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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-29 · Heft 189 (29.7.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 189 (29.7.1919)
Date
1919-07-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. iöfc .Wien, Dienstag Wiener MorgenZeirrmg •«T Inland. NatisNalver?KMml«Kg. Wien, 29. Juli. Das Hauptinteresse der gestrigen Sitzung konzentrierte sich auf >die große Rede des Staatssekretärs für Finanzen Dr. S ch u m p e t e r, die wir an anderer Stelle bringen, und in der er ein tristes Äild.. unserer > Finanzlage entwarf.. Wenn keine Einflüsse ungerechter Art von außen kämen, würden — so führte er ans — wir in drei Jahren harter Arbeit unser. 4 Milliqrdendefizit ver- 1 i e r e n k ö n n e n. Diese Hoffnung wird aber durch den Friedensvertrag trügerisch.. Von Interesse war ferner, daß der Finanzmimster die V e r m ö g e n s a b g a b e nur auf 800 Millionen v eranfchlagt h at. Bei der Erwcihnung dieser Tatsache meinte er, daß'seit Bekanntwerden der finanziellen Klauseln die fremdländischen Staatsangehörigen plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießen. Abgeordneter Stöcker, der großdeutsche „Salonbauer", rief: „Die polnischen Juden!" Abgeordneter Stricker replizierte sofort schlagfertig: „Sie haben es ihnen i a' v er boten, daß sie das deutfchösterreichifche Staatsbürgerrechterwerben!" i Einen großen Erfolg erzielte Abgeordneter Stricker in der Frage der beabsichtigten Ausweisung fremder Staatsangehöriger, die dank feinen wiederholten Interventionen zufolge^ vom Staatssekretär Eldersch fallen gelassen wurde. Wir berichten darüber ausführlich gleichfalls an anderer Stelle. Die ührige Tages- . ordnung wickelte sich vor halbleerem Hause glatt ab. .. Nachstehend der Sitzungsbericht: Präsident Seitz eröffnet die Sitzung um 3 Uhr. , An Stelle der Abgeordneten Schraffl und Schumacher werden Gmchtsvorstand tn Windffch-Matrei, Dr. H ahn, und Dr. Leopold Molinari in Lienz als Abgeordnete einberufen. Vom Staatssekretär für Finanzen wurde das Finanzgesetz samt Staatsvoranschlag für das Jahr 1910/20 ein* gebracht. Hierauf hielt Staatssekretär Dr. Schumpeter seine Budgetrede, die wir im volkswirtschaftlichen Teile reproduzieren. Sodann wird zur Erledigtmg der Tages ordnu« g geschritten. Erhöhung der NnterhaltSbeiträgo. ft Abgeordneter Skaret (Sozialdemokrat) referiert über die . l.-Krhattsbeitragsnovelle. Diese Novelle sicht durchgängig eine Erhöbrmg alZ Zuschuß zu den derzeitigen Unterhaltsbeiträgen vor. - Abgeordnete Frau P r o f t (Sosialdemokratm) erklärt,diese Vor* , läge war notwendig, weil die Zustande pmialtbar waren. , Abgeordneter Dr. Innerer (D.mtsmnativml) erklärt, .. “ er Kriegsgefangenen halten m der Lage die erhöhte Unterstützung bet cj gchö sei für jene notwncdrg, die sich icht sind. > . J >. , Nachdem noch der Abgeordnete S t,f l ck e r das Gesetz men. Muffes über eine betreffend Kreditbefürwortcte, wurde die Vorlage a i gen -Desgleichen der. Bericht Uä Fu Zuschrift des Staatssekretärs für %bu\\ Operationen. i . . Sicherung der BermögsKsabgabe. Abgeordneter S ch i e g l (Sozialdemokrat) referiert über die Rechtsfolgen von Uebertretungen der Vollzugsanweisungen über die Anmeldung gewisser Vermögenschaften uud die Sicherung der Bermögensabgahe. (Angenommen.) . , Jüdisch« Volkspolitik zu machen ist schwerer als jede andere. Die Interessen der /Völker stehen einander' schroff gegenüber und wer - sein eigenes wahren will oder auf Erwerbungen ausgeht, der mutz Bündnisse suchen und Gruppen Betete«. Uns ist diese einfache und bewährte Methode versagt, denn jede Macht hat ihre Juden, die ihr gewissermaßen als Geisel für das Judentum dienen, und wir können nicht für eine verbündete Gruppe ober Regierung Partei nehinen, ohne unsere Brüder, die in der Gewalt