Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 180 (19.7.1919)
- Date
- 1919-07-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 180 Men. Samstag Wiener WorgenZerrvttL , 19. Juü 1919 -Seite 3 Politische^NVndschaR. Koltschaks Reich. Ueber die Lage Koltschaks, des van der Entente begünstigten Generals der Gegenrevolution, wird von informierter Seite geschrieben: Sibirien stellt absolut keinen, einheitlichen Staat 'dar, so wie dies im Sowietrußland der Fall ist, sondern ist vollständig zerrissen durch eins Unmenge Republiken, von denen der größte Teil Sowjetrepubliken sind. Eine derartige Lage hat im Rücken der Koltschakarmee eine völlig unsichere Situation für die letztere geschaffen. Die Unmenge Republiken kämpfen gegen die Regierung Koltschaks, es haben sich Guerillaabteilungen gebildet, die Vorstöße von den einzelnen weit abl von der Bahn-, strecke gelegenen Republiken unternehmen; und zwar ist es verschiedener solcher Abteilungen gelungen, des öfteren die Bahnstrecke zwischen Wladiwostok und Perm derartig zu gefährden, daß mitunter innerhalb vier 'Tagen keine Züge aus Ostsibirien in DomsL ein treffen konnten, am schlimmsten ist die Eisenbahnstrecke zwischen Marinskaja und Irkutsk bedroht. Derartige Guerillaabteilungen verfolgen die Züge zwischen diesen Stationen, und zwar hat man. beobachtet, daß innerhalb einer kurzen Zeit 14 Staffeln von militärischen Zügen von den Guerillas zum Entgleisen gebracht waren. DA Tomsker Zeitungen. sind außerdem voller Nachrichten über Bauernaufftände im Kreise Bijisk und Barnaul. Die stärkste Sowjetrepublik in Sibirien dürfte wohl die von Blagoweschlschensk und Krasnojarsk sein. Zu dieser Republik gehören noch die Städte Atschmsk und Kamsk. Diese Republik verfügt über eine regelrechte Rote Armee, die eine beträchtliche Streitkvaft darstellt und über Artillerie und moderne Kriegstechnik verfügt. Diese Republik wird von japanische» Truppen belagert und bekämpft. Japanische Zeitungen gaben ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, baß sie bei de« Kämpfen mit dieser Svwietarmee Sibiriens amerikanische Soldaten gefangen nahmen. Als die siebente Uraldivision Koltschaks ab ge fertigt wurde, zerstreute sie sich unterwegs vvllstäirdig und ein geringer Teil, der an der Front eintraf, ging zur großrussischen Roten Armee über. Der Bormarsch der großussischen Sowie tarmee dürfte die revolutionäre Gärung innerhalb Sibiriens zu imv" stärkerem Ausbruch bringen. Alles dies ist natürlich den Führern der Entente nicht unbekannt und da sie sich selbst nicht genügend stark fühlen, nur Hepützst aus ihre eigenen Kräfte, der ganzen revolutionären Bewegung in Sibirien zu werden, zögern sie mit der Anerkennung Koltschaks. , Obschvn auch Sowietrußland mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, so sind dies« Loch ganz; Natur als diejenigen, mit denen die Regierungj Aoltsch-ak zu tun hat. Die Lage Koltschaks ist unendlich schwieriger, und schwächer als'die Sowietrußlands. Aus giesen Grunde ist man fest davon überzeugt, daß, seine Herrschaft über kurz oder lang zufanvmenbrechen muß. Mt diesem Tage wird dann Sowietrußland vom Kampfe 'mit Ostrußland befreit sein, um alle seine sreigewordenen Kräfte gegen Polen und die übrige» weißgardisti!