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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-16 · Heft 177 (16.7.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 177 (16.7.1919)
Date
1919-07-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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/ Mißstimmungen, neuen Haß und neue Pogrome cmszusäen. « Die Lösung der Judenfraqe kann nur in der Weise angestrebt werden, daß das jüdische Volk als gleichberechtigter, öffentlich anerkannter Vettragsteil den Verhandlungen -zugezogen wird. .Dies ist. nur au.f . die Weise möglich, daß das jüdische Volk ebenso wie das deutsche, polnische oder rumänische Volk - Sitz und Stimme , in der Leitung des zu bildenden Völkerbundes erhält. Mit eurem Sondervertrag, der nicht auch die Zustimmung der jüdischen Vertreter findet, wird sich das jüdische Volk nie zufrieden geben» weil es aus der leidvollen Geschichte der letzten fünf Jahre und aus' seiner eigenen Geschichte genug deutlich gelernt hat» welchen Wert solche »Fetzen Papier" besitzen, die weder moralisch noch materiell jemandem verpflichten. Der Kampf um Syrien.^ 1 W t e,n, 15. Juli. Die türkische Delegation ist anscheinend deshalb wieder nach Hause geschickt worden, weil sich die Differenzen unter den Alliierten über die Regelung des türkischen Nachlasses vorläufig als unüberbrückbar zeigten. Jedenfalls ist diese Frage von der Tagesordnung der Friedenskonferenz «bgefetzt worden. Als Motivierung wird dem „Matin" zufolge angegeben, daß Wilson einen - mehrwöchigen Aufschub verlangt habe, um sich in der'Frage der Mandate für Amerika (Armenien und eventuell auch Konslantinopel) die nötigen Ermächtigungen einzuholen. Diese, .fortwährenden Verzögerungen versetzten die französische Presse in um so größeren Unmut, als sich ohnehin die Sorge um das französische Mandat für Syrien von Tag zrr Tag steigert. Dieses Mandat, auf das Frankreich auf Grund seiner traditionellen Beziehungen zu Syrien und auf Grund eines Geheimvertrages aus dem Jahre 1916' Anspruch erhebt, wird auch von den anderen Alliierten, insbesondere England,-anerkannt, das seinerseits das Mandat für Mesopotamien und Palästina beansprucht. Aber die Situation der beidest Mächte ist grundverschieden: England hat Palästina und Mesopotamien tatsächlich inne und steht überdies mit den Nachbarmächten, dem Fürsten der Hedschas und dessen Sohn, Emir Faisal, auf bestem Fuße und es kann sich für das beanspruchte Mandat auf 'die unbezweifelte Zustimmung der einheimischen Bevölkerung in Palästina» insbesondere auch auf die der Juden berufen. Ganz anders ist die Lage der Franzosen in bezug auf Syrien./ Die . tatsächliche Macht über das Land fehlt ihnen; mit dem König der Araber und dem Emir Faisal, der den größten Teil von Syrien besetzt hält, haben sie keine. Verständigung herbeisühren können, und das macht es auch sehr schwer, sich auf die Zustimmung der syrischen Bevölkerung zu. berufen. Zwar existiert in Paris ein syrisches Zentralkomitee, . das entschieden frankophile Propaganda betreibt^ aber seine Legitimation wird sogar von französischer Seite angezweifelt und seine Kundgebungen kennzeichnen es deutlich als. eine Art syrischer Propagandaabteilung des französischen Auswärtigen Amtes. Gerade darum ist der folgende durch das „Journal des Debats" verbreitete Auszug aus einem Bericht dieses Komitees über den Stand der syrischen Frage von politischem Interesse. Es heißt daselbst: ..Nach der Befreiung Syriens durch die alliierten Heere und zwei Fürsten auf der Bildfläche erschienen: der Schecif von Mekka, Hussein, der durch die Entente *um Rang e nes Königs von Arabien erhoben wurde, und sein Sohn.' der Prinz Faisal, die beide zum Srege beigetragen hatten. Die Unab- Wiugrgkeit des Hedschas war der Preis für ihren mäßigen Bciüund gewesen. Sre verlangten mehr: die Schaffung emes Kaiserreiches der Länder arabischer Sprache. Der Prinz Faisal tarn nach Europa, um dieses Programm zu vertreten. Aber auf den Rat des englischen Obersten