Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 184 (24.7.1919)
- Date
- 1919-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Schweizerische DepeschenagenLur veröffentlicht eine Antsrredüng mit StaaLskanzler Dr. Renner, der die rg sich Dienstag ans Frankreich Lurch Schweiz nach Feldkirch begeben hat: Dr. Renner erklärte: Der Eindruck, den die Friedensbedingungen auf mich gewacht haben und den sie auf jeden Andefangenen machen müssen, ist einfach der, daß Dentschösterreich so nicht leben kemn, und man «ns Dinge zurrmtet, die über unsere Kräfte gehen, Man läßt uns nicht jenes Gebiet, das man als Sxiftsnzwimnmm bezeichnen könnte, und dem Rest der bei uns bleibt, werden - derartige Lasten anfgebürdst, daß man bei der Gegenseite nur die bewußte Absicht voransfetzerr kann, DentschÄfterreich zum Zusammenbruch nnd in Konkurs zu treiben. . Was bis territorialen Fragen anlangt, so ist es schwer^ zu sage«, was am ungerechtesten und schmerzLichften ist,, jedoch.ist wohl sicher, daß uns Italien eine schwere Enttäuschung bereitet hat, indem es auf Dsntsch-SüdLirol bis zum Brenner bestand. Auf unseren Gegenvorschlag, der» um alte halbwegs vermmstrgsn Forderungen Italiens enLgegSnznkmmrren, hie Neutralisierung des strittigen Gebietes vorschlug, scheint man gar nicht eingegangen zu sein. Man hat sich für ein reines Machtgsbot entschieden, das das RechtsSewrchtsein km meisten verletzen mutz. Ohne jede Begründung wird rein deittfches Gebiet Italien zngewiefen, ganz abgesehen davon, daß die Annexion auch den wirtschaftlichen Untergang für die betroffenen Gebiete bedeutet. Ebenso- S* hat man versucht, Rechtfertignngse für die Zuweisung des deutschen Gebietes in Steiermark wie der Städte Marburg und Radkersburg z« geben, die dem modernen Rechtsbewutztsein auch nur oberflächlich entsprechen würden. Die Südslawen brauchen angeblich den wichtigen Eisenbahnknotenpunkt Marburg: folglich Wird diese Stadt Len DeuLschöfterreichern weagenomme«. Aber die Deutschösterreicher Müssen auch Las rein deutsche R ad Kersb u r g verlieren, das nicht einmal Eisenbahn- Knotenpunkt ist, sondern nur der Endpunkt der durch deutsches Gebiet gehenden Lokallinie Spielfeld—Radkersburg, so daß wir die Bich« ohne Endstation haben werden. In Riederösterreich wird uns dertzanptknoterrpnnkt Gmünd weggenommen. Der Ort Bahnhof selbst kommt bleibt bei uns, der zu den Tscheche«. Adderist hie. Verstümmelung ied eröfterreichs eine der unerhörtest sn B e d i n g « n g e tritt diesem Friedeusvertrag, weil Gebiete weggenmumen werden, die nicht nur rem deutsch sind, sondern auch niemals zu Tschecho-SlowüLien g e h ö r t h a b e rr. Zn dem Friedensvertrag, der uns Teile des deutschen Westrrugaru zuwerst, scheint er allerdings die Tendenz zu zeige«, DeutfchZftsrreich das Gebiet zu gebe«, das es Lebensfähig machen soll. Aber die Tendenz ist eben nur in dem einen Fall augedenLetz sie verschwindet sofort, wo es sich um das Verhältnis von Dsutschöfterreich zu den früheren KrsriLändsr« Oesterreichs handelt. Was mm die finanziellen Vedingnngen anlangt, so wird Dentschösterreich v o L Lst L n d i g n n t e r S e g « e ft e r g estellL, vor allem durch die Einrichtung d e r W i e d e r gnt-m ach nn gSLv m mis sron» die vsllMndig frei