der gegnerischen Gruppe oder Regierung sind, zu gefährden. Am besten entgehen wir. dieser schiefen Lage, wenn wir uns Nicht etwa dem einen oder anderen Volke in internationalen Fragen anzubiederu suchen, sondern jedem Volke gegenüber immer betonen, daß wir Juden sind, di» Sache des jüdischen Volkes führen und an der Verwirklichung jüdischer Ideale arbeiten. Internationale Sympathien sind uns als einzelnen Menschen gewiß nicht verwehrt. Wenn wir sie aber als Volk aufdringlich hervorkehren, so begehen wir einen schweren politischen Fehler. Der Gegenstand dieser Sympathien weiß uns für sie keinen Dank und seine Gegner machen wir uns ohne ffkot zu Feinden. * Die Geschichte der Judenemanzipatiou ist eines der merkwürdigsten Hauptstücke der Geschichte eimv päischen Denkens. Die Jubenemanzipatisn ist nicht die Folge der Einsicht, daß man sich, an einem Stamm schwer vergangen, daß man ihm Entsetzliches zugefügt habe und daß es Zeit sei, tausendjähriges Unrecht zu sühnen; sie ist einzig die Folge der geradlinig geometrischen Denkweise des französischen'Rationalismus im achtzehnten Jahrhundert. Dieser Rationalismus konstruierte sich mit der bloßen Logik, ohne Rücksicht aus das lebendige Gefühl, Grundsätze von der Bestimmtheit eines mathematischen Axioms, und bestand darauf, diese Gebilde der reinen Vernunft in der Welt der Wirklichkeiten zur Geltung -i fv’:iren. „Eh.w sollen die Kolonien umkru'.n». «u.. , T.uttet der bekannte Ausruf, der die .j uv ratioiiait|U|d.)en Methode aus die Politik zeigt. Die Jn.tten- Die AmMeisMg dtzv Angehörigem der SÄkZeMmrsstaaten cim Wien. Girre Aktion deS Abgeordneten Stricks». ■ ■■ ■ * Die vom Kabinet t s r a t e geplante A u sw e r fit n g der Staatsbürger der S u kzessionsstaaten, welche nachdem 14.August 1914 in Men ihren Wohnsitz genommen haben, hat den Gegenstand wiederholter Konferenzen der' Regierung mit dem Abgeordneten Stricker gebildet. Abgeordneter Spicker hat gegen die geplante Maßnahme die ernstesten Vorstellungen erhoben und .deren Z rv e ck ntidrigkeit, U ndurchführb arkeit und UnMenschlichkeit kl arg elegk Gestern nun wurde dem Abgeordneten StriÄer seitens der Regierung mitgeteilt, daß feinen Vorschlägen in d er Ar t Rechnung getr a g en wird, daß von einer Ausweisung der in Frage stehenden Personen ÄEVALit abgesehen werden und vorerst an eine Perlusirrerung derselben geschritten werden wird, um zuvörderst einen klaren U e b e rb lick über ihre Zahl zu erhalten und sodann festzustellen, welche Elemente abgeleitet werden können, ohne daß hierdurch ungerechte Härten verübt werden._ Ein blUSiger bAlgMsch-fL'msIAfischer KonML. Die hÄlgarische Armee wird emtMLssKeL. Belgrad, 28. Juli. (Südslaw. Preßbur.) Als gestern nachMiLLags französische TruppendurchSomplanfta marfchierLen wnrden sie von bulgarischen Soldaterr befchoffen. Es Karn zu einem Fsuergefecht, in welchem 9 französische Offiziere und 2® französische Soldaten schwer verwundet wurden. Die SchuldiZen wurden verhafLst. Das ganze in LompalanLa befindliche bulgarische Regiment wurde entwaffnet. Belgrad, 28. Juli. Auf Anordrmng des Generals FrancheL d'G f p e r s y wird eine franzöfi f ch e D ivifion nach BrrLgarien entsendetwerden,, .die die bnlgarischs Armee Z n c n f .to ® f f n e n Die Arbeitszeit im Bergbau. Abgeordneter Wie d e r h o f e r (Sozialdemokrat) berichtet über die Vorlage betreffend die Veschästigilng von. Jngenddchen rmd weiblichen Arbeitern, - dann über die ArbeitZzeir und die Sonntagsruhe beim Bergbau. Angenommen.