum durch die bekannte Ausrede gemildert, daß die Entente die Bezeichnung „nationale Rechte,, auch in bezug ans die anderen Minoritäten peinlich vermieden habe. Hinsichtlich der Juden liegen eben die Verhältnisse so, daß die , neu , entstandenen Staaten zur Gewährung . der p r'i m i t i v st e n und ' s e l b st v e r st ä n d l i ch st e n Rechte an ihre jüdischen Mitbürger erst g e z w u n g e n werden nt it f s e n, was aber, wie bereits betont, nur durch die kodifizierte national-politische Anerkennung möglich c wäre. Ohne diese Anerkennung ist nicht nur das den Juden a u S b. r ü Älich z u g e st-a .u b e tt, c Minimum von Rechten in bezug auf die Schule und den Sabbath illusorisch, dadurch sind auch die Bestirmtmngen hinsichtlich derbürgerlichen Gleichbercchtigmig in Frage gestellt. Die Verpflichtung, daß die jn den Artikeln 11 bis V1U — wyhl gemerkt: ll bis Vlll, nicht aber die weiteren, i die die Juden direkt betreffen — enthaltenen Bestimmungen »als fundamentale Gesetze anerkannt sind, daß kein Gesetzkeine Verfügung und keinerlei offizielle Hatldlung im. Widerspruch mit den Bestimmungen stehen oder ein HinderwZfür sie sein dürfen", diese Verpflichtung wird kaum mehrauszurlchtenvermögeu, als es der berühmte Art. XLfV des Berliner Traktates vermochte.- Einen gewissen Trost in dieser Beziehungbietet allerdings dre Bestimmung, wonach diese Verpflichtungen einen internationalen Charakter erhalten und ausdrücklich „unter die Garantie des Völkerbundes gestellt werden". Aber gerade dieser Punkt ist cs, gegen den die ganze öffentliche -Meinung in Polen Sturm läuft mrd gegen den auch der gesetzgebende Ändtag in entschiedenster Weise Stellung genommen hat. Und dieser Punkt dürste noch mannigfache Schwierigkeiten bereiten. Sit Max Nordaus siebzigstem Gedurts- - tag. ' Von Alexander Marmoreb. I. Wir veröfsentlichsn gerne den Aussatz . ' unseres geschätzten Mitarbeiters, .welcher, der , «fleste Berater' ^und Freund, Theodor Herzls I.' ' . und Max Nordaus gewesen ist, ohne, uns mit seiner Beurteilung der Entwicklung inner- ' ' halb der zionistischen Bewegung in allen - Einzelheiten zu identifizieren. Am Haager Kongreß, an semem^rsten Tag erschien mir Nordau am größtem so öft ich ihn neben mir sprechen gehört, als dr „die Rede" ffielt, welcher die Delegierten bei jedem Zioitistenkongreß .in froher Erwartung entgegcnsahen. Ich saß gerade hinter ihm,, als er auf der Tribüne stand. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Ich horte auf seine Worte. Nie hat er wuchtiger, nie vollendeter gesprochen. Immerergreifendere, ilnrner .tragischere Wendungen fand er. Plötzlich kam. eine Stelle, wo er sich zur größten Höhe des Gedankens und der Form aufschwang und ich, hingerissen von dem, was er den anderthalb Tausend in Stille gebannten Zuhörern sagte, rief ihm unwillkürlich, reflektorisch, leise zu: „Bravo, Freund!" Er., hatte mich gehört, unterbrach sich selbst, wandte sich zu mix, Unbekümmert um alle anderen, selbst begeistert von dem, fvas zu sagen er sich noch vornahm, rief, schrie er mir in hervvrbvechenden Worten zu; „Es kommt noch besser!" Da hatte ich sein Gesicht gesehen. Totenblaß. war Nc Farbe. Die Augen standen weit dfftn, die Nasenflügel zitterten, die Züge waren von Leid, entlebt und wie in - marmorner Strenge versteinert. Pas war nicht mehr^das menschliche Aussehen meines Freundes. Etwas Verklärtes bot sich meinen Augen dar, dem Irdischen Entrücktes, umhüllt von einem üüerschäumenden Strotzen von Wille und Kraft; von Wille ru-d Kraft der. Klaue und. Anklaae... Wie ein Blitz, durch- Wiener MorgerrzeLtriKA 3. August 1919 , Seite L * Der tlmitmi fit Ungarn. Demission des regiErenden Rates. — Ruhe im Land. — Romaneüi beantragt! WaffeustiKstand. — Das NegiernngsprogramM: Ordnung und innerer Friedens Kun nach Wien gefluchtet. — Selbstmord Szanmelys. Eine