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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-19 · Heft 180 (19.7.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 180 (19.7.1919)
Date
1919-07-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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beite 2 Wien, Samstag Es ist erreicht! st W i e n, 19. Juli. Don amtlicher Seite wurde festgestellt, daß die Frequenz der Wien er Lehranstalten rapid linkt. Die Zahl der Meldungen zu den AufnahmZprüfungen für Realschulen und Gymnasien-ist Heuer um siebzig Prozent kleiner als in den verflossenen fahren. Diese Feststellung bedeutet, daß es zu einem Zusammenbruche des Wiener Schultverkes kommen muß, wenn nicht bald Wandel geschaffen wird. Die dürre Ziffer erstickt einen der herrlichsten Wiener Zukünftsvläne im Keime, den Plan, Wien, zu einer internationalen Kulturzentrale, zu einem grandiosen Lehrzentrum ruszugestalten. Wie ist doch diese Idee in den letzten Monaten gehegt und gepflegt morden! In tausende» Reden und Artikeln wurde das Thema behandelt. Man hat die stolze Geschichte der Wiener Hochschulen lang und breit geschildert und den alten Weltruf der Lehrstadt Wien auf den Glanz hergerichtet. Man hat die Geister Billroth, Rokitansky, Radintzer, Albert und andere heraufzitiert und geglaubt, mit dieser Totenbeschwörnng wäre die Sache schon gemacht. Als Draufgabe hat man noch vom gastlichen Charakter Wiens geschwärmt, von ber sprichwörtlichen Liebenswürdigkeit der Donaustadt, welche fremde Lehrer und Studenten.anlockt, wohlig umfängt und fesselt. Die wackern Pläneschmiede haben nur eine Kleinigkeit überrsehen: daß die großen Lehrer längst hin sind und die Liebenswürdigkeit' Wiens, insbesondere aber die Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit des akademischen Wiens längst beim Teufel ist. Engherzigkeit, Rüpelhaftigkeit, p rovinzlerische Kleinkrämerei und nationale Unduldsamkeit machen sich schon seit langem auf dem Boden der Wiener Hochschulen breit und die schwache, unentschlossene Unterrichtsverwaltung und rückständige, feige Professorenkollegien haben es unterlassen, dem ruinösen Treiben tölpelhafter Kommershelden energisch entgegenzutreten. .» Schon in den letzten Friedensjahren ist keine Woche vergangen, ohne daß Fremdnationale, ohne baß Italiener. Tschechen, Slovenen und Juden nicht in der Aula attakiert worden wären. In Schmähungen und Prügeleien hat sich die „Wiener Liebenswürdigkeit geäußert. Im und nach dem Kriege sind die Zustände aber einfach unleidlich geworden. Jede Forderung ber deutschnationalen Chauvinisten wird erfüllt. Bei den Einschreibungen und Prüfungen werden allen Ausländern — und die Angehörigen der Sükzessionsstaaten werden natürlich dazu gerechnet — die größten Schwierigkeiten bereitet. Man läßt sie 'nicht zu oder man gibt ihnen aus Schritt und Tritt zu spüren, daß sie „geduldete Fremde" sind. Bald ruft man sie mitten im Schuljahr und teilt ihnen mit, daß sie ausgeschlossen sind, bald hält man sie von Prüfungen fern oder, man prüft sie, nimmt ihnen hohe Taxen ab und verweigert ihnen dann die Zeugnisse. Von den Hochschulausschüssen werden sie ftrngehalten, vom Genüsse gemeinnütziger Institutionen schließt man sie aus, krrz, jeder Ämne der verehrlichen, biersesten, deutschnationalen Studentenschaft wird seitens der Rektoren und Dekane auf Kosten der „Fremden" Rechnung getragen. Und da gibt es noch Phantasten, die von einem Zulauf zu diesen .Hochschulen träumen und Wiens Zukunft aus die „Gastlichkeit" dieser Anstalten gründen wollen! Und die nämlichen Herrn Professoren, Rektoren und Dekane halten Vorträge über die Bestimmung der Wiener Hochschulen als „internationale" Bildungsstätten! Will man dem Uebel steuern, so ist notwendig, festzu/ stellen, daß btt verderbliche Geist von außen her hineingetragen