bestimmen wird/ wann und was wir zu bezahlen, haben. Zch gehe nun zur Schnldenfrage über. Die VsrZriegsfchuLde» sollen nach dem Prinzip der Leistungsfähigkeit nnd der Investitionen aufgeteilt werden. Wenn dieses Prinzip durchgefuhrt würde, könnte mau es als ganz annehmbar bezeichnen. Unerhört aber ist,' daß dieses PrinZrp sofort verlassen wird, wo es sich um Kriegsschulden haudelt. Hier soll entscheiden der zufällige Ort, in welchem fich die betreffenden Papiere besindeu. Wenn zum Beispiel ein Tscheche in Wie« Millionen Kriegsschulden liegen hat, soll dieser Betrag Deutschöfterreich zu Laste« fallen. Die Tendenz ist ganz klar, man weiß eben, daß in Wien sich die Zentralen der österreichischen Geldinstituts befinden, also mph vermutlich der größte Teil der Kriegsanleihen, nnd das soll eben alles dem armen Boutschösterreich anfgebürdet werde«. Znm Schluß wurde an Dr. Renner die Frage gerichtet, wie er fich den weiteren Verlanf der Angelegenheit denke. Dr, Renner erwiderW Wir müssen Weiterarbeiten nnd wir weW« den Beweis antrete», daß wir so nicht lebe-/können. Wir werden auch beweisen, daß uns Anrecht geschieht. Bei unseren Verhmchlrmgen schwebt «ns die ehrliche Absicht vor, zu halten, was wir vsrsprechsn, aber gerade deswegen kann man doch auf der Gegenseite unmöglich wollen, daß wir etwas unterschreiben, von dem nicht nur wir selbst wissen, daß wir es nicht halten können, sondern daß auch die Gegenseite es weiß. Blutige Revolte der SüdsiaWeu iu. Marburg. Graz, 23. Juli. (Korr.-Bur.) Die hiesigen Abendblätter berichten: In Marburg kam es gestern abends gelegentlich der Retraite zu einer Revolte seitens eines großen T eil es derjugoflawifchenGarnifon. Die Soldaten feuerten ihre Gewehre in die Luft ab und riefen „Los von Serbien!" Als Militärische Assistenz heranrückte, kam es zu erbitterten Kämpfen zwischen ihr und den revolLLereuden Truppen. Die Aufständischen befreiten dann die Militärgefangenen. Schließlich desertierte eine große Anzahl, zum Teil in voller Bewaffnung. Ein Teil der Revoltierenden wurde in die Drau ge drängt. An drr Gran entspanne« sich weitere Kämpfe. Dev Rest zog ■ M... Mau spricht von 3 q T o.t e n und -.viele« .VerPund^tem^ Schwierigketten der Sozialisisrung. . Don Dr. Paul Weisen grü«. Unter diesem Titel hat im „Kampfs der wissenschaftlichen Revue des Wiener Sozialismus, Karl Kautsky, einer der führenden Köpfe der deutschen Sozialdemokratie, einen sehr interessanten und lehrreichen Aufsatz veröffentlicht. Karrtsky gehört zunächst zu jenen, nicht Ällzuvielen, die eine vollkommene, geschloffene sozialisüsche Ueberzeugung besitzen. Er hat Charakter, sein Ja ist Ja, sein Nein ist Nein. Ec gehört femer zu den Wenigen, welche' die Lehre ihres Meisters Marx vollkommen beherrschen. Er schreibt zudem ein sehr trockenes, aber überaus klares Deutsch. Aus all diesen Gründen haben seine Ausführungen einen großen Wert, weil sie deutlich zeigen; wir schwierig die Lage des Proletariats sich durch de« Weltkrieg gestaltet hat und wie tief die Einsicht über diesen sozialen Prozeß trotz aller dogmatischen Befangenheit doch in den ehrlichen Köpfen und Gemütern bereits gediehen ist. Kautsky zeigt, daß die Sache des Sozialismus nicht allein eine Angelegenheit des Proletariats, sondern