Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-07-19 · Heft 180 (19.7.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 180 (19.7.1919)
Date
1919-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979257--01602-2987023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Miyrrrrrmprarr Urrr« 30 §tUtt P«Sm»m»«atto»«prelf» r SlMt VHt gsstellunin» Hau«: gtüUtttllOi. . , .K V.- ttrt»(fübrig . . 20.- »atbjShriv . . ... 40.- <öm»NSyrig.80.— Mlt Postversand r Slonatlkch. . . .K 7.50 trrtolsSYrig. . .. 28.— NalbfSÜris . . . .. 44.- «»ttkiährig . . „ 88,— Tolephonor AdmNrist«». ttvn 44888, N*d»ktt«« 48810, »t» 6 Uhr «Urräda» V». 18801 Wiener Mnfrrerrmpiar: Ureis Keller MrSmrmoratiott«« pnlf» M» >»« A»»iattdr Moaattich . . .X ß.50 Siort-lfShrig . i;' 85.- 1i «rtbsäbrig . « i’„ .50,— 5rtttji5J)tia. h 03,— Asdaktio» tt. Administra» tiOIK Wien, XX. Sakorstvae» |lr. 1—8 postsparkasserr-Ksrri«. ' 2t«. 150.698 Nr. 180 Wien, Samstag, den 10. IM 1019 1. Jahrgang Zwischen Krieg und Frieden. —y W i e ri, IS. Juli. ' Der gestern veröffentlichte Brief des gewesenen Kaisers Wilhelm an den semerzeüigen Reichskanzler Bethmann-Hollweg vervollständigt das Bild, das man sich schon nach den bisher gewordenen Enthüllungen von den Personen machen konnte, denen in der Zeit zwischen dem Ultimatum an Serbien und dessen Antwort das Schicksal eines 50 Millionen-Staates anvertraut'war. /Ls waren entweder charakterschwache Feiglinge, denen das' christlichsoziale „Rache für Franz Ferdinand!" jede Besinnung genommen hatte, oder raublüsterne Höflinge, denen die Aussicht auf Mehrung der Hausmacht genug Grund schien, die ganze Welt ins Unglück zu stürzen. Aus den jüngst bekannt gewordenen Mitteilungen des Feldmarschalls Conrad in Nowaks Buch „Der Weg zur Katastrophe" ist gleichfalls die ungeheuerliche Leichtfertigkeit ersichtlich, mit der Berchtold, Stürgkh und Tisza zu. Werke gingen, die trotz, der Erklärungen des Generalstabschefs, aus denen auf ein militärisches Versagen mit mathematischer Gewißheit zu rechnen war, jeder Friedensverständigung die Türe verrammelten. Kaiser Wilhelm, dessen imperialistischer Ehrgeiz sich in vollster Entfaltung befand und nach der Entladung strebte, empfand Serbiens Antwort als einen großen moralischen Sieg für Wien,, nach welchem eine Mobilisierung nicht mehr nötig/ war. Die geringen Einwendungen Serbiens, das seine staatliche Souveränität begreiflicherweise gegen die Heiducken Tiszas schützen wollte, waren auch nach des deutschen Kaisers Meinung leicht durch Verhand-. lungen zu klären und jeder Grund zum Krieg war geschchunden. Gleichzeitig richtete, was Oesterreich- Unggins Politiker.verbrecherischerweist ^verschwiegen, Bethmann-Hollweg die Aufforderung an den Botschafter Tschirschky, in Wien nochmals zur Mäßigung zu raten, Sir Grey, den -unsere Offiziösen' stets als einen teuflischen Feind der Mittelmächte darzüstellen beliebten, arbeitete mit Aufgebot aller Kräfte an der, Herbeiführung einer Aussprache zwischen Oesterreich und Rußland. Vergebens. Berchtold,, Stürgkh und Tisza warteten das Ergebnis dieser' diplomatischen Aktion nicht ab. Berchtold ging nach Ischl, .um ja niemanden empfangen zu müssen, Tisza saß unzugänglich in Budapest. In Wien aber wurde am 