wurde. Der Wiener ist nie unduldsam gewesen. Der Chauvinismus der deutschböhmischen, alpeyländischen und schlesischen. Provinz hat sich in Wien etngeniftet. Die Hetzer unter den Politikern und Studenten stammen alte aus der Provinz mch nur der Passivität der Wiener Kreise ist es zuzuschreiben, baß diese, in kleinlichen Anschauungen und inmitten des wüstesten Nativnalitätenstteites ausgewachsenen Elemente sich der Herrschaft über unsere Bildungsstätten bemächtigt haben. Wenn diese Passivität nicht bald und gründlich Überwunden wird, dann kann man alle schönen Zukunftspläne ruhig zu den Akten legen. Es wäre wirklich schade um diese Pläne, denn sie sind aussichtsreich. Dien besitzt alle Voraussetzungen dafür, um Lehrern und Studenten aus allen Ländern ein gastliches Heim und ein Feld für reiche wissenschaftliche Betätigung zu sein. Rur müßten die beteiligten Faktoren energisch daran gehen, den unberufenen Störenfrieden und Hetzaposteln das Handwerk zu legen. Gastfreie Weltstadt oder deutsch nationaler Krähwinkel, so lautet jetzt die Frage. Die Wiener müssen sich bald entscheiden, sonst ist es zu spät. Dr. BUirrski — polnischer Finanznmiister? Aus Warschau wird den ,,Polnischen Stimmen" berichtet: In gut rnsornuerten politischen Kreisen wird mit großer Bestimmtheit versichert, daß unmittelbar nach der Rückkehr dtS Ministerpräsidenten Paderewskr säintlicheKabiirett» Mitglieder ihre Portefeuilles dem Premier zur Verfügung stellen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine weitgehende Rekonstruktion deS KabmettS durchgeführt werden wird. Wie verlautet, w>td beabsichtigt, die weiteren Ressorts mit hervorragenden Fachmännern zu besetzen. Für den Posten des Finammmisters soll der ehemalige österreichische Munster Dr. Leo B r l i n s k i auserfehen sein, dem ettt Vize» minister tii: die Durchjührungder Valutaresorm beigegeben werden soll. AlS 'icher gilt, daß Mrnisteryräsidmt Paderewski und der Minister des Inner« Wojciechowskirmf ihreü Posten verbleiben. Wiener Morgenzeitung IS. Juli 1919 Ar. 180 Versöhnliche Klänge. W i e n, 18. Juli. General Srnuts veröffentlicht vor seiner Abreise nach Südafrika eine Abschiedsbvtschaft, in bw er für eine persönliche Haltung Englands gegenüber Deutschlands eintritt, man müsse trachten, -die Stabilität der deutschen Mpublik, deren Regierung seit Monaten für die. europäische Ordnung kämpfe, zu vergrößern und Deutschland in rden V älkerbund aufzunehmen. Bezüglich Rußlands müsse die Entente nur als wohlwollender, unparteiischer Freund und Helfer lauftreten. Es ist nicht das erstemal, daß man aus dem Munde des englischen Generals - , vernünftige und menschliche Töne hört, die so gar nicht zu der mitteleuropäischen Säbelrasslermelodie der Generale stimmen. Bemerkenswert ist, daß man in verschiedenen Ententekreisen Rußland gegenüber von der strengen Tonart abkornrnen möchte, von der man sich vermutlich wenig Erfolg verspricht. Auch die wachsende Protest st immung des» Ententeproletariats gegen beabsichtigte kriegerische Expeditionen in den Sowietländern mag an diesem da und dort zutage tretenden Stimmungsumschwung ihren Anteil haben. Man will offenbar innere Kämpfe mit dem Sozialismus vermeiden und die Arbeiterschaft, über die Gefahr beruhigen, es könnte aus den siegreichen Armeen ein Instrument der Reaktion erstehen. „New- York Tribüne" bringt «ine Londoner Meldung, daß die Bekanntmachung über die Einstellung!drr Blockade gegen Rußland nächstens zu erwarten sei. Der Handel nach Rußland werde in Bälde auf eigene Gefahr eröffnet werden und seine Aussichten würden geschädigt, da ' deutsche Firmen bereits damit beschäftigt seien, große Geschäfte mit Rußland abzuschließen. Man dürfe die Deutschen hier nicht allein lassen, nachdem bekannt geworden sei, daß Lenin über viel Gold verfügt und bar zahlen könne. Man hat manches davon