Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 183 (23.7.1919)
- Date
- 1919-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r. Kreis 2SW -SMer 1*1 tat Mt AatzeLmß in* Hautr «MH mtuuijPi — -*SS*■*—* -* [■»■:* tt WV“1 SSLS JUMCSül Nr. 183 sttowOra M-rkir« iwmvt# n>l^ Ekt?»«y>*ffiw*f «irt» Wie«, Mittwoch, den 23. IM ISIS 1. Jahrgang ar Tschechische Legionäre gegen die RsgierMU Tusar. Ein mißlungener Putschversuch. Pilse«, 22. IuÜ. (Tel. der ,9Br. Morgenztg/) Die längs der bayrischen Grenze stationierten tschecho-slowakffchen Legionäre sammelten sich inE isenftein, Hamytern, Neuern und Eibenstraß, fuhren in voller Ausvüstrmg nach KLaLtcm, woselbst sie die dortige Garnison zum Anschlüsse bewogen. Sie beabsichtigten, sich nach Prag zu begeben, der« Präsidenten Masaryk die Diktatur anZrttrageir, die Regierung Tusar zu stürzen und K rawarsch wieder zum Ministerpräsidenten zu machen. Die Legionäre fuhren in einem Znge, dem sie eine leere Lokomotive in der Richtung gegen Pi ls en boraussarrdten. BonDobrzarr wurde nach Pilsen telephoniert, daß die Legionäre gegen Pilsen fahren und einen Putsch beabsichtigen. Daraufhin wurde die Pilsener Garnison alarmiert und mit Maschinengewehren den Legionären «ach Lippitz errtgsgengeschickL, woselbst der Zug, in dem die Legionäre fuhren, angehalten und die Mannschaft entwaffnet wurde. Der Zug wurde sodaun zur Haltestelle Pilsen-Krankenhaus geleitet und die Mannschaft auf den Viehrrrarktplatz vor der LandwehrÄaserue eskortiert, tvofstSst «ach telephonischer Rücksprache mit Prag DbevstleutnanL Kopal vom LaNLesVsrLeidiZnnsstninifterium mittels Auto in Pilsen eintraf «nd sofort mit den Legionären Verhandelte. Der Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Roda Doba", Kon de lka, hielt an die Legionäre eine Ansprache nud klärte sie über ihren Frrttm» ans. Schließlich wurde vereinbart, daß die Mmrnschaft wieder in ihre Garnisonen au der bayrischen Grenze ßurückkehren» worauf die Mannschaft mit klingendem Spiele auf de« Vahnhos geleitet und in der Richtung gegen Klattau zurückbefordert wnrde. Es war eine voMLndiM Ansföhnmrg zustaNdegekonmren. In Pilsen, wo die Kunde von de« Verfällen große Anftegnng verursacht hatte, wurden die öffentlichen Gebäude mNiLärHsth gesichert, und der Preffe verboten, über die Vorfälle zu berichten. In den Abendstunden wurde» Plakate affichiert, in welchen die Mhaltnng von Theater- und Kinovorstellungen sowie aller soufiisen AntMhalLnnge« v e rbote« und die Haustorsperre für 8 Ahr ««geordnet wurde. Diese Plakate wurdsn jedoch kM?^ WWer,e n ME^^^7ÄWr?WKoLen Mnß werde», daU ^e Legionäre sich' auch iw<srtchÜ^''t^Äbaveu'''L e b e» sm v e rhÄlL« isse Öt der Mhochv-Slowakei beschwerten. Sie hätten sich durch eigenenAugeuscheLu an der Grenze Weszeuge« können, daß man in Bayern ein Glas Mer für 14 Pfennige rmd ein voWLndig ausreichendes Mittagessen für 2 M a r k bekomme, was im Vergleich z« den Preisen, in.her. TMechotzlowakei unerhört sei. Die siegreiche Offeufioe gegen RmKäMeK-. Große Erfolge der RLteLrup-e«. — Flucht der RmnäRen. Budapest, 22. Juli. Das Ungarische Telegraphen-Korrespsudeuz-BrrreLu meldet sinter dem 22. d. M.: Zwecks Bssttzergreistnrg jener Gebiete jenseits der Theiß, welche der Präsident der Pariser Friedenskonferenz in seiner Rots vom 