Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 183 (23.7.1919)
- Date
- 1919-07-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* «t + ji. >>w“' bereit war? Die englischen Staatsmänner haben es i nie an Offenheit fehlen lassen. Helfferich sell'st zitiert eine Rede Lloyd Georges vom 28. Fun 1908, in welcher er deutlich g-rnug erklärte, was England als couäitio sms qua non betrachtete: daß nicht eine Flotte oder auch nur zwei Flotten, zusammen genommen die Ueberlegenhett der englischen Flotte in Frage stellten. ES bedurfte dieser Rede nicht. Jeder wußte es. Und dennoch war der rvtv Faden der unseligen Bülow schon .Politik- „die Notwendigkeit» eine . ausreichend starke deutsche Flotts zu schassen, ohne es zu i n Kriege mit England' kommen zu lassen".- Ein ma'.hematisch nachweisbar unlösliches Problem. Man unternahm eS in der lächerlichen Hoffnung, die deutsche Flvttenrüstung so rasch vollenden zu können, daß England mit der Kriegserklärung zu spät rcrrn. So wie man bei der zweiten notwendig zmn Konflikt hinterlbenden Unternehmung, der Bagdadbahn, glaubte, den Bau trotz der schon nnverbüllt ferndseligen Verhandlungen mit England weit erführen zu sollen, weil „jeder Kilometer Bahnstrecke, der neu in Betrieb kam, die eigene Position fiir jede künftige Auseinandersetzung verbesserte", Es mutet geradezu kindlich an: man glaubte, daß sich der britische Leu bemogeln lassen würds! England sah eine Weile zu nnd ließ Flottenrüstung und Bagbadexpansion bis zur äußersten Grenze' fortschreiteU. Als diese trotz Warnung und Drohung überschritten werden sollte, schlug es zu — was für jeden, dessen Horizont über die Wilhelmstraße hinauSging, vorauszusehen und selbstverständlich war. Klar heraus: Wollte Deutschland den Krieg vermeiden. so mußte es — um so mehr als es die Koalition schon gegen sich hatte '— Englands Flottenhegemonie ebenso anerkennen wie seine Prioritätsansprüche in Mesopotamien. Entspannung war nur zu erhoffen, wenn Deutschland aushörie, England an diesem doppelten Lebensnerv zu bedvshen. Tat es etwas dazu? Helfferich stellt die Sache so dar, als ob nach Bülows Demission Kiderlen und Vethrnann. weiß Gott was für EnLspannungsaktionen ein geleitet hätten. Zugegeben, daß der Wille vorhanden war; aber wie dilettantisch wurde da§ Werk in Angriff genommen! Kiderlen suchte die französische Gefahr — in' Marokko zu entspannen statt im Elsaß, die russische — in Persien statt auf dem Balkan, und die englische überhaupt nicht, ha sowohl Flotte wie Bagdadöahn weiter gebaut wurden. Nicht nur, Laß die Art der EntspannungZaktion (der „Panther"- sprung nach Agadir!) viel zu sehr cm die eiserne Faust erinnerte, als daß sie nicht hätte das Gegenteil erwirken sollen, deutet; bas ganze Vorgehen auf ein täppisches Verkennen und Verschieben derjenigen Punkte, auf die es trr. Wirklichkeit ankant. Ms Kiderlen mitten in seiner EnLspannungsaktion am 30. Dezember 1912 einen Schlaganfall erlitt, schrieb Helfferich, daß „bie deutsche Diplomatie mit ihm ihre stärkste Kraft verlor". Arme Diplomatie! HelffÄnch ist ein Mann des schnellen Tempos. Als Jüngling begann er mit einem Hutten-Drama. Mit 23 Jahran schrieb er Mer die GoLwährnng. Mit 27: PrivaLozent in BerM. Innerhalb zwei weiterer Jahre: Referent in der Kolonialabtetlung des Auswärtigen Amtes, Professor,' Legativnsrat, Wirklicher Le- . gcrtionsrat, Vortrage-rrder Rat. 1906: Direktor der anatolischeu Eisenbahn, 1908: Direktor der Deutschen Bank. 1915 saß er am Ministertisch. Mit Volldampf voraus. Immer feste druff! Vorzeitige, übereilte, provozierende Expansion ohne zulängliche Erfassung der realen Widerstände. Ganz wie das Reich, das solchen