Lawrence best der Fürst sein Projekt fallen, um sein Augenmerk „ans i:e Beherrschungvon Syrien zu richten. Der König Hiisscin schlug mit anscheinender Selbstverleugnung die Schaffung eines arabischen Königreichs vor, dessen Hmwi Syrien sein sollte und erklärt ffck bereit, die Eingliederung des Hcdlchas m dieses neue Königreich zu akzeptieren. Das ist i'uter anderer Fonn wiederum das arabische Kaiserreich» Prinz Faisal beansprucht die Negierung dieses Staates' und England ist diesem Begehren günstig gesinnt. Wenn die Syr.cr sich gegen ferne Treibereien erheben, antwortet der ümiv, daß ihre Proteste gegenstandslos sind, denn er allem .sec bevollmächtigt,, m ihrem Namen zu sprechen. Diese angeblichen Mandate aber, mit denen er paradiert wurden cimgrn Syriern. mit.Gewglt entrissen, wie die neuerliche Hmrrchtung von acht lungen Leuten in Hekaa beweist, deren Schuld lediglich darin bestand, seiner Politik Widerstand geleistet zu haben. - m Es ist notorisch, daß der Hedschas, ein sehr armes Land, nrcht imstande ist, dem Prinzen die ungeheuren Summen zu liefern, welche er mit vollen Händen ausglbt. ' Es ist notorisch, daß diese Summen von jener Macht geliefert werden, welche den Prinzen Faisal der Friedenskonferenz aufgezwungen bat und chn heute Syrien auszwiugt. Man muß sagen „ättp zwingt", denn was verlangt die syrische öffentliche Meinung? Sie verlangt, die Unabhängigkeit eines vollständigen Syriens, das durch seine Bewohner unter der Garantie emer großen euWäischen Macht regiert und verwaltet wird. Als solche macht sie Frankreich namhaft. . .* v „Die öffentliche syrische Meinung I* Die Berufung auf sie klingt, wie dre Dinge in Kleinasien sich entwickelt haben, wirklich nicht mehr sehr überzeugend. So läßt der „Temps" in. einem beachtenswerten Leitartikel dieses Argument gänzlich fallen und verlangt nür noch ein provisorisches Mandat, das lediglich im Interesse der Landesbevölkerung ausgeübt wird, bis .sie in einwandfreier Weife ihr Selöstbestimmungsrecht A Aus Polen. Boykott der jüdrfchsu Bneyyandler. Warschau, 15. Juli. (Tel, der ^Wr. Morgenzeitung".) Die hiesige Vereinigung der Buchhändler, die früher keinen Unterschied zwischen jüdischen und ' christlichen Buchhändlern kannte, begann in der letzten Zeit die jüdischen Buchhändler zu boykottieren. Viele jüdische Buchhändler, die der Vereinigung beitreten wollten,' wurden seitens der Leitung abgewiesen. » Liquidierung der amerikanisch-jüdischen LeLensmiLLrlkymmission. Warschau, 15. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Nachrichten aus Paris zufolge wird die Tätigkeit der amerikanisch-jüdischen Lebensmittel- Kommission für Polen in Warschau vollständig eingestellt und mit dem 1. August d. I. liquidiert werden. Die Agenden dieser Kommission sollen den lokalen Wohlfahrtinstitutionen übertragen werden. - Konferenz der jüdischen Handwerker. Warschau, 15. Juli. >(T^. der „Wr. Morgenzeitung.") Unter starker Beteiligung der Warschauer sowie der Provinzoereine tagte -hier die erste K o n- . f e t.enj b e r j ü d ischen Handwerker. in Polen. Das Ministerium für Handel und Industrie war durch zwei Delegierte vertreten. An der Eröffnungssitzung nahmen mehrere jüdische Landtagsabgeordnete und Ratsmänner teil, die die Tagung begrüßten. Als der Zweck der Tagung wurde die Aufstellung .von Postulaten an die Regierung bezeichnet, die angesichts der bevorstehenden kardinalen Reformen in bezug auf den wirtschaftlichen Aufbau besonders aktuell erscheinen. Die Verhandlungen wurden in der jüdischen Sprache geführt. Die Ernährung gesichert. Warschau, 15. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Der polnische Approvisionierungsminister empfing die Vertreter der Presse, denen er Mitteilungen über den Stand und die Aussichtender Approvisionierung Polens machte. Er erklärte, daß die Emährung Polens bis zur neuen Ernte gesichert sei, die des kommenden Jahres sich jedoch ungünstig zeige. Schlecht stellt sich auch die nächste Zuckerversorgüng dar, da Rüben Heuer um 31% .weniger als im Vorjahre angebaut wurden. Das Ernährungssystem für die Zukunft ist nicht bestimmt. Es wird darüber noch beraten. Vorgesehen ist ein G etreidemonopol, dessen Durchführung jedoch , schwierig ist. / - Die Agrarreform beschlossen. Warschau, 15. Aust. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Endlich hat der polnische Landtag die Beratungen der A g r a r r e f o c m beendet und diese nach ' den Wünschen der Bauernparteien beschlossen. Auch hinsichtlich des Punktes 6 der Vorlage betreffend das Maximum des zulässigen Bodenbesitzes, welcher die. größten Schwierigkeiten bereitete und zu Skandalszenen im Landtage und zu einem Exodus der Bauernparteien führte, wurde schließlich der - Minderheitsantrag Bardel auf Beschränkung des Erdbesitzesauf 60 bis 400 Hektar mit 183 gegen 182 Stimmen angenommen. Die jüdischen Abgeordneten' stimmten für diesen Minderheitsäntrag, wie sie in dieser Frage überhaupt alle Forderungen der Bauerngruppen gegen den Adel und Großgrundbesitz unterstützten und sich den Elfteren bei ihrem demonstrativer Exodus anschlossen. ‘ . Der neue Kreuzzug. Salut-Germain, 14. Juli. Die „Humanitü" bringt aus Warschau den Brief eines katholischen französischen Offiziers. Dieser berichtet als Augenzeuge über die Pogrome in Polen: „Worauf ich besonders Hinweisen möchte", sagt er unter anderem, „ist die unaufhörliche Wühlärbeit der Rationalparter. Auch die Truppen, die in Frankreich, gesammelt wurden, lassen es an aufreizenden Reden nicht fehlen und stellen sich so, als ob D m o w s k i sie zu einem, neuen Kreuzzug entsandt hätte. Als‘ wir durch Lodz reisten, sah ich zehn Soldaten, die einen Juden überfielen und ihm den Bart rasierten.. Gestern begann wieder solch eine Hetze und sie gestaltete sich noch ärger als sonst. Ein Jude ging auf schreck-, liche Weise zugrunde. D i e M e n g e steittigte' ihn. Man möge nur nicht glauben, daß ich etwa erfinde. Ich habe alle diese Scheußlichkeiten mit eigenen Augen angesehen.. Neben mir haben z'weiSo Id aten einer Jüdin, die eben ihr Kind säugte, den Arm mit einem Säbelhieb beinahe' a b g e t r e n n t." Dieser Brief ist vom 27. Juni datiert. . * Ein anderer Offizier, der aus Krakau zurückkehrte, war Zeuge einer ri ch t i g e n^F ü f t 11 a d e, deren Opfern ach D u tz e n d e n z äh l e n. Er berichtet, daß die allgemeine Erregung noch ' immer' im Wachsen begriffen ist. Es sei beschämend; immer wieder mittelalterliche Anklagen erneuert zu hören. Man spricht von Ritualoerbrechen, Verhexung, Vergiftung. Ä l l e s w i r d A n l a ß z u Mord. ausüben kann. Aber die Frage ist, ob' und auf welche Weise dieses Programm durchzusetzen ist. Wird Emir Faisal freiwillig Syrien raumen und sich der Schutzherrschest Frankreichs unterwerfen? Wird Frankreich ihn mit Gewalt dazu zwingen wollen und können? Wird Frankreich von England verlangen, daß dieses auf seinen Bundesgenossen einen Druck ausübt? Und wird, wenn England ablehnt, dies als feindseliges Verhalten angesehen werden? Lauter bedenkliche Fragen, welche den Horizont im Osten verdunkeln. » Wenn Frankreich in seinen Aspirationen auf Syrien so peinliche Enttäuschungen erfährt, ist es großenteils darauf zurückzuführen, daß es, eingesponnen in die romantische Vorstellung von der alten und unvertilgbaren Liebe des Orients und namentlich Syriens zu Frankreich, es versäumte, die gegenwärtig realen Machtfaktoren, besonders die wirkliche Stimmung der Bevölkerung und ihrer maßgebenden Führer, zu erforschen und zu gewinnen.