19. I««i für rms bestimmt hatte, habe« unsere Trupps« am 2v. d. M. früh die Theiß an mehreren Punkten überschritten. Da die Rumäneu trotz des garantierten Beschlußes der Eutsutemächte Widerstand versuchten, haben wir sie, «mdem Beschluß Geltung zu verschaffen» angegriffen. Do« Tokaj himmter bis Cfongrad verfolgen wir am Östufer der Theiß überall erfolgreich die zrrrüÄgefchlagene« rumänischeu Trappern Unsere siegreich kämpfende« Truppen haben schon bis jetzt große Mengen von Kriegsmaterial, Geschützen und Maschinengewehren erbeutet «nd viele Gefangene gemacht. Besonderes Lob gebührt dem Ser-Arberterregime^.t sowie den Insmtterieregiwentern 101 «nd 33 und dem prächtigen Zusammenwirken der ArMMe, Sappeure und Flieger» welche ermöglichten, daß wir die schwere Aufgabe des FlußübergMiges mrd BEÄsrHchlagons mtt einem verschwindend kleinen Verlust lösen könnten. HsevesoderkoMMmrdv» Von rumänischer Seite wird ein Funkspruch verbreitet, der erklärt, daß die ungarischen Mtetruppen ^war einige kleine Erfolge errungen haben, aber später von den rrrmärchchen Truppen surüchgewiesen Wichen. Kritische Emährungslage in Ar«kreich. Schlechter Stand der Ernte. — Mehlvorrüte nur dis Ende Angnst. Sayville, 27. Juli. (FunUpruch.) Aus Paris wird berichtet: Äis ErnWmmgslage Frankreichs ist sch l i m m e r, als sie bisher von amEchon Krisen dargestellt worden war. Es fehlt besonders au Weizen nud Fleisch und oiugewechte Kreife bshauptvn, daß man sich in Bälde werde wehr einfchräuken müffen als während des Kv^geS. Mehl ist, nur bis Ende August vorhanden. Die h eurige Ernte ist so schlecht daß 80 Millionen Bufhels werden eingsDhrt werde« müffen. UnMckKchettveffe hat sich Fvorckreich im Friedensvertrag nicht den für die Einfuhr notwerMgen SchUsraum vettrasNch ^sichern lasten, so daß nunmehr nachträglich alle A«stre«Zrm§en gemacht werden, nm sich SchUSramn zu beschaffe«. Zn diesem ZwsÄ w«M Migrain feit oÄsigen TaKsn in Londe«. Es wüßte« von jetzt an monatlich 6MiVisne»BufhelseingeMrtwerden, um jchsGSvcknwg in dorRahmmgsmrttelvevteilmrg zu vermeiden. Dafür und für die Einfuhr von Gefrisrsi^ch aus DÄdanrsrÄca ist der Schiffsraum nicht vorhanden. Wenn dieser nicht in kürzester Zeit FrmchMich MvVerügung gestellt wird, befindet sich Frankreich i« einer sehr M-Oen Lgge. Helfferich und der Weltkrieg. in Wien, 83. Juli, j Ms Dr. Gelfferich unseligen Angedenkens im Neichslag bei einer seiner aufreizenden Neben von alle» Parteien bis zur Rechten mit empörten Zwischenrufen unterbrochen wurde, schlug er mit bst Faust auf den Tisch und schrie verärgert: „Ich verbitte mir das!" Diese Szene kennzeichnet den Mann, der an der politischen Entwicklung und Verwicklung des letzten Jahrzehntes, wie er in seinem Buche: „Die Vorgeschichte des Weltkrieges" (Verlag Ullstein & Co., Berlin) erzählt, einen oftmals entscheidenden Eirrflutz ausgeübt hat. Ein treuer Diener seines Herrn, hat er ihm treWch das Räuspern rmd Spucken abgeguckt. De Früchte solcher Methode hat DeutWaM herlte zu büßen. Ist sie Überwunden'2 . . . r Kautskh rmd Kurt' Eisner sammelten reiiHrSl Matevial, das die wahren SchM'itzen am Kriegsausbruch vor den Gerichtshof des Volkes ziehen sollte. Aber es durfte nicht veröHeMicht werden. Irgendwo schlug die gepanzerte Fmrst auf deuTischr ,^ich verbitte urir da§!