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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-15 · Heft 176 (15.7.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 176 (15.7.1919)
Date
1919-07-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rk. ffff Wien, Dienstag ite»..-nn..-——.» . . Wiener Morgenzettrmg 18. Ziüi ISIS .,» ■ ,1 ■ .. I . .. I »> «ü!»«»ESWülMW«.-».-.---.... Rücktritt der Kommunisten aus der Ungarischen Rüteregierung? Ein sozialistisches Kabinett. * V e r n, 14. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Nach vorliegenden Meldungen sollen über Veranlassung einflußreicher Mitglieder der Pariser Friedenskonferenz Vertrauensmänner der Berner Internationale in der ungarischen Frage zu dem Zwecke intervenieren, um B e l a Kun und die anderen kommunistischen Mitglieder der Regierung zum Rücktritt zu bewegen, und ein rein soziattsttsches Kabinett soll das RegimeKun ablöseu. Garami undBuchinger, die nach dem bolschewistischen Umstürze kalt gestellt wurden, sollen die führenden Rollen im neue» Kabinett einnehmen. ■ s Ein Komplott Böhms gegen die Räteregierung. Versuch der Errichtung einer Militärdiktatur. Budapest, 14. Juli. (Tel. der »ÄZr. Morgenztg.") Die Nachricht von der Erkrankung Bvhms soll nicht ^er Wahrheit entsprechen. Die Negierung ist, wie verlautet, einem Komplott Böhms mit seinem Geueralstabschsf auf die Spur gekommen, nach dem Böhm die Militärdiktatur errichten wollte. Darum habe mau ihn — Lu ein Sanatorium bringen lasten. Bela Kun gegen Clemenceäu. Aufforderung zum Einhalten des Versprechens. Pottttfche Rundschau; Budapest, 1'4. Juli. (Meldung des Ung. Del.-Korr.- Bur.) VolksL»nmissär siir Aeußeres Bela Kun erhielt S ftttt 13. Juli folgende Depesche: Bela Kun, Budapest. In Beantwortung des Radiv- ' telegrammes, welches Sie unter dem 11. h. M. an den Präsidenten gerichtet haben, erklärt die Konferenz, mit Ihnen insolange nicht, unterhandeln zu können, als Sie die Waffenstillstandsbedingungen nicht einhalten.; Bela Kun antwortete mit folgender Depesche: Dem Präsidenten der Friedenskonferenz in Paris. In Beantwortung unseres Radivtelegrammes vom 11. d. M. hat die Konferenz, anstatt den Befehl zum Mckzug der rumänischen Truppen zu erteilen, uns eine Depesche zükommen lassen, in welcher die Behauptung, enthalten ist, daß wir den Waffenstillstandsvertrag nicht einhalten und sie deshalb mit uns derzeit nicht verhandeln könne. Wir hätten gerne konkretisiert - gesehen, welche jene Tatsachen sind, durch welche wir den Waffenstillstandsvertrag verletzt haben. Die konkrete Auf- . zählung dieser Tatsachen wäre uns um so willkommener gewesen, als wir leider in der Lage sind, sofort eine ganze'Reihe der gegen den Waffenstillstandsvertrag gerichteten Uehertretungen bezeichnen zu können, welche die. Regierungen der verbündeten und assoziierten Staaten, in erster Reihe -die königlich rumänische und die Regierung der tsch echo-slowakischen Republik begangen, haben. Wir zogen unsere Truppen von den den Tschecho- Slowaken genommenen Gebieten zurück im Vertrauen auf das Versprechen des Herrn Elemente an, daß in diesem Falle auch''die königlich rumänischen Truppen sich auf die in dem an die Regierung der ungarischen Räterepublik gerichteten Telegramm vom 13. Juni bezeichneten Linie zurückziehen werden. Die Verletzung des WaffenstillstandsverLrages, der Beginn neuen Blutvergießens, geschah, wie dies ganz klar bewiesen werden kann, nicht aus unseren Willen. Die tschecho-slowakischen und die