Dilettantismus mit feiner Existenz 'bezahlte. Kaiser, Bankdirektor, Minister — alles vom gleichen -Geist beseelt. ,LVer mir in den Weg tritt, den zerschmettere ich!" dröhnte der Kaiser. „Ich verbitte mir das," echote im Reichstag Dr. Helfferich. Nicht daß Deutschland Expansion trieb, war die Ursache des Krieges; aber daß es seine Expansion in diesem Geiste trieb, provozierte bin Koalition. Des braven WürttembergerS Kiderlen fr i( ch-fromm-fröhlich-freier Burschenschaftergrist war der schwierigen Aufgabe, die von Bülow heillos verwickelte Situation zu entwirren, nicht gewachsen. Und' Leute wie Helfstrich, die in. den kritischen Julttagen geschäftige Vermittln»,gsdienfte ausübten, brachten die Krise zum Ausbruch. Me Einwanderung nach Palästina. A m st e r d a M, 21. Juli. (Korr.-Vur.) Wie drrs Prestbrrreau Radio aus New-Bork meldet, teilte dis ZiouiftrsÄe Organrsatisn von Amerika m«, das i1/* bis 2 MiLionen Juden von allen Teilen der Weit nach PLLSftina gehen werden. Man erwartet, daß eine Mmio« ans Rrrtzlanv kvMmen werde. BAKKtzWL des Friederrsoer- Lrages im englischen Anterhsns. P 6 r i s. 22. Juli. (Funkspruch.) Aus London wird gewelVet: DaS Anterhans hat de« Frrederrsrrertrag in dritter Lesung gegen 4 Stimmen nnd den en^lisch-franZAsifchen Vertrag einstimmig angenommen. Der Friedensvertrag. Die StaatskorresponbenH meldet: Somrtag fand unter dem Vorsitze des VizemnzlerS Fink ein mehrstündiger KabinettSrat statt, an dem sämtliche Mitglieder des Kabinetts teilnahinen. Im Kabinettsrat wurden die Friedensbedingungen einer eingehenden Erörterung unterzogen. Staatskanzler Dr. Nenner trifft mit seiner Begleitung heute in Feldkirch ein. Um mit ihm in mündliche Verhandlungen zu treten, reisten abends um 6 Uhr 40 Minuten Präsident Scitz, Vizekanzler Fink, die Staatssekretäre Dr. Bauer, Dr. Schumpeter mit Hofrat Dr. Schwarzwald, Staatssekretär Zerdik und Dr. Friedrich Adler von Wien ab und treffen morgen'in Feldkirch ein. Die Rückfahrt der Negier« »igsfunktionäre dürste dann so erfolgen, daß sie Freitag früh wieder in Wien eintresstn. ' Der H a up taus s chu ß, der für heute nachmittags einöerufen war, wird seine Sitzung erst am Freitag abhalten. Die Plenarsitzung der N atro naiver samml.un g erfährt eine Verschiebung aufSamstag. An diesem Tage soll womöglich die Debatte über den Friebensvertrag erledigt werden, um eine Sonntagssitzung überflüssig zu machen. Die lausenden Angelegenheiten, die jetzt' auf' der Tagesordnung der Nationalversammlung stehen, sollen dann in einer eigenen Sitzung im Laufe der nächsten Woche der Erledigung zugeführt werden. Die Regierüngsftrnktiynäre werden am Freitag im Hauptausschuß und am Samstag in der Plenarsitzung über 'das Ergebnis der Verhandltmgsn in Feldkirch Bericht erstatten. In der Nationalversammlung wird höchstwahrscheinlich eine Resolution, beschlossen werdendie gleichzeitig dem Staatskauzler Dr. Nenner die Richtlinien für die Antwort erteilen wird, die er auf die Friedensbedingungen der Entente in Saint-Germain geben soll. Ursprünglich bestand der Plan, die Regierungsftmktionäre schon vorgestern abends nach Feldkirch zu entsenden. Im Hinblick auf die Kohleunvt aber wollte man die Beistellung eines ExtrazngeS ersparen und verschob daher j die Abreise. * Ms Experte für Deutsch-Westungarn begibt sich Dr. Beer mit dem Vizekanzler Fink und den Übrigen deutschösterreichischen Staatsfunktionären zur Besprechung nach Feldkirch. Wie wir erfahren, schließen sich auch die Vertreter Tirols den Staatssekretären an, die nach Feldkirch reisen. Dorthin begeben sich die bisherigen Delegierten Tirols mit Ausnahme Dr. Sternbachs, den Abgeordneter Kraft