Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 184 (24.7.1919)
- Date
- 1919-07-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«ÖCltt ■ fc - 24. Iuit iwIJ Sir. 184 bort, wo die Sozialisten noch nicht herrschen, wo die Kapitalistenklasse für sich allein noch einen mächtigen unb erfolgreichen Widerstand leistet, ' werden die Intellektuellen der Partei selbst geradezu stiefmütterlich behandelt. Man kann ohne Uebrrtreibung sagen, daß die > Handarbeiter in Frankreich ebenso wie in Süddeutschland, Deutschösterrcich usw. sich nicht nur. höher fühlen, sondern sich in jeder Beziehung höher bewerten als die vornehmsten und allgemein anerkanntenSchichten der' Kopfarbeiter. UeLerall halten es die Vertreter der Arbeiterklasse für selbstverständlich, daß die wichtige und einflußreiche Gruppe der Aerzte mit ganz kleinen Löhnen auskommen müsse. Soll ich in diesem Zusammenhänge an die. Geschichte erinnern, daß " ein Assistenzarzt denselben Lohn wie eine. Äbwaschfrau im Spital äl% Ernstes erst fordern mußte? Alles auf Erden rächt. sich. Die Marxisten haben eben zu lang einem einseitigen Klassenkampf zuliebe den Stolz des Handarbeiters förmlich gezüchtet. Hierzu kommt noch ein anderer Umstand. Glanze Schichten und Gruppen der intellektuellen Klasse "sind nicht nur durch Prestige und psychische Werte, foudern auch durch ihr ganzes ökonomisches Interesse organisch an die Kapitalistenklasse festgekiitek Kautsky übersieht dies zu sehr, indem er die bloß geschäftliche Abhängigkeit ins- Auge faßt, wo auch das Interesse vorwärtszukommen und wirtschaftlich Zu herrschen mit in Betracht kommt. Die Aerzteschast ist diejenige soziale Schichte, die am ehesten antikapitalistisch wäre. Nur die Behandlung durch die Gewerkschaften, Krankenkassen usw. wirkt hier geradezu werbend für den Kapitalismus. Ein großer Teil der Advokaten, ein großer Teil der Ingenieure sind umgekehrt der ganzen sozialen Struktur ihrer Schichte nach an der Weitererhaltung des Kapitalismus interessiert. Man lasse sich durch das Verhalten der stark proletarisierten Elemente nicht täuschen. Die Gruppen als solche sind innerlich sehr kapitalistisch. Was die Haltung der Banernklasse gegenüber dem Proletariat betrifft, so hat Kautsky ja recht, wenn er die Erhöhung der Produktivität der Arbeit so sehr betont. Aber zwei andere Faktoren kommen hier noch in Betracht. Schon Friedrich Engels hat vom verhärteten Bauerngemüt gesprochen undSch äffte hat daraus seinen „antikollektivistischen Schädel" gemacht. Es handelt sich hier nicht allein um wirtschaftliche, Interessen, sondern um psychische Witterung, um Antipathien. Man muß dem Bauem schon große wirtschaftliche Vorteile bieten, damit er sich restlos mit dem Sozialismus absindet. Noch viel wichtiger ist der zweite Umstand! Weder Friedrich Engels noch Schäffle konnten ahnen, daß der Weltkrieg dem Bauerntum (ich spreche von der Bauernklaffe, nicht vom Großgrundbesitzerstand) eine solche ökonomische Position verschaffen würde. Vor dem Weltkriege gab es nur zwei mächtige Klaffen: die Kapitalisten und das Proletariat. Die Sachlage hat sich heute verschoben. Rohstoffe und Lebensmittel sind wichtiger als Industneprodukte geworden. Die Produkte des Bauern haben den ersten Rang auf dem Weltmärkte bekommen. Hierzu kommt noch, daß der Bauerreich geworden ist, der Proletarier trotz der hohen Löhne ebenso arm geblieben ist, als er es war. Der Bauer hat auch einen Vorteil gegenüber der Kapitalistenklasse., Er braucht nicht zu investieren wie der Kapitalist (mit einer einzigen Ausnahme des Viehes). Da der mitteleuropäische Lehensmittelproduzent Nur minimal zu investieren' in der Lage ist, da er durch den Weltkrieg seine