gehört, daß der russische Sowietismus zu Kompromissen mit der kapitalistischen Weltindustrie geneigt sei und vielleicht sind die Aussichten auf das gute Geschäft in Rußland kräftigere' Argumente für ein Einlenken der Entente, aö die rein politischen Gesichtspunkt«. Auch Wilson hat wieder in einer Unterredung mit einem Reutervertreter seiner Befriedigung über die Unterzeichnung des Vertrages durch Deutschland Ausdruck gegeben. Auch er hofft auf baldige Aufnahme' der Handelsbeziehungen zwischen der Entente und * Deutschland . f ‘ und verspricht, Amerikas Bereitschaft durch Gewährung von Krediten an der Wiederaufrichtung Europas teilzunehmen. Der Optimist Wilson gibt wohl zu, daß einige Früchte der Friedenskonferenz bitter schmecken, aber es sei ihr gelungen, die Welt von den schmählichen Absichten und ehrgeizigen, zerstörenden Plänen zu befreien. Di« einzige Hoffnung dev Menschheit sei der Völkerbund und die bisherige Art, öffentliche Angelegenheiten zu regeln, müsse ein Ende finden. Ohne kleine Zugeständnisse wäre der Friede mit Deutschland nicht geschlossen worden, der alleMngs nicht so ausgefallen sei, wie er es gewünscht hätte. Was darin Wilsons Beifall nicht hat, nennt er „kle ine Kompromisse", die Früchte der internationalen Lage feien, durch die aber keiner seiner vierzehn Punkte verletzt sei. - Man sieht, wie Wilson die Schärfen des Friedens.- Vertrages zü retuschieren bemüht ist. Daß er^im Innern unbefriedigt ist, beweist sein Wort, daß die einzige Hoffnung der Menschheit der Völkerbund sei. Man kann darüber verschiedener Meinung sein, yb das, was an der bisherigen Friedensc^beit unbefriedigend-ist, wirklich nur kleine Kompromisse und Zu* geständnisse darstellt. Daß es sich dabei darum gehandelt, hat, der internationalen Lage Rechnung zu tragen, beweist eben, daß die Umorientierung der Regierungen, auf die Wilson alle Hoffnung, gründet, noch lange nicht erfolgt ist. Der Völkerbund ist eine bloße Hoffnung, der Friede jedoch eine harte Realität. Wäre der Völkerbund oder wenigstens der Bölkerbundgeist unter den Führern der Völker lebendige Wirklichkeit, so hätten sich vielleicht die „kleinen Kompromisse" als unnötig er- 1 wiesen, an denen sich von neuem ein Brand entzünden könnte. Die innere moralische Reinigung der Völker kann nur von innen kommen. Strafen und Knebel können den Reinigungsprozeß viel eher hemmen als befördern. Auch in Prag wird man.morgen hie allgemeine Feier der Beendigung des Krieges festlich begehen, und es verspricht ein recht schönes Theater ftu werden. Aber auch dort soll der Festesklang und die tönenden Worte nicht darüber hinwegtäuschen, daß die junge Republik erst vor ihren Aufgaben steht und ein tüchtiges Maß jenes Völkerbundgeistes nötig hat. Ueber den Umfang der bevorstehenden Streiks und Demonstrationen der organisierten Arbeiterschaft in den einzelnen. Ländern ist ein Urteil schwer möglich. Namentlich in Italien ist die Stimmung der Arbeiterschaft recht gereizt, obgleich Ministerpräsitdent Nitti erklärte, daß der Ausstand nach der Erklärung der Regierung, daß sie nicht beabsichtige, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Länder zu mischen, keine Berechtigung mehr habe. In Deutschland soll von einer allgemeinen Arblütsruhe Abstand genommen werden, es soll bloß gegen den Gewaltfrieden und. für Völkerverbrüderung demonstriert werden. Die sozialdemokratische Parteileitung spricht sich entschieden gegen dam Streik aus und die Regierung hat für Berlin alle £e.nun* strationsumzüge und Versammlungen unter freiem Himmel verboten, offenbar um Ausschreitungen und Putschversuche zu verhindern. Daß in Berlin nur vorher angekündigte Versammlungen in geschlossenen Räumen stattfinden dürfen, beweist, daß man die Möglichkeit von Unruhen noch immer befürchtet und die Spannung zwischen den Mehrheitssvzialisten und den