königlich rumänischen Truppen waren es, welche die Demarkationslinie überschritten haben, und was nachher geschehen ist, dar alles erscheint als Konsequenz dieser Offensive. Der Waffenstiklstandsvertrag, welchen die Negierungen der verbündeten und assoziierten Staaten geschlossen haben, wurde durch die genannten Staaten überhaupt' nicht respektiert, sondern von ihnen Schritt für Schritt verletzt, so daß dieser Vertrag heuteals nicht existierend zu betrachten ist, gerade durch das gegen die Prinzipien des .Völkerbundes verstoßende Verhalten dieser Regierungen. , . Indem wir all dies feststellett, sind wir. gezwungen, noch einmal die Frage vor der Friedenskonferenz aufzüwerfen, ob der Befehl des Herrn Clemeneeau als Präsidenten der Friedenskonferenz hie Truppen der königlich rumänischen Regierung verpflichtet oder nicht. Sind sie verpflichtet, jenen Befehl des Herrn Clemenceäu zu vollstrecken, Laß sie sich von der Theißlinie aus die, in der Depesche vom 13. Juni bezeichnte Linie zurückzuziehen haben? Können wir darauf rechnen, daß das Versprechen des Herrn Clemeneeau durch die königlich rumänischen Truppen auch respektiert wird? .Wir lenken die Aufmerksamkeit der Friedenskonferenz darauf, daß eS sich hier derzeit nicht u m Verhandlungen handelt, sondern um die Einhaltung des Versprechens deS Herrn Clemeneeau, beziehungsweise um die Durchführung des Befehles deoFriÄ»rnskonfevenz durch die königlich rumänischen Truppen. Die Regierung der ungarischen Räterepublik hat ihrerseits alles getan, damit der Wasfenstillstandsvertrag im Sinne der Bestimmungen der Militärkonvention vom 13. November durchgeführt wird und damit den Verhandlungen nichts im Wege steht. Sie ersucht aber im Vertrauen auf das Versprechen des , Herrn Clemenceäu anzuordnen, daß die königlich rumänischen Truppen mit der Räumung der in der Depesche vom 13. Juni bezeichneten- Gebiete sofort beginnen. Deka Kun, Volkskommissär .für Aeußeres. Daszyuski gegen die jüdischen Forderungen^ Der Friedensvertrag soll in den nächsten Tagen! auch dem polnischen Sejm vorgelegt werden. Obwohl die Bedingungen für Polen so günstig sind und PoteH außer der Selbständigkeit eine ungeahnte Gebiets-, erweiterung erhält, , ist doch die Stimmung nichts weniger! . als günstig; die bittere Pille des Vertrages sind di^ Bestimmungen über die Rechte der Minoritäten, vor allein der Juden. Im Ausschuß für Aeußeres hat bereits ein Vorspiel der politischen Debatte stach gefunden. Belnerkenswert sind die Aeufierungen der Führer der P. P. S. (Polnischen Sozialdemokraten)^ Daszynski und Perl, welche heftig gegen die jüdische Autonomie Stellung nahmen. Daszynski mußtq sich wenigstens bequemen, die Pogrom-Schandtaten znzugeben, die er bisher 'stillschweigend billigend oder^ leugnend mitangesehen hat. Er sagte: „Wenn uns die fremde Einmischung unerwünscht ist, dann müssen wir eben selbst eine angemessene Politik einleiten. Es müßtet dann bei uns solche Wildheiten wufhüren^wie das Abschneiden der jüdischen Bärte. Wir müssen ein tolerantes Volk werden. Mute, ist es uns allerdings unangenehm, wenn uns die Entente wie Kinder behandeln. Wollen wir uns das ersparen^ dann gehen wir so vor, daß sich fremde Ratschläge! darüber, wie man seine eigenen Staatsbürger zu behandeln habe, von selbst der Lächerlichkeit preisgebens Ünter den Bedingungen der Entente gibt es viele, diej wir sofort annehmen können, wie beispielsweise die Religionsfreiheit, die Freiheit der Pnvatverhältnisse itftt»j Dagegen sind die Bedingungen über die Autonomie der Juden für uns schädlich; schädlich für uns, aber auch für die Juden selbst. Nirgends inj der Welt gibt es eine Anerkennung des jiddischen? Jargons in den öffentlichen Schulen" Man wird sich merken müssen, daß der SozialisLech führer; Herr Daszynski nicht darum gegen das Bartabschneiden ist, weil dies eine unmenschliche, bestialische Grausamkeit ist, sondern nur damit die Entente keinen Anlaß hat, Polen wie ein Kind zu behandeln.. Und. die Art der von ihm angeregten.