Schulden los geworden ist, fo kann er schon in wenigen Jahren sich ähnlich wieder amerikanische Farmer bei seinem Großbauernbetrieb landwirtschaftliche Maschinen zu Kausen beginnen. Daß ein solcher Großbauernstand an Rentabilität dem eigentlichen Großgnmdbesitz überlegen ist, das nehmen nicht nur bürgerliche Oekonomen wie der berühmte Proseffor Seering Revisionisten wie David, sondern ' auch extreme Marxisten wie Proseffor Ballot an. Auf jeden Fall aber wird eine Renaissance der politischen und wirtschaftlichen Machfftellung des gesamten Agrariertums erfolgen. Wir kommen, ökonomisch gesprochen, sogar vielleicht in ein neophysiokrattsches Zeitalter hinein. Der ganze Weltmarkt wird, seine Sttuktur ändern. Nicht Jndustrieprodukte werden ihn so ausschließlich, so vollkommen beherrschen. Vor dem Weltkriege waren die Bauern die letzte wirtschaftliche Klasse. Nach dem Weltkriege wird das Großbauerntum und das Mittelbauerntum die erste herrschende Klaffe sein. Als zweite Klaffe werden entweder die Kapitalisten oder die Proletarier rangieren, je nach der politischen und wirtschaftlichen Struktur eines Landes. Als letzte soziale Schichte nach dem Kriege werden dann die Intellektuellen kommen. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß aus meinen Gruppen der Intellektuellen, aus den gut erhaltenen Schichten des Handwerkertums usw., eine neue städtische Mittelstandsklaffe entsteht, die sich jenseits von Kapitalismus und Proletariat wirtschaftlich und politisch dem Bauerntum näherj. Es bleibt aber ein höchst bemerkenswertes Zeichen unserer Zeit, daß ein so ehrlicher und konsequenter Marxist wie Karl Kautsky bereits den ersten Schritt zur Beseitigung br: g;.:nbios einseitigen Klassenkampftheoric ü-u ' ReichsmirüsterprästdenL Bauer über Deutschlands Aufgaben. Alle Mann att Die Streiks verschlimmern die Lage. Das Kabinett hat diese Zwangskartel- MßsKMisrister Müller Mer die künftige deutsche Politik, die ArSeiL. — Gegen die Diktatur. - Mim«r, 23, Juli. Der . Präsident eröffnet die Sitzung um halb 11 Nhr vormittags. Den einzigen Gegenstand dtzr Tagesordnung bildet die Entgegennahme der Erklärung dqr Reichsregierung. ReichSministerpräsident Bauer.führt aus: Sie haben vor 14. Tagen unter dem Zwange der Weltlageden 'Friedensvevtrag ratifiziert. Damit ist eine Epoche abgeschlossen, die den gewaltigen Aufstieg Deutschlands' und' seinen tragischen Zusammenbruch umfaßte. Auch diejenigen, die im alten Reich in schärfster Opposition, standen, haben von manchem Abschied nehmen, müssen, was ihnen teuer und wert gewesen ist. Aber d a s^ L e b ä n geht weiter und es gilt für jeden einzelnen, mit beiden Händen bei dev Ausgabe zuzusassen, unter der sich heute die Zukunft darstellt: de i de r E r.f il l lu ü g, beider Abtragung un d sch l ie ß l ich brr vrr- Revision dos Vertrages von DrrsrrllteS. Ich lasse daher die Vergangenheit, lasse die Abrechnung über die Schuld dafür, daß' alles so gekommen ist. und lasse den unveränderlichen Protest gegen die Vergewaltigung beiseite, Denn nun gilt es, nach vorne zu sehen und den Blick und den Schritt nach vorwärts zu richten. Die Arbeit an der Erfüllung des Vertrages, der Wiederaufbau unseres zusammengebrochenen Volkes und unserer zertrümmerten Wirt-, schaft, unseres schwer gefährdeten sittlichen Bewußtseins, all das muß mit den gleichen Mitteln auf dem gleichen Boden geleistet werden. Wir müssen die Waffen der BildungundKenntnisseandasgauzeVolk verteilen. Das ist die einzige Bewaffnung des Proletariats, die uns den Sieg für unser ganzes Volk verbürgt. Mit Gewaltsamkeiten ist keine Entwicklung zu fördern. Die Herren Unabhängigen preisen die Diktatur des Proletariats als eine