Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 194 (3.8.1919)
- Date
- 1919-08-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Sonntag , Wiener Morgenzeituug -_ 3. August 1919 Nr. 194 Eine Donanföderation. W l en, 3. August. Es ist das Schicksal richtiger aber manchen Kreisen unbequemer Ideen, eine Zeit lang totgeschwiegen, später entstellt zu werden, um schließlich nach harten Kämpfen siegreich zum Durchbruch zu gelangen. Eine solche Idee ist auch die unter verschiedenen Namen auftauchende Anschauung vgn der Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Donau- und Balkanvölker mit Rücksicht auf ihre ethnische Siedlung, ihre geographische Lage, und vor allem unter dem Gesichtspunkte ihrer gemeinsamen wirtschaftlichen 'Lebensbedingungen. Seit Jahrzehnten Haben hervorragende Männer der. verschiedensten Nationen und 'Weltanschauungen die Notwendigkeit speziell des staatlichen Zusammenschlusses der Völker der früheren österreichisch-ungarischen Monarchie betont, beziehungsweise den' föderativen Anschluß des Balkans an dasselbe gefordert. Unter diesem Gesichtspunkte schrieb noch vor einem Jahrzehnte der serbische Schriftsteller A. Petrovic: „Oesterreich war nicht, es wird erst sein, was es sein soll und was es fein muß, ein Hort der Freiheit, sozialen Gerechtigkeit und nationalen Autonomie aller seiner Reichsvölker." Die nationale Autonomie verstanden allerdings die nichtdeutschen und nichtmagyarischen Völker des ehemaligen Donaureiches .nicht im Sinne der deutschen Politiker, sondem * als identisch mit der Idee der nationalen Föderation, wobei allerdings die Anschauungen über die Föderation zwischen Nord- und Südslawen und diesen untereinander noch ' heute sehr auseinandergehen. Aber auch die radikalsten der slawischen Parteiführer — vielleicht mit Ausnahme der Polen — erklärten in wiederholten Diskussionen dem Schreiber dieser Zellen noch im vorigen Winter, daß ein mitteleuropäischer Staatenbund nicht nur notwendig, sondern auch wünschenswert sei. Ein hervorragender tschecho-slowakischer Parteiführer, welcher jetzt auch Minister ist, trat sogar für die Einbeziehung Polens, der Ukraine und Rumäniens in diesen Staatenbund ein. Diese Föderation scheiterte in der Vergangenheit an dem Widerstände der deutschen und magyarischen . Dualisten und ihrer Verbündeten, der polnischen Schlachta sowie ihrer assimilatorisch-jüdischen Anhänger, zum nicht geringen Telle auch am preußischen Junkertum welches in der magyarischen Oligarchie feinen verläßlichsten Bundesgenossen im ehemaligen ^onaureiche erblickte. * Tempora nmtantar, et nos muianaur cum iilis! Die' früher herrschenden Schichten des magyarischen Volkes, welche ein Haupthindernis jeder Föderation der Donauvölker bildeten, die sogar alle Angehörigen der nichtmagyarischen Völker, Slawen, Rumänen und Deutsche als Hochverräter am magyarischen Staate- und der magyarischen Nation bezeichneten, dieselben magyarischen Volksschichten, die „Los von Oesterreich!" riefen, sie flüchteten vor einer ungarischen Regierung nach Wien. Wie lange ist es denn her, daß Aurel Popovici, der Verfasser des Buches „Die vereinigten Staaten von Großösterreich*, das in sehr wesentlichen Gesichtspunkten — wenn auch nicht in allen — mit den Schriften des neuen Staatssekretärs des Aeußern, des deutschösterreichischen Staatskanzlers Dr. Karl Renner seines der wenigen großzügigen Politiker Deutschösterreichs). übereinstimmt, von der magyarisch-oligarchischen Regierung unseligen Angedenkens samt einer Reihe von anderen mngarischrumänischen Politikern wegen Hochverrats zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt wurde! Nun haben sich aber alle diese Nationalstaaten, die Aurel Popovici vorschlug, Tschecho-Slowakien, Deutschösterreich, Polen, Ungarn, Jugoslawien usw., wenn auch infolge her Verbohrtheit des größten Teiles der deutschen- und magyarischen Parteiführer