25. Juli, abends, öffentlich durch Ausgaben der „Wiener Zeitung" bekannt gemacht: „Ministerpräsident Pafchitsch erschien wenige Minuten vor 6 Uhr in der Ä. u. k. Gesandtschaft in Belgrad und erteilte die ungenügende Antwort auf unsere Note. Baron Gießl notifizierte ihm hierauf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und verließ mit dem Gesandtschaftspersonal um 6 Uhr 30 Minuten Belgrad." Gleichzeitig wurde die Mobilisierung von acht Wmieekorvs angeordnet und am 28. Juli erfolgte die Kriegserklärung an Serbien.. Noch war nicht olles verloren, noch war ein Pförtlein zum Frieden offen. Rußland erklärte sich zur Konversation mit Oesterreich bereit, obzwar der Schritt Oesterreichs die Mobilmachung der südrussischen Korps provoziert hatte. Deutschland riet — offiziell — zur Annahme des russischen Vorschlages. Wenn es fest blieb und den Frieden wahren wollte, so hätte man die Wahnsinnigen in Wien doch noch zur Vernunft bringen können. Aber Deutschlands Generäle rissen das Wort an sich, zwangen den Kaiser zur Proklamierung des Zustandes der drohenden Kriegsgefahr und jagten die Bevölkerung durch verlogene Meldungen über französische Flieger bei Nürnberg, über Cholerabazillen in einem Straßburger Brunnen, über ein Attentat auf die Thorner Weichselbrücke in einem, auch auf den Fernerstehenden grandios wirkenden Begeisterungssturm, der alle Schranken niederriß. Als dann durch den bekannten Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", der den Ehrenwortbruch des Zaren mitteilte, alle Brücken, die noch zu einer Verständigung mit Rußland hätten führen können, zerstört waren, mußte jeder, der noch den , Krieg verhüten wollte, zurücktreten. Wenn man sich heute an die' nervenzerstvrenden Ereignisse jener Tage erinnert, so muß man das Wort des alten Oxenstjerna an seinen Sohn, „Du ahnst nicht, mit wieviel Dummheit die Welt regiert wird", als lächerliche Schönfärberei bezeichnen. Schurken, Verbrecher, Börsenspieler, Condottieri schlimmster Sorte auf der einen, Gottes-Gnaden-Monarchen, in pietistische Heuchelei versunken, auf der anderen Seite: zu ihrer Die finanziellen FriedensbediWNNgen. Der Schadenersatz soll innerhalb 30 Zähren geleistet werden. L o n d o n» 18. Juli. (Tel.-Komp.) „Daily Telegraph" erhält von seinem Pariser Sonderkorrespondenten t Einzelheiten über die finanziellen Bedingungen, die Oesterreich auferlegt werden. Im großen und ganzen stimmen sie mit den Bedingungen sür Deutschland überein» aber es bestehen noch einige wesentliche Unterschiede. Artikel III besagt, daß eine besondere Unterkommission für Schadenersatz errichtet wird/ Diese Kommission wird eine allgemeine Feststellung der Frist vornehmen, innerhalb deren Oesterreich bezahlen mutz. Der ganze Termin wird einen Zeitraum von 30 Jahren umfassen und' am 1. Mai 1921 beginnen. Im A r t i k e I V wird gesagt, daß Oesterreich Im Jahre 1919, 1920 und in den ersten vier Monaten des Jahres 1921 entweder in Gold oder in SchiffenundWertp ap i er e n einän noch näher fesLzusteLenden Betrag zu zahlen hat. Diese Summe wird von dem allgemeinen Betrag abgezotzen. Fstr die erste Anzahlung kommen die Kostet der Okkupationsarmee vom 3. November 1918 an, weiter sämtliche Vorräte» die für die Zivilbevölkerung nach Österreich geschickt