- > . , DieLoLalisgteursteuex. Abgeordneter S ch i e g l (Sozialdemokrat) berichtet über die Vorlage betreffend die . Gebühren von Totalisatem- und Buchmacherwetten, sowie Maßnahmen zur Unterdrückung des Winkelwettwesens. Wird ohne Debatte a n g e n o m m e n. . Sodann wird die B e r.h andlung abgebrochen Md die Sitzung geschlossen. Nächste Sitzung Dienstag den 29. d. M., 8 Uhr nachmittags. emanziftatvon. stellt eine andere, gleichsam automatische Anwendung der rationalistischen Methade dar. Die Philosophie Rousseaus und der Enzyklopädisten hätte zur Erklärung der. Mönschenrechte geführt. Ans ' der Erklärung der Menschenrechte leitete hie starre Logik der Männer der großen Umwälzungdte Jndenemanzipatiou.ab. Sie stellten eine-regelrechte Gleichung.auf: jeder Mensch hat von Natur, bestimmte Rechte; die Juden sind Menschen; folglich haben die Juden von Natur die Menschenrechte. .Und so wurde in Frankreich die Gleichberechtigung der Juden verkündet, nicht aus brüderlichem Gefühl für die Juden, sondern weil die Logik es erforderte. Das Volksgefühl sträubte sich sogar dagegen, aberdie Philosophie der Umwälzung, gebot, die Grundsätze Über die Gefühle zu stellen. Man verzeihe mir den Ausdruck, der keine Undankbarteit in sich schließt: die Männer von 1792 -enwn'ü'' 'r'vn uns airs Prinzipienreiterei. * Pas ist die sittliche Judennot, die bitterer ist als die leibliche, weil sie höher differenzierte, stolzere, feiner fühlende Menschen heimsucht. Der emanzipierte Jude ist haltlos, unsicher in seinen Beziehungen zu den Nebenmeuschen, ängstlich in der Berührung mit Unbekannte«, mißtrauisch gegen die .geheimen Gefühle selbst der Freunde. Seine bestell Kräfte verbraucht er in der Unterdrückung und Ausrottung oder mindestens in der mühsamen Verhüllung seines eigensten Wesens, denn er besorgt, daß dieses Wesen als jüdisch erkannt werden möchte, und er hat nie das Lustgefühl, sich ganz zu geben, )uie er ist, er selbst zu sein, wie in jedem Gedanken und Gefühle, fio in jedem Don der Stimme, in jedem Augenlchschlag, in jedem Fingerspiel. Innerlich wird er verkrüppelt, äußerlich wird er unecht und dadurch immer lächerlich und für-den höher gestimmivn üstheLischen Menscheu abstoßend wie altes Unwahre. * Wer hat die Menschenwürde höher bewertet nU das SUfF, das -zuerst den Begriff der Gotteslindichast. das h-ißt, aus dem Mnstiirden ins RaUv.!:aiistisch<'übersetzt. der Muvcrönen,. sittlichen Persönlichtett schuf, das 29. Jutt19lL Sette S Dis H stze gegen die Flüchtlinge. Am 3. Jul: haben bie großdmtfchen Abgeordneten Doktoi U rs in und Genoffen an die GesaMtregiernng emeAnfrage gerichtet, in welcher die Abschiebung der jüdischen Flüchtling? ans Wien, die Verhinderung emes weiteren Zuzuges und der Namensänderung von Flüchtlingen gefordel wird. Die Anfrage, die von Denmumtconen wimmelt, beruft sich in der Begründung auf bi«• bekannte Rede des nunmehr zurückgctrelenen Staatssekretärs Dr. Bauer,'»: welcher er vor der Nauonalversammlung den Friedensvertrag erläuterte. Er hatte damals die Flüchtling« ans Gal:z:en tohne das Wort..jüdisch" zu gebrauchen — m Bausch und Bogen beschuld:gt, „mit u:cht immer sehr appetitlichen Geschäften protzte Vermögen angesammelt zu haben". Das ist natürlich für unsere Großdentschen, die sonst Bauer als Inden ablehnen, ein sehr willlommener Anlaß, um ebenfalls gegen d:e Flüchtlinge loszuziehen. An allen diesen Hetzereien lehrt regelmäßig das Argument wieder, daß d:e Flüchtlinge die ohnehin schwierige Ernährungslaae Wiens belasten rmd der einheimischen Bevölkenmg das Brot wegeffen. Dieses Argun:ent versagt aber sofort, wenn *§ sich um andere Flüchtlinge, handelt. So haben gestern dieselben Ansragesteller in der Nationalversammlung den Antrag eingebracht, dieaus Deutschwest- . ungarnnach N i e d e r ä st e r r e i ch slüch ten den P e r s o n e n nicht auszuweisen, sondern ihnen die Mhte der dentschösterreichischm Staatsbürgerschaft provisorisch zuzuerkmnen. Kein vernünftiger Mensch kann' etwas dagegen haben, daß dieser Antrag Rechtskraft erhält. Aber waS dem einen recht ist, muß dem andern billig sein. ■ Eine Massenkundgebung gegen die Pogrome in Polen «nd in Galizien. A mst erd am, 27. Juli (Tel.