- Es ist kennzeichnend, daß, während man sich in Paris an leeren Deklarationen, künstlich inszenierter syrischer Komitees erfreute» man die mehrmonatige Anwesenheit des Emir Falsch in Paris ganz unbenutzt ließ. Kennzeichnend ist es, daß, während die Aussichten auf Syrien selbst derart gefährdet sind, in Frankreich vielfach die Tendenz zu Tage tritt, die Aspirationen auch auf Palästina oder wenigstens einen Teil davon auszudehnen, und daß diese Tendenz von der französischen Regierung keineswegs, so deutlich abgelehnt wird, wie es hie öffentliche jüdische Meinung erwartet hätte. Der „Manchester Guardian" brachte sogar neulich unter scharfer Verurteilung einer derart kurzsichtigen Politik die Aufsehen erregende Meldung, Frankreich habe die Verwaltung von Nord-Galiäa an sich genommen. Obwohl diese Meldung auch in dunklen Andeutungen Pichons eine gewisse Stütze zu finden scheint, halten wir sie gleichwohl für unwahrscheinlich. Die Zuverlässigkeit der Meinungsäußerung der Araber mag man anzweifeln, daß aber die Juden als Mandatar des Völkerbundes für die Ausübung der Schutzgewalt über Palästina nur Großbritannien' wünschen und daß sie eine Zerreißung Palästinas in mehreren Einflußzonen als Quelle ständiger Konflikte und als äußere'Gefährdung der Entwicklung, eines jüdischen Gemeinwesens betrachten würden, hat! das bewußte Judentum der ganzen Welt so eindeutig und. einmütig zum Ausdruck gebracht, daß keine Ani zweiflung möglich ist. Sollte nun Frankreich die! Schwierigkeiten feiner Orientpolitik ' wirklich dadurch verschärfen wollen, daß es die Empfindungen von Millionen amerikanischer und englischer Juden — mtr von der Judenschaft der anderen Länder nicht zu reden —' in einem Augenblick der höchsten nationalen Erregung und Spannung verletzt und mißachtet? Frankreichs SteLang zrmr Minoritäten-- schütz. Eine Reihe von französischen Delegierten, welcheder Rechten und /Linken btt Stammet angehören, haben, an Pichön > ein Schreiben gerichtet, in welchem sie im Anschluß an. eine scharfe, gegen die Pogrome gerichtete Protesterklärung verlangen, der Minister möge offiziell betanntgeben, welche, Haltung Frankreich vor. der Konferenz zugunsten der Jupey . sowie oer anderen Minoritäten eingenommen hat. Infolge' der geringen Oeffentlichkeit der Debatte der Friedenskonferenzseien die Juden der ganzen Welt, besonders die amerikanischen, der Meinung, Frankreich habe seine traditionelle Rolle des Schutzes der Unterdrückten vergessen und ihre Sache fei von anderen Vertretern aus der Friedenskonferenz in die Hand - genommen worden. In seiner Antwort versichert Pichon, daß die französische Regierung seit Beginn der Friedenskonferenz sich dafür eingesetzt habe, daß die jüdischen Fragen Mündlich studiert ■ werben und fügt hinzu: / . „In dem durch die französischen Delegierten vorbereiteten und der Konferenz vorge effen Programm silierte vom ersten Tage an eine Kommis,ion für jüdische Angelegenheiten. Die in dieser Richtung eingeleiteten Untersuchungen wurden-durch eine Spezialkommissron, genannt „Die Kommission, derneuen. Staaten", fortgesetzt, welche unter ßssin Vorsitze eines Franzosen stand, und den Auftrag hatte, ein Statut 'der Minori- , tätsrechte festzusetzen und insbesondere auf die Garantien, zu achten, welche die grausame Lage der Ungleichheit und. Unterdrückrng, unter welcher sich die jüdischen Minoritäten nur allzulang in Osteuropa befanden, erfordert,. Die notwendigen Garantien sind in Gestalt eines direkten; v'on bön Großmächten und jedem der interessierten Staaten unterfertigten Vertrages formuliert worden. Schon h'at die polnische Regierung, nachdem sie gewisse Einwendungen verfassungsrechtlicher Art formuliert hatte, den ersten dieser, Verträge gefertigt, welcher den Juden alle wesentlichen Garantien .sichert, da außer den atlgecke r'neN Garantien dev Minoritäten der Vertrag auch ausdrücklich zwei wesentliche Forderungen dev Juden (Schulunterricht unter Lsrtung dev jüdischen Räte und Schutz^der Sabbatruhe sogar in Gerichts- und - Wahlangelegenheiten) berücksichtigt. Um diesem Schutz einen unanfechtbaren'Wert zu geben, welcher selbst über die Einwirkung der .Großmächte gestellt ist, ist er der Garantie des Völkerbundes anvertraut, dessen ständiges Tribunal gegen jede Verletzung angerufen werden kann." pichon versicherte schließlich, baß die französischen Mitglieder der Kommission ständig den gleichen Freisinn bewiesen haben wie die anderen Delegierten, um die Rechte der Juden auf Gleichheit zu verteidigen.

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