radikalen Strömungen ist speziell in Berlin durch den Austritt der Mehrheitsfozialisten aus dem Groß- ' Berliner BoNzugsrat, der also nur aus Unabhängigen und Kommunisten besteht, nur noch gewachsen. Man braucht für das Noske-Regiment noch lange nicht zu schwärmen, um für Deutschland einen ruhigen Verlauf des 21. Juli zu wünschen, und an den Unabhängigen, deren Anhang infolge der Sünden und. der Prinzipienlosigkeit der unfähigen Mehrheitssozialisten im ständigen Wachsen ist, läge es. sich zu einem klaren Programm zu bekennen und endlich einen deutlichen Trennungsstrich zwischen sich und den Kommunisten zu ziehen. Die Positionen der Ententemachthaber werden die. Streikdemvnstrationen am 21. Juli vermutlich wenig erschüttern, aber sie können den Auftakt zur Stärkung und Wiederbelebung des Gedankens der Jnternationalität bilden, dem trotz alle« Chauvinismen und Staatsegoismen' allein die Zukunft gehört. . Inland. Kabinettsrat. Der Kabinettsrat hat sich in seiner gestrigen Sitzung unter' anderem auch mit der Frage der Dienstjührung bei den staatlichen Behörden und Aemtern am Montag den 21. d. M. besaßt und beschlossen, daß an diesem Tage die üblicheFeiertagso r d n u n g Play zu greifen hat. In jene« Ämtern, in denen aus' öffentlichen Rücksichten Abweichungen von dieser Richtlinie geboten sind, werden die bezüglichen AmtSvorstänge nach Rücksprache mit den Staalsangestellrenorganisationen das Erforderliche sestzusetzen haben. Bollzugsanweisnnge« über die Geschäftsführung der Betriebsräte und ber Dertraueus- 1 männer. In dem heut» erscheinenden Staatsarsetzblatt werden zwei Vollzugsanweisungen des Staatsamtes für. soziale Verwaltung, bic eine über die Geschäftsordnung und die Geschäftsführung der B e 1 r t i b 3 x ä t e, die andere. Über die Geschäftsführung dev Vertrauensmänner kundgemacht. Beide Vollzugsanweisungen sind aus Grund dis Betnebsräte» aesctzes erlassen iiitb; enthalten nähere Bestimmungen zü den im Gesetze enthaltenen Grundsätzen. Bei der großen MäNNigfülkigkett der in Betracht tomwenden Betriebe und Verhältnisse und mit Rückllcht daraus, daß die Einrichtung der Betriebsräte erst ins Leben einzutühren ist, erschien es zweckmäßig, in det Regelung einzelner Fragen über das unbedingt gebotene Maß nicht hinttUs» zugehen, damit nicht eine allzu eingehende Regelung zu emem Hemmnis der Emwicklung we'de- Der BollzUgSanweisung über die Geschäflsordnung und Geichüsisfübrung der Betriebsräte sind zwei MusteracschästSordnungen — für Betriebsräte mit nicht mehr als sechs Mitgliedern nud für Betriebsräte mit größerer Mn« glirdekzahl beigegebm. Beide Vollzugsanweisungen treten gleichzvüg mir dem BetnebSrätegesetz am 24. d. M. m Krajt. Gesandter Wilhelm Böhm. Dir ,K v r r r s p o n d e n z E x p r e ß" meldet: Der neue ungarische Gesandte Wilhelm Böhm hält sich gegenwärtig m Budapest aus. Er trifft anfangs der nächsten Woche in Wien ein, um seinen Posten anzutreten. Der Bolkskommisiär für Justizwesen, Dr. Peter A g o st o n, .der provisorisch die Geschäfte der Mener ungarrschen Gesandtschaft führt, bleibt auch nach dem Eintreffen Böhms bis zur völligen Ucvergäbe der Geschäfte an den neuen Gesandten in Wim. Eine Niederlage der DeniAw. armee. Großer Sieg der Roten TruW^r. Berlin, 18. JJuft. (Korr.-Bur.) Nach einem Telegramm aus Wiborg hat der „Prawda" ät die Offensive der Noten Armee gegen in begonnen. Balascheff sei von ihnen zuruckerobert morden. Bel Perm machten die Noten 30.000 Gefangene und erbeuteten Lebensmittel sowie Kriegsmaterial. Drei Regimenter der Armee Koltschaks seien angeblich desertiert. Versenkung des Geizig?'. Schwimmdocks. Berlin- 18. Juli. iTel. der „Wr. jeftung".) Die Danzlgev Arbeiterschaft hat das große Schwimmdock» das gegen ihren Willen krach Kiel Überführt werden sollte, verft'nkt.

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