vertreten wird. Dr. Friedrich Adler nimmt als Vorsitzender des Kreisarbeiterrates Wien an den Besprechungen in FelÄkirch teil. Die Auffassung »au maHgehMde* Stelle. Von informierter Seite wird uns mitgeteilt: Die bisher vorliegende»: Details der Friedensbedingungen sind auf telegraphischem Wege von unserer Friedensdelegation nach Wien übermittelt worden. Diese Auszüge sind naturgemäß nur ganz unvollständig und werden nach manchen Richtungen Korrekturen und Ergänzungen durch den Wortlaut der Bestimmungen erfahren. Ein Teil des Textes ist bereits hier ein getroffen und wird jetzt bereits übnr-cht. Im ganzen läßt sich nur feststellen, daß die Pessimisten Recht behalten haben, und es zeigt sich, daß diejenigen auf dem richtigen Weg waren, welche den rosigen Versprechungen, die <nrs allen möglichen Entrnt-equellen geschöpft wurde», nicht getraut haben. Der ungünstige Eindruck vonr 2. Juni wird vom 21. Juli nur bekräftigt. Der zweite Teil der Friedensbedingungen läßt sich in zwei Gruppen teilen: in eine territoriale und eine finanzielle. WaS die territoriale Stipulation anlangt, muß festgestellt werden, daß -ganz DMtsch-Südtivol z« Italien kommt. Ebenso schmerzlich ist es für uns, zu erkennen, daß auch die Grenzen SteiermarkS, wie sie am 2. Juni fixiert wurden, unverändert geblieben sind. Rädker Iburg wird also südslawisch werden. Bezüglich Kärntens bringt der Vertrag nur eine scheinbare Besserung. Das Klagenfurter Becken wird zum Zwecke der nun zugestandenen Volksabstimmung in zwei Teile geeilt, offenbar in der Voraussetzung, daß der südliche Teil für Süd slawirn optieren wird. Vielleicht bringt aber die Dolksabstimmung eine Ueberraschung für die Entente. Klagenfurt bleibt Deutschöfterreich in jedem Falle gesichert. Bezüglich NiederösterreichS zeigt der Vertrag in zwei Puukten. Entgegenkommen: Wir erhalten Hvhenau und bekommen Einfluß auf das rechte Ufer der March. Ursprünglich wollten die Tschechen die March ganz in die Hand bekommen, um im Falle der Errichtung des Donau-OderkanslS «inan Hafen in Pretzburg zu errichten und Men auch in dieser Richtung abzuschließcn. In bezug auf den Feldsberger Bezirk bedeuten die neuen FriedenSbestimmungen eine kleine Besserung: der Bahnhof Gmünd bleibt den Tschechen, die damit einen wichtigen Knotenpunkt ganz in die Hand bekommen. Die Zuteilung einiger drutsch-westungarischer Ksmttole, die als Pflaster für DeutschLsterreich gedacht z.i fein schein.!», ist ci:r ':i)t trügerisches Geschenk. Das ganze Gebiet wird zerschnitten und zerrissen rmb nach eiE imperialistischen Methode zwischen Deutschöstvrreich, der Tschecho-Slorvakei und Ungarn ausgeteilt. Der Aufteilungösch lüssel ist gänzlich ungerecht und eS ist nicht einzusehen, warum die Einheitlichkeit dieses Gebietes gestört und die Kvmitate auseinandergerissen werden sollen. WäS die finanziellen Bedingungen «mb langt, so sind einige kleine Erleichterungen zu konstatieren, dagegen äb&t viele Härten und Unmöglichkeiten, die den Schluß rechtfertigen, daß der Vertrag für uns undurchführbar sein wird. Die Ablieferung von Milchkühen und Vieh ist für Deutschöfterreich, das zu den, Höchsten Preisen Milchkonserven einführen muß, einfach unmöglich. Die* Bestimmungen über die Kriegsanleihen sind vorläufig-, zu unvollständig, um gänzlich verstanden zu -werden. Sollte es sich bestätige!», daß jeder Staat für die ä'uf seinem Gebiet befindlichen Kriegsanleihen anstommen muß, so würde sich sofort ein maßloser Schmuggel in Kriegöanlrihrrt ein stellen, da jeder Staat natürlich trachtenwürde,-' feinen Besitz an Kriegsanleihen abzustoßen. Es.fehlt jede Kontrolle über den Besitz der SukzessionSstaaten an