„Toleranz" erhellt schon aus seinen Schlußworten, die dem jüdischen Volk sein primitives nationales Recht , absprechen. j Noch ärger' trieb es der Täufling Perl- Dieser, brachte es sogar zuwege, sich auf die „Wiener Worgenzeitung" zu berufen, die einmal sagte, daß die jüdischen Forderungen überall gemäß den objektiven tatsächlichen Voraussetzungen erhoben werden, also .in Deutschösterreich, wo es derzeit eine größere Masse, mit jiddischer Umgangssprache nicht gibt, eine Sprachenfrage nicht entstehen dürfte. Daraus abzuleiten, daß! die Forderung der jiddischen Sprache. kein essentieller, Bestandteil des nationalen Programms auch für.Polen sei, ist eine Ungeheuerlichkeit, die nicht erst nachgewiesenj zu werden braucht, sondern sich unmittelbar aus den.r' Zusammenhang jenes Artikels ergibt. j Die Opposition gegen die jüdischen Minoritätsrechte ist eine Unklugheit, die das Verhältnis von Judeü und Polen noch weiterhin zu beeinträchtigen droht. Es ist traurig, .daß gerade die Sozialdemokraten in dieses' Horn stoßen. ' & 'i tli # / 9 in allen Preislagen. Reparaturen unter Garantie. Farbbänder für alle Systeme, erstklassig- Materials m. Kurzer, Wien, W. Westbahnstraßc 23/ Telephon 31537. 2«/ Wiener Renaissance? Bon Ernst Heinrich Schvenzel. v Die Wiener Kultur war schon längs vor dem Zutauunenbruch des Kriegsss, ja schon vor seinem Anfang tot.'Wiener Kultur im Sinne jener abertausend feinsten inkommensurablen Auswirkungen,, die her Verkehr und der gesellschaftliche Don der Bürger dieser Stadt brachte, und die in der Literatur, in. der spezifischen Note des Wiener Theaters und in der Wiener Musik ebenso lebten tote in den Wiener Gärten, im Wiener Heurigen und im Wiener Fiaker. Grillparzer fand noch für Oesterreich das Wort/ pon dem wangenrvten Jüngling, der inmitten zwischen dem Kind Italien und dem Manne'Deutschland daliege, ein Wort, das auf das lebhaft pulsierende Herz von Oesterreichs Metropole fast besser noch als aus das ganze Land paßte. Die Zeit aber, die vom Ideal until von ruhiger Beschaulichkeit unaufhaltsam zu praktischer Betätigung und zu anrerikanischer Geschäftigkeit und Hast eilte, hat die Wangen Äeses Jünglings, bleich gefärbt. Wir von der jungen Generation haben gerade noch die letzte Abendröte der Wiener Kultur gesehen und vor Unseren Augen wurden ihre letzten repräsentativen Vertreter, jene, Um deren Namen.noch eine nun versunkene Welt lebte, zu Grabe getragen. Ferdinandvon Saar stärb, ein Wiener Dichter, Franziska von Wertheimstein, inach deren Ableben es kein Wiener Mediceerhaus mehr gab, Adolf von Sonnenthal, Kaiser Franz Josef und Alexander Girardi. Für keinen von diesen entstand ein Junger, der das Erbe hätte verwallen können. Zu tief aber lag dieser Stadt'Sang und Leichtlebigkeit, Träumen und sptelsrisch-behagliche Arbeit im Blute, als daß sie mit einem Sprung in die neue Zeit gefunken hätte. S.te stand, am Weg und träumte von ihrer Vergangenheit. Die Zeit aber ging indessen weiter und schuf andere Städte zu