der gesamten Menschheit sei. Denn das Große und Erhebende am Proletariat bestehe dann, daß es die einzige Klaffe ist, deren Interessen mit denen der Menschheit zusammenfallen. Daher sei es überaus verfehlt, wenn einzelne Schichten des Proletariats die soziale Revolution als bloße „Lohnbewegung" auffaffen. Er bespricht hierauf den Widerstand, den die eigentliche Kapitalistenklaffe leistet und meint, Kran überschätze besonders im Osten die Kraft und Gewalt dieses Widerstandes. Viel größer find die Schwierigkeiten, die der Sozialisierung und dem Sozialisnms durch eine andere Klaffe gemacht werden» nämlich durch die Intellektuellen, die ökonomisch DM genommen weder -zu den Kapitalisten» nllch zu den Arbeitern gehören. Es war ein großer Fehler des russischen Bolschewismus, daß er zu sehr die Intellektuellen mit den eigentlichen Kapitalisten identifiziert und als Bourgeois schlecht behandelt hat. Neben den Intellektuellen gibt es aber noch eine dritte soziale Schichte, die das Proletariat erst in langsamer und allmählicher Entwicklung für sich gewinnen kann. Die Produzenten der Lebensmittel, der landwirtschaftlichen Rohstoffe, die Bauenr, haben kein direktes Interesse am Bestehen des industriellen Kapitalismus, aber sie haben ein großes Interesse an billigen Industrieartikeln und am ungestörten Funktionieren des Waren-Ein- und Austausches. Der Bauer braucht immer mehr Industriearttkel, je reicher er ist; daher kann auf die Dauer — und dämm allein handelt es sich hier — der Bauer der Sozialisierung nur dann zusümmen, wemr der Sozialismus mit eurer stärkeren Produktivität der Arbeit als der Kapitalismus ihm aufwarten kann. Die Soziaji- \ sierung hkt daher koloffale Schwierigkeiten. i Kautsky weist darauf hin, daß es überall uot- ' wendig fein wird, im Gegensatz zu Marx den Akkordlohn aufrechtzuerhalten. Er zeigt ferner, daß die erhöhte Produktivität nur dann möglich sein Md, wenn die Arbeiter die Streiks ganz beiseite schieben werden. Er appelliert an die Einsicht der Proletarier, endlich die Streiks zu lassen. Nur burd) solche praktische Methoden, nur durch einen solchen Anschauungsunterricht des Sozialismus können, die Intellektuellen und die Bauern zu Freunden erzogen werden. Kautsky sagt zum Schluffe wörtlich: ,Har das Proletariat die Intellektuellen und die Bauem hinter sich, dann braucht es die Kapitalisten nicht zu fürchten. Es wird mit ihnen fertig ohne jegliche Diktatur, durch die Methoden der Demokratie. Die Kapitalistenklaffe könnte zu einer dem Proletariat' gefährlichen Macht im Staate nur wieder werden mit Hilfe der Bauern und der Intellektuellen. Von diesen Schichten hängt die nächste Zukunft des Sozialismus ab." ' Kann nun das Proletariat auf die Dauer diese beiden Klaffen zu Freunden gewinnen? Das ist die bange Frage, die nun entsteht. Ich möchte mir erlauben, zu behaupten, daß sowohl der KomMtnismus im Osten, als auch der Sozialisnms, im Westen sich geradezu beeilen, diese beiden sozialen Schichten so rasch als möglich zu Feinden zu erziehen. Sprechen wir zuerst von den Intellektuellen. Kautsky selbst hat darauf hingewiesen, wie die Bolschewiken im Osten sich beeilt haben, sie zu verlieren. Im Westen geht'es nicht besser, sondern, eher noch schlechter! Ig, selbst