-Komp.) Gestern hat hier eine MassenZundg ebrrng eegen die P og r o m e L n & I en mrd iw Galizien ftattgefunden. An der Kundgebung haben sich auch viele nichtjAdifche Organisationen beteiligt. Es wurde ein Antrag angenommen, in dem dis Versammlung der europäischen Inden im Zusammenwirken mit dem holländischen I o u r n a l i st e n v e r b a nb, der holländischen Abteilung der „Zto" und andere» jüdischen Organisationen gegen die Mißhandlung und AnterdrüÄnng, der die Inden in Osteuropa, namentlich in Polen» in der Mraine und in Rumänien ausgesetzt find, ans das heftigste protestiert und iw Friedens- Vertrag eine Garantie für die religiSse und politische Freiheit sowie die nationalen Rechte der Juden in Osteuropa erbittet. Gleichzeitig wurde der Erwartung MsdrneL gegeben, daßder Völkerbund durch strenge Ausführung der Bsstimmungen des Friedensvertragss die Rechte der Juden wahren und den Ansfchreitmrgen ein Ende machen wird. Rach deu Bersammlnng wnrd e v'.in Amzug Veranstalte^ an dem sich mehrere tausend. Personen bsteiligten. Tschechien und die Kriegsanleihe. g Prag» 28. Juli. (Tel. dev „Wr. Morgenztg.") Nach einer Mitteiluna der „Bohemia" stellt sich die Negierung aus den Standpunkt, daß die für tschecho-slowakische R e ch n u n tz - in Deutschösterreich liegenden Stückeder K r i e g 8 a n l'e-i he jenen zuznzählen sind, für deren Sicherheit die d eu t s ch-- österreichischeRegierung Vorsorge M treffen habe.. Ans diesem Grunde weigern sich die Prager Banken, welche. ihre Kriegsanleche-Knndendepots teilweise in W r e n erliegen ' haben, ihre« Kommittenten Kriegsanleihe auszufolgen. sich feierlich ein Volk von Priestern, das heißt, Dienern des Ideals, nannte und. sich als in einem persönlichen Vertragsverhättnis zu Gott,. das heißt, zur höchsten Sittlichkeit, stehend empfand? Wer hat der: Gedanken der Rechtsgleichheit tiefer erfaßt als das Volk, das laut verkündete: alte Israeliten find Brüder! das die gleiche Leistung an des Gemeinwesen vom Reichen wie vom Armen verlangte und das keine andere Vornehmheit gelten ließ als bie des reichen Wissens und der höheren Tugend? Wo finden sie anderwärts anrlähernd die soziale Gerechtigkeit des Gesetzes Mosis, das im regelmäßig wiederkehrenden Jiibel-- jahre die Vereinigung des Besitzes in den Händen einiger wirtschaftlich Ueberlegenen rückgängig macht und' das die Fürsorge für die Armen, die Witwen, die Waisen, selbst die Fremden zu^ einem Glaubensgebot erhebt?- Wer achtet, vre so wie das jüdische Gesetz, das den Sklaven zur FestnaMlnng seines Ohrs an einen Türpfosten verurteilte, wenn er erbärnrlich genug ist, die ihm nach sieben Jahren von RechtS wegen wiedergegebene Freiheit abzulehnen? Wo wird die- Handarbeit, jede ehrliche Arbeit, höher geschätzt, als iu^dem Judentum, dessen größte Lehrer und Weise in der Blütezeit des jüdischen Geistes Schrrster. Zimmerleute.und Maurer waren und ausdrücklich tebrten, es gezieme dem Geistesadeligen, sein Leben durch Haiti)- arbeit zu erwerben imb daneben die Wissenschaft um ihrer selbst willen, nicht tun Lohn zu pflegen?. Glauben sie denn, es ist ein Zufall, daß an der Wege des heutigen Sozialismus die Jiwen Marx mrd Lassate stehen, daß noch jetzt unter bat Theoretikern des Sozialismus Juden einen ersten Platz einnehmen? Dies« Männer haben gut, ihr Judentrun zu verleugnen, in ihnen waltet, ihnen unbewußt, ein jüdischer A!-:viömuS.! Ihnen war aus den latenten VolksüberliefernngLU, aus ' denen sich die Uranlageit jedes Individuums zum großen! Teil zusammen sehen, siiie Be.geisterung für .soziale Gej rechtigteit überkommen, bk bei i.bmn die For:n der Auflehnung gegen er ne. «nb Gesesischastsownung nutz 4 tezdttW-j s.chjiUi Programms, aryiahrn.

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