und infolge des verlorenen Krieges der Zentralmächte unter ungünstigen terrllorialen und wirtschaftlichen Bedingungen für das deutsche und magyarische Volk gebildet, aber die Idee der Donaukonsödemtion, sie lebt nun in neuer Form wieder auf und sie ist vielleicht heute nur noch der einzige Ausweg, um dem sich immer emeuemden Kleinkrieg in und zwischen den im Dongubecken entstandenen neuen Nationalstaaten, ihrem wirtschaftlichen Zusammenbruch und einer Reihe neuer erbitterter Kämpfe zwischen Germanen, Slawen und Romanen — vielfach auf dem Rücken der Juden — einen Riegel vorzuschieben. * Der Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland, der übrigens nicht unter, allen Umständen, wie Dr. Naumanns „Mtteleurypa* beweist, im Gegensätze zu einer Donauföderation stehen muß, kann vorläufig, wenn nicht unerwartet neue Ereignisse , die ganze politische Lage Europas Umstürzen, als abgetan betrachtet werden. Damm bleibt Deutschösterreich nolsnswolens nichts anderes übrig, als klar und deutlich die nationalen und wirtschaftlichen Bedingungen zu formulieren, unter welchen es in eine Donaukynsöderation eintreten würde. Geschieht dies nicht in Wien in einem Momente, wo Dr. Karl Renner, einer der wenigen Politiker, welche das österreichische Problem verstehen, das Staatsmder lenkt und in welchem in Prag Vlaftimir Tufar Kabinettschef ist, der Dr. Karl Renner naher steht,- gls mancher andere tschechische Politiker. dann ist der Moment zur Befreiung Deutschösterreichs aus seiner trostlosen wirtschaftlichen Situatiort, aber auch für Tschecho-Slowakren eine aeeig- Der neue Kurs in Ungarn. Erklärungen des Ministers des Aentzer« Agoston. der Demokratie verpflichten wir uns Verfassnngsentwurses 'Httdapest, 2; August. (Ung. Tel.-Korr.»Bur.) Minister des Aeußern, Agvstyn, machte vor den Vertretern der ausländischen Presse folgende Aeußerüngen: Unsere'außenpolitische Lage ist gegeben mit dem Schritte, mit welchem wir erklärt haben, daß wir unbedingt den Frieden wünschen. Vom Rätesystem gehen wir zum System über. Gegenüber h>rr.Entente zur Ausarbeitung eines neuen und zur Einberufung der konstituierenbm Nationalversammlung. Den politisch Verurteilten erteilen wir eine Amnestie. Die neue Regierung, steht ans dem Standpunkt der Aufrechterhaltung der Sozialisierung.. Den Umfang der Sozialisierungen wird jedoch nicht das Kabinett, sondern die konstituierende Nationalversammlung zu bestimmen haben. Die sozialisierten Betriebe werden bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung im Dienste der Gesellschaft produktiv bleiben, insofern deren Sozialisierung den Prinzipien gemäß und nicht auf Grund individueller Aktionen einzelner vorgenommen wurde. Im' übrigen verfügt die heute ausgegebene Verordnung Nr. 1 der neuen Regierung ausdrücklich, daß alle bisherigen Verordnungen des regierenden Rates in Geltung Meibe«, bis die Außerkraftsetzung ausdrücklich erfolgt ist. Der in der verflossenen Nacht 'abgehaltene Minister rat konnte sich nur mit den dringenden Fragen der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und dem Problem der Sicherung der öffentlichen Ernährung befassen. * Die Absicht der Entente uns gegenüber erhellt daraus, daß sie mit der neuen Regierung den Waffenstillstand sofort abschließt und die FricdonsvexharchlumgM beginnt, * Zur Einstellung der Feindseligkeiten wurden bereits im Laufe der Nacht Maßnahmen getroffen, indem Oberst Romanelli, der Leiter der italienische^ Mlitärmission und der alleinige Vertreter der Entente! in Budapest, Offiziere im Automobil zum rumänischen Armeekommandv gesandt hat' mit der Weisung, daß,' die Feindseligkeiten sofort ein zu stellen sind. In diesem Augenblick ist dies wahrscheinlich bereits erfolgt« Was die Aufhebung hier Blockade anbelangt, so enthält diesbezüglich das Manifest Roma» nellis eine Mitteilung, und in deren Ergänzung bemerke ich, daß sich die