Modernen Metropolen um. So kam Wien auf dem Gebiete de- Verkehrs, des Handels, der Industrie, jeglicher Organisation und. in weiterer Folge auch auf dem der Kunst ins Hintertreffen. Es lebte an der Zeit vorbei von .seiner Tradition. . Heute aber, nach dem großen Zusammenbruch, steht es ärmer da denn je-, Aus der Metropole eines großen Reiches ist die Hauptstadt eines winzigen und kaum lebensfähigen Staates geworden, und eS wäre begreiflich, wenn Pessimismus alle Schaffenskräfte dieser Stadt lähmen würde. Man hört auch unausgesetzt in der Presse, in Versammlungen und in. Gesprächen über Wiens Unstern jammern und klagen. Lauter aber als diese Sttmmen sprechen die Tatsachen,' Me’ wir Tag um Tag erleben. Wir sehen in diesem Wien, gerade um die jetzige, wenig tröstliche Zeit mehr Kräfte am Werk als jemals zuvor und dazu junge, rührige Kräfte. Vieles von dem, was wir heute miterleben, mag aus den ersten Blick befremden. Die Theater, die Kinos, die Vergnügungslohale hatten die Jahre des Krieges hindurch Einnahmen wie noch.nie. Und auch jetzt, wo die Hochkonjunktur in diesen Dingen vorüber zu sein scheint, sind alle Konzertsäle einer übermäßig, verlängerten Saison überfüllt und spielen die Theater zum großen Teil den ganzen Sommer, /durch. In Wien gab es im vergangenen Winter mehr Tanzabende als je vorher in eitta* Spielzeit und das Interesse an jeder Art von Sport hat sich vervielfütiißt. Zahlreiche neue Sportvereine wurden gegründet und auf diesem Gebiete ist eine Betriebsamkeit eingetreten, die es früher bei uns nie gab. Jüngst waren an eurem Sonntag in Wien sünsunbvierzig Sport-Wettkämpfe angesagt! Nun könnte man in all dein nichts! weiter als den Krampf einer dem Tobe nahen Stabil sehen, den infttnktiven Verzweifluntz'sentschluß einer gequälten und verelendeten Bevölkerung: „Dem Taumel! weih' ich mich, dem schmerzlichsten Genuß." 1 j Mer die Regsamkeit, die heute in Wien lebt,, beschränkt sich nicht auf Tanz und Spiel. Dem politischen. Leben Wiens sind im letzten Jahre ungeheure'' neue Kräfte zugeflossen und Abertausende, die früher, von Politik überhaupt nichts wußten oder nichts wissen; wollten, wurden vom Strudel der. Ereignisse mitge.-i rissm. In keinem Wahlkampf vor 1919 wyrhe hier jemals eine ähnliche Agitation entfaltet wie'sie Lei-, spielsweise die bürgerlich-demokratische Partei ent-, .wickelte, um ztt guterletzt ein einziges Marrbat zu gewinnen. . > . V i ... Das Judentum in Wien erwachte,'organisierte sich, und über Nacht förmlich entstand eine junge, rührig^ Partei, die heute schon im politischen Leben lyitzcihch Schneller noch als sie und nicht wie sie auf die vorausgegangene Arbeit von langen Jahren bauend, entstand^ in Wien die Partei-, der Kommunisten. Die Wiener Publizistik erlebte eine Hochflut von Neiterscheiuungen wie noch nie, Blätter mck> Zeitschriften entstanden buch-, stäblich dutzendweise in unheimlich rascher Aufeinander-.- folge. Die Wiener Opernbühnen arbeiten an ihrem Neuaufbau und haben zwei der ersten repräsentativen deutschen Musiker als Leiter geworwen. Neue künstle^ rische. Bereinigungen bildeten sich und veranstalteten Ausstellungen und Kunstabende. Dar neue Leben abe?j machte auch hier nicht Ha^, sonderrr regte sich' am allen Gebieten. Handel und Industrie, dte durch Mel Kriegszwangswirtschast völlig aus ihren alte« Bahnen geworfen worden waren, suchen nun im Frieden wieder zu geordneter Wirtschaft zurückzutehp«. M wird Mi i!@"@!H

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