Proklamation über das Nsgiernngs-^. Programm. B u d a P> e st» 2. August. Kriegsminister % a ü. £» v i dj hat folgende. Proklamation an die Mitglieder: der bemafsneten Macht, gerichtet: - An die Stelle der bisherigen R e g i e v u n g ist eine Uebevgangsregierung getreten, deren Aufgabe ausschließlich dieWiedevherftellung von Ruhe nndOrdnnng «nddes inneren Friedens bildet. Kameraden! An erster Reihe könnt ihr dies gewährleisten. Dieses arme» schwer heimgesrrchte Land wird dankbar sein, wenn ihr jetzt die vollste Disziplin und Ordnunguntereinander ausrschterhalleL, denn dann wird sie auch im Lande gesichert fein. Ich habe.stärkstes VerLrarren zu Euch. Aber aus die, die dieser Aufforderung nicht'Folge Leisten, werde ich im Interesse der GesamtbsvölLesung m e L n e F a u st, mit der vollsten Strenge rriederfausen Lassen, ' DsMWyxr Lss rsgiLrsKÄerr Rates.' Budapest, 2. Äugnst. Das Amtsblatt meldet: In der am 1. August abgehaltenen Sitzung des ZentralarSeiterrates hat der r e g i e r e n d e R a t' d e r föderative n s o.z i alistischen Räterepublik s e i n e' D e m i sfr o. n angemeldet, die von dem Arbeiterwt ange^tommen wurde. Seklärrrngerr Harrbrichs. . Budapest, 2. August. lKorr.-Bnr.) Der K riegsminister machte, wre „Nepsavn" meldet, jedermann aufmerksam, sich D e m o n st r a t i o u e n ztl entbalten. Taktlosigkeiten dürfen weder von dxn Proletanern noch von den Bürgern begangen'werden. Die .e h rmaligen Offiziere m ö .g e n g a r. n i ch t daran denken, ihre D i st i u k l t o n e n a u f z u n ä h e n und niemand möge w e iß e F a h n e n hissen. ' Gegenüber einem Mitarbeiter des „Pestec Llopd" äußerte sich Kriegsininister H a u b, r i ch: In der Hauptstadt herrscht vollständige Ruhe. Die Truppen führen meine Befehle in vollstäudtger Diszipliu aus. Bei ihrer Verläßlichkeit und ihrem Dicusteiscr werde ich in der Lage sein, fürdie Anfrechterhaltung der Ordnung und der persönlichen. Sicherheit volle Bürgschaft zu übermhiucn. PeiÄlS ANfgabsn. ' : ' - Budapest, 2. August. Ministerpräsident Julius' Peidl äutzerte. sich einem Atttarbeiter der „Nepszava" gegenüber: Die wichtigste und nächste Ausgabe der Regierung ist, die i nnc,r e P r b n u n g zu wahren. Wenn es xemals notwendig war, daß jedennattn vollständige Disziplin und Selbstbeherrschung^ zutage treten lassen, so ist dies in den gegenwärtigen Zeitennnerhöht ein Maße notwendig. Arrs diesent Grnnde,gcht unser Bestrebemdahin, tz e derlei R u h e st ö r u n g z m v e r h i n d e r n und. die innere Ordnung ausrechtznerhälteu. Eine der nächsten Auf-, gaben der -Regierung istdie Ausnahme dew Be r-/ b a n d l u.n g e n m i t d. e r E n t e rr tjt*; Diesbezüglich sind alle -Verjngnngen , rlfolgt, so daß die Bevollmächtigten der- Regierung mit der, WüsfenstislstalidSrontmission die Verhandlungen in allernächster Zeit beginnen rönnen. Ich halte cs für äußerst nsichüg und bedeutungsvoll, daß j e b tt nt a n n aus fern tut. P o st e tr bleibe rrnd die A r b e i t e r r ä t e - ihre Aufgaben mit. erhöhtein Eifer versehen. Arrerksirrrrmg dev VeLorderuNgen der RLtersgisrmrg. ' Budapest, 2. .August. (Körr.-Bur.) Das Amtsblatt verösicnrlicht eine Berordtiung, derzüfolge alle bisher geltenden Gesetze, darunter auch s.ä m t l t ch e S e r o r d n u n g e u d e r R ä t e r e g i e rm n g, i n G e l t u n a b l e i b e n, bis dre Landesregierung sie ausdrücklich außer Kraft gesetzt haben wird. Der Titel des Atittsblaltes „Räterepublik" wurde abgcschafft. " Schutz-der Ausländer. Budapest, 2. