Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 176 (15.7.1919)
- Date
- 1919-07-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979253--01567-2986984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 2 _ Wien, Viensrag Wiener Morgenzeitung 15. Juli 1919 Nr. 176 auch hier Elemente an der Arbeit, die bewußt oder unbewußt eine For'tbäuer der Okkupation durch die Ententetruppen anstreben wollen, denen es ein Herzensbedürfnis zu -sein scheint, Deutschösterreich ^-Ä einen einzigen' großen Kerker zu verwandeln.. Ihr Freiheitsstreben geht nur. dahin, andere, Schwächere, Wehrlosere zu unterdrücken und sie das bißchen Macht..fühlen zu lassen, das jenen, die sich so' fahr nach der Peitsche und den Sumpf des korrumpierten Militarismus sehnen, «och geblieben ist. Me." der 14. August 1789 lehrt uns, daß es auch für Gewalt und Tyrannenmacht ein Ende gibt. . Er lehrt uns, daß ein. Volk, das sich auf sich selbst besinnt, unüberwindlich ist und daß sein Freiheitssinn Nicht ungestraft mißbraucht werden darf. So wie dieser Tag zur Dekretierung der Menschenrechte führte, so schreitet auch heute die Menschheit unbeirrt der Zeit des Völkerbundes entgegen, der den Frieden sichern wird, allerdings erst dann, wenn es ihm gelingt, die Verbrecher, die . alle Welt gegeneinander Hetzen und einen neuen Krieg vorbereiten wollen, unschädlich zu machen und nicht in den Kerker, aber doch ins Irrenhaus zu sperren. Bela Kun und die Juden. (Von unserem Dndapester Korrespondenten.) Antisemitische Hetzapostel und Geschäftspolitiftr werden wohl' nicht wenig darüber erstaunt gewesen fein, daß B e l a K u n nunmehr offensichtlich mit ihnen zusammen die V e r f o l g u n g h.e i m a t l o s e r jüdischer Flüchtlingezu einem - Programtüpunkt seines bolschewikischen Welterlösungssystems gemacht hat. -Kann „eS noch etwas Hohnvolleres geben, als daß der diplomatische Vertreter des typischen Pogromstaaies - in Budapest sich veranlaßt gesehen hat, du seinerzeit aus Galizien nach Budapest gestüchteien Juden vot den Verfolgungen der Schergm Bela Kuns in Schutz zü nehmen? Indes, für dm Kenner der Dinge in Budapest bedurfte es nicht erst der offiziösen Meldung aus Polen, um von der Unwahrheit dessen überzeugt zu fein, daß das System Bela KünZ, ja der Bolschewismus Überhaupt, den Juden zu Gefallm arbeite, sondem sogar a u s gesprochen jvide »feindlich ist. Dies konnte man bereits mehrereWochen vor demkommunistrschen Umsturz in Budapest wahrnehmm, als über Einladung des Budtw pester Zivnistcnvereines Obrrrabbiner Dr. ChajeS zur ^Abhaltung eines Vortrages über die Judenfragenach Budapest gekommen war. Damals warm es vor allem dieum Bela Kun v e r s a m m el t e n K o m m u n i st e» Md mehrere Sozialdemokraten, die mit unerhörter Brutalität ln dm Vortragssaal emdrangen und den jüdischen Gelehrten von vornherein nicht zu Worte kommen ließen. Ms dann Hela Kun ans Ruder kam, wußtm die Nationaljuden, daß sich ihre - Situation durch dm. angeblich alle nationalen Minderheiten, be' freiendm Umsturz nur noch verschlechtert habe. Jedwede zionistische Arbeit wurde unterbMden, der Bewegung der Charakter kultureller Bestrebungen abgesprochen, ja 'die Judaeo-Magyarm um Kun hatten die Kühnheit, die Zionisten als gegmrevolutionäre und reaktionäre Elemente zu verfolgen. Allerdinds dir aus dem Osten stammenden jüdischen Arbeiter, die sich zum Poale-ZioniSmus bekennen, wurden erst glimpflicher behandelt. Mau Erlaubte" ihnen sogar Werbeplakate in hebräischer Sprache drucken gu laffm. Aber was sollte auf diesen Plakaten stehen? »Jüdische Genosten, tretet ein in die Roke Armee!