Kriegsanleihe, und es zeigt sich r» so, daß eine derarttgeGummibestimmung be-. züglich des Krieg§anleihebesitzers einfach unmöglich ist. Auch die Festsetzung, das; Deutschösterreich und Ungarnfür die im Auslande befindlichen Noten aufzukommen Hab«;, ist technisch und ur ch fü h r b ar. -Ungarn komntz» für die Einlösung überhaupt nicht rnehr in Betracht, und wie sollte Deutschösterreich für alle die. Noten' aufkommen können, mit denen die Ukraine, Polen, die Schweiz und Holland vollgepfropft sind. Drutschöfterreich würde für Verbindlichkeiten aufzukommen haben, die seine Leistungsfähigkeit um ein Vielfaches übersteigen. Unsere Friedensdelegation in Saint-Germain wird slebftverständlich gegen diese Bestimmung sowie die anderen Unmöglichkeiten Einspruch erheben und Dr. RÄme r wird, da die Frist zur Beantwortung der Note zu kurz ist, nach deutschem Muster eine Verlängerung fordern, die ihm wahrscheinlich zugestanden werden dürfte. Den Tschechen wird in dem Friedensvertrag kein Korridor nach Fiume zugsstanhen, dagegen erhalten sie die Garantie der freien Benützungen der Bahnen von Preßburg nach Pragerhvf über dsutschösterreichisches und ungarisches. Gebiet. Damit erscheint Deutschösterreich daS freie Berfstgungsrecht befvuderS in tarifarische r Richtung zum größyn Dell genommen. Die 'militärischen Bedingungen geben keinen Anlaß zu irgendeiner Bemerkung, DeutfchöstrreeichisH? Arbeiter für die MederheestellirugSr ar'öeitrN i n Frankreich. Aus Saint-Germain erhalten wir folgende Mitteilung: Zu dem Besuch, den der Generalsekretär der Friedenskonferenz, Herr Dutasta, dem Staatskanzler Dr. Nenner vor einiger Zeit ab stattete, kam, wie damals gemeldet wurde, di« in Deutschösterreich herrschende Arbeitslosigkeit zur Sprache unddabei tauchte der Gedanke der Her'auziehung deutschösterreichischer Arbeiter bei den Wiederherstellungsarbeiten in den zerstörten Gebieten Frankreichs auf. Die Idee hat, wie sich zeigt, in den leitenden französischen Kreisen Wurzel gefaßt. In einer Rede, die Ministerpräsident Clemenceau bei seinem Besuche im Maasgebiete in Stenay hielt, kam er auf die Frage der Arbeitskräfte zu sprecherr, wob ei er die Brvölktzmmg angesichts der bevorstehenden Heinrkehr der deutschen Kriegsgefangener; auf die Möglichkeit der Gewinnung von Arbeitskräften aus Deutschöfterreich vertröstete. Es könnte sich hier natürlich nur um den f reiwilligen Zuzug von Arbeitern handeln, wobei die deutschösterreichische Regierung durch ihre Mit. Wirkung bei der Organisation der Arbeitsvermittlung in die Lage gesetzt werden müßte, die Interessen der Arbeitsuchenden wirksam zu vertreten. Die Sorge vor einem Ssterrerchifch-ntagharLschen Einvernehmen. Der Pariser Vertreter der „Narodni Lrsty" bespricht den Pariser Friedensvertrag, mit Deutschöfterreich und kommt zu dem Schlüsse, daß der tschechische-Staat aus der gefährlichen Situation, die durch die neuen Verhandlungen mit Deutschöfterreich entstand, mit dem Vorteil hervor gehe, daß der tschechische Staat behält, was für ihn eine wirtschaftliche und Handelspvlittsche Bedeutung besitzt und daß er auch den so wertvigillen Preßburger Brückenkopf gewinnt. Schließlich erleidet der tschechische Staat auch politisch keinen Schaden. Wenn eS für die Zukurift eine Befiirchtunr'. gebe, so sei dies die Sorge vor einem österreichischm agrarischen Einvernehmen gegen den tschechischen Staat. Dadurch aber, daß die Entente die westungarischen Komitate Oesterreich zugespmchen habe, habe sie die Grundlagen zu einer Bitlerkeit zwischen Magyaren und' Oefterreichern gelegt.- die auf lange Zeit jede Möglichkeit einer Berständign.ig auf Kvsten des tschechischvn Staates verhindert,