politische Notwendigkeit der nächsten Zeit an. Wir lehnen mit der übergroßen Mehrheit des Volkes jede Diktatur als brutales, geistloser rnck unzweckmäßiges Mitd. aufs entschiedenste ab. Wenn Sie den Beweis dafür haben wollen, fo sehen Sie nach Rußland. Dort hat die Diktatur von heute auf morgen sozialisiert, das heißt, den Arbeitern den Betrieb, die Unternehmer und Direktoren rein in die Hand gegeben. Und was war die Folge? Schon seit Monaten sind die Unternehmer und Direktoren wieder zurückgehvlt worden mit Riesengehültern und, mit den alten Vollmachten, genau so wie die Offiziere des Zaren in die Sföote Armee zurückgeholt worden sind, zusammen mit der Kvmmandogewalt und der blinden Disziplin. NevolutionSexperimente, dazu mißglückte erimente, das mache ich nicht mit! Auf der anderen Seite sind wir auch nicht ängstlich vor jedem Wagnis. Jeder kühne, aber den Verhältnissen und Bedürfnissen angepaßte Fortschritt trägt sein ureigenes Tempo in sich, das sich gewaltsam nicht ändern läßt, ohne Rückschläge hcraufzubeschwören. Wer dieses Tempo. übermäßig beschleunigt, ist kein Bahnbrecher der Revolution, sondern der Schrittmacher der Reaktion. Nun haben alle Berufskategorien, die in den letzten Wochen durch die Streiks die wirtschaftliche Existenz der Republik in Frage geste llt haben, empört jede Behauptung zurückgewiesen, als handle es sich bei ihnen um politische' Kämpfe, und gewiß haben die breiten Volksmassen Grund zur Unzufriedenheit. Auf der einen Sette 'Genußsucht, zügellose Verschwend rmg, Pvasstm dank einem sinnlos verteuerten Schleichhandel auf Kosten der Allgemeinheit, Kapitalflucht, Verschiebung von Vermögenswerten, auf der anderen Seite» twtz aller Erhöhungen immer noch Löhne, die kaum zum Bezüge der rationierten, ganz gewiß aber nicht zurBezahlung von unrationierten Lebensmitteln ausreichen. So stellt sich in weiten Arbeiterkreisen heute die Lage dar. Mer der Streik ist das einzige Mittel, das nicht bessern, sondern nur verschlimmern kann, und eS ist ein frevelhafter Mißbrauch, was kommunistische und andere Drahtzieher mit den Arbeitern, mit ihren bevechtigten Forderungen, mit all diesen wilden Streiks getrieben haben. Sin weiteres Gesetz, das die Braunkohlenerzeugung sozialisieren soll, hoffen wir Linnen kurzem zur Vorlage reif zu machen. Die neue Reichs«irüo«umeasteu.ct, die durch das ganze Reich gleichmäßig veranlagt werden soll, wird notwendigerweise zur Schaffung timt NeichSsteuerverwaHtMg führen. Damit ruht die Flnanzgesetzgebung in;n.'u.jV’U Umfang in den Händen des Reiches. Die Verfassung schafft Reichseiscubahncu. Die S^.!oM.'r:.'-'g von Elektrizität und Braunkohle, der btä! er übll'rrg«. bau folgen soll, macht das $•!. 1:.; : n: i r: :• ii Faktor des Wirtschaftslebens lierun g aller Wirtschaftszweige ab gelehnt, vor allem die sozialdemokratischen Mitglieder des Kabinetts', weil sie in der Planwirtschaft die ernsteste Gefahr für die völlige Durchführung des Sozialismus sehen. F^ie Regierung will die . ' Zwangsjacke der Kriegögesellschaste» ,, nicht gegen eine neue, für den Frieden zugeschnillcue vertauschen. Wir werden entschlossen an den Abbau der Reste der Kriegswirtschaft gehen, Kriegs-, gesellschaften sind aus der Not der Blockade geboren, die Aufhebung der Blockade muß ihr Ende herbeiführen. Für unsere künftige Wirtschaftspolitik werden drei Gebote richtunggebend sein: 1.Sozialisierung soweit als m ö g l i ch Md keinerlei neue Erschwerungen für die künftige durchgehende Sozialisierung.' 2. Sicherstellung des Bedarfes der Minder-» bemittelten an Nahrung und Kleidung.' 