Notwendigkeit der Aufhebung der Blockade, beziehungsweise die Linderung derselben durch die Ententemission in Wien, im Laufe der seit längerer Zeit im Zuge befindlichen Verhandlungen stets betont habe. Diese Verhandlungen charakterisieren übrigens eine g «wisse Zu Vorkommenheit. Die Entente macht mit der Szegedinegegenrevvlutionäreu Negierung keine gemeinsame Sache und scheint mit ihr auch in der Vergangenheit nicht in Verbindung gestanden zu sein. Was die Zusammensetzung der neuem Negkexnng anbelangt, so ist dieselbe, wie dies aus der Ministerlistv ersichtlich ist, eine rein s o z i a l i st i s ch e. Jene. Mitglieder, welche auch an der früheren Regierung teflnahmen, wollte die Entente selbst im neuen Kabinette, sehen. . Unsere ' ' , 7.. Beziehungen zu Oesterreich haben sich bedeutend gebessert, obwohl dieselben auch in der Vergangenheit nicht von Antipathie geleitet wurden. Wenn die zwischen uns bestehenden guten Beziehungen durch einzelne Umstände gestört wurden, so war hieran weder Oesterreich noch Ungarn schulh. Das Wesen der ganzen System and er ung besteht darin, daß wir mit der Aufhebung der Diktatur zur reinen Geltendmachung der demokratischen Parteizwecke übergehen. Die nahe Einberufung der Nationalyersammlung wird die Kursänderung bokumentteren. - BSflfi9BOBBD90E9BKBttD nete Gelegenhell für den deutsch-tschechischen Ausgleich versäumt. Die Nationaljltden aber, die schon im alten Oesterreich-Ungarn auf Grund des Krakauer Programmes für eine Völkerföderation durch Jahrzehnte eintraten und welche durch den Zerfall des alten Oesterreich-Ungarn infolge Zerreißung ihres Volkstums sowie der gegenseitigen Absperrung der einzelnen Nationalstaaten mehr als jehes andere Volk in ihren Lebensinterefsen aufs schwerste geschädigt wurden, müssen daher alles sympathisch begrüßen, was die Annäherung und den Zusammenschluß der Donau- sowie Balkqnvölker fördert. Internationaler Gerverkschästskongretz. Gegen die Bestimmungen des Friedensvertrages. Alllfterdam, 2. August. (Korr.-Bur.) In der heutigen Sihnna des Internationalen Gewerkschaftskongresses wurde die von der zweiten Kommission unterbreitete Resolution beraten. In dieser Resolution wird zum Ausdruck gebracht, daß der Internationale Gewerkschaftskongreß in Amsterdam die Fragen der Arbeitergesetzgobung, die in den Friedensvertrag ausgenommen wurden, nicht als Ansdruck der Forderung der Arbeiterklassen aller Länder anerkennen könne. Im einzelnen werden die Unterschiede, die zwischen den Paragraphen des Arbeiterabkommsns im Friedens«ertrage und dem von den internationale« Gewerkschastsorgänisationen gebilligte» Berner Programm vom Februar ISIS bestehen, dargelegt. Dieser Unterschied betrifft 1. die Arbeit von Kindern und Jugendlichen, 2. die Frauenarbeit, S. den Achtstundenarbeitstag, 4. die Herabsetzung der wöchentlichen ununterbrochenen Ruhezeit von mindestens 32 Stunden ans 24 Stunden im Friedensvertrag, 5. die Heimindustrie, 6. das Dereinsrecht, 7. die Arbeit von Ausländern. Afl. Der Vertrag über de» Minoritätenschutz in Pole«. Von M. Henifch. Der zwischen den alliierten Mächten mrt> Polen geschlossene Vertrag über den Schutz der durch Raffe, Sprache oder Religion < sich unterscheidenden Minoritäten bildet naturgemäß in Polen; den Gegenstand des lebhaftesten Interesses. Während aber die poli nische öffenckiche Meinung fast ausnahmslos diesen Vertrag als ein ' ' ungewöhnliche jüdische Privilegium hinzustellen sich bemüht und viele - darin sogar eine Gefahr für Polen erblicken' zu müssen glauben, ist man aus.Seite der Inden in der Beurteilung dieses Dokumentes [ zurückhaltend, obgleich auch auf dieser Seite diesem eine mehr; oder minder hohe Bedeutung nicht abgesprochen wird. Um jedoch einen Begriff von der tatsächlichen Bedeutung dieses Minoritätenschutzes zu gewinnen, wird es nötig sein, das diesbezügliche öffentlich-rechtliche Dokument einer genaueren