- Bald sollten auch die poalezionistischen Arbeiter die niedrige und allem jüdischen Wesen gehässig gegenüberstehende GestnnMg der Bolschewikenführer kennen lernen. Gerade die Radikalsten Mter den Anhängern Bela KunS hattet sich, als die Schrittmacher eines der antisemitischen Richtung nicht entbehrenden Bolschewismus entpuppt Md von ihnen stammt die bezeichnende Ansprache für die der Proletarier-Diktatur sich anschließmdm Wischen Arbeiter: »chüSVs rsiäösIttLrs" (stinkender Judmgenoste). Allen anderen nationalen Minoritätm in Sowiet-Ungarn, so den Deutschen, dm Rumänm und den Slowaken hat Bela KM autonome Rechte verliehm, Md ih«m die Möglichkeit eingeräumt,- sich in ihrer völkischen Eigenart aüszulebm. Dm Juden aber habm die Budapests BolschewikenfÜhrer auch nicht ein Atom kultureller Vrtätigungsfreiheit gewährt» Im Gegenteil, fie wolltm ih»m sogar noch danehmm, was ihnen auf religiösem Gebiete selbst von dm früheren reaktionären Staatsmännern gewährleistet wurde. Ja, es ist vorgekomme», daß ein Rabbiner, auf Grund einer Predigt, in der er dem Schmerz Über das furche bare Schicksal, das seine Glaubensgemeinde getrostm hat, Ausdruck gab, in Hast gmommm wurde. Don dm Funktionären a n d e r e r R e l i g i o «e» könnte man nicht gerade behaupten, daß sie sich samt Md sonders gegm Bela Ku« aufgelehnt hätten. Viele unter chnm habm ohne dm geringste» Zwang von der Kanzel herab dm Kommunismus als die Gott gewollte Heils lehre verkündet Md sich in Lohalitätskundgebungen gegenüber dm jüdaeo-magyarischm Bolschewikcnführern geradezu überboten. Bela KM hatte dafür ein pfiffige- Lächeln und wußte die Bereitwilligkeit der Pfarrer zur Mitarbeit an der neuen Ordnung entsprechmd auSzunützm. Er ließ Flugschriften verfallen, die davon sprachen, daßderKommuuiSmus keineswegs Christentum in irgendeinem Gegensatz stehe. Eine dieser Flugschriften» dre den Titel trägt: „Die Lüge von der Kirchenschändung* stammt aus der Feder eines waschechten Klerikers, der in seiner Lrebedimerei gegmüber Bela Km so weit ging, daß er in dieser Schrift Jesus als dm Urheber', der kommunistischen Idee. und der Proletarier-Diktatur hinsteklte. 1 Kann mau, wenn man diese Tatsachen kennt, noch mit ruhigem Gewistm behauptm, daß Juden die Urheber und Stützen der bolschewikischm Katastrophe in Ungarn find? Kann man bloß mit Rücksicht auf dm Umstand, daß Bela Kun rmd mehrere andere Bolschewikenführer als Juden zw Welt gekommen sind, sich aber zu ihrem Volkstum nie bekannt haben, den Pogrom Sie. MKMLschiederchett in Paris. .. Wien.! 4. Juli. Für konjuukturkundige, in Sensationen' arbeitende Zeitulrgsberichterstatter blüht gegenwärtig die goldene Zeit. Während .alle Möglichen-Räte, Kommissi-onen und Unt^ehömmissionen in Paris hinter geschlossenen Türen verhandeln, mährend die Vertreter der Staaten um die' Beute feilschen und die künftige Karte Europas zusammengeflickt wird, überstürzen "einander die verschiedensten Meldungen, von denen einender anderen widerspricht und der ratlose Leser wird mit Gerüchten, angeblichen Äeußerungen irgendwelcher..„Kreise" und mit Meldungen aus aller Welt gefüttert, bei denen der . Wunsch der Vater des Inhaltes ist. Niemals wurde so diel- und so skrupellos gelogen als in diesen Monaten der Verhandlungen urü) die Entstellung und Stimmüng- , mache dieses Zeitabschnittes möchte beinahe der unselig entschlafenen „großen ßeit" den Rang ablaufen. Gegenwärtig sind es wieder die- Nachrichten über die Absicht, welche die Entente Ungarn gegenüber haben soll, die den Leser vor die Aufgabe des Rätselrate ns».stellen. Aus den Nachrichten, die sich auf die Ungarn betreffenden Pläne der Entente beziehen, ist keinerlei Anhaltspunkt darüber zu gewinnen, wie man sich, in Paris endgültig zur Frage des bolschewikischen Regimes zu stellen gedenkt. Rumänischen Berichten über eine bevorstehende Ententeoffensive großen-Stils gegen, die Regierung Bela Kuns stehen/ Budapester Meldungen gegenüber, wonach mit Rücksicht auf die geringe Aussicht, daß die an Ungarn angrenzenden Staaten entsprechende Truppenkontingente aufzustellen-in der Lage wären, die Entente gezwungen