3. Fernhaltnng überflüssiger Luxuseinsuhr, die unser« Zahlungsmittel verschlechtern müßte und überhaupt jeder Einfuhr, die unseren Arbeitsmarkt ‘Uri* günstig beeinflussen würde, in den Grenzen dieser drei Gebote aber Freiheit, der Wirtschaft, Heranziehn'ng jeder Initiative und jeden Kredits, Dezentralisation der Mitarbeit an der Auferstehung unseres wirtschaftlichen Lebens. An der Spitze aller Bemühungen, die Lage zu bessern, muß natürlich die ErNährungssvag.? ’ stehen. Auf eine Rationierung der. wichtigften BestaE teile der Volksernähvung und der Volksversorgung, tverden wir einstweilen nicht verzichten können. Darnach' wird zuerst die Bewirtschaftung der Tex.til-> Industrie umgestaltet werden. Das Kabinett, hat beschlossen, die aus der Kriegswirtschaft noch, vor-- handenen fertigen Stoffe unverzüglich: binnen k ü r z e ste r F r i st d e r B e lief er u n g z u-, zuführen. In gleicher Weise werden die noch, vor-/ handenen nicht unerheblichen Vorräte an W ol 1 «<• sofort der Weiterbearbeitung zugesührt. ' Ein weiterer Schritt ist die .4 Aufhebung der Devisenordn Ihre Bestimmungen haben fick immer mehr als un». durchführbar und heute als nahezu wertlos erwiesen. Mehr noch. Der Tag, an dem sie geschaffen wurde, war der Geburtstag eines De vifen schleich- Handels der schlimmsten Art. Wenn siS jetzt fällt, verschwindet gleichzeitig'ein Stück Kriegs lvrrüptidn' das sich in unsren Handelsrreisen bedauerlicher^ weise eingefressen hatte. Die Aushebung seht W0r^ schriften zur Verhinderung der Ab wander ung dss Kapitals nach dorn Auslande voraus. Sie bringt andererseits eine wesentliche Erleichterung des Postverkehrs. Die zuletzt nur rwch als Folgeerscheinung der Devisenordnung ausrech terhalte ne Zensur des Brief- und DelephsttverkeyrS , kann endlich beseitigt werden. Notwo.-ig natürlich und nicht zu entbehren ist bei all..dieseu Erleichterungen die bereits erwähnte Kontrolle der Ein- und Ausfuhr und die damit zu erzielende Beteiligung des Reiches und der Interessenten eilt? schließlich der Verbraucherorganisationen an der Preisgestaltung und der Verteilung. Wenn dadurch die leidigen Höchstpreissestsetzungen überflüssig würden, wäre das der Todessto ß für den Schleichhandel,, den wir nicht in den Frieden mit hinüberschleppen dürfen.Zahlreiche Grundstücke, die sich im Besitz« des Reiches befinden und nicht mehr ihren ursprünglich militärischen Zwecken dienen, sollen , |; v, für Zwecke der Ansiedelung abgegeben werden- ’ Trotz der furchtbaren Finanzlage des Reiches glau .t wir, dieses Opfer bringen zu müssen. Da,es nicht' möglich ist, allen berechtigten Ansprüchen mit ftfin* digrn Lohnsteigerungen zu, folgen, muß der organische Weg beschritten werden. Die Lebensverhältnisse mit den Löhnen und Gehältern in Einklang zu bringen-, ist unsere Pflicht. Die ständigen Lohnforderungen sind aber das schlechteste Mittel, um die Verhältnisse zu bessern. Neben den hohen Löhnen klettern die Preise im gleichen Tempo und sinkt die Kaufkraft des übermäßig gedrückten Papiergeldes. Das Ende dieser Ent> Wicklung wäre eine Assignatenwirtschaft mit ncchst^ndem Bankerott. Es muß eine Senkung der Preise eintreten, welche wir von dem Wirtschaft.-i. erhoffen. Die vom NeichSarbritsministerium b.'roitÄ ‘cu> gekündigte Kontrolle zur Reichsversicheruns>i'' orbnung, die eine Erhöhung der Jn'b alt den- Altersrente bringt, wird Ihnen in den'Nüchsttü Tagen zugehen. Die moderne Umgestaltung und einheitlichung der Arbeitsrrechte schreitet schnell vorwärts. Besondere Verantwortung empfindet die 5)k* gieruug für di« wirtschaftliche Schu'äche in der Bcatlitru-- schast. Ein neues Bram teubesoldungsgesep ivird sofort in Angriff grnoiumen 'werden. A«hnlich iv-ö die Arbeiter und Privaibe.'miteu. sollen auch die staatlichen Beamten ihre aesetzUche Vertretung ec-