Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 194 (3.8.1919)
- Date
- 1919-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Aus den Nachrichten, die bis zur Stunde über die Vorgänge in Ungarn . eingelaufen find, läßt sich noch immer Lein klares Bist) därüber gewinnen, auf welcher Linie sich die innere Politik dieses Landes in der nächsten Zeit vollziehen wird. Die neue Regierung, die, wie schon gestern bemerkt, auch Mitglieder der Räteregierung umfaßt, hat in ihrem Antrittsmanifest die Ablösung des Kunschen Systems als eine Forderung der Entente erklärt, ohne 'sich aber darüber auszusprechen» wie sie sich selbst die weitere Entwicklung denkt. Sie will sich aus die organisierte Arbeiterschaft stützen und laßt die verschiedenen Sowietkomitees, die die Herrschaft Kuns sichern sollten, auch weiter im Amt. Es ist aber doch nicht zu verkennen, daß dem Willen der Entente, die eine aus allen Kreisen der Bevölkerung gebildete Regierung wünscht, entsprochen werden wird. Wenn auch das Kabinett Peidl ausdrücklich alle Verordnungen der Räteregierung anerkennt, so ist doch zu. erwarten, - daß im Zuge der weiteren Verhandlungen mit den Ententestaaten auch hierüber Klarheit geschaffen werden wird. Es handelt sich der neuen Rehierung lediglich, darum, in keiner Weife ein Vacnupi eintreten zu lassen und Erschütterungen des öffentlichen Lebens soweit als dies möglich zu vermeiden: Die Aufgabe der neuen Regierung ist, wie der Kriegsminister Haubrich in einer Proklamation an die Ärmef mitteily ausschließlich die Wiederherstellung der Ruhe, Ordnung und des .inneren Friedens. Dieses Programm ist bei derr gegenwärtigen Verhältnissen in Budapest und im übrigen Ungarn so umfangreich, daß es die ganze Arbeitskraft der neuen Minister -in Anspruch nimmt. Wenn auch tzegenwärüg.in Budapest selbst vollste Ruhe herrscht so ist doch damit zu rechnen, daß sich die Kommunisten, trotz der Flucht Bela Kuns, dem die deutschösterrcichische Regierung Ms Verlangen des Präsidenten Seitz das Asylrecht gewährt und als Aufenthaltsort das Städtchen Drosenoorf zugewiesen hat, nicht geschlagen geben werden, sondern, unbelastet von der Verantwortung der Re-?lierung, eine womöglich noch stärkere Agitation entölten werden. Natürlich ist auch die Reaktion, deren Hauptquartier sich in Szegediu befindet, eifrig am Werk, um die Situation für sich auszunützen und unter der Maske der Sammlung des Bürgertums ein klerikal-monarchistisches Regime auszurichten. Die ganze Sippschaft von davongejagten Grafen, Magnaten und Falschspielern, die sich bisher in Wien breitgemacht hat, wittert Morgenluft und rüstet sich zur Abreise nach Budapest, um dort das wieder zu beginnen, was man früher einmal in Ungarn Politik genannt hat. Es wird außer ein paar Wucherern und Kellnern niemanden in Wien geben, der diesen Leuten eine Träne nachweinen wird. Aber man muß doch den Ungarn vhm Herzen das Beileid ausjpcechen darüber, daß sie wieder mit der Anwesenheit dieser Drohnen beglückt werden. Sie arbeiten alle einander in die Hände: Bolschewiken, Kommunisten, Putschisten und Monarchisten. Das Bürgertum und die vernünftig denkende Arbeiterschaft bleibt in der Mitte und wird von den sich drehenden Mühlsteinen zerrieben. Die sozialdemokratische Arbeiterschaft ist in Ungarn lehr schwach, das Bürgertum vollkommen desorientiert, durch die viereinhalb Monate der Kunschen Herrschaft verelendet und bcprauiert; es kann also kein Zweifel daran bestehen, daß die Zeit für halbwegs normale Zustände nur sehr