worden sind, in Betracht. Im A r t i k e l VI wird erklärt, datz sämtliche wirtschaftlichen Hilfsquellen Oesterreichs, wie zum Beispiel die H a n d e l s f l o t t e, R o h m a t e r i axien und alles, was für den materiellen Schadenersatz notwendig ist, zugunsten der alliierte« und astoziierten Regierungen zur Verfügung bleiben mutz. Jm^-» tiL e l VIU'wird.festgesetzt, daß Waren» die durch österreichische' Truppen verschleppt wurden und ans österreichischem Gebiet ausgesnnden worden sind, sofort wieder abgeliefert werden müssen, ohne datz dieser Wert von der Schadenersatzsnmme in Abzug gebracht wird. Im ArtiLelX wird Oesterreich verpflichtet, den Alliierten alle gewünschten Informationen, die sür die Feststellung der Schäden notwendig find, zu. erteilen. * Artike l XI sagt, Oesterreich müsse sämtliche gesetzgeberischen Maßnahme» treffen, die die Arbeit der Kommission für Schadenersatz fordert. Von dem ganzen S cha denersatzwirdjene Summe abgezogen» die Oesterreich wegen des Verzichtes auf gewisse Gebiete geltend machen kann, weiters der' Wert von W a f s e r w e g e n, Ei s e n b a h « e n usw. sowie jene Summe» die Oesterreich für die Abgabe von gewissem Staats- oder Privateigentum in Aufrechnung bringe« kan». Die Schadenersatzkommission. Sitz in Paris. Diesen Bestimmungen werden sechs Bellagen. hinzngefügt. In der ersten Beilage wird der Charakter der Schäden festgestellt, die von Oesterreich wieder gut zu machen sind. — In der zweiten Beilage wird fest, gestellt» wie die Kommission für Schadenersatz zusammengesetzt wird. Amerika» England» Frankreich, Italien und Belgien werden in ^dieser Kommission durch fe einen Delegierten vertreten sein, während Griechenland» Polen» Numänie», die Tschecho- Slowakei und Serbien zusammen einen Vertreter besitzen werden. Es dürfen nicht mehr als 5 Delegierte einer Sitzung beiwohnen und es dürfen nie mehr äls 5 Stimmen abgegeben werden. Die Vertreter von Amerika, England, Frankreich und Italien haben das Recht jedesmal a nw e s e n d zu sein und sich an der A b st i m m n n g zubeteiligen. Japans Beteiligung beschränkt sich ans Schäden, welche zur See entstanden find. Der gemeinsame Delegierte Griechenlands, Polens, Rumäniens» Tschecho-Slowakiens und Serbiens wird von diesen Völkern der Reihe nach ernannt werden» Die Kommission wird ihren Sitz inParis haben. Die Hauptaufgabe der Kommission wird die Feststellung der Zahlungsfähigkeit Oesterreichs sein. Weiters das in Empfangnehmen» Verkaufen und Verwahren sowie Verteilen von allen in Betracht kommenden Materialien und Waren» die ansgeliefert werden» weiter die Aeberwachung der österreichischen Hilfsquellen, die unter Aufsicht der Entente gestellt werden und die Kontrolle der Stenerpfiicht aller Steuerzahler, die verhältnismäßig nicht geringer fein darf, als die Steuer, welche im schwerftbestenerten Land derGntente gezahlt wird. Die Kommission wird bei dev Feststellung des Betrages des Schadenersatzes Rücksicht nehmen auf die wirtschaftliche und sin auzielle Lage die entstanden ist, nachdem Oesterreich ank territorialem Sebiet Verzicht geleistet hat. Auslieferung der Handels- und Schiff« Hatte binnen zwei Muimten. .33- Irr per b tüten Beilage wird das Prinzip dos Schadenersatzes Tonne für