wäre, die BMdapester Regierung anzuerkennerr und deren Delegierte zu FriedenSverhandlung en zu zitieren. Dem widerspricht-eine Nachricht aus Gaint-Germain, wonach der Oberste Rat beschlossen habe, mit den ungarischen Sowietbehörden keinerlei Beziehungen zu unterhalten, da die Sowietbehörden den geschlossenen Pakt nicht einhalten. Der Pariser Korrespondent eines New-Dorker Blattes wiederum weiß zu melden, daß die Blockade Rußlands und "Ungarns sofort .nach Ratifikation des deutschen Friedensvertrages aufgehoben werden soll. Alle dies« einander derart widersprechenden Meldungen scheinen auf das eine hinzudeuten, daß in der Entente selbst die größte Unentschlossenheit darüber besteht, wie man mit den Sowielregierungen fertig werden soll/Bor einigen Tagen wurde gemeldet, daß man sich in Paris für eine offizielle Unterstützung der gegenrevolutionären. Heerführer Rußlands, Kolt schak und Denikin, entsch^ssen habe und eine große Offensive des erstgenannten wurde angekündigt. Und nun versichern angebliche russische Fundsprüche — woher kommen die wohl? — daß die revolutionäre Rote Armee bedeutende Erfolge über Kolt schak errungen habe und baß dieser in überstürzter Flucht zurückweiche. Sicher ist, daß Lenin über beträchtliche Streitmassen verfüge« muß und'auch die ungarische Rote Armee hat in den letzten Wochen gegen die gesamte jüdische Bevölkerung predigen, ohne dm Fluch ruchlosester Demagogie auf sich zu laden? Bela Km und Szamuelh, Poganh und Kunst habm dm voll-bewußten Judm in Ungarn immer nur als ein wesensfremdes Individuum verfolgt Md bekämpft; sie habm mit jedem lllerikalm paktiert im Haß gegm daS Judentum, das heute für alle die Fehler und Verbrechen deS Bolschewismus so gerne als Sündenbock herangezogen wir. Wer einmal im Gefängnis deS Revolutions- IribunalS oder in dm Jammerzellm des Budapest« Gammel» gefängnisteS Nachschau gehakte» hat,. konnte darin zum größtm Teile Judm vvrstnden. Sie selbst hattm die Msäglichstm Qualm von seitm der Terroristen zu erdulden, in deren Rechen auch nicht ein einziger Jude zu find« ist. Und da spricht man vom jüdisch« Terror in Budapest? Als die Jagd nach dem blauen Geld in dm Straßen von Budapest durch die Schergm Bela KMS unternommen wurde, Hatte man gerade im Judenviertel damit dmAnfang gemacht. Und doch wohnm dort gewiß nicht Bourgeois mit vollgepfrppstm Brieftaschen, sondem arme jüdische Proletarier, die jetzt ebmso kläglich dahinvegetierm, wie unter dem reaktionäre» Regime. Darum muß eS einmal in die Welt hinauSgeschrim werden, daß Bela KM ebensowenig wie Trotzki auch Nur i« geringftm dm durch dir Abstammung ihnen nahestehende» Jude» irgendwelche ExistenzerlrichterMg gebracht habm. Im Gegenteil, sie haben die historische Schmach, die juddnfeindlichm Volksinstinkte zu hegen oder zumindest zu tolerieren, auch in verhüllter oder in offmsichtlicher Form für ihre politischm Zwecke auSzunützm gewußt. So steht eS mit den uns Juden angedichtetm Banden auS, die MS. wie die Pogromheldm behaupten, mit dm Bolschewiken verknüpfen l Die itstgalizische« Flüchtlinge müssen znrücknehren. Krakau, 14. Juli. (Tel. der »Wr. Morgenztg.^) Amtlich wird betanntgegebm: Die Flüchtlinge aus B o b r k a, R o h athn, Brzezany^ Przemyslany, Brody, Podhajce und Zborow müssen raschestens Heimkehr e n. Die Flüchllingsunterstützüng wurde mit dem 1. Juli eingestellt. DiS Hetmbesördenmg der Flüchtlinge und ihres Reise-' grpacks erfolgt kostenlos. verschiedene Anzeichen einer nicht unbeträchtlichen militärischen Festigkeit gezeigt. Diese Anzeichen sowie die nicht geringen Gegensätze unter den Ententemächten selbst, die. Fülle der noch zu lösenden Probleme würden es begreiflich machen, .daß man die Frage eines militärischen Einschreitens in Paris mit großer Vorsicht behandelt. Außerdem müssen in diesem' Falle auch .di« Verhältnisse in einzelnen Ententsländern mit in