langsam reifen wird. Durch den Sturz Kuns ist aus dem Fundament des Luftschlosses, das der Bolschewismus der Leninschen Richtung ausbauen wollte, ein Eckstein herausgebrochen worden. Die Rückwirkung des Budapester Ereignisses auf Rußland wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es scheint übrigens schon jetzt der Umschwung sich anzudeuten. Nüch einer Stockholmer Meldung der «Vossischen Zeitung" finden in Moskau Verhandlungen statt, die daraus hinzielen, die Diktatur Lenins in ein Regierungssystem umzuwandeln, das eine Verständigung mit der übrigen Welt ermöglichen könnte. Diesen Umschwung hat Lenin selbst durch seine bekannte Rede herbeigeführt, in der er die Heranziehung des fremden Kapitals für unumgänglich notwendig erklärte und damit, eigentlich schon den. Zusammenbruch seiner Idee notifizierte. Daß sich das Rätesystem in Rußlandso lange erhalten konnte, liegt in den Verhältnissen des Reiches begründet, dessen vorwieo?,ld (tnrorifchev (£hat aller das Sowiettecüme eiaent- Wilson für Derrtschlmrd. Amerika steLL keine ErrLschMgMgsansprüche. b Saint-Gevmain, 2. August. (Korr.- Bur.) Nach einer Meldung der „Chicago Tribüne" haben die Mitglieder der Senats- Kommission für auswärtige Angelegenheiten erfahrPt, daß Amerika zwar nach dem Friedensvertrag berechtigt fei, Entschädigungsansprüche an Deutschland zu stellen, daß Präsident Wilson es jedoch aLgelehnL h a b e, diese Forderungen geltend zu machen. AmerikK hat keinsn Getreide-, Überschuß. Die Ausfuhr nach Europa irr Frage gesteAt. . B e r I1 „Vorwärts" meldet ans Kopenhagen: Nach Meldungen ans Washington hat die kaum dägewesenen Hitze und Trockenheit die Ernteaussichten unendlich verringert Nnd den Ausfuhrüberschuß f n r E n r o p a f a st v e rrrrchLet. Die Mais- und. Baumwollernte hat bedenklichen Schaden erlitten. Der Preis für Mais erreichte eine bisher nngekannte Höhe. Blutige JusuMMLustöße iu Basel. .» Kämpfe zwischen Militär und SLreikenden. / Basel, 2. August. (Schwerz. Dep.-Agdnt.) Dev Streik ist in der ganzen Stadt fast allgemein. Gestern gegen Abend kam es zu verschiedenen Zusammenstößen zwischen der Polizei und den streikenden Sozialisten^ wobei oier Personen verletzt wurden. Als die Demonstranten den Versuch machten, eine von den bürgerlichen Parteien in das Stadtkasino einberufene Volksverfammlung zu verhindern, ereigneten sich, neneZwrschenfäile. j Als die zur Aufrechterhaltung der Ordrmng sufgebstenen Soldaten von extremen Sozialisten mit einem Steinhagel! emHfangen wnrden, feuerten ft e i ch s r f, jedoch in die Lust. Gegenwärtig der Stadt Mäichinengewehre äUfgMMt. ' Tote und Verwundete. Bafel, 2. August. (Schweiz. Dep.-Agent.) Bef einem Znsanlmenstotz zwischen jungen Burschen! und einem Militärauto, wobei die Burschen! Steine gegen das Auto warfen, worauf deffen! Insassen Feuer gaben, wurden zw ei! Personen getötet«nd fünf vor»! wnndet. V lief) nur auf die Städte beschränkte. Der Bankerott Lenins muß in dem Augenblick zur Tatsache werden, in welchem durch den Zusammenbruch Ungarns Rußland vollständig isoliert ist und sich fast wehrlos der Entente gegenübersieht, die. ihren Budapester Sieg natürlich wird ausnützen wollen. Die Hilfe, die Lenin, und Trotzki in bombastischen Funksprüchett Vela Kun zusagten, als er Ende März Budapest mit seiner Regierung überraschte, ist keinen Moment lang in die Erscheinung getreten, konnte dies auch nicht,-' da die Sowietregierung über keine Armee verfügt, sondern nur über Landsknechtshausen, die aus ungarischen und