^ und schon geriet dis schüchterne Diskussion ins Stocken. Mehr noch: die Frage, wer am Kriegsau s-brnch die SchuD getragen hat, wurde gewaltsam zur Fratze gewandeü, wer den lkriegS ww§ g an g verschuldete. Nicht daß der Krieg ausbrach, sondern daß er verloren wurde, wird zum Verbrechen erhoben. Ein trauriges Symptom, daß der HohenzollerngList imnrer noch umgdjjfcs Er fiimf auf Rache und schmiedet rwch ilmner mit Blut mrd Crfsn die Wahrhejt in Fesseln. MauorecLn, von jeher gegen Derunreinigmrgen schutzlos^ tragen Plakate: „Ssst Schandfrisüe — Judas Werk!" Und Dr. HÄffeüich, der den Siegfrieden leidenschaftlich erstrebte, ergeht sich in den alldeutsch-antisemidtzscheu niedrigsten Ntveaus in halbenMrbeutunVNr über den ,^nneren>Mnd"> derbem DeutsMn Reich die fast MM exraM MegeZbeute auK. den Müden riß. ' >''ji Es ist daher kem Wunder, daß' er in seinem Mrche um so ängstlicher vdn jenem inneren Feind schwsigt, der den Krieg provoziert hat: seinen alldeutschen Freunden. Er bemüht sich zunächst, zu beweisen, daß der Dreibund nur defensive, die Entente dagegen offensive Tendenzen verfolgt habe. Er nennt den Dreibund, wie Bülvw, eine Versichevungsgesellschaft, die Triple-Entente Me Erwerbsgefelkschast-. Wobei er allerdürgs übergeht» daß von dieser rÄrren Versiche- / rungsgeselkschaft Italien w Tripolis, Oesterreich-Ungarn in. Bosnien-Herzegowina pwgvammwrdrig reichen' Erwerb einheimstev. Während Deutschland in Kiautschdu, Tanger, Agadir und Bagdäd die besten Anstalten dazu traf, auch seinerseits sich eines Zuwachses zu versichern. Doch nicht darauf Lommt es an. In der bisherigen Wirtschaftsform war Expansion ein natürlicher und unaufhaltsamer Prozeß, dem «Ne Völker gleichmäßig unterlägen, mrd wenn der Dreibund auch arif Erwerba»Siging, so tut fit nichts anderes, als was die Errtente auch tat. Die Frage ist nur, ob die Art, in welcher Deutschland hierbei vorgLyg, einen HxlWeg pnt«rmeidlich wachte. > '' j ,■ . \ Schon Bismarck ^vurde von der Furcht' vor einem' KoaKttonskrieg bis in den Schlaf hinein verfolgt. Als er, 1-MÖ, vom Schauplatz aLtrak, htnterlistß er eine Konstellation, welche diese Gefahr auf ein Minimum reduzierte. Mit Rußland bestand ein RücLrersicherungsvertrag^Jtalien hielt L^u zum DreSbund, Rumänien und Serbien wigten zum Anschluß. Kaiser Mlhelm dagegen setzte mit einer Politik ein, die nicht nur Deutschland isolieren, sondern die Gegner auch provozieren mußte: Eaprivis Kündigung des russischen Vertrages, Verärgerung Japans durch Kiautschau, Verärgerung Engknchs durch die Krüger -Deposthe, FL)ttenbau, BatzdaMrhn. Nach zwanzig Jahren hatte Wilhelm erreicht: die Schwächung der Habsburger Monarchie und dev Türkei, den Abfall Italiens und Rumäniens, die französisch-russische Allianz, die japanische Mißstimmung und die englische Todfeindsch^t. Die Koalition wav da. Das kam Schritt für Schritt. Es kam nicht überraschend, man sah es deutlich voraus. Und man vermochte nichts daran zu ändern? Rußland, sagt Helfferich, war unvrrmchbaL. Obwohl noch Iß 14 der Zar sich erboten haben soll, tzsankretch fallttr zu lasten, worm Dvutschkmd Oostsevstch-rUrgarn fallen ließe. So spitzte sich alleauf das dsuHch-euMche Verhältnis zu. Wenn das so ivar, müßte man nicht mmehmen, daß Deutschlmkd sich zunächst vergewissert hätte, unter