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der Ministes des Aeußern A g o st o n erließ eine Verordnung in Angelegenheit! des besonderen Sch u tz e s d e r a u f ungaris ch er» Gebiete . befindlichen ausländische» Untertanen. Der Verordnung zufolge „darf in de» Wohnungen fremder Untertanen, abgesehen von Fällen von Straft dclikten, keinerlei behördliches Verfahren dnrchgesührt werdend Infolgedessen ist es jederutaun verboten, in den Wohuunge» fremder Staatsbürger irgendwelche R e q u i.s i t i o n e n o d.e'v sonstiges behördliches Verfahren vorznnehmen. Ausnahmen bilden allein die Ausforschungsorgane der; S t a a t s v o l i z e i, die im Falle von Strafdeliklen gemeinsam mit den Delegierten des F r e m d e n s ch u tz b u r e a u 8 dein ist er rums d e s A e n ß e r u in der Wohnung fxemder' Staatsbürger Aussorschungshandlaugen vornehmen-können. In sehr dringenden Fällen, die seinen Aufichub dulden, können btefe Polizeiorgane in den erwähnte» Wohnungen allein Vorgehen, haben jedoch hiervon unverzüglich dem Frcmdeuschutzbureau des Ätiursteriums des Aeußern Bericht za erstatten. . ri In den G c s ch ä f t s l o ck a l e n, I n d n st r r e - und Fabriksanlagen s,r entber St a a t s-j bürget dürfen ausschließlich die Delegierten des Fremdenfchntzbureaus des Ministeriums des Aeußern irgendwelches behördliche Verfahren vornehmen. Die durch das gewesene Volkskoninusfariat des Aeußern ausgestellten Legitimationen^ fremder - Staatsbürger,' beziehungsweise S ch u tz b r i e f e " bleibew weiter in Kraft. Es miüssen auch zum Nachweis der, fremdeni Staatsbürgerschaft .die Legitimationen und Pässe der zuständigen^ .chrsländischen Behörden angenommen.werden. - .V Großes Reinewache«. Budapest» 2. August.. (Korr.-Bur.) In allen wichtigere» Stellen sind schon Perfonaländerungen eingÄreten. Anstatt Komnnmisten wurden v e r l ä ß l i ck) e Sozialdemokraten eingesetzt. Die Roten Zeitungen wurden eingestellt, „Boros lljsag" erscheint nicht mehr. EKtwaffttimg der Lerrinbrrben. Budapest, 2. August. (Tel. der „Wr. Morgenzig.") Die terroristischen Lennibuben, die persönliche Garde Kuns, wurden gestern abend eutwafmet. Die frühere Polizei HM wieder den Straßendienst übernommen. *- Ruhe in Budapest. . . Budapest, 2. August. (Meldung des Ung. Tel.-Korr.-Bur) Ter Abgang der Rätcrcgierung wurde in Budapest mit gr o ß ev R uh e aufgenommeu.. Die Nachricht; von der Demission der Regierung verbreitete sich in den gestrigen Abendstunden, als die Plakate des Kriegsministers H a u b r i ch angeschlagen ,wurden^ . woüach jedermann um 8 Uhr abends zu Hause sein nriisse. Um fl°9 Uhr waren die Straßen ganz leer und die Patrouillen,- die durch die Straßen streiften, hatten nirgends Anlaß, einzu--;schreiten. Ueberäll herrschte vollständige Ruhe und! 'Or.djUUng. Es ereignete sich nirgends ein Zwischenfall. Die ' S. v i d a t e n s titb vollständig verläßlich. AnchsPie außerhalb der Stadt befindlichen Rote n G-a rb c «... : uMrten, sich, ohne cme besondere Einbenifung abzuwatten, in - den- Kasernen. Die A r b e i t e r v a t a i l l o n e stellten sich« gleichfalls -zur Vcrsügung, um nötigenfalls die Ansrechterhaltungj der R'iiht und Ordnung zu sichern. ' . ' i Die w i ch t i g-st eu ö ff tu tlich Fn Geb 8 nd e d e r S t a d t. die beiden T e l e.v ü o n z e n t r a l e n, die H a il vtpo st, das G.a s- und Elektrizitätswerk Mid s ä m t l ich e Bah n h ö-.f e waren stark besetzt. Der- Verkehr zwischen ihnen k'omtte unbehindert abgewickelt wcrd.en. Die gesamte Mannschaft der Roten WacheMrmgesähr 25.000 Mann, war -die ganze Nacht über in P e r m a n c n z. Lcdtzaftes Treiben herrschte bloß ans dem G i s'e l a p l a tz, w» sich im . ehemaligen Hotel „Z um König von U ngar n" die Rälimlichkeiten des .Kriegsministers H a u b r i ch "befinden, der gemeinsam mit dem G,eueralstabschef S t r o m f c l d die iivLlgen Verfügungen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung traf. Haubrich ist nach der Demission des Oberkonnnandanten Landler auch,mit der Leitung der Armee im Felde betraut worden. .fuhr es mich: Vor mir stand ein Prophet Israels. Seine laute Stimme, die ich noch in den Ohren hgtte, war