deutschen Kriegsgefangenen bestehen und sich heute für Lenin, morgen für Koltschak schlagen. Die innere Morschheit eines Systems, das sich nur aus roheste Gewalt und^ Korruption stützt und seine Wurzeln aus der seelischen Verwilderung der dukch den Krieg zermürbten Bevölkerungsmassen zieht, hatte sich schon längst gezeigt. Seine vollständige Enthüllung. mußte in dem Augenblick eintreten, der die Hoffnung aus die Weltrevolution enttäuschte und die Unwahrheit des Schlagwortes von der internationalen Solidarität erwies. Schon der Krieg hat gezeigt, daß diese Internationale nicht besteht. Nirgends. hat im Sommer 1914 die politische Führung des Proletariats auch nur einen ernsten Versuch gemacht, sich den Leidenschaften der imperialistisch verhetzten Massen entgegenzustellen. Die Sorge um das „bedrohte Vaterland", die die Herrschenden in allen Ländern den Menschen zu' suggerieren vermochten, drängte den Gedanken der klassenbewußteu Solidarität zurück. Dieses Versagen, einer der wichtigsten und elementarsten Lehren des Marxismus hat einerseits die beherrschende Stellung, der deutschen Sozialdemokratie vernichtet, andererseits zu einer geradezu grotesken Verwirrung im Proletariat Europas geführt, von der sich nur die englischen Gewerkschaften freigehalten haben, die sich nun anschicken, das Erbe der deutschen Sozialdemokratie» das ist des Marxismus, cmzutreten. Der französische Arbeiter, der aus den Friedensverttäaen herauslies:, daß in Zukunft der deutsche Arbeiter für ihn. bezahlen werde, sieht darin keinen Grund, die Solidarität zu! bekennen. Er streikt nicht, . um den Gewaltfrieden guj verhindern, sondern nur, um seinen Bruder oder Sohltz bald wieder aus der Kaserne zu befreien. Das Schicksal! Deutschlands oder Deutschösterreichs geht ihm wohll menschlich, aber nicht politisch nähe. Es ist ' ja noch! nicht so lange her, daß wir gesehen haben, wie! die Generalstreikparole, die aus dem letzten- Wiener Aätekongreß wie ein Gespenst durch! den Saal des Abgeordnetenhauses wandelte, in! der Stunde, da sie sich erfüllen sollte, in Nichts auf-' löste. Die Kommunisten hatten auf Italien und Frank-, reich vertraut und streikten schließlich in Wien und! Wiener Neustadt für die Demobllisierung der Entente-' Heere und fiir das Rätesystem in Moskau und Budapest.! Das ttagijche Schicksal der Isolierung der deutschen! Sozialdemokratie trifft nunauch die radikalsten Be-' kennet des orthodoxen Marxismus: Nach Kun, nach' Toller kommt nun Lenin daran. Viele Träume, die! in Wien gehegt worden sind, werden nun in der! Blüte geknickt und es wird wieder Raum für di< Vernunft, die lehrt, daß eiye zerstörte Wirtschaft, ein! insolventes Unternehmen nicht kommunisiert werden! kann. Es wird wieder Raum für Arbeit und Aufbau.! Die erste Voraussetzung aber hierfür ist die baldigste! Herstellung des . Friedens und die Bestimmung^dex Grenzen und Verpflichtungen des Staates. Jeder Monat' der Verzögerung stiftet schweren Schaden und vermehrt die Unsicherheit, die angesichts der Kohleunot,! der Lebensmittelsorgen und des-kommenden Winters' qualvoll auf der ganzen Bevölkerung liegt. Wenst wir nicht bald zur Arbeit'kommen, dann nützt sich alle Geduld und alles Verständnis ab und die Straße beginnt wieder zu reden. Die Entente, muß für Lebeysmittel, "für Kohlen, für Rohstoffe,' für Arbeit sorgen. Dies gebietet nicht allein der-Älltruismus,' der auf der Welt sehr selten geworden ist, sondern der Egoismus des Gläubigers, der' nickt mit denn Schuldner zugrunde gehen will. -