Betracht gezogen werden. Es wäre weiter kein Wunder, wenn sich auch unter den Truppen Frankreichs und Italiens Kriegsmüdigkeit geltend macht, in Italien geben die Tumulte und Unruhen, die sich in den verschiedensten Städten und Provinzen zeigten, der Regierung genügend zu schaffenin Frankreich soll in einigen Tagen der große Streik auSbrechen und die sozialistische Partei, deren Nationalrat gegenwärtig über die Stellungnahme zum Friedens- Vertrag berät, kommt in der Beurteilung seines. Inhaltes zu ganz anderen" Ergebnissen, wie Wils indessen Optimismus in den verschiedenen Mängeln des Entwurfes nur Kleinigkeiten sehen will, wenn man diese dem Erreichten gegenüberstellt. Es will scheinen, als sähe Wilson die^ .Weltlage allzusehr durch rosenrote Brillen an. Während er in Amerika für die Ratifizierung des Friedensver' V)-... kämpft und sich anschickt, eine großzügig«: Propaganda .für den Völkerbund einzuleiten, um die in Amerika bestehende Gegnerschaft zu überwinden, läßt er in Europa eine Menge von ungelösten Fragen zurück. Zu diesen .gehört auch bas Problem der Stellungnahme zu den Sowietregierungen. Der Geist, der über den bisherigen Verhandlungen von Paris schwebte, und der zum großen Teil auch' seinen Ausdruck in ihren bisherigen Ergebnissen gefunden hat, der Mangel an Fähigkeit oder an gutem Willen, die gesamte Politik auf neue Grundlagen zu stellen und sie den Ansprüchen des vorwärts drängenden Proletariats anzupassen, ist schuld daran, daß die Entente in dieser Frage zu keiner endgültigen Lösung kommen kann. Die Zeit ist vorüber, da eine Welt von Enttäuschten und doch auf das' erlösende Wort wartete, das aus Paris kommen. sollte. Dieses Wort, die Formel, die alle gutwilligen.und produktiven Kräfte unter den Völkern vor die große Aufgabe eines großen gemeinsamen und weithin strahlenden Zieles gestellt hätte, ist ausgeblieben. Die Widerstände des Gewordenen, die Kraft des. Beharrungstriebes, der neuentfcichte, neuerwach je Chauvinismus plötzlich, allzu plötzlich selbständig gewordener Völker, haben sich .stärker erwiesen als die Idee, vyn deren- Reinheit sich in. der' bisherigen Arbeit 'von Paris Und in ihren Elaboraten allzu wenig kund gibt. Die Welt ist heute allzusehr zerklüftet und zerrissen, als daß man sich in Paris zur Entscheidung aufraffen könnte. Während die Idee eines geeinten Europa in ihren Keimen stecken geblieben ist, beginnt gleichzeitig daS Vertrauen auf die Mittel der Gewalt zu schwinden und hierin ist die Erklchcung zu suchen, weshalb di« Politik von Paris, wie man eS in letzter Zeit an vielen'Erscheinungen beobachten kann, immer mehr ins Lavieren gerät. Nationalisierung der Banken in Tschechien. P r a g, 14. Juli. (Tel.-Komp.) Der ^Boh emia" zufolge verlautet aus bester Quelle, daß die Einbringung eines RegieruugsentwurfeS betreffend die Nationalifiernng aller Bank- Unternehmungen im tfchecho-flöwakischen Staate für den Herbst bevorsteht. Der Minoritätenschutz in Polen. Krakau, 14. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeituflg^.) Me der „Kuryer Codziennh" meldet, wird sofort nach der Rückkehr Paderewskis nach Warschau im Landtag die Debatte über die Ratifizierung des Friedensvertrages einsetzen. Nach dem „Kuryer Warszawski" haben Paderewski und Dmo w s ki de« Mi«oritütenp ertrag deswegen unterschrieben, weil fie uw diesen Preis L e m b e r g u n d W11 n a für? Polen zu gewinnen hoffen. Der Schritt Paderewskis habe die „autipolnische Agitation" in Paris geschwächt. Ein französischer Schritt gegen das Polnische Komitee in Paris Krakan» 14. Juli. (Tel.der „Wr. Morgenztg.") Nach einer Meldung des „Naprzod" hat die sranzöstsche Negierung mit dem 1. Juli dem Polnischen Nationalkoi11cc in Paris die bisherigen V o l l m a chten e n tzogen. Die von diesem Komitee ansgestellten Patzvisa werde« von den französischen Behörden nicht mehr anerkannt.