- schen Banden der Ententestaaten im Westen Rußlands zu werfen. Deren Ende wird dann ebenso katastrophal eintreten wie das unvermeidliche Gide Koltschaks.. Die Gleich-erechtigrmg der Juden in LhrmLnLe«. Die New-Norker jüdische Zeitung „Tag-Wahrheit" erhickt von ihrem Washingtoner Korrespondenten den Text des dem rumänischen Gesandte« in Amerika von seiner Regierung zugegangenen Dekrets b etr esf en d die Naturalisierung der Jude» inRnmänien. (Siehe „Wiener Morgewzeitnnoss dom 18. d. M.) DaS vom 28. Mai (. I. datierte, dom König Ferdinand und dm Ministerrat gezeichnete Dokument hat folgende» Inhalt: Alle jüdischen Einwohner, die m Rumänien geboren wurden oder deren Eltern jetzt in Rumänien wohnen (wenn auch die Kinder sich außerhalb Rumäniens aushalten) erlangen kraft deSGesetzeS in dem Momente daS Bürgerrecht, wo sie die ernfache Erklärung ad geben, daß sie dieses austrebrn. Allen Inden »hm Ausnahme, die i» der rumänischen Armee geineut haben sowie ihren Kindern, Witwen Md Angehörigen wird die rumänische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Diejenige» Juden, die auf Grund deS Dekrets vom Dezember 1918 die Erlangung der Staatsblkgerschast angestrebt haben, jedoch wegen Mangel au Bewerfe», daß sie m Rumänien geboren wurden, abgewiesen worden sind, werde» nunmehr ohne jegliche Formalität rumänische Staatsbürger. ' Das Gesetz vom Dezember 1918 wird daher außer Krab gesetzt. Alle Jude» erlangen ohne weiteres die StaatSbtirgerschaft. ES wird von. ihnen weder eine Erklärung in bezug auf ihre Religion noch irgend welche Erklärung bezüglich ihres Judentums, noch irgend welche Gebühr oder sonstige Leistung in der Form einer Stener gefordert werden. Diese Verfügung gilt für alle Inden m ganz Rumänien, die Moldau und Walachei mvegriffen. . Die lrleinafitttische Frage im engU.chct. Unter- Hause. Per llnterstaatssckretär Harmsworih hat im englischest Nillerhause auf eine Anfrage erklärt, daß in Paris in Bezug auf die territorialen Fragen in Klemasten noch keine Entscheidrmg getroffen wurde. Er wiffe auch nicht, ob es in der Absicht der Friedenskonferenz ist, Veranstaltungen für die direkte Befragtwg der Einwohner dieser Territorien zu treffen, indessen werde« c§ die von den Türke» im Laufe des Krieges massenhaft vorgenommenen Deportationm schwer machen, eine Enquete dieser Ach wemgftrns im Laufe der nächsten Zeit, durchznsührm. > - . Die Lebensmittelversorgung Dentschösterreichs. Der Oberste Nat wird der FsrderuAg Dr. Nenners Folge geben. Saint-Germain, 18. Juli. (Korr.-Bur.) Der Oberste Rat hat sich gestern verH sammelt. Nach dem offiziellen Bericht Beschäftigte er fich mit der Frage der Bersorgnng Oesterreichs, die durch die diesbezügliche Note der Delegation von Saiat-Germain aufs Tapet gebracht worden ist. z Der „MM«" meldet, daß dem Ansuchen Dr. Nenners wahrscheinlich Folge gegeben werden wird. Auch der „Petit Puristen" ist derselben Anficht und erklär^ Hatz die Wünsche deÄ DentschSstervsicher im Prinzip günftig anfgenommen wurden «nd daß die Ent^ schädigung'SkBMmisfton mit der Durchführung der notwendigen Maßnahmen beanftragt wurde«. Der „Matin" meldet überdies, daß zur Sitzung des Obersten Rates auch Foch beis zezo'gsrr Wurde, da man im Zusammenhänge mit den Maßregeln zur Durchführung de^ deutschen Friedensvertrages die militärischen Anordnungen nach Vollzogener Mrüstnng mG die Lage an der Oftgrenze Deutschlands besprach. Die Ausschüsse der Friedenskonferenz nicht arbeitsfähig. Nhstiaenz der amerikanischei? Delegierten: Versailles, 18. Juli. (Korr.