Prüfung zu unterziehen, um festzustellen, was es dm Juden gibt und was es ihnen verweigert. ' - . Zunächst wird man bei dieser Betrachtung dm Monvenbericht C l e m e n c e a u s zu diesem Minorckätenschutzvertrag ins Auge fassen müssen. Nicht bloß wegm der Eigenschaft seines Interpreten als Vorsitzenden der Friedenskonferenz, sondern, auch weil dieser Bericht in kurzen Sätzen klar ausdrückt, was der Vertrag den Juden sichert und was er ihnen verweigert. „Die betreffenden Klauseln" — heißt es in dem Bericht Clcmenceaus an Paderewski — „wurden aus das Minimum dessen-beschränkt, was bei den gegenwärtigen Umständen nötig erscheint: auf die Aufrechterhaltung' der. jüdischen Schule' und den Schutz der Sabdatruhe." Weiters: „Sie — die Klauseln — bedeuten keine Anerkennung der Juden als eigenen politischen Körper im polnischen Staate." Was zuvörderst das Minimum, das der Vertrag den Juden sichert, anlangt, so wollen wir davon absehen, daß der erwähnte Motiveniericht auch der Schulautonomie einen religiös e n Charakter geben will, indem er die Aufgabe der Schicken darin sieht, den Kinderti den „religiösen Einfluß" zu erhalten, »an welchen sie von Haus aus gewohnt sind". Aberder Artikel lX fordert " ' " " ' den Unterricht in der eigenen „angemessene ErleikPerunaen" durch de Sprache bloß für die Element Die internationale Sozialisierung. Saint-Germain, 2. August. (Korr.- Bur.) Der Spezialberichterstattev des „Journal" in Luzern vernimmt, daß die englische Labour Party einen Play für die Gesundung der europäischen Finanzen ausgearbeitet habe, der sich ans gewisse Grundsätze internationaler Sozialisierung stütze und großes Aufsehen erregen werde. also ganz außer acht gelaffen, daß es noch andere Schulen gibt, dl? düse angemessenen sprachlichen Erleichterungen erheischen, wie zum Beispiel professionelle oder Handelsschulen. Aber apch eigene jüdische Mittelschulen sind unter Umständen eme Notwendigkeit, wie dies die in Lemberg nach dem Pogrom spontan entstandenen jüdischen Schulen bewiesen haben. Und diesen Schulen soll gar die staatliche Dotierung verweigert werden? - Abfv auch das Wenige, was der Artikel IX den Inden gns, dem Gebiete des Unterrichtswesens sichert, schwächt der folgende Artikel stark ab. Gemäß Artikel X fällt nämlich die Verteilung deproportionrllen Teiles der Gelder, Pie aus den öffeisistchxlt Mitteln für die jüdischen Schulen bestimmt sind, ebenso bte ganisation und die Leitung dieser Schulen den „pon den jüdisches. Gemeinden in Polen eingesetzten lokalen Sckulkömitees" unter der allgemeinen Kontrolle des Staates zu. Also keine zentralejüdische Schulbehörde, sondern lokale Schptkonntecs, die obendrein! von den gegenwärtig mm großen Teil sn assiimlgtprjschcn Hgich^r befindlichen jüdischen Gemeinden eingesetzt werden sollenBedeutet dies nicht eher eine Gefährdung des jüdischen elementaren' Schulwesens als den Schutz desselben? Schr minimal sind auch die Konzyssioney in der ^ahlnth? singe. Diese Frage hat für die Juden neben dkp tttig'.yscii auch eine Ökonomische Bedeutung. Disaüdische Bevölkerung in Polen, zirka 14 Prozent der Gesamtbevölkerüng, rubt am SamSlag und wird durch die vorgeschriebene Sonntagsruhe wntschMich schM geschädigt. Dse diesbezügliche, Forderung der jüdischen Friedensdclegation in Parts lautete bemngck,: „Dieicuigdr Personen, die einen anderen Rnhetag als Soiinrag baben. können chcht gezwungen werden, an diesem Tag oder an >!imi Feiertagen zu arbeiten, was gegen die religiösen Vorschiistcn veistößt; sie sollen auch nicht gehindert werben, am Sonntag öder an den ayderen Feiertagen ihrer Veschäfklgung nachrugck,cn." Waö gber den Inden durch lhen Artikel Xl gstichcrt wird. -ft. d ft sie zu einer Verletzung des Sabbaih durch ftcrichcliche Hgiidlnilgen! nicht -gezwungen und daß für einen Samstag allgemeine ober ' lokale Wahsim «cht apsgeschrreben werden dnrsen. Van hc,t Hidi-