der tausendjährige, gellende Ruf des Judentums an die Menschheit, der erschütternde Schrei in der Nacht. In der Wildheit seines Zornes riß der Prophet die Herzen derer, die um ihn waren, auf, rüttelte^ daran;, W'chlüg an sie,'-schlug aus ihnen, gleich den Funken aus üenr Kiesel, das Gewissen; schöpfte aus> "seinem Herzen, aus der Tiefe seines Volkes und warf an dieses zappelnde Gewissen »all das, was man seit Jahrhunderten an unsverbrachen. - Nicht. Nordau war es mehr. Vor mir reckte^ sich übergroß, sich erhebend das jüdische Volk selbst,' das ewige, das von den Wurzeln der Erde bis in den Himmel reicht und aus' den Worten des Mannes, seines^ Propheten, aus 'seiner Haltung, aus seiner Totenblässe, - aus seinen Augen voll Feuer sprach unser ganzes Leih und unsere ganze Hoffnung, wie einst und immer. So war -Nordau der Rufer und Banirerträger. ° Er begann seine jüdische Roll^ an dem Tage, als er sich Herzl nnterlvorfen hatte, gleich im Anfang! des Herzlschen Planes. Daß er dem eben geborenen Zionismus sofort, ohne Rückhalt, zu Gevatter gestanden, war das Schöne und Große; war das erste Verdienst Nordaus mns Volk. Es war eine Tat, bestimmend für das beginnende Schicksal der jüdischen-Beivegung.- Bei jenenr Zusammensein zwischen den zwei Männern, dem jugendlichen Neuerer Herzl und dem älteren Freunde, kannte Herzl, 'trotz des außerordentlichen Hochgefühls doch von Mißtrauen gegen sich selbst ersi'lllt, von jenem Mißtrauens das keinen verschont, der geistig schafft, das besonnene, kalte, oft erbarmungslose nnd' tödliche Urteil Nordaus, und es galt ihm um so höher. Wäre das Urteil des weißhaarigen Nordau überden soeben vorgelesenen Judenstaat anders gewesen, hätten die darin entwickelten Gedanken, welche so fernab von dem bisherigerr Leben beider lagen, ein Lächeln auf seine Züge gebracht, wer weiß, ob Qerzl den Mut für den weiteren Weg -behalten hätte? Aber Nordau hatte schon am Anfang der Vorlesung begriffen, während der Lektüre geurteilt und an ihrem Ende beschlossen. In der kürzen Spanne, in bat wenigen Minuten hatte! er Len weiten' Weg zum Judentum zurückgefunden^ das lose Band' Mit seinen Ahnen wieder geknüpft, war vom einsamen, alleinstehenden,- unabhängigen; sich ge», nügendeu,' UiemaNdem Untertanen Nordau ein Gefolgsmaim geworden, ein Soldat in der Rckihe, der einenpf Führer, DiLm Schöpfer von etwas ganz Großem, sich!, freiwillig.sieigte, hätte sein Leben anders. ausgebaut/ ihm einen neuen Inhalt.und ein neues Ziel gegeben.«! ' Als Herzl den „Judenstaat" zu Ende gelesen und' fragend zn.Hiordau aufblickte, hatte dieser kurz und entscheidend gesagt: „Ich bin Ihr Mann." -' Was das für Herzl bedeutete, wird jedeNl klar, der ihn kannte. Herzl war die Figur des Jirtellektu-- ellen, des Nur-Jntellektuellen, der vom Potential des. Geistes, von dessen Allgewalt ganz durchdrungerr war.' Der Geist alleist Kraft, Energie und Erfolg. .Er? / beherrscht die ganze Materie, wirft alles Hindernis! über den Haufen, das sich ihm in den Weg stellt.! Das war die Maxime. Und hier hatte Herzl' gleich! am Anfänge' seilreS nmstürzlerischen - Vorhabens einen Mann überzeugt - und gewonnen, von dessen geistiger Stoßkraft-er> Herzl, trotz der hohen Eülschätzmrg seines! eigenen Selbst, einen gehörigen Respekt hatte. So? torr also dieser ^ganze Plan des Judenstaates, dieses Auffassung des Judenprvblems, keine LächerlickMit, vor der er sich am meisten fürchtete, sondern bcstäird selbst! die Kritik eines ganz besonders gescheiten, ungeheuer belesenen, scharf urteileudeü Intellektuellen. Bestand' vor Nordau! ' j ' Als die Monate seit dem Erscheinen des sonders baren Buches folgten und nur wenige Geistesjuden der' : Revolution im Judentimre sich arrschlosseir, xrls diel Meisten Spitzen sich feindlich, trotzig oder abtvarjxmd' Verhielten, als der übe'i-stoke und.. verfeinerte.Westler.