Tonne sestgelegt» Oesterreich mutz in nerhalb zweier Monate feine Handels- und Schis s s s l o t h e a u s 1 i c fern. Hierin find inbegriffen sämtliche Schiffe unter österreichischer Flagge, Schiffe die österreichischen Gesellschaften gehören oder die Eigentum von Gesellschaften in anderen Ländern find, wenn die Mehrheit der Antelle der Gesellschaft in Oesterreich vorhanden sind. Weiter Schiffe sür österreichischL Rechnung, gleichviel, ob diese in Oesterreich oder, anderswo im Bau begriffe« sind. Von de« Flugzeugen müssen 80 von A00 der Flotte» die am 7. Dezember 1918 existierte» abgeliefert werde«. Was wir in natura vergüten faßen. In der vierten Beilage «erden die Zahlungen, die Oesterreich in natura leisten mutz, behandelt. Als erste Abgabe wird Italien 4000 Milchkühe» 1000 Ochsen, . 1000 Kälber und 50 Stiere erhaltend Rumänien bekommt die Hälfte davon» autzerdem noch 1000 Pferde. Serbien erhält 1000 Kühe, 800 Ochsen» 1000 Kälber, 25 Stiere» 1000 Pferde und 1000 Schafe. , ■ In der » fette« Beilage wird weiter behandelt die. Zurückgabe von verschleppten Mobilar. An der fünften Beilage die Abgabe von Rohmaterialien und in der sechsten der Verzicht aus Unterseekabel und Telegraphenkabel der österreichischungarischen Regierung. Diese Kabeln werden Italien überwiesen. Die Rechte, die Oesterrrich-Angar» aus die Unterseekabeln und jetzt nqch ans Korfu hat, werden gleichfalls Italien überwiesen. J Unterstützung ein Heer von Diplomaten, bar jeder Voraussicht und politischer Tatkraft. In ganz Europa gab es damals keinen einzigen Mann, der' dem von Wien und Berlin aus entfesselten Treiben energisch und brutal entgegengetreten wäre. Dieser Mangel an Persönlichkeiten, die, um die Menschheit, zu retten, auch die Gefahr der Unpopularität auf sich nehmen würden und deren kalte Entschlossenheit sich durch nichts beirren ließe, besteht auch heute. Wenn wir die ganze Liste der Staatsmänner durchlesen, die sich heute mit der Liquidierung bes\ Weltunglücks beschäftigen, so fällt keiner auf, der irgendwie über das Durchschnittsmaß hinausragt.. Ihre ganze gedankliche Richtung, ihre psychische Veranlagung ist in den Krieg hineingepreßt. Es ist, als wenn die ganze Welt noch immer nicht die Kraft gefunden hätte, die Scheuklappen der Generalstabsberichte abzulegen. Dies zeigt sich auch in dem Verhalten der Arbeiterschaft der West-, staaten, die für Montag zum Generalstreik rüstet, um gegen Tue Intervention in Rußland und Ungarn sowie gegen die Fortdauer' der Mobilität zu protestieren. Wogegen sie nicht ihre machtvolle Stimme erhebt, das ist der den Mittelmächten zugemutete Gewaltfrieden, der auf lange Jahre hinaus die heute noch unge^ borene Generation in ihrer Gesundheit und Lebensfähigkeit bedroht und Millionen fleißiger Menschen^ die die von den Trägern ihres Vertrauens begangener! Verbrechen sühnen wollen, mit unabsehbarem wirtschaftlichen und geistigem Siechtum belegt. Mitteleuropa wird in einen Ansteckungsherd voll der schlimmsten Keime verwandelt. Die Völker der Entente,' die kritiklos diesem Beginnen zusehen und nm dessen> momentane unmittelbaren Auswirkungen Zurückweisen wollen, zeigen denselben,Mangel an Voraussicht, wie ihre Führer. _

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.