-Bur.) Mehrere Blätter nrelden, daß einzelne A u fchüfse der Friedenskonferenz nicht arbeitsfähig find, weil Prastden^ Wilson vor der Abreise die amerikanischen Vertreter angewiesen habe^ die Sitze in d en Au ssch üssen, auf dieAmerika Anspruch habe, seeiAulassen^ bis der amerikanische Senat den Friedensvertrag ratifiziert habe. Wilson vertrete de» Standpunkt, daß jeder Vorbehalt, den der Senat mache, einer Ablehnung des Friedens«^ Vertrages gleichkomme. TslegraMme. Deutsche NationalversammlUng. Trennung von Kirche und Staat abgelehnt. Weimar» 18. Juli Rech längerer Debatte wird bei der Abstimmung über den Anirag Kahl im Artikel 182 die Glaubens- und Gewissensfreiheit festgelegt, die Gedankenfreiheit aber aufgelassen. Der Antrag der Unabhängige» auf Trennung von Staat und Kirche wird gegen die Stlmmen der An trägste ller abgelehnt. Die Frage der ReligionSgesellschaslcn wird dahin entschieden, daß die Religionsgesellschaitru Körperschaften des öffentlichen Rechtes bleiben, soweit sie solche bisher waren und daß gemäß de» demokratischen Anträgen anderen Religionsgesellscha ft en gleiche Rechte z u g e w ä h r e u sin d. wenn sie dmch die Zeit ihreS Gntitchens und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr für die Dauer dielen. Der Antrag Heintze, daß auch moderne, öffentlichrechtliche Relegionsgesrllschasten öffmtltch-rechtliche Körperschaften sein souen, wird abgelehut. Em Antrag der Sozialdenrokrcuen, daß die Rechte der Mitglieder einer ReligwnSgememschaft nicht von Geldwertleistnngen abhängig gemacht werden, wird abgelchnt, ebenso ein Antrag Heintze, wonach die ans Herkommen beruhenden StaatSleist,mgen an die RMionsgesemchaften dmch die Landesgesetzaebung abzulösen sind. Dagegen wird mit geringer Melnheit der Antrag der Deurschnationalen angenommen, daß bis zum Erlaß eines Reichsgesetzes die bisherigen StaatsleistMgen bestehen bleiben. Im übrigen werden die einzelnen Bestimmungen dieses Abschnittes unter Ablehmmg aller anderen Anträge gemäß dem Ausschußbeschlusse angenommen. Eine Lettische Anleihe Ln Amerika. New Porst, 17. Jul. (Tcl.-Komp.) Wie die „New Aork Times" erfährt, verhandelt die^ Deutsche Bank namens der Lentschen Negierung ül>er ein größeres Darlehen m Amerika. Der erste Kredit soll den Betrag von fünfzig Millionen Dollar umfasse n. Auch die Schweiz , sucht ein Darlehen nn Betrage von dreißig dis vierzig Millionen Dollar zu erhalten. Dänemark fei bereits ein Kredit von jünfzehn Millionen Dollar gewährt worden. Die LoslSfrtngsbestse-mrgen in DeuLschland. MÜnckMt» 18. Juli. Der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten ist für die nächsten Tage zu einer wichtigen Si'tzrrng einbernfen worden, in der die Frage von Groß Hessen, die. im Zusammenhang mit der pfälzischen Frage steht, ferner die Einverleibung KvburgS in Bayern und schließlich die Frage der Finanzhoheit Bayerns auf der Tagesordmmg stehen werden. Die LebsnSmiLSelpreife Ln WeftdsLn- > ««v um 100 Prozent gesttvLen. Berlin, 18. Juli. (Tsll-Komp.) Der „Abend" meldet aus Koblenz: Der Koblenzer Vertreter des „New Dvrk Hsrald" berichtet: An die Bevölkerung des besirtzten Gebietes wurde eine Bekannt,nachung erlassen, worin der freie Handel zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Gebiete mit gewissen Einschränkungen gestattet wird. In Trier, Koblenz und Saarbrücken find die Lebensmittelpreise infolge der starken Zufuhren vielfach bis zu 100 Prozent gefallen. Verschärfter Belagerangszuftaud m e.uU». z Stettin, 18. Juli. «Tel. der „Wr. Morgenztg?) lieber Stettin wurde der verschärfte Belagerungszustand verhängt. Das Sttttttzgerlcht in Miittche» arbeitet weitvv. rl München» 18. Juli. (Tel. der „Wr. Morgeintg.") Das Münchener Swndgericht vecmtÄlte den Drehermeister. Gustav P a u l u p u ui, der in der gcstiü-zten Räteregicrmkg das Amt eines Bolksbcaustrggton .für Verkehrswesen vcrsab, u'-aen Ber- ^brechenS der B e k:h i l f e % n m >> o rii c r v >i t e m . Frstm«. Aufhebung des BelagemrugSMftaudes Ln Pommer«. z Berlin» 18. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzttz.") Di, Aufhebung des BckagerungszustanLes üb« B «j v o m m e r u ist, wie von unterrichteter «Leite .mitgeteilt wiroj stündlichzuerwarten. Die BolksabstLMMUngSN. Versailles» 18. Juli. (Wolff-Bur.) Der „Ehrcagv TribuneZ zufolge leitet den interalliierten Ausschuß für die BollsabftiMUumg in S ch l e s w i g em Engländer und den Ausschuß füi! Oberschlesien «»Franzose. Belgiens SchaLe«ersatzansprllche gegen Wilhelm II. % Rotterdam, 18. .Daily Marl" meldet aus J. (Tel. der „Wr. Morgenztg.^ a r i s: Die persönlichen Schaden«, eysatzansprüche Belgiens gegen den früheren deutschen Kaffer sind von den belgischen Minister« a<rf 98V Millionen Mark festgesetzt worden. Es würde ein Antrag auf B e-, schlagnahmrdes Vermögens deS früheren KarserLm dieser. Höhe «»gebracht. Der Prozeß gegen Wilhelm H. n Haag» 17. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg?) Wie die „Chicagoer Tribmie aus Paris meldet, haben sich dm a m e r r k a n i s ch e n. j a p a n i s ch e n und i t a l i e nas ch e n Delegierten offen gegen den Kaiserprozeß ausgesprochen, worüber die Franzosen sehr entrüstet seren. Der Wiederaufbau FrauLreichs «nd deutschen Kriegsgefangene«, n Berlin» 18. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzkg.) W'« von zuständiger Seite mitgetrüt wird, hat kt den Versailler Vey« Handlungen über denWiederanfbau' Frankrei ch/S der Vorsitzende. der Kommission, 8 ouchdre. erklärt, daß im Gegr " ' " zu befürchte», daß die H e i m b e f 8 r d e r u n g der deutschm Kriegsgefangenen von der Entsendung fr e i e r deutscher Arbestev abhäuM gemacht werde. Die DemobMfiernng in Frankreich. Beesailles, iS. Juli. (Korr.-Bur.) Die französische R>^ gienmg hat befchlöffen, die JahreSllaffe 1909 der Marinemn 30. Juli, die Jahresklaffe 1910 vom 10. bis SV. August rmd^.di« Jahresklasse 19H vom 20. bis 30. August $8 entlassen. Elementen« Aber die miliL8rifche«Srcherheite«H VsrsaMS, 18. Fult. (Meldung des Wolfffchew Bureaus.) Vor bewt Friedensausschuß bec Kammer behandelte Clemenceau gestern die Frage der militärischen Sicherheiten für Frankreich am linken Rhernufer und erklärte, Marfchakl Fvch habe vvrgeschlagen, Brückenköpfe am Rhein %n errichten^ die von den Ententetrüppen gehalten werden sollten,.! Er betonte, daß der Oberbefehlshaber der alliiertem Armeen jede mögliche Freiheit gehabt habe, sich zw erklären, sei es persönlich vder schriftlich, und daß er sich vor dnte Viererrat, vor der Konferenz und vor dem Ministerrate ausgesprochrn habe. Das, was dev Friebensvertrag varsehe, genüge M Fraukreichs Sicher^ h^it selbst ohne Brückenköpfe, die Frankreich schließlich selbst hätte besetzen müssen und die auch politische und' militärische Schwierigkeiten nach sich gezogen Habers würden. Nach seiner Ansicht gebr die vorgesehene' militärische Hilfe Englands und Amerikass im Falle einer deutschen Herausforderung Frankreich genügend Sicherheiten. Wenn diese Sia-^heidenx schon im August 1014 vorhanden gewesen wären, wirre es nach seiner Meinung nicht zum Kriege gekommen. Die? Sicherheit sei so groß, daß Frankreich durch .ein GeW die militärische D i r n st z e i t a.n^f n Ast h«lriabsetzen könn^